Nach einem kleinen Sprung landete er mit beiden Stiefeln auf dem staubigen Bahnsteig. Er schaute sich kurz um. Dabei fiel sein Blick auf die Bahnhofsuhr. Das Zifferblatt war gelber als ranzige Butter und die Zeiger verharrten bewegungslos auf ihrer Position. „Wie ein Relikt aus einer früheren Zeit“, war sein erster Gedanke. „Ob er inzwischen selbst eine Art Relikt war?“, sein zweiter.
Ohne weitere Zeit zu verlieren, schlurfte er in Richtung seines Ziels los. Dort hoffte er, die tägliche Last des Lebens für ein paar Stunden hinter sich zu lassen. Bereits nach einigen hundert Metern hatte er das Eingangstor erreicht.
Er wollte gerade anklopfen, da öffnete sich die Tür eine Handbreit. Zögerlich näherte er sich dem Spalt, um einen Blick ins Innere zu erhaschen. So sehr er sich auch bemühte, er konnte nur schemenhafte Formen erkennen. Er zuckte kurz mit den Schultern und trat ein.
Kaum hatte er die Türschwelle passiert, konnte er im Halbdunkel zwei Gestalten erkennen. Beide saßen einander zugewandt auf einer Bank. Er blieb auf der Stelle stehen und schaute die beiden verwundert an: „Ich habe nicht damit gerechnet, dass schon jemand hier ist. Ich bin mit dem einzigen Zug gekommen und habe unterwegs keine anderen gesehen. Wie seid ihr hergekommen?“
Die beiden zögerten einen Moment, bevor die Frau antwortete: „Wir haben den Weg über die große Brücke genommen. Dort haben wir uns getroffen und uns dazu entschieden, den Rest des Weges gemeinsam zu gehen. Und nun sind wir hier. Was führt dich hierher?“
Er hielt kurz inne und sagte mehr zu sich selbst als zu den Gestalten: „Was mich herführt? Ich weiß es nicht genau. Ich fühle mich ein wenig verloren.“
Er ließ seinen Rucksack von den Schultern rutschen und wollte ihn auf dem Boden ablegen, als die beiden wie aus einem Mund riefen: „Warte! Die, die verloren sind, finden an der Garderobe, was sie suchen.“
Er erwiderte: „Aber ich habe nichts verloren. Ich fühle mich verloren.“
Die beiden starrten ihn einen Moment an und wiederholten: „Die, die verloren sind, finden sich an der Garderobe.“ Er starrte einen Moment zurück und dann wanderte sein Blick in Richtung Garderobe. Ohne etwas zu erwidern, ging er los.
Auf dem Weg zur Garderobe sah er sich ein wenig um. Der Raum war mit langen Holzdielen ausgelegt. Mit jedem Schritt ließ er kleine Staubwölkchen auf dem alten Holz tanzen. Die Wände waren rot getüncht, während das ganze Mobiliar schwarz gehalten war. Die Decke war bei der spärlichen Beleuchtung kaum zu sehen.
Während er den Raum durchschritt, atmete er tief durch die Nase ein. Dabei nahm er etwas wahr. Ein Geruch, oder eher Schichten von Geruch. Von den Menschen, die sich zuvor hier versammelt hatten.
Als er an diese Menschen dachte, fragte er sich, ob sie an diesem Ort ähnlich seltsame Begegnungen erlebt hatten. Er dachte daran, wie das Paar vom Eingang ihn vorhin angeschaut hatte. Als wüssten sie etwas, was er nicht wusste.
Während er noch über die Begegnung nachdachte, stand er auf einmal vor der Garderobe – nur um festzustellen, dass sie nicht besetzt war. Auf dem Tresen vor ihm stand eine dieser altertümlichen Rezeptionsklingeln. Ohne nachzudenken holte er aus und kurz darauf ertönte ein schrilles Klingeln, das den ganzen Raum erfüllte.
Nach einer kurzen Wartezeit kam eine Frau aus dem hinteren Teil der Garderobe an den Tresen. Er schaute die Frau an. Sie erwiderte seinen Blick stumm. Er wollte gerade den Mund öffnen, da kam sie ihm zuvor: „Ich trage drei Seelen in mir, aber in dir streiten Bruchstücke einer einzigen Seele um ihren Platz.“
Er wollte etwas erwidern, aber bevor er die richtigen Worte finden konnte, fuhr die Frau fort: „Ich bin schon lange an diesem Ort. Ich kenne die Menschen.“
Er fand seine Worte wieder: „Kannst du mich heilen?“ Die Frau beugte sich langsam über den Tresen: „Nein.“
Er schaute über die Schulter und sagte: „Vielleicht hatten die beiden am Eingang recht. Vielleicht habe ich mich selbst verloren.“ „Ja“, sagte die alte Frau, „vielleicht hast du dich selbst verloren. Und vielleicht können dir die beiden an der Bar weiterhelfen.“
Er blickte zur Bar und sah dort zwei Männer sitzen. Er wollte gerade gehen, da berührte ihn die Frau leicht am Arm: „Dein Gepäck kannst du gerne hier lassen. Dafür ist die Garderobe schließlich da.“ Er reichte ihr seinen Rucksack, drehte sich auf dem Absatz um und stieß beim ersten Schritt so heftig gegen den Bartresen, dass es ihm die Luft aus den Lungen presste.
Noch während er sich wunderte, dass die Bar auf einmal direkt vor ihm stand, legte ihm einer der beiden Männer den Arm um die Schulter: „Ikke så voldsomt!“ Der andere klopfte ihm auf den Rücken und ergänzte lachend: „Seria uma pena perderes o concerto por causa da tua falta de jeito.“ Er blickte die beiden verständnislos an.
Als sie bemerkten, dass er sie nicht verstand, versuchten sie es erneut: „Du warst an der Garderobe? Dann ist klar, warum du nichts verstehst. Das geht den meisten so.“ Er richtete sich auf und entgegnete scharf: „Ich verstehe jetzt. Aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll!“
„Dann versuch’s mal damit“, sagte einer der Männer und schob ihm ein staubiges Glas gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit über den Tisch.
„Genug diskutiert.“ Der andere nickte Richtung Bühne: „Gleich beginnt die Show.“ Ein einzelner Mann betrat die Bühne. Um ihn besser sehen zu können, verabschiedete er sich von den beiden und ging zu einem der freien Tische.
Er setzte sich auf einen der Hocker und schaute sich das Konzert an. Dabei dachte er über die Ereignisse des Abends nach. Kreisende Gedanken, die keinen Anschluss fanden.
Nachdem die letzten Töne verklungen waren, saß er noch eine Weile gedankenlos da. Er stand auf und wollte das Gebäude verlassen, da fiel ihm ein, dass er seinen Rucksack abholen musste.
Während er an der Garderobe stand und darauf wartete, dass er an der Reihe war, nutzte er die Zeit, um sich ein wenig umzusehen. Inzwischen hatten die Techniker die Beleuchtung eingeschaltet und er konnte deutlich die unter der Decke verbauten silbernen Traversen erkennen.
Als er am Tresen ankam, lächelte ihn die Frau freundlich an, griff ins Regal und holte seinen Rucksack hervor. Während sie ihn über den Tresen reichte, wiegte sie ihn sanft in ihren Händen und bemerkte mit einem leicht fragenden Ton: „Er scheint etwas leichter geworden zu sein?“ Er nahm seinen Rucksack und verabschiedete sich.
Auf dem Weg nach draußen winkten ihm die beiden an der Bar lachend zu. Als er über die Schwelle ging, bemerkte er aus dem Augenwinkel, dass die Bank leer war.


