Gothic Berlin - Teaser

Gothic Berlin. Teil 2: Zurück in die Hauptstadt!

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Gothic Berlin - TeaserGothic Berlin erzählt die Geschichte von Caro (41), einem Grufti aus Leidenschaft, mit einer bilderreichen Reise durch die 90er. Im ersten Teil haben wir erfahren, warum Caro Berlin verlassen musste und wie sie auf der Ferieninsel Sylt zum Grufti heranwuchs. Die Sehnsucht, nach Berlin zurückzukehren, war damals riesengroß. 1992 ist es endlich soweit, sie zieht zu ihrem Vater in die frisch gebackene Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland. Kann sich Caro hier entfalten? Brieffreundinnen erleichtern ihr den Einstieg und sie beginnt damit, einen ganz eigenen Stil zu finden. Sie stürzt sich in das Berliner Nachtleben, erlebt am eigenen Leib, wie sich Mitte der 90er Jahre alles verändert. Die unzähligen Bilder in diesem zweiten Teil Caros dreiteiliger Lebensgeschichte sind wie eine Zeitreise in die Berliner Gothic-Szene der 90er. Sie zeigen nicht nur Caros äußerlichen Veränderungen, sondern auch seltene Einblicke in das Kreuzberger Grufti-Treffen der frühen 90er und die ersten Wave-Gotik-Treffen in Leipzig.

Caro ist ein Grufti voller Erlebnisse, Geschichten und mit Fotoalben voller Erinnerungen, die sie mit Spontis und seinen Lesern teilen möchte. Ich gespannt, ob sich einige Leser in „Gothic Berlin“, den Einblicken in ihr Leben, der Berliner Szene der 90er oder den ersten Besuchen auf den ersten Wave-Gotik-Treffen wiederfinden, und ob Ihr Caros Blick auf die immer neuen Veränderungen der Szene teilen könnt.

Gothic Berlin – Teil 2

Passbilder 1990 - 2011
Passbilder, die zwischen 1990 und 2011 aufgenommen wurden, skizzieren Caros schwarzen Werdegang – Gothic Berlin Bild #13

1992 hatte ich meine Eltern endlich soweit, dass sie meinem Umzug zu meinem Vater zustimmten. Ich jubelte: endlich nach Berlin! Hier fand ich erstaunlich schnell Akzeptanz und Anerkennung unter den neuen Klassenkameraden. Es gipfelte darin, dass sie mich später in unserer Abi-Zeitung zur drittbestgekleidetsten Schülerin unseres Jahrgangs kürten!

Kaum in Berlin angekommen, begann ich damit, mich auszuprobieren, um meinen eigenen Stil zu finden. Durch eine Berliner Brieffreundin, die 6 Jahre älter und seit den frühen 80ern in der Szene unterwegs war, lernte ich nicht nur etliche Berliner Alt-Gruftis, sondern auch viel interessante Musik kennen. Viele überließen mir auch ihre abgelegten Klamotten – unter anderem mein erstes Paar Pikes, das nach völligem Kaputtlatschen wieder aufgemöbelt wurde und noch bis heute existiert. Flohmärkte und gemeinsame Näh- und Bastelstunden brachten dann bald einen ganzen Fundus an Klamotten und Accessoires zusammen. Zum Beginn meiner Berliner Zeit trug ich viel Spitzen- und (Panne)samt-Kram, mit Schnürung, Spiegelstückchen, Trompetenärmeln, Zipfeln und Rüschen. Dann – je nach Lust und Laune – auch 80er-Jahre-Zeug wie Fledermausärmel und Leggings mit Leopardenmuster oder auch Zebramuster.

Irgendwann habe ich dann die Samt- und Spitzenklamotten sowie fast alle Kleider wieder ausgemistet, weil ich keine sehr weibliche Figur besitze und auch sonst irgendwie das doofe Gefühl hatte, dass diese romantischen Sachen weniger zu mir passten als das eher punkig-wavige Zeug. Vielleicht liegt das an meinen dünnen und kraftlosen Haaren, die ich lang einfach scheußlich finde. Wie gerne hätte ich sie mir lang wachsen lassen und aufwändige Frisuren gebastelt. Doch ich landete immer wieder bei kurzen und strubbeligen Looks, die mir laut Aussage vieler Leute besser stehen. Daran hielt ich mich fest und experimentierte dann lieber mit Schminke und Haarfarbe. Rein haartechnisch hatte ich 1994 meine Suche beendet. Mit der Haarfarbenkombination „rot-schwarz“, die ich damals immer wieder ausprobierte, laufe ich auch heute noch herum.

Caro von 1992-1999

Ich genoss das Berliner Nachtleben in vollen Zügen, sofern mein etwas kontrollfreakiger Vater das zuließ. Es ging nur, wenn ich am Wochenende bei Freunden übernachtete. Das hatte natürlich auch seine Vorzüge. Wir brezelten uns gemeinsam oder gegenseitig auf, stimmten uns mit Musik ein und gingen dann gemeinsam tanzen oder auf Privatpartys. Am Tag darauf besuchten wir dann Flohmärkte oder machten eine Fototour. Es gab auch Aktionen wie nächtliche Feiern auf stillgelegten S-Bahn-Brücken oder dem damals ebenfalls brachliegenden Olympiabahnhof. Irgendwann sind wir mal in voller Partymontur auf den Berliner Funkturm und in das darin befindliche Restaurant gefahren. Das war dann schon irgendwie skurril: neben uns war eine piekfeine Gesellschaft, deren Gäste sich mit zunehmendem Alkoholkonsum total daneben benahmen. Und da waren wir schwarz-bunten und schrillen Gestalten, die manierlich ihren Tee tranken, sich gesittet verhielten und die schöne Aussicht genossen.

Gelegentlich machten wir auch Ausflüge ins Umland, wie beispielsweise zur einer möglicherweise illegalen Disko in einer Kirchenruine irgendwo in Brandenburg. Es war eine sehr aktive und aufregende Zeit zu Beginn der 90er Jahre. Die legendären Grufti-Treffen an der Gedächtniskirche habe ich leider nicht mehr erlebt, aber es gab später ein paar Treffen auf dem Kreuzberg, die zwar nicht groß besucht, aber recht lustig waren.

Gemeinsame Unternehmungen 1992-1999

Gothic Berlin – Die Clubszene und die Zeit des Umbruchs

Mitte der 90er Jahre dünnten sich die schwarzen Clubs in Berlin sehr stark aus. Die meisten Clubs der damaligen Zeit habe ich glücklicherweise noch kennenlernen dürfen: Das Linientreu auf dem Kudamm, das Rock it, die Kulturfabrik in Moabit, die Insel, den Lifeclub, den Duncker im Prenzlauer Berg, den Cisch-Club in Schöneweide und den Pfefferberg, ebenfalls im Prenzlauer Berg. Das „Linientreu“ fiel bald (zum Glück nur vorübergehend) weg, weil es zunehmend in Techno-Gefilde abdriftete. Das „Rock it“ zog von Neukölln nach Schöneberg um und veränderte sich dann ebenfalls musikalisch. Die „Insel“ schloss zwischenzeitlich wegen Umbau und der „Lifeclub“ verschwand gänzlich. Der Club „Eisenbahner“, als Bestandteil eines besetzten Hauses, machte ebenfalls zu – da war ich aber nur ein mal, denn es war mir schlicht und einfach zu dreckig. So blieben letztlich nur noch die „Kulturfabrik“ und der „Duncker“ übrig. Im Laufe der Jahre habe ich viele Locations kommen und gehen gesehen, zumindest gibt es dort keine „schwarzen“ Partys mehr: z.B. die“Wille“, den „BKA-Club“, das „Nontox“, die“Garage“, die „Turbine“, das „Schwuz“,  und das „Kato“. Und die legendären Mystic-Partys im „Joy“ endeten kurz nach der Jahrtausendwende, inzwischen heißt der Laden „Insomnia“ und veranstaltet dunkle Swinger-Partys.

Das „K17“, das mit einem kleinen Club begann und erst Jahre später in die große Location umzog, trug letztlich dazu bei, dass sich in Berlin seit vielen Jahren nur noch sehr schwer neue Party und Locations etablieren können. Berlin ist übersättigt. In meinen ersten Disko-Jahren in Berlin war die Szene überschaubar, man kannte sich (zumindest vom Sehen), es gab noch so etwas wie ein „familiäres“ Gefühl und man kam eher miteinander ins Gespräch. Entweder, weil man gemeinsame Bekannte hatte oder sich eben häufig sah und so weniger fremd war als in anonymer „Masse“. Als es nur noch wenige Clubs gab, war das natürlich noch extremer.

Eintrittskarten, Clubflyer und Programmhefte der 90er Jahre

Die Schnelllebigkeit der Berliner Partyszene hinterließ ihre Spuren. Neue Partys wurden seltsamerweise nicht etwa begeistert gefeiert, sondern nach dem Motto verfahren: „Mal schauen, was die erzählen, die beim ersten Mal dort waren, ob es sich überhaupt lohnt.“ So ergab es sich, dass viele Veranstaltungen nur zögerlich oder gar nicht anliefen. Die Gothic-Szene in Berlin wurde mit den zunehmden Einflüssen der Metal-, Cyber- und Fetisch-Szenen immer größer und obwohl sie schon immer sehr vielseitig war, änderte sich einiges. Nischen-Partys entstanden, das K17 bot gleich mehreren Splittergruppen einen Treffpunkt, aber zugleich entfielen viele gemischte One-Floor-Partys, wo man sich traf und zusammen feierte. Es gab dann irgendwann auch ein zu großes Angebot, Cliquen zersplitterten sich aufgrund ihrer musikalischen Unterschiede. Es kommt nicht selten vor, dass man in Berlin auf eine Szene-Veranstaltung geht, ohne überhaupt Bekannte anzutreffen – als wäre man ein Tourist in der eigenen Stadt…

Auch das Styling der Leute änderte sich. Sah man in Berlin Anfang der Neunziger noch viele Punk & Waver Frisuren (Vogelnester, Türme, Teller, Iros, Under- & Sidecuts), trugen die Grufti-Herren irgendwann nur noch abrasierte Seiten und Zöpfe, während die Grufti-Damen ihre Haare glatt trugen oder sich einen Zopf machten. Toupieren? Hochstellen? Aufwändig färben? Den meisten war das wohl zu mühsam geworden. Gegen Ende der 90er kam dann durch Extensions wieder ein gegenteiliger Eindruck auf – jetzt wurde wieder „gebastelt“ was das Zeug hielt, aber doch ganz anders als zuvor. Haarteile, Zöpfe, Spangen und andere Accessoires wurden zum Trend. Das war zwar wieder etwas kreativer, aber „Oldschool-Looks“ wurden zunehmend seltener. Das ist immer noch so, einzig die Batcaver/Deathrocker haben (selbst die jüngeren von ihnen) noch so eine Anlehnung an die 80er, allein durch den deutlichen Punkeinfluss.

Obwohl ich stilistisch stark von den 80ern und frühen 90ern geprägt wurde, variiert mein Styling immer mal wieder, je nach Stimmung und Anlass (z. B. 80er Party) mal gruftiger und mal punkiger.

Caro in den Jahren 2000-2010

 

Tanzfledermaus
Grufti seit 1989. Umkreist in unregelmäßigen Bahnen das Berliner Szeneleben - inzwischen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Tauscht sich gerne über das Gestern und Heute aus. Stromert liebend gern mit ihrer Kamera in und um Berlin herum und hält fest, was ihrem Gefühl von Ästhetik am Nächsten kommt.

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Marcus
Gast

An das Linientreu kann ich mich auch noch dunkel erinnern. Bei meinen Anfang der 90er Jahre eher recht seltenen Ausflügen nach Berlin war das Linientreu mehrmals nächtliche Anlaufstation. So war es dann auch ziemlich enttäuschend, als das Programm zu Gunsten technoider Klänge geändert wurde. Finden eigentlich noch die Linientreu Revival Partys statt? Leider habe ich es nie geschafft, eine dieser Partys zu besuchen.

Svartur Nott
Gast
Svartur Nott

Werte Tanzfledermaus, ich möchte dir ein Großes Dankeschön aussprechen, dass du dich hier digital so offenbarst und soo viele Photos hochladen ließest. Solche authentischen Berichte sind ein wahrer Schatz für diejenigen, die all dies nicht miterleben konnten… *Schnief*

Kannst du eigentlich die erwähnte Sache mit der Kirchenruine in Brandenburg etwas erläutern? Das duftet für mich irgendwie nach einer interessanten Geschichte dahinter. Ich meine, stillgelegte Bahnhöfe sind schon was tolles, keine Frage, aber Kirchenruinen gibts nun auch nicht so häufig, sind doch irgendwie was besonderes von der Stimmung her… Wie kam es dazu, dass ihr – und auch andere – dahingekommen seid. Und wie wurde das organisiert?

Zudem: Wie kam es deiner Ansicht/Erfahrung nach zu diesem Umschwung in der Mitte der 90er, als plötzlich Fetisch/BDSM, Metal und Elektro starken Einfluss auf/in die damalige Schwarze Szene nahmen? Wie hast du das erlebt?

Katrin
Gast
Katrin

Bei mir fliegen auch noch diverse Berliner Erinnerungen in Form von Briefen / Flyern / Tickets rum und ich habe sogar noch meine Factory Club Karte von ganz, ganz damals. Ermäßigten Eintritt bekommt damit heute wahrscheinlich nicht mehr, oder? smile

Der Brief auf dem unten verlinkten Foto hat mich Ende des Jahres 1992 oder 1993 erreicht. Und auf dem Foto, neben den Herrn Smith geklebt, das bin ich – 1987 oder 1988. Schön, an diese Zeiten erinnert zu werden. Danke Dir, Caro!

Zur Reliquie:

Katrin
Gast
Katrin

Zweistellig, cool! Dann kennst Du ja auch noch die finsteren Kellerzeiten der Factory. Und das Kondenswasser, dass von der Decke tropfte, wenns besonders voll war. Gruselig! grin

Katrin
Gast
Katrin

Auwei, ja! grin

Ich bin auch kein Biertrinker, aber an die Flaschen erinnere ich mich. Gibt hier und da noch ein paar Videos. Man sieht nüscht drauf. Aber war ja in echt auch so. *g

Robert
Webmaster

Vielleicht gab es damals so etwas wie eine Stagnation, ein Vakuum innerhalb der Szenemusik, dass manche Leute nach etwas Neuem verlangten?

Ich bin immer bestrebt es anders zu deuten. Anfang der 90er kam es durch die Explosion der Musikkulturen zu einer Überflutung der alten Genre. Neue Bezeichnungen und Musikrichtungen wurden geboren, wären man „alte“ vernachlässigte. NDT (Neue deutsche Todeskunst) und dieser NDH Quatsch drängten massiv in die Szene. Gleichzeitig war die erste Dekade vorbei, die ersten Grufties sind „erwachsen“ geworden, ändern Geschmack oder Szenezugehörigkeit. Für mich persönlich war der musikalisch Drops Anfang der 90er Jahre gelutscht. Ich hatte keinen Bock mehr auf alte Musikrichtungen die Kommerz wurden und auf neue Musikrichtungen die an gespielter Theatralik nicht zu überbieten waren. Da nahm ich Techno für eine Weile, denn hier hat man wenigsten am Text gespart. Aber auch hier ging es weiter. Unter der Oberfläche. Das habe ich damals übersehen.

Mone vom Rabenhorst
Autor

Ende 1992, Anfang 1993 gabs bei uns im Ruhrpott definitiv eine szenemäßige Flaute. Die Bekannten sah man seltener, zum Haaremachen waren viele zu faul. Das war auch die Zeit, in der der Rabe und ich abtauchten.
Vermutlich daher der Grund, daß ich die Band aus dem Video (gegründet 1993) nicht kenne? Sind die mal cool! Gibts die noch?
Finde bei youtube nur ein paar Stücke von denen.

** Ok, hat sich schon erledigt. Hab doch noch mehr gefunden. Die neuen Sachen gefallen mir weniger. Schade. **

Katrin
Gast
Katrin

Es gibt ein Album von Exedra. 1995 ist das erschienen (Kingdom Of The Blind). André macht unter seinem Namen „Gutsmuths“ noch immer Musik, aber die ist etwas anders, ja.

Thomas Müller
Gast
Thomas Müller

Moin Caro,

per Zufall habe ich heute deine Lebensgeschichte im Netz gefunden. Als ich die Fotos sah, konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, finde ich mich doch auf Bild #20 wieder. Zur Erinnerung…ich bin der damalige Freund deiner Brieffreundin Nicole aus Wülfrath gewesen, der dann dank deiner Einladung das erste und bislang letze Mal einen Besuch in Berlin unternommen hat.

Deine Geschichte ist eine wunderbare Erinnerung an eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Und eine Sache teile ich mit dir. Ich habe auch nie aufgehört ein Schwarzer zu sein.
Denn es ist nicht die Mode, die diese Szene einst groß machte. Es ist die Lebenseinstellung. Und die behält man vermutlich sein Leben lang.
Danke für die Erinnerungen und bleib wie du bist. Und solltest du noch Bilder von uns aus der Woche Belrin hast, meld dich ruhig mal. Heute ärgere ich mich ein wenig, dass ich mich nie freiwillig habe fotografieren lassen…

Liebe Grüße
Thomas