Mein schaurig schönes Tagebuch – Episode 6: Frohes neues Jahr!

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Screeshot Feuerwerk LondonFrohes neues Jahr! Schuld an diesem Debakel sind natürlich wieder einmal die Römer, die sich 156 v.Chr. dazu entschlossen, in ihrem julianischen Kalender (nach Julius Caesar) den 1. Januar als Beginn des neuen Jahres festzulegen. Später kam dann der gregorianische Kalender (nach Papst Gregor) und hat die fehlerhaft Beta-Version der Römer abgelöst. Bla bla. Frohes neues Jahr!
Vor dem neuen Jahr ist Silvester (schon wieder ein Papst) und den habe ich persönlich völlig ungewöhnlich verbracht. Auf dem Land und ohne Feuerwerk. Wer mich kennt weiß, dass ich ein latenter Pyromane bin. Mit 9 brannte mein Fuß, mit 12 mein Knie und mit 14 bin ich in einer mit einem Plastikfass, an dem wir damals Feuerwerk als Raketenantrieb montierten, einen Abhang runtergerollt. Mit 15 habe ich dann mein erster Feuerwerk abgebrannt und bin (bis auf ein kurzzeitiges Aufbäumen von Moral, die dann 1 oder 2 mal die Überhand gewann) konstant dabei geblieben, sinnlos Geld in die Luft zu schießen. Kommt mir jetzt nicht mir rationellen Argumenten gegen Feuerwerk, ich kenne sie alle. Ist in etwa so, wie mit dem Rauchen. Man weiß das es schlecht ist, tut es aber trotzdem.

Gestern war Funkstille. Keine Zündschnur brannte durch mein Handeln. Wider erwartend habe ich nicht am ganzen Körper gezittert oder mit anderen Entzugserscheinungen gekämpft, sondern ein paar Minuten an einem Fenster in Geldern (Niederrhein) verbracht und über den Text eines Glückskekses nachgedacht. Gegen Mitternacht haben wir nämlich – nach dem obligatorischen knuddeln, knutschen und umarmen – nicht mit einem Glas Sekt angestoßen, sondern die eingebackenen Papierschnipsel aus dem Gebäck gefummelt, um allgemeingültige, schwammige und interpretationswürdige Sprüche zu lesen, die jeder irgendwie auf sich beziehen könnte. Ist so der Trick bei Glückskeksen.

Sie werden eine neue Leidenschaft entdecken.” Stand auf meinem kleinen Schnipsel und nun stand ich am Fenster, blickte auf die in der Ferne steigenden Raketen und grübelte, was ich denn entdeckten könnte. Macht natürlich keinen Sinn, den Leidenschaften entdeckt man nicht durch nachdenken, sondern durch ausprobieren. Irgendwann probiert man etwas aus, findet Gefallen daran und entwickelt möglicherweise eine Leidenschaft. Die meisten Leidenschaften kann man nicht rationell, meist stehen auf moralisch verwerflichen, gesundheitlich bedenklichen oder finanziell wackligen Beinen. So wie Silvesterfeuerwerk.

Neugierig betrachtete ich also das Treiben am Horizont und überlegte, was ich denn tun könnte, was ich noch nie getan hatte. So muss man ja anfangen wenn man eine neue Leidenschaft entdecken möchte, oder? Schnell verwarf ich mein Gedankenkonstrukt. Eine Leidenschaft im Vorfeld zu planen – so was konnte auch nur mir einfallen. Die erste blöde Idee 2015.  Ich gebe mich also hin und harre der Dinge, die sich ergeben.

Nun, eine Leidenschaft habe ich schon mal, die jedes Jahr aufs neue entfacht. Bloggen. Auch wenn die alles irgendwie im Strudel der Zeit Veränderungen unterworfen ist, so habe ich diese Leidenschaft gegen alle Einflüsse von außen verteidigt. Auch gegen eine Lektorin, die mir nach jeder Veröffentlichung die grammatikalischen Fehler um die Ohren hat wink Ehrlich: Es gab 2014 viele Gründe mit dem Bloggen aufzuhören (2013 gab es zugegebenermaßen mehr) aber es gab unzählige Gründe mehr, dabei zu bleiben.

Schuld seid Ihr, die Leser. Einige Leser haben unabsichtlich dafür gesorgt, dass ich nie lange über das Aufhören nachgedacht habe, denn immer wieder tauchen dann Nachrichten in einem Posteingang auf, die sich dafür bedanken, dass es diese Seite gibt. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie unendlich gut so etwas tut. Ich meine, ich stelle mich ja nicht in die Öffentlichkeit und mir die ständigen Meckereien anzuhören (obwohl auch die dazugehören), sondern für das kleine bisschen Anerkennung das mir dadurch zuteil wird.

Ich möchte mich also dafür bedanken, dass auch 2014 so vielen Menschen hier vorbeigeschaut haben um zu lesen, was hier geschrieben steht. Ich bedanke mich für die unzähligen Zeilen Kommentare, die mich zum Nachdenken gebracht oder zum lernen animiert haben. Ich bedanke mich auch für die Toleranz, die meinen Unzulänglichkeiten entgegengebracht wurden und für die Beharrlichkeit, mich von anderen Meinungen zu überzeugen. Hört nicht auf damit, ich mache auch weiter smile Versprochen! (Verdammt, ist das jetzt ein guter Vorsatz?)

Ach ja. Feuerwerk finde ich jetzt nicht doof, ich habe lediglich die Perspektive gewechselt. Das Neujahrs-Feuerwerk in London, das mit den klassischen 12 Schlägen von Big Ben beginnt, ist wunderschön. Ich will wieder nach London. Ganz dringend!

Robert
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Guldhan
Autor

Ich kann diese Begeisterung für Silvester nicht verstehen. Konnte ich noch nie. Zumindest ab dem Zeitpunkt, ab dem ich aus der Naivität der Kindheit erwachte. Dieser Gestank nach Schwarzpulver und verfeuerten Salzen wie Metallen. Nach verbranntem Pappmaché und angesengter Plastik. Nach rußigem Holz und sinnloser, weil termingerechter Heiterkeit. Diese schmerzende Lautstärke, gepaart mit ebenso erträglichem Pauschaloptimismus. Die Norm und Tradition der Zukunftspreisung. Als ob ein Wunsch nicht auch nur heiße Luft wäre und irgendeinen Einfluss auf das Geschehen hätte…

Auch wenn ich es noch immer als allzu bezeichnend finde, wenn sich eine Gesellschaft weiterhin an großen Eckpfeilern der Halle menschlicher Widerwärtigkeit schubbert. Alkoholmissbrauch, Zerstörung sowie Ressourcenverschwendung und das sinnlose Zumüllen. Ein Trommelfeuer der Dekadenz des Wohlstandshumanismus. Für das ich ab dem Moment absolut nichts Gutes mehr empfand, als ich sah, wie sich mein Hund selbst noch am Folgetag aus Angst lieber eingeschissen hätte, anstatt einen Fuß vor die Tür zu setzen.

Nichtdestotrotz. Wie lange sabotieren wir uns als inoffizielle Kontrahenten nun schon das Denken? Könnte jetzt schon in das 7-jährige übergehen. Und da meine Tippmotivation über die Jahre eine Berg-und Talfahrt erlebte, gratuliere ich dir hiermit mal offiziell zu deinem Durchhaltevermögen. Mal so ganz außerhalb der eigentlichen Zielgruppe.

Aber auch hierbei nicht ohne ein wenig Kontra. Denn mit den Jahren verstummte ich zunehmend. Unfreiwillig. War es einst so angenehm, sich mit anderen zu streiten und denen eine Dosis Realität oder Querdenken an den Kopf werfen zu können, so ist mir das jetzt kaum mehr möglich. Verschwanden die allgemeinen Themen zunehmend und zum Gotentum habe ich schon alles gesagt. Es wäre nur ein argumentatives Sich-im-Kreise-Drehen und nichts ist langweiliger als wenn hierbei einzig der Weg schon das Ziel sein soll.

Daher, nur keine Scheu, auch mal wieder lose ungruftige Gedanken in den Blog zu werfen. Mögen sich manche, zum Glück nur vereinzelte, Betonköpfe darüber echauffieren, dass es nicht in einen Düsterblog passe. Doch solange du es noch immer als Blog verstehst, und nicht als Online-Magazin, würde gelegentliche Artfremdheit die ganze Sache lebendiger halten. Das zumindest als meine Anregung. Vielleicht gibt es Vetos, vielleicht schweigende Zustimmung.

Flederflausch
Editor

Wie schön, dass du die Schreiberei hier nicht aufgegeben hast, Robert smile

Ich liebe den Geruch an Silvester und ein ganz kleinesbisschen fasziniert mich die Geräuschkulisse auch, auf der anderen Seite jagt sie mir immer einen Schauer über den Rücken, wenn ich denke, dass das eine kleine Ahnung davon ist, wie Krieg sich anhört und wie schlimm das sein muss eben jenen zu erleben, bzw. nach dem man einen solchen erlebt hat Silvester hinter sich bringen zu müssen.
Was den Rest angeht kann ich Guldhan sehr gut verstehen, Silvester hat ja doch immer auch den Beigeschmack von langersehnten Anlass zum kollektivem Besäufnis. Ich denke aber auch, das der Tag allgemein, ähnlich wie Weihnachten, den Menschen auch einen Anknüpfpunkt bieten kann wirklich mal zu reflektieren und manches gedanklich neu zu ordnen (sollte man so natürlich auch, klappt nur wohl nicht bei allen^^)

Orphi Eulenforst
Editor

Es ist alles – wie immer- relativ zu betrachten, lieber Guldhan. Wenn sich jemand das ganze Jahr über bemüht, sich umweltfreundlich und konsumbewusst zu verhalten und das Jahr mit einem kleinen Feuerwerk abschließt, ist das besser als oder so gut wie der Verzicht aufs Feuerwerk bei ganzjährigem Verhalten mit schlechter Ökobilanz. Silvester ist, was man draus macht. Bei uns floss kein Tropfen Alkohol, wir hatten großen Spaß in kleiner Runde und unseren Katzen und den Hunden unserer Gastgeber war die Knallerei total egal. Grundsätzlich gebe ich Dir natürlich Recht, so weit kennst Du mich ja, aber wer stets und immer nur “schwarz” malt, sieht bald nix mehr vor lauter Farbe. wink

Guldhan
Autor

Nichts ist relativer als Subjektivität. Das ist schon richtig. Fakt ist jedoch eines, man kann nicht anders als mit seiner Existenz für schlechte Ökobilanz zu sorgen. Alles andere zu glauben wäre naiv. Schließlich ist man zu sehr im Mechanismus der Zivilisation verzahnt, als dass man sich irgendwie eine positive Bilanz beweisen könnte.

Orphi Eulenforst
Editor

Ja, Guldhan. Ich meinte eine noch schlechtere als die schlechte.

Guldhan
Autor

Was ist das denn für eine Streitkultur oder Debatte, wenn beide Parteien einer Meinung sind…