Im vergangenen August haben wir auf Spontis die Band „A Shrine to Failure“ vorgestellt. Marc hat ein Interview geführt, wir haben die Musik vorgestellt und das Album „Undone“ mit ehrlicher Begeisterung empfohlen. Ein paar Monate später war die Bandcamp-Seite verschwunden, der Mensch hinter dem Projekt nicht mehr erreichbar, und in der Szene machte ein Begriff die Runde: KI.
Axel Meßinger hat in seinem lesenswerten Artikel „Wie erkennst du KI-generierte Musik?“, der auf der Geschichte rund um die Band aufbaut, einen Satz geschrieben, der auch uns betrifft: „Ein Projekt, das trotz KI-Bildern, KI-Videos und schlussendlich auch durch KI-generierte Musik auf zahlreichen Gothic-Blogs gefeiert wurde. Kritische Selbstreflexion, nachdem der Schwindel aufflog? War nur vereinzelt zu beobachten.“ Er hat niemanden namentlich genannt. Aber wir wissen, dass wir dazugehören. Und er hat recht.
In diesem vielleicht längst überfälligen Artikel erzählen wir, wie es zum Interview kam, warum wir so gehandelt haben, wie wir gehandelt haben, und was wir aus den Ereignissen und der Diskussion darum mitnehmen. Marc und ich haben diesen Text gemeinsam geschrieben, weil es uns beide betrifft – und weil diese Geschichte nur vollständig ist, wenn wir sie aus beiden Perspektiven erzählen.
Der Weg zum Interview mit A Shrine to Failure
Was jetzt folgt, ist Marcs Geschichte. Er war derjenige, der den Kontakt zur Band hergestellt hat, das Interview geführt hat – und der als Erster ein ungutes Gefühl hatte. Wir haben uns entschieden, dass er diesen Teil selbst erzählt, so wie er ihn erlebt hat:
Als regelmäßiger Hörer der Cold Transmission Mixcloud Show ist mir in einer Ausgabe ein Song besonders aufgefallen: „Defiler“ von einer mir unbekannten Band namens A Shrine to Failure. Ein Besuch bei Bandcamp zeigte, dass die Band bereits ein vollständiges Album veröffentlicht hatte. Ich habe es gekauft, am nächsten Tag auf einem Spaziergang gehört – und war sofort begeistert. Die Produktion hatte eine hohe Hitdichte, die Texte waren überdurchschnittlich gut geschrieben und schmiegten sich fast perfekt an die Melodien.
Noch voller Begeisterung habe ich Andreas von Cold Transmission angeschrieben: Tolle Musik in deiner neuen Show – ist das nicht zu schön, um wahr zu sein? Damals war das eher ein Kompliment als ein Verdacht. Ein Bauchgefühl, das ich selbst nicht ernst genommen habe. Andreas war begeistert und verriet mir, dass Cold Transmission bereits mit der Band in Verhandlung stand. Kurz darauf wurde das Signing offiziell verkündet und Andreas hatte angeboten, den Kontakt für ein Interview herzustellen.
Der Erstkontakt mit Sebastian, dem Kopf hinter dem Projekt, war freundlich. Wir vereinbarten das Vorgehen: Zuerst der Fragenkatalog, dann ein Gesprächstermin, das Ganze aufgezeichnet und transkribiert. Sebastian stimmte zu. Seine Partnerin, das zweite Bandmitglied, könne allerdings nicht teilnehmen – sie sei gerade in den USA. Als ich Alternativen vorschlug, hieß es plötzlich, sie lebe eigentlich in London und ein gemeinsamer Termin sei grundsätzlich schwierig.
Dann der Bruch: Entgegen unserer Absprache beantwortete Sebastian alle Fragen schriftlich. Bei der Übertragung fiel mir auf, dass ausgerechnet die Fragen zum musikalischen Werdegang und zur Entstehung der Texte nicht beantwortet oder geschickt umschifft wurden. Kein persönliches Gespräch, keine greifbare Partnerin, keine Antworten auf die wesentlichen Fragen, kein Interesse an Live-Auftritten. Die Puzzleteile fügten sich zu einem unbequemen Bild.
Ich konnte das Interview nicht guten Gewissens abliefern, ohne meine Bedenken zu teilen, und habe Robert in einer langen Sprachnachricht davon berichtet. Seine Reaktion war eindeutig: Auch er fand es außergewöhnlich, dass eine Band aus dem Nichts ein derart hochwertiges Album produziert, während sich andere Projekte jahrelang abrackern müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Um sicherzugehen, hat Robert das Album einem befreundeten Tontechniker zur Begutachtung gegeben. Dessen Urteil: Abgesehen vom Gesang, der nicht immer die richtige Tonlage traf, keine eindeutigen Auffälligkeiten. Kein Beweis, kein Freispruch. Warum sollte es uns anders gehen, als 97% der Menschen, die keinen Unterschied hören? Wir haben das Interview schließlich veröffentlicht – aber wir haben uns eine Hintertür offen gehalten. Nicht umsonst trägt der Artikel den Titel „Zu schön um wahr zu sein?“
A Shrine to Failure – KI-Verdacht und ein verschwundener Musiker
Von der Community wurde das Album und die Songs gut angenommen, Platten wurden verkauft, einige Songs landeten auf Playlisten. Dann der Schock. Marc stieß bei Facebook auf ein ausführliches Statement von Cold Transmission, dem Label, bei dem „A Shrine to Failure“ untergekommen war. Marc hat es mir sofort weitergeleitet. Noch bevor wir das Statement ganz gelesen hatten, war klar: Die Hintertür, die wir uns bei unserem Interview offen gehalten hatten, hätten wir früher durchschreiten sollen.
In dem Statement beschreibt das Label, wie der Kontakt entstanden ist: „Wir wurden im vergangenen Sommer auf das Album aufmerksam, das zu diesem Zeitpunkt bereits von der Band eigenständig digital über Bandcamp und Streamingplattformen veröffentlicht worden war. Die Platte gefiel uns, sie passte zu unserem Label, also haben wir den Kontakt gesucht.“ Man habe Sebastian persönlich kennengelernt und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aufgebaut. Sebastian habe die Geschichte hinter dem Projekt geteilt: „Die Entwicklung über einen langen Zeitraum, den DIY-Heimstudio-Prozess, das Erlernen von Produktionstools und die persönlichen Umstände, die das Album geprägt haben – mit zwei Menschen, die in verschiedenen Ländern leben und arbeiten.“ Dass die Band anonym bleiben und zunächst keine Konzerte spielen wollte, sei nachvollziehbar gewesen – „eine Praxis, die weder neu noch ungewöhnlich ist.“
Cold Transmission stellt klar, dass KI-Bilder und -Videos von Anfang an bekannt waren: „Es war immer klar, dass KI für die visuelle Gestaltung und Videoinhalte verwendet wurde.“ Die Musik selbst sei dem Label jedoch nie als KI-generiert präsentiert worden: „Zu keinem Zeitpunkt wurde uns die Musik als KI-generiert dargestellt. Als später Gerüchte aufkamen, die dies nahelegten, haben wir die Band direkt darauf angesprochen und uns wurde wiederholt versichert, dass die Musik selbst nicht KI-generiert sei.“
Das Label positioniert sich deutlich: „Wir unterstützen keine vollständig KI-generierte Musik, die ausschließlich durch Prompt-basierte Tools erstellt wurde. Diese Haltung entspringt dem Respekt vor den Künstlern, mit denen wir seit langer Zeit zusammenarbeiten, unserer Freundschaft und den kreativen Prozessen, die uns zutiefst wichtig sind.“
Wir haben Verständnis für die Situation, in die das Label geraten ist. Andreas und Suzy haben Vertrauen geschenkt und dieses Vertrauen wurde missbraucht, genau wie unseres. Es bleibt allerdings eine Frage im Raum: Lässt sich beweisen, dass es sich um KI-generierte Musik handelt? Cold Transmission schreibt, „…wir haben derzeit keine Bestätigung, dass das Album vollständig KI-generiert ist, und dies wurde uns auch nicht bewiesen.“
Die Bandcamp-Seite von A Shrine to Failure war zu diesem Zeitpunkt bereits verschwunden. Das Profil, das Album, die Rezensionen – alles weg. Bandcamp hatte Anfang 2026 eine klare Linie gezogen: Musik, die ganz oder überwiegend durch KI generiert wurde, ist auf der Plattform nicht mehr erlaubt. Die Plattform behält sich seither das Recht vor, Inhalte auf Verdacht zu entfernen. Ob im Fall von A Shrine to Failure eine gezielte Prüfung stattfand oder Meldungen aus der Community den Ausschlag gaben, wissen wir nicht. Das Ergebnis war dasselbe: Das Projekt existierte auf dieser Plattform nicht mehr.
Und Sebastian? Bleibt Verschwunden. Kein Kontakt mehr, keine Erklärung, keine Stellungnahme. Der Mensch, mit dem Marc Nachrichten ausgetauscht hatte, dem ein Label vertraut hatte, der uns in einem Interview Antworten gegeben hatte – nicht mehr erreichbar.
Wir müssen an dieser Stelle etwas klar benennen, das in der ganzen Diskussion um Selbstreflexion und Verantwortung von Blogs nicht untergehen darf: Es gibt hier jemanden, der aktiv und bewusst getäuscht hat. Und dabei geht es nicht um die Frage, ob jemand KI-Tools benutzt hat. Die Diskussion, wo KI als Werkzeug aufhört und wo sie menschliche Kreativität ersetzt, ist berechtigt und wichtig.
Der Kern ist: Sebastian hat ein Plattenlabel angelogen, das ihm vertraut hat. Er hat in unserem Interview Fragen zum musikalischen Werdegang und zur Entstehung der Texte umschifft, statt ehrlich zu antworten. Er hat eine Partnerin als zweites Bandmitglied präsentiert, deren Existenz sich nicht belegen ließ und deren angeblicher Aufenthaltsort sich zwischen zwei Gesprächen änderte. Wir wissen nicht, ob seine Biografie überhaupt stimmt. Offenbar ist ihm die Sache über den Kopf gewachsen und hat den letzten Punkt zur Aufklärung der Umstände verstreichen lassen und beim Label unterschrieben. Er hat weitergemacht.
Das war kein Missverständnis und kein Graubereich. Das schien wie ein durchgeplantes Täuschungsmanöver, das ein Label, eine Community und uns bespielt hat. Das muss gesagt werden – nicht aus Rachsucht, sondern weil dieser Artikel in eine Schieflage gerät, wenn sich nur die Getäuschten selbst hinterfragen und der Täuscher unbenannt bleibt.
Indizien, Zweifel und die Grenzen der Verantwortung
Was hätten wir anders machen sollen? Diese Frage haben wir uns in den letzten Monaten oft gestellt. Und die ehrliche Antwort ist: Wahrscheinlich wenig.
Die Musik klang gut. Ein renommiertes Szenelabel hatte die Band unter Vertrag genommen. Die Community war begeistert. Sebastian hatte nicht nur uns überzeugt, sondern auch zahlreiche Hörerinnen und Hörer, die die Musik unabhängig voneinander für sich entdeckt haben. Wir haben intern über unsere Unsicherheiten gesprochen, wir haben eine dritte Meinung eingeholt – der Tontechniker fand nichts Eindeutiges. Was hätte ein verantwortungsvoller nächster Schritt sein sollen?
Die Band öffentlich verdächtigen? Auf Basis von was? Dass uns die Antworten im Interview zu glatt waren? Dass die Partnerin einmal in den USA und einmal in London lebte? Dass KI-generierte Bilder und Videos verwendet wurden? Letzteres ist längst kein Alleinstellungsmerkmal dubioser Projekte mehr – auch etablierte Acts wie Faderhead setzen KI-generierte Videoinhalte als Werkzeug ein, um ihre Musik zu visualisieren. Das allein ist kein Indiz, geschweige denn ein Beweis.
Und genau das ist das eigentliche Dilemma: Ist es sinnvoll, sich Indizien zurechtzulegen, um Musik und die Menschen dahinter vorzuverurteilen? Wir finden: Nein. Denn auf der anderen Seite dieser Verdächtigungen stehen echte Künstlerinnen und Künstler, die vielleicht anonym arbeiten wollen, die keine Lust auf Videocalls haben, deren Partnerin vielleicht tatsächlich im Ausland lebt. In einer Szene, in der sich Nachrichten schnell verbreiten, kann ein öffentlich geäußerter Verdacht einen Ruf unwiderruflich zerstören. Es ist das gleiche Dilemma, das auch Bandcamp mit seiner neuen Policy schafft: Die Plattform entfernt Inhalte auf Verdacht. Das schützt vor KI-Slop, aber es öffnet auch die Tür für Falschbeschuldigungen.
Wir hatten also zwei Optionen: Veröffentlichen und riskieren einer Täuschung Legitimität zu geben. Oder keinen Artikel schreiben und auf Basis eines Bauchgefühls riskieren, einen echten Musiker zu beschuldigen und an der Kompetenz eines Labels zu zweifeln, das wir kennen und schätzen. Wir haben uns für die erste Option entschieden – mit dem Fragezeichen im Titel als Sicherheitsnetz.
KI in der Musikproduktion erkennen – und wo die Grenzen liegen
Axel Meßinger hat in seinem Artikel einige Strategien zusammengestellt, um KI-generierte Musik zu erkennen. In einem Punkt stimmen wir ihm zu: Das stärkste Kriterium bleibt die Live-Präsenz. Gibt es Fotos von echten Auftritten? Gibt es Videos, in denen Menschen tatsächlich Instrumente spielen? Auch aktive Social-Media-Profile mit echten Interaktionen über einen längeren Zeitraum sind ein verlässlicher Anhaltspunkt. Das lässt sich nicht so leicht fälschen.
In anderen Punkten sehen wir das anders. Ein verdächtig „perfekt“ produziertes Debütalbum ist für uns kein brauchbares Kriterium. Nicht jede gute Erstproduktion ist verdächtig – vielleicht hat jemand Geld für ein ordentliches Studio in die Hand genommen, vielleicht ist die Person einfach talentiert, vielleicht steckt ein erfahrener Produzent dahinter. Und spätestens wenn KI-Nutzer wissen, dass Perfektion Verdacht erregt, werden sie gezielt Fehler einbauen. Dann ist das Argument wertlos. Auch eine „nachvollziehbare Geschichte“ hinter einem Projekt ist kein Schutz – Sebastian hatte eine. Corona, Heimstudio, zwei Länder, jahrelange Entwicklung. Es klang plausibel. Es lässt sich aber genauso prompten wie ein Song.
Ein paar weitere uns mehr wissenschaftliche Anhaltspunkte liefert auch dieser Artikel der BBC: How can you tell if your new favourite artist is a real person?
Aber wir müssen ehrlich sein: Einige der genannten Merkmale, an denen man KI-generierte Bands und Musik erkennen soll, sind am Ende Spekulation. Und Spekulation ist genau das, was im Zweifelsfall echte Künstler trifft. Ist die Bandcamp-Lösung, eine Band bei Verdacht von ihrer Plattform zu entfernen eine praktikable Lösung? Müssen sich Musiker jetzt beim Einspielen eines Albums filmen, um glaubwürdig zu sein? Und überhaupt, fehlt uns auch nicht einfach die Expertise, um so etwas beurteilen zu können?
Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nicht geben. Die Modelle werden besser, die Erkennung schwieriger. Auch wir nutzen gelegentlich KI – für Artikelgrafiken und zur Unterstützung bei der Programmierung dieser Webseite. Wir sagen das, weil es unehrlich wäre, über KI-Täuschung zu schreiben und die eigene Nutzung zu verschweigen. Aber es zeigt auch: Die Grenze zwischen Werkzeug und Täuschung ist nicht immer eine klare Linie. Umso wichtiger ist es, wachsam zu bleiben – ohne paranoid zu werden.
Wir könnten das Thema an dieser Stelle weiter ausschmücken, denn grundsätzlich wird KI aktuell sehr kontrovers und polarisierend diskutiert. Leider gibt es unserer Ansicht nach kein klassisches „Gut“ und „Böse“ in dieser Diskussion, dafür ist das Thema viel zu komplex und das Schlagwort „KI“ viel zu allgemein. Wir werden das Thema möglicherweise nochmal in einem anderen Artikel aufspannen.
A Shrine to Failure – ein Schrein des Scheiterns. Am Ende hat der Bandname gehalten, was er versprochen hat. Nur anders als gedacht.



Noooooooo….!
Ich fand das Album eigentlich ziemlich gut, leider bleibt nun ein schlechter Nachgeschmack. Mich ärgert weniger, dass das Album KI-produziert ist, sondern dass es in bewusster Täuschungsabsicht ohne entsprechende Erklärung veröffentlich wurde. Und vor Allem, dass ich auch noch Geld dafür bezahlt habe. Denn ich bin mir sehr bewusst, dass die so produzierte Musik auf der Arbeit anderer Künstler basiert, ohne diese entsprechend dafür zu entlohnen. Ich unterstütze gern menschliche Künstler, aber nicht irgendwelche KI-Modelle, die mit gestohlenen Daten trainiert wurden.
Ich finde die Bandcamp-Lösung logisch und nachvollziehbar (denn rechtlich gesehen ist Täuschung in Gewinnerzielungsabsicht ein Betrug, und Bandcamp verbietet eindeutig das Einstellen KI-generierter Musik), leider werden wohl die Käufer das Geld trotzdem nicht wieder sehen.
Das bedeutet aber leider auch, dass ich grundsätzlich in Zukunft wohl zögerlicher mein Geld für neue Musik ausgeben werde.