29 Juni

Wochenschau #4/2017 – Die haben doch den Dislike Button vergessen!

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Spontis WochenschauWir sind Inszenierungstrategen. Viele von uns verbringen den Tag damit, unserem Gegenüber ein ideales digitales Selbstbild zu suggerieren. Auf Facebook, Twitter und Instagram verteilen wir immer neue Inhalte von uns selbst, die wir beeinflussen, steuern und kontrollieren um das Bild, das andere von uns haben sollen, nicht zu trüben. Wir inszenieren uns sogar, wenn es uns schlecht geht, wenn wir angreifbar sind und verletzlich sind. Wir schreiben unsere Gedanken, unsere Meinungen und Ängste in die kleine Zeile bei Facebook die so höflich fragt: „Was machst du gerade?“ Wenn wir uns doch nur daran halten würden. Doch anstatt die Frage mit Bildern von der Heimfahrt im Bus, vom aktuellen Song der Playlist oder dem gerade gelesenen Link zu beantworten, fangen wir an uns über unsere Nachbarn auszulassen, posaunen unsere Meinung über Homoehe in die Welt hinaus oder halten es für nötig einfach mal das Gegenteil von dem zu behaupten, was die Freunde gerade so denken. Ich merke immer wieder, dass man bei all diesen Dingen den Dislike-Button vergessen hat.

Ach was wäre das schön, wenn wir uns nur äußerlich inszenieren würden! Nein, anstatt dessen spüren wir einen Zwang, uns auch innerlich zu inszenieren. Wie tolerant wir sind oder auch wie intolerant wir sein können. Wie mitfühlend wir gegenüber dem Anderen sind oder wie deutlich wir ihm sagen können, er solle sich zusammenreißen. Und bevor jetzt einer den Zeigefinger erhebt, weil ich ja im Grunde genommen genau das in meinem Blog auch mache: Ich darf das! Nicht weil meine Meinung besonders toll ist, sondern weil ich zumindestens ein paar interessante Links mitliefere und der Meinung so einen gewissen Inhalt spendiere:

  • Neue Musik von der „ernsten“ NDW | Deutschlandfunk

    Die 80er sind geprägt von der Neuen Deutschen Welle, dieser feuchtfröhlichen Gute-Laune-Musik mit ihren unbeschwerten und verspielten Texten, mit immer lächelnden Protagonisten und Dauerplätzen in den deutschen Charts. Doch die Energie, die dahinter steckte, kam von weiter unten, aus dem Untergrund. Bands wie Malaria!, FSK oder auch der Deutsch Amerikanischen Freundschaft spielten eine neue deutsche Welle, die deutlich ernster und gehaltvolle um die Ecke bog und weniger Menschen zugänglich erschien, als Marcus mit seiner Taschenlampe. „Er gibt immer noch Gas – aber vorbei ist der Spaß. Markus, ein klassischer Vertreter der INDW. INDW steht für Industrielle Neue Deutsche Welle, und das war die Antwort auf die ONDW, die Original Neue Deutsche Welle. Zu dieser ONDW gehören Ende der Siebziger genau die Bands, die in diesen Tagen wieder auftauchen: Die Deutsch-Amerikanische Freundschaft und Der Plan, FSK und Gudrun Gut. Damals sind sie Untergrund-Phänomene in keinem Feuilleton erwähnt.

  • Siouxsie Sioux at 60: more than a monochrome goth-pop priestess | The Guardian

    Vor rund einem Monat ist die urigsten aller Urgoten 60 Jahre alt geworden. Siouxsie Sioux, die nicht nur ein musikalischen Genre entscheidend prägte, sondern gleich eine ganze Subkultur stylistisch inspirierte, ist in die Jahre gekommen. Sie ist genervt von der ewig düsteren Schublade, in die sie gesteckt wird und findet, das jede Schublade die Fäden der anderen Einflüsse, aus denen sie ihre Musik zaubert, abschneidet und zur Bedeutungslosigkeit verkommen lässt. „What I really resent about people sticking labels on you,” said Siouxsie Sioux in 2004, “is that it cuts off the other elements of what you are, because it can only deal with black and white: the cartoon.” This sometimes threatens to become the legacy of Sioux, who turns 60 tomorrow: to be fixed in time as the aloof monochrome priestess who defined a subculture. “I hate all that,” she grumbled to the Guardian in 2005, while discussing her tiresome reign as “the queen of goth”.

  • To mark World Goth Day, Kashmira Gander explores the origins of a misunderstood but enduring subculture | Independent

    Nicht tot zu kriegen, diese Szene. Das liegt wohl hauptsächlich daran, das sie so vielen Menschen Zugang bietet, auch abgesehen von Kostümen und Karnevalisten. Eine dunkle Seite hat jeder, die Szene bietet einen Platz, damit zu spielen. So erscheint auch der World Goth Day, der am 22. Mai stattfand, im Grunde genommen überholt, denn der Szene mangelt es beileibe nicht an neuer Musik, neuen Inhalten und ambitionierten Nachwuchs, auch wenn der nicht immer aus den Pfaden einer Jugendkultur zu kommen scheint. „Most pop subcultures are doomed to die – or if not, to persist in tragic parody like a bunch of middle-aged mods at a Butlin’s reunion. Quite right, too. They tend to coalesce around clusters of young people in reaction to the prevailing zeitgeist, then fade away as the object of rebellion changes, and time spent preening and building a music collection is eaten up by responsibilities. And before you know it, you’re an adult.

  • Jugend ohne Kult: Die ersten Gruftis pilgerten vom Franz zum Conny | Mein Bezirk (Österreich)

    Die schwarze Szene ist nach wie vor in Wien zu finden, doch auch schwelgt man gerne in Erinnerungen an die guten alten Zeiten, in denen die Musik noch so klang, wie sie klingen musste. „WIEN, Mitte der Achtziger: In einem Kaffeehaus in der Schönbrunner Straße 285 in Meidling wird die Melange auf einem kleinen Silbertablett mit einem Wasserglas serviert, Zeitungen hängen in Holzrahmen an den Wänden und ein Billardtisch im Hinterzimmer lädt zu einer Partie Pool ein. Die Luft ist verraucht, der Kellner unhöflich – alles ganz so, wie man es sich von einem Wiener Kaffeehaus erwartet. Nur die Gäste sind alles andere als typische Kaffeehausbesucher. Statt alter Männer mit kleinen Hunden und Schulschwänzern besteht das Publikum aus sehr bleichen, schwarz gekleideten Menschen, die ihre blauschwarz gefärbten Haare zu Vogelnestern auftoupiert haben. Als Schmuck hat die illustre Runde große silberne Kreuze, Rosenkränze und Spinnenohrringe angelegt.“ Sehr interessant in diesem Zusammenhang sind auch die Artikel Jugend ohne Kult: Wo sind die Mods, Punks und Gruftis?  und Jugend ohne Kult: Die Achtziger sind kein Mythos, es hat sie wirklich gegeben die in dieser Serie einen sehr intensiven Einblick in die Wiener Szene geben und nicht nur für österreichische Leser eine interessanten Lektüre sein dürfte.

  • Cats, Goths & The Sisters Of Mercy: An Audience With Andrew Eldritch | Team Rock

    „Ich mache Musik für mich, nicht für Euch.“ – Andrew Eldritch und die Sisters of Mercy sind ein Phänomen, irgendwann in den frühen 90ern entschloss man sich, keine Musik mehr in die Rachen der Musikindustrie zu werfen. Und bei diesem Entschluss ist Eldritch bis heute geblieben. „It’s been 22 years since the last Sisters album, Vision Thing. Are you any closer to releasing a new album? We record bits and pieces from time to time, but we never get around to finishing them, so I don’t think a new album is uppermost in our thoughts. Making an album requires a lot of time and nervous energy and a little bit of money. And I’m not sure my lads want to be tied up for that long doing that – with no prospect of recompense at the end of it. We’re one of the few bands that can sell concert tickets without having to put out an album, so the usual motivation doesn’t apply. With the music industry imploding, it’s hard to see why putting out an album would make much sense. And I don’t have the existential need to do so.“ Obwohl aus dem letzten Jahr, ist das eines der ehrlichsten Interviews, die Eldritch gegeben hat. Enttäuschend für die Fans, die weiter (vergeblich) auf neue Musik warten und dennoch sympathisch genug um festzuhalten, dass der Mann Courage hat – auch wenn er für eine solche Haltung priviligiert wurde.

  • Aus der Punk! | Rheinische Post Online

    Für den Oberbürgermeister gehört der Punk genauso zu Düsseldorf wie die Kö. Eine treffende Analogie, die man im Rathaus gleich mit einer Ausstellung feierte. Die RP schrieb treffend: „Das System hat eingeladen, die Systemlosen zu feiern. Vier Wochen lang wurden Nietengürtel und Igelfrisuren zum Kulturgut erklärt. Unterdessen sitzt Jensen, der so heißt, weil das mehr Sound hat als Jens, wie jeden Tag mit seinem Blechbecher auf der „Kapu“ und fragt Passanten: „Wirfste was rein? Magste was Spenden?“ Das mag aber niemand. Schnorren, sagen die Punks, gehört aber eben zum Punk dazu. So wie sein leiser Abgesang.“ Punks wirken heute wie eine durcherklärte Phase, die junge Menschen für ihre Rebellion benutzten. Doch heute sind einem die Punks in der Innenstadt peinlich. Schnorren und Biersaufen. Das scheint übrig geblieben vom Kampf der entmündigten Jugend gegen den Staat, die Spießer und die Nazis. Die toten Hosen, einst das Punk-Aushängeschild der Stadt, müssen sich heute dagegen wehren, dass ihre Musik auf den Parteitagen konservativer Parteien gespielt wird. Aber so ist das eben mit dem System. Schwimmst du einmal mit, musst Du dich nicht wundern wenn auch komische Kinder vom Beckenrand springen. (Danke, Rabe!)

  • „Torture Ship“ am Bodensee SM-Szene feiert in bizarren Kostümen | Stuttgarter Zeitung

    Liebe Pferde vom WGT, liebe Kampfanzugfetischisten, Uniformträger und Gasmaskenliebhaber! Ich müsst Euch nicht bei der schwarzen Szene verstecken, ihr könnt auch ganz eigene Sachen auf die Hufen, entschuldigung, Beine stellen. Sowie das Schiff der Qual auf dem Bodensee: „Mit ausgefallenen Kostümen aus Lack, Leder und Latex haben am Samstagabend hunderte Menschen auf dem „Torture Ship“ am Bodensee gefeiert. Das Tanzschiff besuchen jedes Jahr zahlreiche Fans etwa aus der Fetisch- und der Swinger-Szene. Das wiederum lockt regelmäßig Schaulustige in die Häfen von Friedrichshafen und Konstanz, die die Teilnehmer bestaunen. Die zeigten am Samstag viel nackte Haut – oder aber gar keine und dafür umso mehr Leder und Latex.“ Wäre das nicht klasse? Ich meine, die blöden Gruftis nerven doch, oder nicht? Und beim Anlegen bekommt ihr genausoviel Aufmerksamkeit wie vor der AGRA oder der Moritzbastei.

  • Drunk, Stupid and Goth | Vendemmian

    Das Universelle Video für die meisten Unmöglichkeiten während der laufenden Festival-Saison. Einfach mal nicht Antworten suchen, wo keine zu finden sind, sondern zurücklehnen, Kopfhörer versenken und die bohrenden Fragen von jemand anderem beantworten lassen:

  • Ein Instrument, gebaut um Horror-Soundtracks zu erschaffen: Nightmare Machine | KFMW

    Wenn man erstmal weiß, woher die ganzen Geräusche aus so einem Horror-Streifen kommen, wird er nicht mehr ganz so gruselig. Oder habt ihr Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ schon mal ohne Ton gesehen? „Der Filmmusik-Komponist Mark Korven, der unter anderem für die Sounds bei „Cube“ oder „The Witch“ zuständig war, hat sich mit Gitarrenbauer Gitarrenbauer Tony Duggan-Smith zusammengetan und ein Instrument entwickelt, das jede Kakophonie eines echten Albtraums spielen kann: The Apprehension Engine.

  • Letzte Stunde vor den Ferien: Die Physiker | NEO Magazin Royale

    Mit der deutsche Sprache war ich schon immer auf Kriegsfuß. Ich habe mich mit der Grammatik auseinandergelebt. Wir passen einfach nicht zusammen. Gut, wir haben uns nicht unter den besten Umständen kennengelernt, damals in der Schule. Da wollte ich eigentlich nur Musik, Freibad und die Haare so wie Martin Gore. Trotzdem habe ich ernsthaft versucht, „Die Physiker“ oder „Die Judenbuche“ ernsthaft zu lesen. Im Freibad und mit Walkman. Alles nur, um diese doofe Inhaltsangabe zu verfassen. Mir ging es damals so, wie Photoshop-Phillip aus dem NEO Magazin Royale. Die haben übrigens noch weitere Werke der deutschen Literatur kurz verfilmt. Großartig, wenn ihr mich fragt. Hätten wir damals schon sowas gehabt.

7 Kommentare

  1. Liebe Pferde vom WGT

    Ahhhhh! xD

    Verzeihung, dass ich nichts substanziell beizutragen habe aber das hat mich jetzt zum Lachen gebracht. Glaubst du sie lesen mit und siedeln nun um auf den Sado-Maso-Kahn?

  2. „I don’t think a new album is uppermost in our thoughts.“

    Aus diesem Grund ist mir Andrew Eldritch sogar sympathisch. Er sagt klar was fakt ist, im Gegensatz zu Carl McCoy der mit irgendwelchen mythischen Geschwurbel jedes Jahr erneut eine Ankündigung setzt das angeblich was in Arbeit sei. Mittlerweile lassen sich die Fans nicht mehr verarschen Carl der Zug ist abgefahren.

  3. @Julius: Ich hoffe es vielleicht ein bisschen. Manchmal bin ich erstaunt, in welchen Kreisen Informationen aus diesem Blog landen! Ich habe ja nichts gegen Pferde oder Menschen, die gerne Pferde sein wollen. Ich wollte nur freundlich darauf hinweisen, dass es irgendwo eine Weide gibt, auf der noch andere Exemplare grasen ;)

    @NorthernNephilim: Ja, auch für mich kam dieses Interview erfreulich ehrlich rüber. Besser, die Fans wissen, dass sie aufgewärmte Songs zum Geldverdienen serviert bekommen, als dass man ihnen vorgaukelt, dass es ein „künstlerischer Prozess“ ist.

  4. Natürlich ist es so, daß man auf die Frage, was man gerade so macht, immer eine ausweichende Antwort parat hält, quasi als Alibi, denn zugeben, daß es einem gerade langweilig ist, und man schliesslich anstatt zu Chillen (oder Unsinn in fb zu verbreiten) auch besser den Müll raus bringen könnte, tut man besser nicht. Hat man schliesslich schon im zarten Alter gelernt, immer etwas Besseres und Wichtigeres zu tun zu haben, wenn Mama den Kopf zur Tür rein steckte und genau diese lauernde Frage stellte: „Was machst Du gerade?“
    „Nix“ oder „ich schreibe gerade Unsinn in fb“ sind da natürlich dumme Antworten, denn letztendlich läuft es darauf hinaus, doch noch den Müll hinaus zu bringen, oder Abwasch zu machen, oder den Rasen mähen zu müssen. Soweit, so „gut“, zur „Höflichen Frage“, höhö…
    Tja, lieber Robert, und deswegen ist das wohl in fb so, daß jeder gerade etwas anderes macht, als seine vollste Konzentration auf seinen fb-Beitrag zu lenken, und deswegen kommt da letztendlich auch soviel Unausgegorenes dabei rum, wenn man gerade multitaskend Kartoffeln schälend über Verschwörungstheorien nachdenkend sein Kostüm für das nächste WGT raussuchend den Nachbarn disst und das via fb die Welt wissen lässt.
    „Dislike“-Button, ja, hätte ich auch gerne, obwohl ich mit fb nicht viel zu tun habe, aber im „wirklichen Leben“ auch eine gute Idee, so als echter, realer Aufkleber. Der würde sich auf einem Pferdehintern doch prächtig machen, oder? (da fällt mir ein: sowas gibt’s ja in der Tat schon, in Form von „Scheisse geparkt“-Aufpäppern, die jeder innerstädtisch domestizierte Autobesitzer im Repertoire in seinem Handschuhfach mitführen sollte…). Also, so ganz nach dem Motto der legendären (Post-) Punk-Band Mission Of Burma agieren: „That’s when i reach for my dislike-button“ (das verinnerlichte Moby übrigens später auch noch…) – und alles wird grüner Bereich. Und ja, wahlweise „Scheisse geparkt“-Aufkleber gehen zur Not auch – und können auch durchaus auf einem Pferde-Transporter platziert werden, nicht nur in Leipzig…

    Aber schauen wir doch mal, was ich gerade so mache (ich schwöre, ich habe aber gerade keine „Scheisse geparkt“-Aufkleber in der Schreibtischschublade…):

    „World Goth Day“, na den hat die Welt nun aber wirklich gebraucht, neben Vater- und Muttertag, Weltspartag, dem Welttag des Nutellabrots und dem Tag des umgefallenen Sack Reis wirklich unverzichtbar. Aber warum an solch einem willkürlichen Datum? Würden sich da Totensonntag, Rosenmontag oder St. Nimmerlein nicht besser machen?
    Immerhin ist Mrs. Ballions Geburtstag immer am gleichen Tag, und das schon stolze 60 Jahre lang, na denn, Glückwunsch olle Tante Susi, und Daumen hoch für den treffenden Kommentar „I hate all that“. Was ich nur allzu gut nachvollziehen kann…

    Tja, das Erscheinungsdatum der letzten Sisters-VÖ ist jetzt auch schon etwas her, und Recht so, Herr Eldritch, nur Mut, setzen Sie’s um, und machen Musik fürderhin nur noch für Sie alleine, so im stillen Kämmerlein. Das würde uns diese traurige Nummer ersparen, mit der Sie immer wieder mal herumtingeln, und sich quasi als eigenes Abziehbild einer Art Sisters-Coverband präsentieren. Am Ende noch „Revival“-selig wie z.B. sowas wie die Spider Murphy Gang, diese unzähligen Prog-Cover-Klonen von Pink Floyd & Co., oder doch so am Puls der Zeit wie die Rolling Stones? Nun, Herr Eldritch, Ihre Entscheidung…

    Was uns zu den ganz offenbar nicht nur für sich musizierenden Herren von den Toten Hosen führt. Nein, beileibe nicht, die Hosen sind für alle da, ob kleinkariert, zu eng oder verwaschen, wenn nicht gar wischi-waschi. Aber da gehören sie auch hin, wenn’s sein muß auch auf Parteitage. Und da ist jeder jeglicher politischer Couleur denkbar – und das würde mich nicht zu arg wundern…
    Wenn in 100 Jahren mal die Geschichte der deutschen Pop-/Rockmusik verfasst wird, so dürften die Toten Hosen als „Allgemeingültig“ (hehe…) aufgefasst werden können, wenn nicht gar als DIE allgemeingültigste deutsche Band ever (was sie wohl jetzt schon sind…). Sie tun’s nämlich für jeden, den Deutschrock-Fan, den Formatradiohörer, den Stadionrock-Event-Geher, den Protestwähler aller Art, und den Kumpel/Genossen/Kamerad von nebenan. Oder wie heisst’s so schön (auch wenn’s Campino & Co. jetzt wieder mal nicht wahrhaben wollen…): „‚Punk‘ ist für dich nicht nur graue Theorie, zwischen Freiwild und den Onkelz passt immer eine Hosen-CD…“

    Hmmm, bevor ich jetzt Mama, ähhh…, meiner Frau sage, daß ich doch noch den Müll raus tragen werde, pappe ich noch einen „Scheisse geparkt“-Aufkleber (Ha, habe doch noch einen auf dem Schreibtisch gefunden…) auf den einen oder anderen Domina-Kaffeefahrt-Dampfer.
    Ahoi!

  5. @T.S.: Was Du so alles auf deinem Schreibtisch findest… Mich dünkt jedenfalls, du bist kein Fan der Toten Hosen und hast den Alt-Punks jeglichen Einfluss abgesprochen. Die Frage lautet: Wo ist der Punk 2017 geblieben? Ich bin der Überzeugung, dass es ihn noch gibt, den Punk. Er sieht nur anders aus. Irgendwo schlummern sie in links-autonomen Zentren, engagieren sich, stellen Ding auf die Beine und formen ein Stückchen von ihrer besseren Welt. Ich frage mich in dem Zusammenhang des Artikels, ob man nicht blind geworden ist für „Punk“ und anstatt dessen die Leute mit den Nieten-Lederjacken und bunten Iros sucht. Was ich persönlich so verwerflich an diesem Bild der RP-Online finde, ist, dass Punk genau darauf reduziert wird. Auf Jensen, der irgendwo in der Ecke sitzt und schnorrt. Die Toten Hosen stehen für mich am anderen Ende dieser Kette. Die können zwar ganz großartig über den Punk erzählen, haben ihn aber selbst verloren. Irgendwo zwischen Hofierung, Überfütterung und Parteitagen. „Domina-Kaffeefahrt-Dampfer“ *hihihi* :)

  6. @Robert:

    Die Frage lautet: Wo ist der Punk 2017 geblieben?

    Kann ich Dir sagen. :-) Nämlich rund 500km von Düsseldorf und Campino entfernt. Und genauso erfolgreich im Mainstream. Hier bei uns im beschaulichen Chemnitz, da gibt es ihn noch – den guten alten Punk! Wie Du richtig sagst: Er sieht tatsächlich anders aus. Wer sich jetzt fragt: Häh? Kraftklub? Punk? Genau eben Kraftklub! Nicht nur legitimiert durch den familiären Background von Felix und Till, sondern sie sind eben hier in Chemnitz aufgewachsen. In den 90ern. Felix hat in einem Interview mal sehr richtig gesagt: „Wenn Du in den 90ern in Chemnitz aufgewachsen bist, warst Du entweder Zecke oder Fascho.“ Es war tatsächlich so. Und diesen Background hört man in jedem einzelnen Text heraus. Nicht mit den Vorschlaghammer, sondern ganz hintergründig, zwischen den Zeilen und dann umso mehr packend. Und Kraftklub singen nicht nur drüber, die Band und deren Umfeld hat in den letzten Jahren schon recht viel für die Jugendkultur hier in Chemnitz getan.

  7. Tja Robert, jetzt könnte man fatalistisch, apokalyptisch, „postfaktisch“ (hehe…), mit Alu- und Peilhut bewehrt, dieser Tage behaupten, daß Punk sich seit diesem Wochenende in Hamburg selbst zerlegt hat…
    Fiel mir nur im Zusammenhang mit Deiner Passage von wegen der „besseren Welt“ und dem „schlummern in autonomen Zentren“ spontan ein.
    Aber Nein, so einer bin ich wirklich nicht, der auch jeden Verschwörungsquatsch und jedes Besserwisserherumgemeine a la fb mit herunterbetet.
    Aber wenn ich mich tatsächlich aufraffen sollte, um den Punk 2017 explizit zu finden, besser gesagt, aus dem Alltagsgeschehen herauszufiltern, so muß ich nur bis zur nächsten Strassenecke. Was heisst, als eine Art „Kulturgut“ ist Punk in einer seiner populären Ausprägungen tatsächlich zu Allgemeingut geworden, an dem sich jeder bedient, ganz nach Gusto und Erfordernis – vielleicht auch ohne dies zu bemerken und zu realisieren. Quasi ein Bestandteil der Gesellschaft geworden. Und das muß sich nun ganz und gar nicht in optischen Schlüsselreizen äussern, sondern in das alltägliche moderne Leben mit aufgesogene Gesten, Taten, Worte und Denkweisen.
    Wo wir nun doch wieder bei „Allgemeingültigkeit“ wären.
    Und wenn mittlerweile „Punk“ bereits mit allzu durchschnittlicher görenhafter Zickerei a la „Pink“ und Prollotum von veralkten Fußgängerzonen-Schnorrern in Verbindung gebracht wird, so darf auch ich mal deftig „Punk“ sein, wenn ich ganz verwegen einen Dead Kennedys-Aufkleber auf unser neues Auto der gehobenen Mittelklasse pappe, oder?
    Und dazwischen zerreibt sich der Iro und die Nietenlederjacke, irgendwo angesiedelt zwischen Inszenierung, Modeaccessoire, Fastnachtskostüm und gängig gewordener Drittliga-Fußballerfrisur.
    Und dabei kriegen wir doch (nicht ganz) eigentümlicherweise wieder die Kurve hin zu den Toten Hosen. Irgendwie passen die doch perfekt zu meinem vorhergehenden Satz. Zumindest habe ich die immer schon so wahrgenommen. Und dem Schunkeln irgendwie nie abgeneigt, auch wenn sie zwischendurch immer mal wieder die eine oder andere bemüht-verkrampfte Nummer zur Befindlichkeit des Landes ablieferten, zumindest es versuchten…
    Aber so ist das auch ein bisserl tragisch mit dem Punk in Deutschland. Um uns jetzt auch mal wieder auf die musikalischen Ausprägungen zu fokussieren. Da wurde damals oftmals irgendwie zuviel gehubert, und versucht, auch jeden Dollbohrer „einzugemeinden“: „Funpunk“, eine typisch deutsche Spezialität, eher Kirmes und Ballermann, mal an internationalen Maßstäben gemessen – und Meilenweit von Kalibern a la Dead Kennedys, The Clash, Crass, Slits oder Buzzcocks entfernt. Wobei die Dead Kennedys und Konsorten ja auch Humor hatten, aber eben keinen schenkelklopfig Stammtischmässigen…
    Und sowas wie die „Schlachtrufe BRD“ Billig-Compilations waren ja wohl auch eher Soundtrack zum gröligen Besaufen der Dorfjugend, am Besten gleich hinterher noch ein Produkt des „Rock-O-Rama“-Labels aufgelegt, diesem fragwürdigen Sammelbeckens allzu dumpfer Radaubrüder, die oftmals den Idealen des Punk spotteten…
    Natürlich gab’s (und gibt’s) auch hierzulande rühmliche Vertreter dieser Spielart des Rock’n’Roll (was „klassischer“ Punk ja schon immer irgendwie war: rotzig und schnell gespielter Rock, aber bitte ohne Experimente…), EA80 z.B., aber die waren ja auch beinahe eher schon Post-Punk und näher an Joy Division als an den Sex Pistols…
    Aber auch für mich gilt, daß ich – auf musikalischer Ebene gesehen – Punk upgedated eher in allen anderen möglichen Genres (besonders in elektronisch geprägten) wiederfinde, als bei manchen stereotypen Gitarrenpoppern, die nur so tun, als wären sie die Enkel der Ramones… (ich nenne jetzt keine Namen, aber so manche Ami-Band sollte man nicht über den grünen Klee…, äh Tag loben…)

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