Deine Lakaien – Indicator: Älter, weiser und immer noch Kämpfer

Man sagt, Gegensätze ziehen sich an. Und so finden Alexander Veljanov und Ernst Horn nach Solo-Pfaden wieder den gemeinsamen Weg ins Studio und veröffentlichen nach 5 Jahren endlosem Warten ihr neuntes Studioalbum „Indicator“. Als Motor einer neuen deutschen Avantgarde setzten sie immer wieder neue Impulse, indem sie schnörkellose und kühle Elektronik mit klassischen Elementen vermischten und daraus den heute so typischen Lakaien-Sound formten. Über die, für die Lakaien ungewöhnlichen Single-Auskopplung „Gone“ habe ich ja bereits gebloggt – entsprechend gemischt waren meine Erwartungen beim Hören ihres neuesten Albums. Und um das vorweg zu nehmen, ja – Gegensätze ziehen sich an, schon seit über 20 Jahren.

Das Album beginnt mit dem Stück One Night wie man es erwarten würde und dennoch versprüht das Stück eine subtile Frische, die den musikalischen Stempel des Kapellmeisters Ernst Horn tragen, schon mit dem ersten Stück zeigt man, das hier zusammenspielt was zusammengehört. Mit Who´ll save your World trägt man die klanglichen Aspekte gleich wieder mit und untermauert es mit einem sozialkritischen Aspekt des Textes, das Stück entwickelt sich musikalisch und lässt die Experimentierfreude an neuen Instrumenten und Klängen erkennen.

Mit dem Stück Gone präsentieren die Lakaien ihre gut gewählte Auskopplung, die sich trotz der Einzigartigkeit von Gesang und Klang in einem schicken Elektro-Sound mit treibendem Beat bewegt und durchaus poppige Attitüden aufweist. Es erzählt von dem Glauben, sich immer bewegen zu müssen und zu viel zu schnell erreichen zu wollen. Vielleicht vermischt sich hier eigene Erfahrung mit einem gut gemeinten Ratschlag.

Betrachtet man die drei Stücke in Reihenfolge so wird unwillkürlich eine gewisse Entwicklung deutlich, die mit „Gone“ ihrem Höhepunkt erreichen möchte. Doch Immigrant ist eine klangliche Kehrtwende und zeigt, das man auch anders kann. Es konzentriert sich auf die elektronischen Aspekte und verwandelt sich in seinem Refrain zu einem emotionalen Rundumschlag. Obwohl ich das Grundkonzept des Songs gut finde, gehen mir die Staccato artigen Einlagen und das meditative Gesummen zuweilen auf den Zeiger. Für mich ein schwieriges Stück.

Nachdem man mich so geschickt in neue Lakaien-Sphären geführt hat, kehrt man mit Blue Heart wieder zu gewohnten Sound. Schön finde ich die Kombination aus dem klassischen Grundtenor der Strophen, der im rhythmischen Refrain eine regelmäßigen Höhepunkt feiert. Europe ist für mich das musikalische Highlight des Albums. Was zunächst auffällt ist die französische Eröffnung des sprachlich gemischten Stückes. Der Groove ist für mich ein Meilenstein und für ein für die Lakaien ungewöhnlicher Mix aus südeuropäischen Einflüssen, 80er Jahre inspirierten Synthie-Teppichen, einem wirklich fetten Electro-Beat und immer wieder Ausflügen in wavige Gewässer. Großartig. Das Teil wird so was von auf der Tanzfläche abgehen, Bodenwedler und Totengräbertänzer inklusive.

Along our Road schafft Zeit, den schweißtreibende Beat des Vorgängers Zeit trocknen zu lassen. Es erinnert mich an Alexander Veljanov als Solo-Künstler während sich Tüftler Horn im Hintergrund hält. Der Text ist direkt und erzählt von großen Emotionen die auf die über 20 Jahre Musik zurückblicken „Older, Wiser, still we are these Fighters.“ bringt wohl die Gedanken der Beiden auf den Punkt. Without your Words schleicht sich als Liebeserklärung in meine Ohren, die schöner nicht sein könnte und mit der Zeile „no Poem without your Words“ zusammenfasst, was das Stück auszudrücken versucht. Einfach schön.

In einem sehr aufschlussreichen Interview mit der Fanbase Colour-ize, appelliert Veljanov an die Inhalte der Musik und spricht mir damit aus der Seele: „Es ist ja auch das Wichtigste, dass die Musik die Chance hat, an die Ohren der Menschen zu gelangen. […] Es geht nicht darum, irgendwelche kultigen Leute zu bedienen, die glauben, je abgefahrener etwas ist, desto cooler und bla, bla… Sorry, aber wenn wir nichts mehr zu sagen haben, dann halten wir den Mund! Aber wir haben was zu sagen! Entweder man will was hören, oder man will nichts hören. Es gibt ja auch sinnentleerte Musik, oder kalkulierte Musik. Bei uns ist halt kein Kinderchor an der Stelle, wo die Tränen fließen sollen.

Six O’Clock greift die Ideen von „Immigrant“ und „Europe“ klanglich wieder auf und schleicht sich minimalelektronisch und derbe in den Vordergrund. Go away bad Dreams vertreibt die schlechten Träume mit einem wirklich interessant arrangierten Song, in dem immer wieder Elemente aus Horns Projekt HeliumVola durchblitzen und zeugt von seinem großartigen Gespür ungewöhnliches und klassisches in Szene zu setzen ohne das langweilig oder unpassend erscheint. On Your Stage again ist den Fans gewidmet, die den Lakaien auch abseits des Mainstream treu bleiben. Mit The old man is Dead wählte man ein würdigen und ungewöhnlichen Ausklang, der förmlich danach schreit erneut gehört zu werden weil man sonst fürchten müsste, nicht jede Feinheit daran auszumachen. Eine abstruse Geschichte über einen Kriegsveteran voll mit Geräuschen und klanglich Soundtropfen.

Fazit: Die abwechslungsreiche Mischung aus sanften, mittelalterlich bis sphärischen Liedern und treibenden, stampfende und rhytmischen Stücken knüpft nahtlos an die Erfolge der bisherigen Alben an. Lieder wie „Europe“ oder auch „Immigrant“ markieren ein Einflussnahme unterschiedlichster Quellen, die Deine Lakaien wieder gekonnt zu neue Arrangements zusammensetzen ohne dabei langweilig oder abgedroschen zu klingen. Es gibt kein bestes Album der Lakaien, sondern nur eine kontinuierliche und ambitionierte Entwicklung vom Dark Wave zur Electronic Avantgarde, die mit dem ersten Album begann und auch bei „Indicator“ noch nicht ihren Zenith erreicht zu haben scheint. Mit jedem neuen Album zeigt man,das es immer noch etwas besser geht. Meine Anspieltipps: „Who´ll save your World“, „Gone“ und „Europe“.

Das Album erscheint am 17.09.2010 und kann bei amazon.de bereits bestellt werden, weitere Informationen findet man auch der Homepage der Lakaien, darunter auch die Termine für die bevorstehende Tour, die am 3. Oktober in München beginnt.

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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stoffel
stoffel (@stoffel)
Vor 10 Jahre

Du sprichst mir wieder einmal aus der Seele :)

Deinen Anspieltipps (wie Deinem gesamten Beitrag) kann ich nur zustimmen, wobei ich „Go Away Bad Dreams“ und „Young 2010“ hinzufügen möchte … beide Stücke haben mich wie die 3 bereits genannten sofort gefesselt.

Ich habe mir das Album über iTunes gekauft und es gab bei der „Deluxe Edition“ 2 unterschiedliche Videos des Stückes „Gone“. Einmal „White Version“ (die Du hier bereits vorgestellt hast) und die „Black Version“. Beide finde ich sehr schön umgesetzt, wobei ich doch etwas „sparsam“ geschaut habe als Vel­ja­nov mit dem Gesicht an der verregeneten Scheibe herumschubberte ;)

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