Londons schönste Jahreszeit in den Kew Gardens

Bei unserem London-Urlaub im September 2013 haben wir die Ehre gehabt, Carmen kennenzulernen. Nach einem gescheiterten Versuch, uns in ein möglichst gruftiges Lokal zu setzen (das war an diesem Tag geschlossen), sind wir kurz entschlossen in den Stadtteil Camden gefahren, um dort ein Restaurant zu besuchen, das die Wahl-Londonerin in bester Erinnerung hatte.  Die Liebe zog sie vor ein paar Jahren aus Bayern in die britische Hauptstadt, der sie bis heute treu geblieben ist. Carmen ist ein neugieriger Gruftie und welche Stadt hat mehr schaurige und schöne Ecken zu bieten als London? Bei einem leckeren Essen konnte ich Carmen überreden, einen Artikel für Spontis zu verfassen. Ich konnte gar nicht anders, nachdem sie mir bildreich vorschwärmte, wie schön ein Garten im herbstlichen London sein kann, als sie um eine kleine Geschichte zu genau diesem Ort zu bitten:

Londons schönste Jahreszeit – Ein herbstlicher Spaziergang im Kew Gardens

Wenn man wie ich in London lebt, sind Plätze, an denen man sich der Schönheit der Natur hingeben kann, wertvolle Rückzugsorte. Jetzt, wo die Tage wieder kürzer werden und der Herbst die Bäume in bunte Kleider hüllt, ist Kew Gardens einer meiner Lieblingsplätze, für den ich mir schon mal einen Tag Urlaub gönne.

An einem Freitag Mittag mache ich mich mit meiner Kamera auf den Weg, um die melancholische Herbstluft in einem der ältesten botanischen Gärten der Welt zu schnuppern. Das Paradies für Botaniker – und solche die es werden wollen – eröffnete 1759, nachdem es von William Chambers in mühevoller Kleinarbeit von einem schnöden Park in einen botanischen Garten verwandelte wurde. Zahlreiche von ihm entworfene Gebäude, wie die eindrucksvolle chinesische Pagode, sind auch heute noch zu bewundern.

Die Gewächshäuser lasse ich an diesem Freitag mal aus, mir geht es um die Farbenpracht der Bäume im Arboretum, das im westlichen Teil von Kew Gardens zu finden ist. Der Weg führt mich am Tropenhaus „Palm House“ vorbei, dem ältesten noch existierenden viktorianischen Gewächshaus, das 1848 fertig gestellt wurde. Etwa 10 Jahre später baute man das „Temperate House“, das sich auf der rechten Seite eindrucksvoll erhebt und dem Besucher imponiert. Das „Haus der gemäßigten Klimazonen“ ist angeblich das wichtigste Gewächshaus der viktorianischen Epoche, in dem auch die höchste Gewächshauspalme der Welt zu finden ist. Das „Pavilion Restaurant“, das ich jetzt erreiche, hat ein bewegte Geschichte hinter sich gebracht. 1913 brannten die beiden Frauenrechtlerinnen Olive Wharry und Lilian Lenton das Restaurant in ihrem Kampf für das Frauenwahlrecht bis auf die Grundmauern nieder, glücklicherweise fand sich wieder jemand, der Geld in die Hand nahm, um das Restaurant wieder aufzubauen.

Schliesslich gelange ich im Arboretum an. Vor meinen Augen erstreckt sich die bunte Pracht unzähliger Bäume, während der Lärm der Stadt im Rauschen der Blätter ertrinkt. Kaum zu glauben, dass man immer noch in London ist. Die Flugzeuge über meinem Kopf, die zur Landung im nahe gelegenen Flughafen Heathrow ansetzten, erinnern mich erst wieder an die Metropole im Hintergrund. Mit ein wenig Glück und günstigem Wetter ist aber auch vom Großflughafen nicht viel zu hören.

Kew Gardens - Oktober 2013 (6)
Einsamkeit ist in diesem weitläufigen Park durchaus möglich. Zwei einsame Bänke laden zum verweilen ein.

Kew Gardens - Oktober 2013 (2)
Der Herbst breitet sich aus. Für wenige Wochen tragen die Bäume ihre bunte Pracht schamlos zur Schau

Unglaublich strahlende Farben wie Pink, das sich mit tiefem Orange abwechselt und mit eingeschmuggelten gelben Tupfen verziert ist, fesselt meinen Blick. Manche Bäume haben noch grüne Blätter, einige sind bereits kahl, aber die meisten zeigen kräftige Schattierungen in allen nur erdenklichen Rottönen. Herrlich! Wieder einmal bin ich im Paradies angelangt und die nächsten Stunden verbringe ich damit, sehr viele Fotos zu machen. Die faszinierende Farbenpracht erschlägt meine Sinne immer wieder, obwohl ich schon einige Male den Herbst im Kew Gardens erleben durfte.

Ich gehe weiter und klettere die Treppen zum „Rhizotron and Xstrata Treetop Walkway“ (Baumkronenweg) hoch, um von der 18 Meter hohen Holzkonstruktion über die Bäume hinweg sehen zu können. 2008 eröffnete man die Aussichtsplattform anlässlich des Tages der Artenvielfalt. Einige Bäume, die hier gepflanzt wurden, sind bereits seit 1762 ein Teil des Gartens und werden liebevoll „The old Lions“ genannt. Die aus dem Nachlass eines gewissen Herzogs von Argyll stammenden Bäume umfassen unter anderem eine morgenländische Plantane, einen Honigbaum (auch Schnurbaum gennant) und einen Gingko-Baum, der damals der ersten seiner Art war, die in England gepflanzt wurde. Die drei alten Löwen haben sogar den „Westeuropa-Orkan“ 1987 gut überstanden. Ein anderer Baum, Turner’s Eiche, hatte Glück im Unglück. Obwohl der legendäre Sturm die Eiche umkippte, entwurzelte er sie nicht. Der Baum konnte wieder aufgerichtet werden und erfreut sich auch heute noch bester Gesundheit.

Kew Gardens - Oktober 2013 (8)
Lauschige Architektur schmiegt sich in die herbstliche Stimmung von Kew Gardens

Kew Gardens - Oktober 2013 (5)
Imposante Komposition aus rötlichen Blättern

Wo Bäume sind, gibt es auch Bewohner. Freche Eichhörnchen betteln mich um Nüsse an, Pfaue stolzieren vor mir her und einige Fasane kreuzen meinen Weg. Dachse habe ich bisher noch nie gesehen, obwohl irgendwo eine Dachsfamilien wohnen soll. Mit etwas Glück sieht man sogar die grünen Parakeets. Obwohl man nicht wirklich von Glück sprechen kann, es ist tatsächlich schwer, die Papageien nicht zu sehen. Es ranken sich zahlreiche Mythen um die Herkunft der Vögel. Die einen behaupten, seien vom Film-Set des Filmes „The African Queen“ (1951) entflohen, andere sind felsenfest davon überzeugt, dass Jimi Hendrix einigen von Ihnen die Freiheit geschenkt hat, bevor er 1970 in London verstarb.

Höchstwahrscheinlich ist ein Paar der grünen Papageien in den 50er Jahren seinem Besitzer entwischt und vermehrt sich seit dem fleißig. Angeblich gab es im Jahr 2004 rund 20.000 freifliegende Papageien in Süd-Ost England und immer noch soll ihre Anzahl steigen.

Mein Nachmittag neigt sich dem Ende zu. Etwas wehmütig bewege ich mich Richtung Ausgang und mache noch einen kurzen Stopp im Pavillon, um mir einen heißen Tee und ein Stück Karottenkuchen zu genehmigen. Bevor ich zurück zu Kew Gardens Station gehe, um dort den Zug nach Hause zu erwischen, verspreche ich mir, nächstes Jahr wiederzukommen.

Kew Gardens - Oktober 2013 (4)
Wer für die explosionsartige Papageienpopulation zuständig ist, bleibt unklar. Fest steht jedoch, dass sie sich hier wohlfühlen.

Kew Gardens - Oktober 2013 (7)
Der weiße Schwan wirkt wie ein Kontrast zum herbstlich düster-bunten Kew Gardens.

Tipps & Links

Carmen Wagner
Carmen, London Korrespondentin für Spontis

Kew Gardens erreicht man am Besten mit der U-Bahn (grüne District-Line bis Kew Gardens) oder mit der Londoner Overground (bis Richmond). Das Tagesticket kostet stattliche 15 britische Pfund, Kinder unter 16 Jahren haben in Begleitung Erwachsener freien Eintritt. Eine „Membership Card“, mit der man das ganze Jahr freien Eintritt hat, kostet rund 70€. Idealerweise erkundet man Kew Gardens in der Woche oder bei strömendem Regen, dann ist dort am wenigsten los und man hat die Chance auf einsame Momente in der Natur.

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Miriam
Miriam (@guest_48595)
Vor 7 Jahre

Danke für diesen tollen Bericht von einer tollen Frau!

Shan_dark
Shan_dark (@guest_48638)
Vor 7 Jahre

Oh ja, in den Kew Gardens war ich auch schon – ein wunderschöner riesiger Park und die alten Gewächshäuser sind architektonisch klasse. Davor stehen noch so grosse steinerne Statuen, wenn ich michrecht entsinne. Definitiv einen Besuch wert, vermutlich aber nur wenn man etwas länger oder zum gehäuften Male in der Stadt ist.

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