Gothic als bedrohte Lebensart? Jugendkriminalität und Subkultur

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Sophie Lancaster | (c) The Sophie Lancaster Foundation
Sophie Lancaster | (c) The Sophie Lancaster Foundation

Der Fall machte 2007 weltweite Schlagzeilen. Sophie Lancaster und ihr Freund Robert Maltby wurden in einem Park zusammengeschlagen, weil sie so aussahen, wie sie aussahen. Sie waren Gothics. Ohne jede Vorwarnung, so Augenzeugen, griff eine Gruppe von Jugendlichen Robert Maltby an, der durch Schläge gegen den Kopf bewusstlos zu Boden ging. Sophie, die sich schützend über ihren Freund Robert warf, wurde solange verprügelt, dass später eintreffenden Sanitäter Schwierigkeiten hatten, die Identität des Opfers festzustellen. Körper und Gesicht waren durch den Angriff völlig entstellt. Maschinen hielten das hirntote Mädchen am Leben, bis sich die Familie dazu entschied, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden. Sophie Lancaster starb am 24. August 2007.

Sophies Mutter Sylvia gründete die Sophie Lancaster Foundation um auf die Gewalt gegenüber Anhänger der schwarzen Subkultur aufmerksam zu machen, den Opfern zu helfen und um Aufklärungsarbeit zu leisten. 5 Jahre später gibt es Teilerfolg, denn die Polizei von Manchester sammelt Verbrechen gegen Subkulturen wie Gothic und Punks um diese auszuwerten und in die polizeiliche Arbeit einfließen zu lassen. Nur so ließe sich das Bewusstsein für das Problem erhöhen, denn „without a change in legislation, police in Greater Manchester can do little more than record subculture hate as an element in a crime.“ Einige Wochen später kann man bereits erste Einträge machen, doch was aus den gewonnen Erkenntnissen gemacht wird, bleibt weiterhin unklar. Für das erste reicht den Behörden offenbar die gestiegene Aufmerksamkeit als Prävention gegen weitere Gewalttaten.

Für uns Deutsche fühlt sich das ein wenig fremd an, doch offensichtlich ist man in England als äußerlicher Anhänger einer Subkultur potentielles Opfer, wie auch ein Fall aus London zeigt. Carmen, eine gute Freundin die in London lebt, bestätigt, dass auch in der britischen Hauptstadt nicht alles so multikulturell ist, wie es scheint: „ab zone 4 (gemeint ist die U-Bahn Zone), wenn man in die nähe der großen „Housing Estates“ kommt, kann es durchaus unangenehm werden.

Die englische Jugend ist orientierungslos und ohne Perspektiven. Arbeitslosenquoten stiegen in den letzten Jahren um 40%, hohe Studiengebühren machen Bildung zum Luxusgut, es gibt keine Erziehungsbeihilfe mehr, Jugendclubs und Gemeindezentren werden geschlossen. Was sich breitmacht sind Langeweile und Frustration. Das Ventil heißt oftmals Gewalt. Gewalt gegen die, die anders sind. Carmen dazu: „es ist wohl eher so, man verprügelt alles, was anders ist als man selbst. ich finde, in England ist im allgemeinen die Kultur viel brutaler als in Deutschland. Und das denke ich nicht nur, weil ich jetzt hier wohne. Ich hab ja auch in Deutschland Zeitung gelesen und muss sagen, dass hier einfach mehr passiert

Man darf nichts pauschalisieren. Ich habe England als ein Land der Gegensätze in Erinnerung, hier ist alles einen Hauch extremer als in Deutschland, eine Spur kreativer oder wahlweise eine Spur gewalttätiger, je nach Blickwinkel. Die deutsche Jugend hat es vergleichsweise gut, der Zugang zu Bildung ist einfacher, der Stellenmarkt entspannter und noch kümmern sich zahlreiche Institutionen um die Orientierungslosen. Auch unsere „Political Correctness“ und der auferlegter Zwang zu Toleranz nicht unfruchtbar geblieben, hier werden viele Lebensstile akzeptiert, auch wenn man gelegentlich darüber meckert.

Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus

Wie sieht es eigentlich in Deutschland aus, werden hier Gewalttaten gegen Anhänger von Subkulturen systematisch erfasst? Spontis schickte dem Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen eine E-Mail, die im Hinblick auf die britische Arbeitsweise Licht in die Arbeit deutscher Behörden bringen sollte. Auf die Frage, ob in Deutschland gewalttätige Angriffe auf Mitglieder alternativer Jugendkulturen wie Gothic oder Punks erfasst werden und ob es Szenekundige Beamte gibt, antwortete Birgit Kunde vom LKA Düsseldorf kurz und knapp: „Bei der Polizei in NRW gibt es keine Statistiken, die Ihren Fragestellungen entsprechen. Szenekundige Beamte, als besondere Ansprechpartner für diesen Bereich, sind landesweit nicht bekannt.

In Deutschland leben wir nach dem Bedrohungsempfinden, was den individuelle Wertvorstellungen und moralischen Leitbilder widerspricht, empfinden viele oftmals als Gefahr. Jugendliche, die ihre rebellischen Ansichten oder Lebensweisen nach außen tragen, provozieren. So empfinden die Deutschen laut einer Studie über Jugendkriminalität provokante Jugendkulturen als Bedrohung. „Öffentliche Aufmerksamkeit erregen vor allem in Großstädten Gruppierungen wie Punks, Hooligans und Skinheads. Die teilweise „abenteuerliche“ äußere Aufmachung, vor allem aber das häufig provokante Verhalten der Jugendlichen, empfinden viele Menschen als Bedrohung. Mit der Bewertung solcher Gruppen sollte jedoch umsichtig umgegangen werden. Protest-Verhalten als Übergangsphase auf dem Weg zum Erwachsenenstatus ist typisch für junge Menschen und kann vielfältige Formen annehmen. Mit sozialpädagogischen oder ggf. auch strafrechtlichen Mitteln sollte nur dann Einfluss genommen werden, wenn die Jugendlichen andere ernsthaft gefährden und wenn sie Straftaten begehen. Davon unabhängig kann es aber präventiv durchaus sinnvoll sein, den Gruppen interessante und für sie akzeptable Freizeitalternativen anzubieten.

So wundert es nicht weiter, dass „auffällige“ Subkulturen, wie demonstrierende Punks oder Skinheads und randalierende Hooligans unter Beobachtung stehen, wie sonst sollte man sonst präventiv gegen diese Gruppen vorgehen? Es gibt als zwei Seite der selben Medaille. Während manche Subkulturen vor Bedrohungen von außen geschützt werden müssen, muss man die Gesellschaft von anderen Subkulturen schützen. Nicht dass ein falsches Bild entsteht, die Zahl jugendlicher Gewalttaten ist seit etwa 2005 rückläufig, in manchen Altersgruppen sinkt sie sogar.1 Das mag dem ein oder anderen absurd erscheinen, wenn man die täglichen Nachrichten verfolgt. Was jedoch gestiegen ist, ist die Sensibilität gegenüber solchen Themen, nachdem es in der Vergangenheit immer wieder zu medienwirksamen Eskalationen gekommen ist.

Das Echo kommt prompt. Glaubt man niederländischen Forschern, so ist die subkulturelle Zugehörigkeit ein Quell des Verbrechens: „Twelve-year-olds who were into hip-hop, metal, gothic, punk, trance or techno/hardhouse had already begun to „act out,“ and continued to do so by the time they were 16. Those who liked rock music at age 12 were relatively well-behaved, but were more likely to engage in bad behavior at 16. Preferring either mainstream pop (or „highbrow“ music like classical or jazz, which the researchers considered conventional), on the other hand, did not predict future delinquency, and in some cases was negatively associated with it.“ Wir fassen zusammen: Jugendliche, die Gothic-Musik hören und sich einer Subkultur anschließen werden häufiger straffällig als die, die sich dem musikalischen Mainstream unterordnen.

Die Verwirrung ist komplett

Wer an dieser Stelle den Faden verloren hat, sollte sich nicht wundern. Während wir Eingangs des Artikels noch zu Opfern gemacht werden, werden wir am Ende potentielle Täter. Wo liegt die Logik? Zunächst sind Gothics Opfer von Gewalttaten, so dass man in England Straftaten gegen sie gesondert erfassen muss. Anhänger von Subkulturen, so lesen wir weiter, werden als Bedrohung empfunden, je nach dem wie provokativ sie auftreten und letztendlich vermutet man sogar, dass allein unsere Andersartigkeit dazu führen könnte, selber Strafttaten zu begehen. Jeder kann Verbrechen begehen. Unser Schubladendenken zwingt uns dazu, Menschen allein durch ihr Äußeres als potentielle Opfer oder Täter zu bewerten. Ich bin mir nicht sicher, ob wir es schaffen, diese Denkweisen zu ändern.

Die Zukunft liegt in der Jugend, die dürfen wir nicht vernachlässigen, sonst haben wir irgendwann englische Probleme. Wir müssen Ihnen auf Augenhöhe begegnen, ihre Sorgen und Fragen ernst nehmen und das teilen, was „wir“ wissen. Auch wenn es abgedroschen klingt. Wenn Gothic eine alternative Lebensweise ist, müssen wir vor unserer eigenen Haustüre kehren, mit gutem Beispiel vorangehen. Wie oft habe ich gelesen, dass die „alten“ mit den „jungen“ nicht anfangen können. Wie oft musste ich erleben, dass Leute nicht erzählen wollten was sie erlebt haben, weil es die Gothics „von heute“ gar nicht interessiert. Wie oft schweigen sich die Ur-Gothics über ihre Jugendsünden oder Beweggründe aus, aus Angst sich zu blamieren, ihr Gesicht zu verlieren oder aus Angst sich zu erinnern. Ich habe das im letzten Jahr ein Dutzend mal erlebt. Gothic ist eine bedrohte Lebensart. Wen wundert es also, dass die Subkultur vom Mainstream aufgesogen wird und zu einem Kleidungsstil verkommt? Die Art anders zu Leben erfordert mehr als sich schwarz anzuziehen. Wir laufen Gefahr, unsere Jugend zu verlieren. Sophie Lancaster ist Sinnbild einer verlorenen Jugend.

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Einzelnachweise

  1. Vgl.: Studie der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention vom April 2013 – PDF[]
Robert, Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Robert wurde 1974 in Mönchengladbach geboren und beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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postpunk

Sehr schöner Artikel!

Historisch gesehen ist aber die Auseinandersetzung zwischen einzelnen Subkulturen nicht wirklich neu.

Was neu ist, ist sicherlich die Brutalität mit der da teilweise vorgegangen wird, aber ich denke, daß dieses ein Problem ist, daß sich generell in unserer Gesellschaft so entwickelt hat.

Was die Straffälligkeit von Angehörigen diverser Subkulturen angeht, so ist mir das definitiv zu generell formuliert. Da werden sowohl sämtliche Straftaten als auch sämtliche Subkulturen in einen Topf geworfen und das ist in meinen Augen nicht dazu geeignet eine allgemein gültige Aussage zu treffen.

Ian von Nierenstein
Wenn’s Subkultur nicht gäbe, gäbe es gar keine „Kultur“. Sei es Musik oder Design, alles, was die Gesellschaft prägt, wird von Subkulturen erschaffen und von der Spießergesellschaft aufgenommen und verzerrt. Sei es die Chartmusik, die zum Großteil nur eine Mischung aus verquirltem Hip Hop, Elektro und „70er Rock“ ist gepaart mit ein paar schlageresken Einflüssen (jaaa… lässt sich „Schlager“ eigentlich mittlerweile auch als Subkultur bezeichnen, oder ist diese dermaßen tiefsinnig produzierte Mukke absichtlich verbrochen, um aus Scheiße Geld zu machen?). Für mich persönlich sollte die „normale“ Gesellschaft eher dankbar sein, dass es solche „Freaks“ wie z.B. uns gibt, die sie… Mehr lesen »
mela
Ich weiß nicht, was mich mehr bestürzt: dass auf Grund von Äußerlichkeiten entschieden wird, ob es jemand wert sei, leben zu dürfen oder aber dass diese extremen Fälle in einem Land vorfielen, das ich als Heimat meines Herzens (immerhin bin ich zu einem winzigen Teil Engländerin) bezeichne und immer als Wiege des Punks und Gothics wahrgenommen habe. Jugendkriminalität ist ein ernstzunehmendes Thema und ich finde es abartig, dass Diebstahl zumindest im deutschen Gesetz härtere Strafen nach sich zieht als eine körperliche Gewalttat. Und dabei ist das psychische und physische Wohl eines jeden viel, sehr viel mehr wert als ein Smartphone.… Mehr lesen »
Michael
Michael
Ich denke, es hängt auch sehr davon ab, wie die Stadtpolitiker dafür Sorge tragen, das keine Ghettos entstehen, in denen Angehörige einer ethnischen oder sozialen Gruppe isoliert leben. Ich finde, dass ist ja gerade in London oder in Deutschland in Berlin zu beobachten. Die Gewalt gegen Fremdartiges ist ja nun kein Phänomen, die sich ausschliesslich gegen Subkulturen wendet. Wir hier in München haben eigentlich ausser dem Hasenbergl und Neuperlach (wo ich auch jetzt nicht gerne allein durch die Häuserschluchten ziehen würde) eigentlich keine Ghettos. Die durchschnittliche Bevölkerung hier ist eigentlich so dermassen mit fremden und exotischen Anblicken von Touristen und… Mehr lesen »
Axel
Ich denke, es hängt auch sehr davon ab, wie die Stadtpolitiker dafür Sorge tragen, das keine Ghettos entstehen, in denen Angehörige einer ethnischen oder sozialen Gruppe isoliert leben. Ich finde, dass ist ja gerade in London oder in Deutschland in Berlin zu beobachten. Nicht nur in Berlin. Überall in Deutschland werden Zentrifizierungen vorgenommen und geradezu gated communities eingerichtet. Das kommt davon, weil die Kommunen irgendwann mal meinten ihre Wohnungsbaugenossenschaften zu privatisieren. Deswegen werden die Mieten immer höher und die normale Schicht wird immer mehr an die Stadtränder gedrängt. Das ist längst keine SciFi mehr, sonern bittere Realität. Und verbunden damit,… Mehr lesen »
Michael
Michael
Ich finde, dass die Stadtpolitiker da schon einen gewissen Einfluss darauf haben. Wir hier haben das Mittel der sogenannten Erhaltungssatzung, die an die Umwandlung von Mietwohnungen in Wohneigentum, der Gentrifizierung und der ungehemmten Bodenspekulation schon einen gewissen Riegel vorschiebt. Gerade der Stadtteil Sendling, in dem ich wohne, ist eigentlich ein gelungenes Beispiel für gute Integration verschiedener Ethnien und Kulturen. Bei uns in der Anlage z.B. wohnt ein guter Schnitt der Münchner Bevökerung, so durchschnittlich 25% sind Mitbürger zumindest mit ausländischen Wurzeln. Wir haben hier ein gutes nachbarschaftliches Klima und veranstalten kleine Hinterhoffeste, bei denen alle willkommen sind und die sich… Mehr lesen »
Daniel Peters
Daniel Peters

Es ist einfach schrecklich, dass manche Jugendliche (häufig zwar im Rausch) keine Grenzen kennen. Der Tatort gestern griff ja ein ähnliches Thema auf und da ich in Berlin wohne, kennt man die Geschichten von Totgeprügelten in U- und S-Bahn Stationen.