Gothic Friday November: (Nur) Abgrenzung oder Gesellschaftskritik? (Majudi)

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Offensichtlich beschäftigt die Frage, ob in der Gothic-Szene Abgrenzung oder Gesellschaftskritik im Vordergrund steht, auch einige Leser, die bisher noch nicht in Erscheinung getreten sind. Umso mehr freut es mich, dass Majudi ebenfalls darüber nachgedacht hat und ihre Gedanken in schriftlicher Form in meinen virtuellen Briefkasten steckte. Doppelt beeindruckt war ich dann vom schieren Umfang ihrer Ausführungen, die einen sehr intensiven Gedankenprozess mit der Frage offenbaren. Was zum Beipsiel Che Guevara mit der Sache zu tun hat, erzählt Sie uns am besten selbst.

Steckt in „der“ Gothic-Szene Gesellschaftskritik und wenn ja wie viel, oder welche? … Puh … eine Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe, eher zweifelnd in Bezug auf einen gesellschaftskritischen Gehalt der Szene. Eine Antwort für mich habe ich mittlerweile beziehungsweise für den Moment gefunden.  

Ich selbst bin den als typisch betrachteten Weg vom Punk zum Gothic gegangen, wobei ich die Begegnung mit dem Punk als sehr kurz bezeichnen muss. Da ich 1987 geboren bin, gab es, als ich Jugendliche war, bereits eine große Gothic-Szene, medial bereits gut vertreten mit verschiedenen Zeitschriften. Ich bin in einem sozialdemokratischen Haushalt aufgewachsen, mein erstes Buch zu Che Guevara las ich mit 11. Am 1. Mai ging es immer zur Gewerkschaft, Linsensuppe aus Plastikschalen löffeln. Linke Gesellschaftskritik gehörte also in Maßen zu der Erziehung, die ich genossen habe, dazu. Ich würde rückblickend sagen, dass in meiner Familie Arbeitertugenden hochgehalten wurden, eine klare Abgrenzung zum Akademikertum vorherrschte, Eigenaktivität in Richtung einer Änderung bestehender Verhältnisse jedoch nicht vorhanden war. Stattdessen herrschte schlichte Unzufriedenheit mit dem Status Quo. Das Gefühl der Resignation trifft es wohl am ehesten. Und ich muss auch sagen, dass dieses Gefühl auch mich beeinflusst hat. Die jugendliche Euphorie, etwas ändern zu wollen und zu können, legte sich schnell wieder. Aber das war nicht das einzige, was mich den Ausflug in die Punk-Bewegung schnell wieder abbrechen ließ. Denn im Grunde empfand ich hier ja auch eine Stimmung der Resignation, nach dem Motto „Wir haben ja eh nichts mehr zu verlieren…“. Eigentlich passte das ja sogar zu mir. Aber etwas störte mich sehr. Wenn Jugendkulturen Orte des Ausprobierens sein sollen, dann fand ich diesen Ort hier nicht. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich fühlte mich nicht sicher und meine seelische Gesundheit nicht geschützt. Ich wurde mit Impulsivität konfrontiert, bei der ich meine eigene Grenze überschritten sah. Der Szene mangelte es mir insgesamt an Achtsamkeit im Umgang miteinander.

Ja, ich bin sensibel. Sensibel was meine Person angeht, aber auch was andere Personen angeht. Das Gefühl, mich sicher bewegen zu können, hatte ich weder in der Allgemeingesellschaft noch in der Punk-Bewegung. Und ja, ich muss sagen, dass ich in der Gothic-Kultur einen Rückzugsort im Sinne eines Zufluchtsortes fand. Auch wenn ich die einzige Gothic-Gängerin an meiner Schule war und ich durch meinen Rückzug und meine Distanzierung zu Gleichaltrigen einen nicht leichten Stand hatte, zog ich das nun durch. Denn genau diese Distanzierung wollte ich ja auch, aber eben auch nicht mehr als bloße Distanzierung. Eine Botschaft aussenden, provozieren, in Kontakt treten mit den anderen wollte ich nicht. Halbherzig war ich noch in der Jugendorganisation einer Partei tätig. Aber eigentlich wollte ich mich nur noch in meinen eigenen geschützten Raum zurückziehen (damals ohne eigenen PC, DSL und Social Network war ich in meinem Zimmer noch geschützt von der Außenwelt, wenn ich die Tür schloss), musizieren, lesen und für mich und meine Gedanken und Gefühle sein. Die Motivation anderer, etwas ändern zu können an den Zuständen, belächelte ich mittlerweile nur noch.

Meine Distanzierung war durchaus demonstrativ und jugendlich provokativ. Zugleich konnte ich aber auch nicht anders. Es gab immer wieder Momente in meiner Schulzeit, in denen ich mir vornahm „Und heute machst du es anders!“ … sobald ich dann im System Schule oder auch auf einer Party ankam, fühlte ich mich fremd. Ich verstand meine Mitmenschen nicht und meine Mitmenschen verstanden mich nicht. Letzteres wohl auch, weil ich oft gar nichts sagte. Aber was störte mich? Genau sagen konnte ich das damals nicht und kann ich auch heute nicht. Eine Lehrperson meinte gegenüber meiner Mutter einmal, ich würde auffallen, mir würde das kindliche bereits fehlen. Da war ich noch gar kein Grufti. Und ja, das kindliche, das unbeschwerte war das, was mich an Partys und Pausengesprächen oft störte, was mich Distanz spüren ließ. Und dann war da auch wieder die mangelnde Achtsamkeit, die ich grad zur späteren Stunde auf Partys oder oft auf dem Pausenhof wahrnahm. So muss ich sagen, dass es für mich tatsächlich „nur“ darum ging, mich abzugrenzen. Ich war froh darum, dass ich in Ruhe gelassen wurde. Klar gab es auch ein provokatives Element, aber im Mittelpunkt stand und stehe ich nicht sehr gerne. Grufti zu sein, war dann doch in erster Linie ein Schutz.

Somit muss ich für mich sagen, dass Neugierde und jugendlicher Provokationswille  Mitanstoß waren, Schutz dann jedoch das stützende Element waren, weshalb ich der Gothic-Szene treu geblieben bin. Und für mich kann ich sagen, dass ich einen gewissen Schutz brauche, um auch Traurigkeit, Freude und Neugierde zu empfinden.

Warum ist das so? Was genau ist es, was mich Schutz empfinden lässt? Warum in der Gothic-Szene? Was unterscheidet sie von der Allgemeingesellschaft und welche Kritik an der Allgemeingesellschaft lässt ich daraus ableiten? Für mich geht es eher darum, was ich mir aus der Gothic-Szene für die Allgemeingesellschaft wünsche, als durch das Gothic-Sein eine Gesellschaftskritik progressiv auszudrücken. Dafür fehlt es mir an Bewusstheit des Tuns und Handelns. Für mich kann ich sagen, dass ich zumindest keine Motivation zur Provokation habe. Vielmehr und trotz des Rückzugs wünsche ich mir, dass sich die Allgemeingesellschaft etwas aus der Subkultur abschaut. Mir kommt es jedoch leider eher so vor, als suche die Allgemeingesellschaft, präsentiert und gestaltet durch Massenmedien, vielmehr nur nach provozierenden Elementen. Das optische Erscheinungsbild wird dabei meiner Meinung nach missbraucht, um Sensationsnachrichten zu bilden. Das ganze bleibt dann oberflächlich und wird aus dem Rahmen der Subkultur gerissen. Mich macht das eher traurig, zuweilen auch wütend, weil ein nicht oder mangelnd interpretiertes Bild gezeichnet wird. Toleranz, Sensibilität und Empathie sind dabei für mich persönlich wichtige Aspekte des Zusammenlebens, die ich in der großen Gesellschaft vermisse. Umgekehrt kann ich sagen, dass ich mangelnde Toleranz, Aggressivität und Schnelligkeit in der Allgemeingesellschaft ablehne, dass mich diese Aspekte teilweise mit Angst füllen oder auch überfordern. Jedoch fällt es mir aufgrund meiner eigenen Sensibilität auch einfach schwer, etwas aktiv anzugehen, um etwas gegen die mangelnde Sensibilität in meinem Sinne zu tun. Da wäre ich wieder bei dem Punkt, dass die Szene ein zufluchtsort für mich ist. Die Veranstaltungen, die ich besuchte und zuweilen noch besuche, fanden und finden immer in einem geschützten Rahmen statt, versteckt von und vor der Außenwelt. Ja, ein Unwohlsein gegenüber der Allgemeingesellschaft ist schon eine meiner Motivationen, aber progressiv würde ich die Gothic-Szene eben nicht bezeichnen. Aber zum Beispiel glaube ich, dass die Gothic-Szene Vorreiter ist, wenn es zum Beispiel um das Thema Vielfalt der Sexualität und Gender-Bending geht. Nicht dass ich das als zentrales Element der Szene für mich ausmachen würde, jedoch gehört es für mich zur Normalität. Aber ebenso finde ich eben die notwendige Sensibilität und Empathie innerhalb der Subkultur, die für mich notwendig sind, um freie Identitätsfindung für mich zuzulassen. Während in der Allgemeingesellschaft große zuweilen aggressive Diskussionen zu den Themen Sexualität, Geschlecht und Gender stattfinden, welche eine notwendige Achtsamkeit für mich missen lassen, habe ich den Eindruck, dass es in der Gothic-Kultur solcher Diskussionen gar nicht bedarf.

Einen Beitrag zur Änderung der Allgemeingesellschaft leiste ich nicht. Das lässt mich schon manchmal selbstkritisch zurück.  Schließlich habe ich mich dann aber mit der Gothic-Szene, ihrer Funktionen, Darstellungen und Chancen in einer Arbeit beschäftigt. Grund dafür waren die Vorurteile, mit denen ich in einem pädagogischen Studium konfrontiert wurde. Vielleicht verliert man als Teil einer Subkultur, ähnlich wie ein Experte einer Disziplin, das Gespür dafür, was andere über diese wissen. Jedenfalls war ich zuweilen geschockt. Aussagen wie „Das hätte ich nie gedacht! Du? Du bist doch eher sensibel und so ruhig! Bist du auch Satanist?“ ließen mich ratlos zurück. Aufzuschreiben, in wie fern Kritik an der Gesellschaft in Subkulturen zum Ausdruck kommen und welche Chancen in ihnen (und der Gothic-Szene im speziellen) für die Allgemeingesellschaft zu sehen sind, gelang mir dann besser als den Menschen etwas zwischen Tür und Angel zu erklären. Sicherlich ist das Ergebnis nur ein Einblick, nicht umfassend, nur ein Ausschnitt. Aber diejenigen, die es gelesen haben, konnte ich von ihren Vorurteilen abbringen und kritisch auf gewissen der Aspekte der Gesellschaft schauen lassen.

Wenn ich die Toleranz als wichtiges Merkmal anspreche, welches ich mir auch für die Allgemeingesellschaft wünsche, dann frage ich mich auch sofort nach der Toleranz innerhalb der Subkultur. Ich selbst empfinde es nicht als intolerant, wenn ein Dresscode bei Veranstaltungen vorgeschrieben ist. Für mich stellt das einen Schutz dar. Schon als Kind habe ich die Erfahrung gemacht, dass es gefährlich ist, sich feminin zu kleiden. Gefährlich für mich als Mädchen, gefährlich aber auch für Jungs, die gerne Kleider oder Röcke tragen. Gefährlich, weil ich eine unschöne körperliche Begegnung gemacht hatte, gefährlich aber auch, weil es eine Angriffsfläche ist für verletzende Kommentare. Feminine Ausstrahlung scheint meiner Erfahrung nach jedenfalls immer noch mit der Gefahr verbunden zu sein, verbale und körperliche Grenzüberschreitungen zu erfahren. Ich behaupte, dass wir in einer Gesellschaft leben, die männlich geprägt ist. Egal welches Geschlecht, im schlimmsten Fall bekommt man die Breitseite sowohl von Machos als auch von FrauenrechtlerInnen ab, wenn man sich so kleidet, dass der weibliche Körper betont wird. Dass dieses scheinbare Gesetz innerhalb der Subkultur aufgehoben ist, finde ich eine Errungenschaft, die doch bitte in die Allgemeingesellschaft getragen werden sollte.

Warum darf ich mich nicht so kleiden, sodass ich mich wohlfühle? Für mich ist die Subkultur der einzige Raum, in dem ich ohne Angst, mein Geschlecht darstellen kann, in der ich also Frau sein kann und das auch zeigen kann. Dabei fühle ich mich wohl, geschützt, sinnlich, glücklich, … gut. Wenn in der Allgemeingesellschaft mit einem betont femininen Auftreten eine Einladung verbunden wird bzw. ein solches Auftreten oft als ein Angebot an die Außenwelt verstanden wird, so verbinde ich für mich damit nichts, was nach außen gerichtet ist. *Ich* möchte Frau sein. Ich möchte *mich* spüren, *mich* sehen und zwar als Frau. Und ich habe in 15 Jahren nie die Erfahrung gemacht, dass mein Auftreten im Rahmen der Subkultur als offene Einladung aufgefasst wurde, sodass meine Grenzen überschritten wurden oder ähnliches. Auf den kurzen Wegen zu Veranstaltungen, die ich von Bahnhof oder Auto zurücklegen muss,  sieht das schon ganz anders aus. Kommentare, die verletzend und meist sexistisch sind, treffen mich oder auch meinen Freund. Dann bin ich die Bitch und er die behinderte Schwuchtel. Schlampe oder Schwuchtel sind nun gar nicht so beleidigend in meinen Augen, aber ich weiß, wie beleidigend die Kommentare gemeint sind. Und das macht mich wütend. Ich finde es schade, dass es des geschützten Raumes bedarf, aber eine Abgrenzung durch Ausgrenzung scheint mir für mich notwendig zu sein. Und so mündet es bei mir wieder in Distanzierung und Schutz anstatt in den Willen und den Glauben, etwas ändern zu können.

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Mr. Niles
Gast
Mr. Niles
Schöner Text, dem ich auch größtenteils zustimmen kann. Allerdings hattest Du mit Jahrgang `87 keine Chance mehr, die Punk- umd Wave(Gothic)-Szene noch wirklich mitzuerleben. Ich bin 20 Jahre älter, und als Punk seine Blütezeit erlebte, war ich gerade in der Grundschule. Die Punks in den 0zigern waren/sind eh´ nur noch Alkis mit bunten Haaren (sorry!).
Die Frage, die man sich selbst stellen muss: Bin ich Teil einer Jugendkultur? Das wäre dann nichts anderes, als der übliche Gegenentwurf zur Welt der Erwachsenen. Wie auch schon Rock`n Roll, Mod, oder die Beat-Bewegung.
Oder bin ich Teil eines gesellschaftlichen Gegenentwurfs – was ja nicht mit der eigenen Jugend endet. Für mich trifft letzteres zu. Für dich wahrscheinlich auch!?

Einen philosphisch verkopften Grüblerclub machen vielleicht >10% der Szene aus. Wie wäre es sonst zu erklären, dass bei Events die heutzutage statt finden, irgendwelche Bürgersöhne mit dicken Audis auf die Parkplätze gerauscht kommen, und erst mal die halb leer gefressenen McDonalds-Tüten aus`m Fenster werfen? Musikalisch untermalt von den mittlerweile üblichen Kreisch- und Gröhlkombos…

Diese ernüchternde Erfahrung wurde auch mir auch schon Anfang der 90er recht rasch zuteil. In meinem Bekanntenkreis gab es auch den einen/die andere, mit denen man mal Nächte lang über Daseinsfragen, Modernismuskritik, oder die Denkweise von John Balance, Genesis P. Orrige und weiteren Verdächtigen quatschen konnte. Aber schon EIN Abend in einem einschlägigen “schwarzen” Etablissement zeigte, dass da größtenteils kopulationsbereite Partyanimals unterwegs waren. Wo sich die ach so elitäre “Schwarze Szene” dann auch nicht wirklich von irgendwelchen Chartsdeppen unterschied…
Trotzdem gibt`s ja immer noch Leute, die hinter die Dinge blicken (wie dich, z.B.! wink ).
Und das ist der Grund warum ich mich immer noch hier rum treibe! Aber die Mehrheit ist das leider nicht…
LG Jörg

Svartur Nott
Gast
Svartur Nott

Steckt in „der“ Gothic-Szene Gesellschaftskritik und wenn ja wie viel, oder welche? (…) Eine Antwort für mich habe ich mittlerweile beziehungsweise für den Moment gefunden

Ich dachte ebenfalls, dass ich eine vorläufig klare Antowrt gefunden hätte. Durch die Beiträge und Diskussionen, sowohl hier insbesondere bei Orphi, als auch andernorts bin ich momentan aber wieder stark in der Grübel-Phase und lese mich ratlos durch die Beiträge und Meinungen. Und es juckt mich in den Fingern, meinen Beitrag umzustoßen und neu schreiben…