Formel Goth: Mit richtig falschen Bands subjektiv durch Raum und Zeit

Neulich entfachte am Rande eines anderen Themas hier im Blog wieder die Frage, was eigentlich „richtige“ Gothic-Bands sind. Keine Angst, diese Ausgabe der Formel Goth ist nicht angetreten, um Euch Musik von „richtigen“ Bands zu präsentieren, wobei sie im Grunde ja eigentlich auch nicht falsch sind, wenn man dann das Gegenteil erwarten würde. Jedenfalls nach meiner Definition. Warte mal, ich muss aufpassen, was ich schreibe. Definition wäre zu weit gegriffen, denn das könnte ja heißen, ich habe hier ein geheimes Rezept, das helfen könnte, uns endlich wieder abzugrenzen. Vor allem von den „Kasperbands“ über die man sich dieser Tage echauffiert. Tja, blöd gelaufen. Auch diese Formel Goth ist von meinem subjektiven Geschmack durchzogen, mit meinem visuellen Anspruch getränkt und anschließend in der Flamme, die sich aus der Leidenschaft neue Sachen zu zeigen nährt, gebacken. Wobei es diesmal eine Ausnahme gibt. Da fand ich einfach die Idee so nett. Wer findet sie?

Deathdrift – Incending Night

In einer langen Nacht der Isolation geboren…“ klingt zwar pathetisch, entspricht aber der Wahrheit, denn die Band „Deathdrift“ wurde 2020 während des Lockdowns gegründet. Das Post-Industrial-Duo aus Köln – das auch im Titelbild dieses Beitrags zu sehen ist – mischt „SHs minimalistische Synthie-Melodien mit DSs eindringlicher Stimme, die zwischen zackigen Growls und warmen Bariton zu einem hypnotisierenden, musikalischen Art Noir verschlingen, während der Teufel im Detail lauert.“ Das haben sie jedenfalls in ihrer Bandbeschreibung so formuliert, die dem gerade auf Bandcamp erschienen Album „Liminal Nocturnes“ beiseite steht. Bandmitglied Sebastian outet sich als Leser dieser Seite, die ihm schon einige Male „die Nacht gerettet“ hat. Auch wenn Deathdrift meinen persönlichen Geschmack nicht trifft, so glaube ich dennoch, ihr wirklich düsterer Sound so manchen Hörer in eine atmosphärische Wohlfühl-Apokalypse begleiten dürfte.

Kompromat – Niemand

Für mich hört sich Deutsch ziemlich sexy an.“ Rebeka Warrior und DJ Vitalic bilden das französische Elektro-Duo „Kompromat“, das aus einer gemeinsamen Liebe zum Coldwave entstanden ist. Rebeka Warrior, die eigentlich Julia Lanoë heißt, antwortet auf die Frage der Frankfurter Rundschau, warum sie denn in Deutsch sänge, obwohl ihrer Muttersprache doch eine gewisse Erotik innewohnt, den eingangs zitierten Satz und ergänzt: „Viele meiner Landsleute halten Deutsch ja für eine unhöfliche Sprache. Diese Meinung teile ich aber nicht.“ Ich teile mit Euch meine Meinung, dass ihr Album „Traum und Existenz“ ziemlich großartig klingt und auch künstlerisch ein Hingucker geworden ist. Wie zum Beispiel das Video zum Stück „Niemand“. Ich bin auf jeden Fall sehr stark Kompromatiert.

BS Oldschool & Friends – Subcultures United

Der Kulturverein „BS Oldschool e.V.“ aus Braunschweig schrieb mich neulich an, mir das Lied „Subcultures United“, an dem unter anderem Tankard, Coppelius und Reliquiae mitgewirkt haben, anzuhören und den Gedanken dahinter zu teilen. Klar, machen wir doch: „Wir sehen das Lied als Motivator für die Post-Corona Zeit an. Es soll den Zusammenhalt der Szene thematisieren, damit das Veranstaltungsleben mit Konzerten und Partys wieder durchstartet, weil nur Live Konzerte und das Besuchen der Events alle aus der Misere holen kann.“ Die Ausdrucksstarke Darbietung des Herren im grünen Oberteil täuscht über meine eigene Inkompatibilität mit dem Sound hinweg und macht daraus ein gelungenes Statement. Find ich gut – Jedenfalls das Statement. Auch gut finde ich, dass der Kulturverein regelmäßig schwarze Partys in Braunschweig veranstaltet. Guckt mal vorbei!

Riki – Napoleon

Willkommen im Wurmloch in die 80er. Klingt genau so und verströmt den Charme des ungehörten. Niff Nawor, die vorher bei Crimson Scarlet – einer Band die eher dem Deathrock zugetan ist – spielte, hat 2017 eine EP mit dem Titel „Hot City“ herausgebracht, die sich vor allem mit dem Stück „Böse Lügen“ in meine Gehörgänge gebohrt hat. 2020 hat sich dann ihr Debütalbum „Riki“ herausgebracht. Niff hat ein paar Jahre Deutsch studiert und hier auch ein paar Monate verbracht – daraus resultierte dann auch ihr Song „Böse Lügen„. Hoppla. Hoffentlich ist der Song nicht inspirativ daraus entstanden, was sie hier gefunden hat. Nichts desto trotz gibt es dann aber hier ein bisschen Video mit der Protagonistin und ihrem Stück „Napoleon“, das auch auf ihrem Debütalbum zu hören ist. 2021 brachte sie ihr Album „Gold“ heraus, das zwar inhaltlich weiterentwickelt hat, aber leider im Schatten des Debüt zu stehen scheint.

IC3PEAK – Worm

Die im Exil musizierenden Künstler der russischen Band IC3PEAK haben sich offensichtlich mit dem Australier „Kim Dracula“ zusammengetan, der TikTok mit seinem Cover des Lady Gaga Songs „Paparazzi“ im Sturm eroberte, und den Song „Worm“ herausgebracht. Wen wundert es da, dass das ziemlich gelungene Video im typischen TikTok Format erscheint. Schade ist allerdings, dass der Song gerade dann, wenn er zu fruchten scheint, auch schon wieder vorbei ist. Halten wir uns an der erstaunlichen Tatsache fest, dass man auch in den tiefsten USA zwischen Kunst und Politik unterscheidet und IC3PEAK mitten in Texas russisch singen lässt.

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das H.Gen
das H.Gen(@hagen)
Vor 10 Monate

Mein lieber Onkel Otto oder sollte ich lieber sagen Onkel Robert, da ist ja von „klingt interessant“ bis „Heiland im Himmel was ist das“ mal wieder alles mit dabei. Aber es zeigt auch mal wieder wie viele unterschiedliche Einflüsse die Szene ausmachen.

Blackangel
Blackangel (@guest_62855)
Antwort an  Robert
Vor 8 Monate

hm, also rammstein und scooter zb sicherlich nicht, da sind wir uns einig oder ? aber sieht und definiert jeder anders.

Blackangel
Blackangel (@guest_62613)
Antwort an  das H.Gen
Vor 9 Monate

Bands wie: The House of Usher, Angels of liberty, Clan of Xymox, The Frozen Autumn etc. sind für mich die wahren, und echten Gothbands, die die ursprünge, und die seele des Gothic noch bewahren, meiner auffassung nach, alles andere vor allem das doofe Techno und NDH gestampfe mit sicherheit nicht.

Daniel
Daniel (@guest_62539)
Vor 10 Monate

Ich freue mich so sehr, dass Kompromat hier auch Gehör findet. Auch wenn das Album schon drei Jahre alt ist, kann man es immer noch entdecken. DJ Vitalic ist ohnehin ein Meister subversiver Diskomucke.

Daniel
Daniel (@guest_62559)
Antwort an  Robert
Vor 9 Monate

Habe die CD ja auch weiland besprochen ;) Verfolge Vitalic ohnehin schon eine lange Zeit, weil er einen sehr guten Stil hat. Das ist immer noch ein genialer Song von ihm, aber das ganze Oeuvre sollte man sich zu Gemüte führen.

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Vor 10 Monate

Riki trat sogar letztes Jahr beim WGT auf!

Thebunneh
Thebunneh (@guest_62552)
Vor 9 Monate

Optik und Sound von Deathdrift ist so absolut meins. Danke für die Empfehlung. Erinnert mich an so viele meiner Helden und ist doch so was ganz Eigenes. Da muß0 ich doch mal wieder ’ne CD ordern…

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