Im vergangenen August haben wir auf Spontis die Band „A Shrine to Failure“ vorgestellt. Marc hat ein Interview geführt, wir haben die Musik vorgestellt und das Album „Undone“ mit ehrlicher Begeisterung empfohlen. Ein paar Monate später war die Bandcamp-Seite verschwunden, der Mensch hinter dem Projekt nicht mehr erreichbar, und in der Szene machte ein Begriff die Runde: KI.
Axel Meßinger hat in seinem lesenswerten Artikel „Wie erkennst du KI-generierte Musik?“, der auf der Geschichte rund um die Band aufbaut, einen Satz geschrieben, der auch uns betrifft: „Ein Projekt, das trotz KI-Bildern, KI-Videos und schlussendlich auch durch KI-generierte Musik auf zahlreichen Gothic-Blogs gefeiert wurde. Kritische Selbstreflexion, nachdem der Schwindel aufflog? War nur vereinzelt zu beobachten.“ Er hat niemanden namentlich genannt. Aber wir wissen, dass wir dazugehören. Und er hat recht.
In diesem vielleicht längst überfälligen Artikel erzählen wir, wie es zum Interview kam, warum wir so gehandelt haben, wie wir gehandelt haben, und was wir aus den Ereignissen und der Diskussion darum mitnehmen. Marc und ich haben diesen Text gemeinsam geschrieben, weil es uns beide betrifft – und weil diese Geschichte nur vollständig ist, wenn wir sie aus beiden Perspektiven erzählen.
Der Weg zum Interview mit A Shrine to Failure
Was jetzt folgt, ist Marcs Geschichte. Er war derjenige, der den Kontakt zur Band hergestellt hat, das Interview geführt hat – und der als Erster ein ungutes Gefühl hatte. Wir haben uns entschieden, dass er diesen Teil selbst erzählt, so wie er ihn erlebt hat:
Als regelmäßiger Hörer der Cold Transmission Mixcloud Show ist mir in einer Ausgabe ein Song besonders aufgefallen: „Defiler“ von einer mir unbekannten Band namens A Shrine to Failure. Ein Besuch bei Bandcamp zeigte, dass die Band bereits ein vollständiges Album veröffentlicht hatte. Ich habe es gekauft, am nächsten Tag auf einem Spaziergang gehört – und war sofort begeistert. Die Produktion hatte eine hohe Hitdichte, die Texte waren überdurchschnittlich gut geschrieben und schmiegten sich fast perfekt an die Melodien.
Noch voller Begeisterung habe ich Andreas von Cold Transmission angeschrieben: Tolle Musik in deiner neuen Show – ist das nicht zu schön, um wahr zu sein? Damals war das eher ein Kompliment als ein Verdacht. Ein Bauchgefühl, das ich selbst nicht ernst genommen habe. Andreas war begeistert und verriet mir, dass Cold Transmission bereits mit der Band in Verhandlung stand. Kurz darauf wurde das Signing offiziell verkündet und Andreas hatte angeboten, den Kontakt für ein Interview herzustellen.
Der Erstkontakt mit Sebastian, dem Kopf hinter dem Projekt, war freundlich. Wir vereinbarten das Vorgehen: Zuerst der Fragenkatalog, dann ein Gesprächstermin, das Ganze aufgezeichnet und transkribiert. Sebastian stimmte zu. Seine Partnerin, das zweite Bandmitglied, könne allerdings nicht teilnehmen – sie sei gerade in den USA. Als ich Alternativen vorschlug, hieß es plötzlich, sie lebe eigentlich in London und ein gemeinsamer Termin sei grundsätzlich schwierig.
Dann der Bruch: Entgegen unserer Absprache beantwortete Sebastian alle Fragen schriftlich. Bei der Übertragung fiel mir auf, dass ausgerechnet die Fragen zum musikalischen Werdegang und zur Entstehung der Texte nicht beantwortet oder geschickt umschifft wurden. Kein persönliches Gespräch, keine greifbare Partnerin, keine Antworten auf die wesentlichen Fragen, kein Interesse an Live-Auftritten. Die Puzzleteile fügten sich zu einem unbequemen Bild.
Ich konnte das Interview nicht guten Gewissens abliefern, ohne meine Bedenken zu teilen, und habe Robert in einer langen Sprachnachricht davon berichtet. Seine Reaktion war eindeutig: Auch er fand es außergewöhnlich, dass eine Band aus dem Nichts ein derart hochwertiges Album produziert, während sich andere Projekte jahrelang abrackern müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Um sicherzugehen, hat Robert das Album einem befreundeten Tontechniker zur Begutachtung gegeben. Dessen Urteil: Abgesehen vom Gesang, der nicht immer die richtige Tonlage traf, keine eindeutigen Auffälligkeiten. Kein Beweis, kein Freispruch. Warum sollte es uns anders gehen, als 97% der Menschen, die keinen Unterschied hören? Wir haben das Interview schließlich veröffentlicht – aber wir haben uns eine Hintertür offen gehalten. Nicht umsonst trägt der Artikel den Titel „Zu schön um wahr zu sein?“
A Shrine to Failure – KI-Verdacht und ein verschwundener Musiker
Von der Community wurde das Album und die Songs gut angenommen, Platten wurden verkauft, einige Songs landeten auf Playlisten. Dann der Schock. Marc stieß bei Facebook auf ein ausführliches Statement von Cold Transmission, dem Label, bei dem „A Shrine to Failure“ untergekommen war. Marc hat es mir sofort weitergeleitet. Noch bevor wir das Statement ganz gelesen hatten, war klar: Die Hintertür, die wir uns bei unserem Interview offen gehalten hatten, hätten wir früher durchschreiten sollen.
In dem Statement beschreibt das Label, wie der Kontakt entstanden ist: „Wir wurden im vergangenen Sommer auf das Album aufmerksam, das zu diesem Zeitpunkt bereits von der Band eigenständig digital über Bandcamp und Streamingplattformen veröffentlicht worden war. Die Platte gefiel uns, sie passte zu unserem Label, also haben wir den Kontakt gesucht.“ Man habe Sebastian persönlich kennengelernt und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aufgebaut. Sebastian habe die Geschichte hinter dem Projekt geteilt: „Die Entwicklung über einen langen Zeitraum, den DIY-Heimstudio-Prozess, das Erlernen von Produktionstools und die persönlichen Umstände, die das Album geprägt haben – mit zwei Menschen, die in verschiedenen Ländern leben und arbeiten.“ Dass die Band anonym bleiben und zunächst keine Konzerte spielen wollte, sei nachvollziehbar gewesen – „eine Praxis, die weder neu noch ungewöhnlich ist.“
Cold Transmission stellt klar, dass KI-Bilder und -Videos von Anfang an bekannt waren: „Es war immer klar, dass KI für die visuelle Gestaltung und Videoinhalte verwendet wurde.“ Die Musik selbst sei dem Label jedoch nie als KI-generiert präsentiert worden: „Zu keinem Zeitpunkt wurde uns die Musik als KI-generiert dargestellt. Als später Gerüchte aufkamen, die dies nahelegten, haben wir die Band direkt darauf angesprochen und uns wurde wiederholt versichert, dass die Musik selbst nicht KI-generiert sei.“
Das Label positioniert sich deutlich: „Wir unterstützen keine vollständig KI-generierte Musik, die ausschließlich durch Prompt-basierte Tools erstellt wurde. Diese Haltung entspringt dem Respekt vor den Künstlern, mit denen wir seit langer Zeit zusammenarbeiten, unserer Freundschaft und den kreativen Prozessen, die uns zutiefst wichtig sind.“
Wir haben Verständnis für die Situation, in die das Label geraten ist. Andreas und Suzy haben Vertrauen geschenkt und dieses Vertrauen wurde missbraucht, genau wie unseres. Es bleibt allerdings eine Frage im Raum: Lässt sich beweisen, dass es sich um KI-generierte Musik handelt? Cold Transmission schreibt, „…wir haben derzeit keine Bestätigung, dass das Album vollständig KI-generiert ist, und dies wurde uns auch nicht bewiesen.“
Die Bandcamp-Seite von A Shrine to Failure war zu diesem Zeitpunkt bereits verschwunden. Das Profil, das Album, die Rezensionen – alles weg. Bandcamp hatte Anfang 2026 eine klare Linie gezogen: Musik, die ganz oder überwiegend durch KI generiert wurde, ist auf der Plattform nicht mehr erlaubt. Die Plattform behält sich seither das Recht vor, Inhalte auf Verdacht zu entfernen. Ob im Fall von A Shrine to Failure eine gezielte Prüfung stattfand oder Meldungen aus der Community den Ausschlag gaben, wissen wir nicht. Das Ergebnis war dasselbe: Das Projekt existierte auf dieser Plattform nicht mehr.
Und Sebastian? Bleibt Verschwunden. Kein Kontakt mehr, keine Erklärung, keine Stellungnahme. Der Mensch, mit dem Marc Nachrichten ausgetauscht hatte, dem ein Label vertraut hatte, der uns in einem Interview Antworten gegeben hatte – nicht mehr erreichbar.
Wir müssen an dieser Stelle etwas klar benennen, das in der ganzen Diskussion um Selbstreflexion und Verantwortung von Blogs nicht untergehen darf: Es gibt hier jemanden, der aktiv und bewusst getäuscht hat. Und dabei geht es nicht um die Frage, ob jemand KI-Tools benutzt hat. Die Diskussion, wo KI als Werkzeug aufhört und wo sie menschliche Kreativität ersetzt, ist berechtigt und wichtig.
Der Kern ist: Sebastian hat ein Plattenlabel angelogen, das ihm vertraut hat. Er hat in unserem Interview Fragen zum musikalischen Werdegang und zur Entstehung der Texte umschifft, statt ehrlich zu antworten. Er hat eine Partnerin als zweites Bandmitglied präsentiert, deren Existenz sich nicht belegen ließ und deren angeblicher Aufenthaltsort sich zwischen zwei Gesprächen änderte. Wir wissen nicht, ob seine Biografie überhaupt stimmt. Offenbar ist ihm die Sache über den Kopf gewachsen und hat den letzten Punkt zur Aufklärung der Umstände verstreichen lassen und beim Label unterschrieben. Er hat weitergemacht.
Das war kein Missverständnis und kein Graubereich. Das schien wie ein durchgeplantes Täuschungsmanöver, das ein Label, eine Community und uns bespielt hat. Das muss gesagt werden – nicht aus Rachsucht, sondern weil dieser Artikel in eine Schieflage gerät, wenn sich nur die Getäuschten selbst hinterfragen und der Täuscher unbenannt bleibt.
Indizien, Zweifel und die Grenzen der Verantwortung
Was hätten wir anders machen sollen? Diese Frage haben wir uns in den letzten Monaten oft gestellt. Und die ehrliche Antwort ist: Wahrscheinlich wenig.
Die Musik klang gut. Ein renommiertes Szenelabel hatte die Band unter Vertrag genommen. Die Community war begeistert. Sebastian hatte nicht nur uns überzeugt, sondern auch zahlreiche Hörerinnen und Hörer, die die Musik unabhängig voneinander für sich entdeckt haben. Wir haben intern über unsere Unsicherheiten gesprochen, wir haben eine dritte Meinung eingeholt – der Tontechniker fand nichts Eindeutiges. Was hätte ein verantwortungsvoller nächster Schritt sein sollen?
Die Band öffentlich verdächtigen? Auf Basis von was? Dass uns die Antworten im Interview zu glatt waren? Dass die Partnerin einmal in den USA und einmal in London lebte? Dass KI-generierte Bilder und Videos verwendet wurden? Letzteres ist längst kein Alleinstellungsmerkmal dubioser Projekte mehr – auch etablierte Acts wie Faderhead setzen KI-generierte Videoinhalte als Werkzeug ein, um ihre Musik zu visualisieren. Das allein ist kein Indiz, geschweige denn ein Beweis.
Und genau das ist das eigentliche Dilemma: Ist es sinnvoll, sich Indizien zurechtzulegen, um Musik und die Menschen dahinter vorzuverurteilen? Wir finden: Nein. Denn auf der anderen Seite dieser Verdächtigungen stehen echte Künstlerinnen und Künstler, die vielleicht anonym arbeiten wollen, die keine Lust auf Videocalls haben, deren Partnerin vielleicht tatsächlich im Ausland lebt. In einer Szene, in der sich Nachrichten schnell verbreiten, kann ein öffentlich geäußerter Verdacht einen Ruf unwiderruflich zerstören. Es ist das gleiche Dilemma, das auch Bandcamp mit seiner neuen Policy schafft: Die Plattform entfernt Inhalte auf Verdacht. Das schützt vor KI-Slop, aber es öffnet auch die Tür für Falschbeschuldigungen.
Wir hatten also zwei Optionen: Veröffentlichen und riskieren einer Täuschung Legitimität zu geben. Oder keinen Artikel schreiben und auf Basis eines Bauchgefühls riskieren, einen echten Musiker zu beschuldigen und an der Kompetenz eines Labels zu zweifeln, das wir kennen und schätzen. Wir haben uns für die erste Option entschieden – mit dem Fragezeichen im Titel als Sicherheitsnetz.
KI in der Musikproduktion erkennen – und wo die Grenzen liegen
Axel Meßinger hat in seinem Artikel einige Strategien zusammengestellt, um KI-generierte Musik zu erkennen. In einem Punkt stimmen wir ihm zu: Das stärkste Kriterium bleibt die Live-Präsenz. Gibt es Fotos von echten Auftritten? Gibt es Videos, in denen Menschen tatsächlich Instrumente spielen? Auch aktive Social-Media-Profile mit echten Interaktionen über einen längeren Zeitraum sind ein verlässlicher Anhaltspunkt. Das lässt sich nicht so leicht fälschen.
In anderen Punkten sehen wir das anders. Ein verdächtig „perfekt“ produziertes Debütalbum ist für uns kein brauchbares Kriterium. Nicht jede gute Erstproduktion ist verdächtig – vielleicht hat jemand Geld für ein ordentliches Studio in die Hand genommen, vielleicht ist die Person einfach talentiert, vielleicht steckt ein erfahrener Produzent dahinter. Und spätestens wenn KI-Nutzer wissen, dass Perfektion Verdacht erregt, werden sie gezielt Fehler einbauen. Dann ist das Argument wertlos. Auch eine „nachvollziehbare Geschichte“ hinter einem Projekt ist kein Schutz – Sebastian hatte eine. Corona, Heimstudio, zwei Länder, jahrelange Entwicklung. Es klang plausibel. Es lässt sich aber genauso prompten wie ein Song.
Ein paar weitere uns mehr wissenschaftliche Anhaltspunkte liefert auch dieser Artikel der BBC: How can you tell if your new favourite artist is a real person?
Aber wir müssen ehrlich sein: Einige der genannten Merkmale, an denen man KI-generierte Bands und Musik erkennen soll, sind am Ende Spekulation. Und Spekulation ist genau das, was im Zweifelsfall echte Künstler trifft. Ist die Bandcamp-Lösung, eine Band bei Verdacht von ihrer Plattform zu entfernen eine praktikable Lösung? Müssen sich Musiker jetzt beim Einspielen eines Albums filmen, um glaubwürdig zu sein? Und überhaupt, fehlt uns auch nicht einfach die Expertise, um so etwas beurteilen zu können?
Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nicht geben. Die Modelle werden besser, die Erkennung schwieriger. Auch wir nutzen gelegentlich KI – für Artikelgrafiken und zur Unterstützung bei der Programmierung dieser Webseite. Wir sagen das, weil es unehrlich wäre, über KI-Täuschung zu schreiben und die eigene Nutzung zu verschweigen. Aber es zeigt auch: Die Grenze zwischen Werkzeug und Täuschung ist nicht immer eine klare Linie. Umso wichtiger ist es, wachsam zu bleiben – ohne paranoid zu werden.
Wir könnten das Thema an dieser Stelle weiter ausschmücken, denn grundsätzlich wird KI aktuell sehr kontrovers und polarisierend diskutiert. Leider gibt es unserer Ansicht nach kein klassisches „Gut“ und „Böse“ in dieser Diskussion, dafür ist das Thema viel zu komplex und das Schlagwort „KI“ viel zu allgemein. Wir werden das Thema möglicherweise nochmal in einem anderen Artikel aufspannen.
A Shrine to Failure – ein Schrein des Scheiterns. Am Ende hat der Bandname gehalten, was er versprochen hat. Nur anders als gedacht.



Noooooooo….!
Ich fand das Album eigentlich ziemlich gut, leider bleibt nun ein schlechter Nachgeschmack. Mich ärgert weniger, dass das Album KI-produziert ist, sondern dass es in bewusster Täuschungsabsicht ohne entsprechende Erklärung veröffentlich wurde. Und vor Allem, dass ich auch noch Geld dafür bezahlt habe. Denn ich bin mir sehr bewusst, dass die so produzierte Musik auf der Arbeit anderer Künstler basiert, ohne diese entsprechend dafür zu entlohnen. Ich unterstütze gern menschliche Künstler, aber nicht irgendwelche KI-Modelle, die mit gestohlenen Daten trainiert wurden.
Ich finde die Bandcamp-Lösung logisch und nachvollziehbar (denn rechtlich gesehen ist Täuschung in Gewinnerzielungsabsicht ein Betrug, und Bandcamp verbietet eindeutig das Einstellen KI-generierter Musik), leider werden wohl die Käufer das Geld trotzdem nicht wieder sehen.
Das bedeutet aber leider auch, dass ich grundsätzlich in Zukunft wohl zögerlicher mein Geld für neue Musik ausgeben werde.
Ja, das ist enttäuschend. Ich mache euch beiden keinen Vorwurf, weil dieser Slop teils wirklich kaum zu erkennen ist. KI wird uns wohl noch eine Weile beschäftigen, fürchte ich.
Ich selber bin skeptisch wenn etwas neues ab 2024 auf dem Markt ist, als diese KI Musik Fahrt aufgenommen hat. Die Signale hast Du ja alle aufgezählt. Erst wenn jemand live aufgetreten ist, dann sage ich, OK, passt. Sicherlich gibt es die, die nur so Musik machen, aber das sind doch wirklich seltene Fälle. Bis jetzt ist (fast) jeder aufgetreten und sei es nur mit einem Laptop und einem Mikrofon. Ich kenne niemanden, der von Anfang an ein perfektes Album gemacht hätte. Jeder hat irgend wie, irgend wo angefangen, was sich nachvollziehen lässt. Keiner hat Perfektion im eigenen Zimmerlein gelernt, bevor er auffällig geworden ist. Ich glaube nicht daran. Aber das ist es so wie ich es halte. Jeder wird seine eigenen Kriterien haben.
Es gab schon öfter Beispiele von Künstlern, die man quasi nie gesehen hat. Ich denke da zum Beispiel an Rudy Ratzinger/Wumpscut, der meines Wissens nie live aufgetreten ist, insofern muss das nicht unbedingt ein Warnsignal sein. Gerade bei elektronischen Projekten oder Eine-Person-Bands ist das gar nicht so selten.
Ja, aber die geben Lebenszeichen von sich, die geben Interviews, die haben eine Vorgeschichte. Die haben nicht aus dem Nichts heraus ein produktreifes Album präsentiert. Es gibt Menschen die sie kennen und sie arbeiten auch mit anderen Musikern zusammen. Es ist alles irgend wie nachvollziehbar.
Aber es ist ja auch nur ein erstes Indiz vorsichtig zu sein und es sich erst mal anzuschauen was passiert. Ist von diesem Musiker nichts zu erfahren, dann bin ich prinzipiell skeptisch, weil niemand aus dem Nichts heraus etwas perfekt kann. Mit der Zeit stellt sich dann heraus, ob es Interaktionen gibt aus denen man mehr erfahren kann, oder die Person quasi nichtexistent ist.
Soso… erst, wenn jemand live auftritt, kannst du dir sicher sein, dass es keine KI-generierte Musik ist? Dann sind wohl :Wumpscut: oder Haus Arafna (2 mir spontan einfallende Künstler) dem KI-Verdacht anheim gefallen? Es gibt, wenn ich genauer nachdenken würde, sicher noch einige Künstler mehr, die nie live auftreten, sondern einfach nur Tonträger produzieren, die dem reinen künstlerischen Aspekt entspringen, vorallem, wenn man weiß, wie lange diese Künstler schon aktiv sind.
Wobei… wenn ich jetzt doch genauer nachdenke, würde ich R. Ratzinger aka :Wumpscut: rein subjektiv schon unterstellen, KI zu benutzen, bei der Veröffentlichungsflut und dem totgemixe seiner Outputs. Aber das ist Geschmackssache. ;)
Und wenn ABBA nur noch mit Hologrammen auftritt, dann ist das irgendwie besser? Hm…
Edit: Da ich die Antwort von Victor von Void erst danach gelesen hatte, wäre das mit Wumpscut schon abgehakt. :D
Ja, manchmal ist es besser sich einen Faden ganz durchzulesen. ;-)
Ändert ja trotzdem nix an der Tatsache. Selbst wenn 2 das gleiche Beispiel bringen.
Da möchte ich auch noch ein wenig was dazu schreiben:
Ich selbst betrachte das ganze KI-Thema seit 2024 mit wachsender Besorgnis. Spätestens als mich ein anderes damaliges KI Projekt – Midnight Darkwave – musikalisch täuschte und ich einen Song sogar auf einer La Danse Macabre Ausgabe gefeatured hatte (und hinterher wieder runternahm), war mir bewusst, dass Thema KI generierte Musik auch in unserer Szene angekommen war. Letztes Jahr wurde es immer übler, als Bandcamp von zig KI-Produktionen regelrecht geflutet wurde und echte Musiker immer mehr an Sichtbarkeit verloren. Auch deswegen vertritt Bandcamp diese Policy, weil das Geschäftsmodell ja vorsieht Musik zu verkaufen – wenn aber eine immer größere Flut von KI-Slop herrscht, dann schadet das diesem Modell.
Seitdem versuche ich ein wenig mit meinen Möglichkeiten zu sensibilisieren.
Das sehe ich tatsächlich anders und kann das auch begründen. Es geht mir darum, dass Talent alleine nicht ausreicht. Es gibt zahlreiche Musiker:innen, die seit der frühesten Kindheit musizieren, ihre Instrumente auf einem meisterhaften Level beherrschen – und trotzdem merkt man den ersten Produktionen doch eine Unerfahrenheit an. Vergleicht als Beispiel mal die ersten Produktionen von Anastasia Minster (Hour of the Wolf) und Raphael Weinroth-Browne (Catharsis) mit den jeweils aktuellen Produktionen: Song of Songs (Anastasia Minster) und Lifeblood (Raphael Weinroth-Browne). Ihr werdet einen riesigen Sprung im Songwriting, in der Produktion, in der Präsentation feststellen. Das ist eine Entwicklung, die sehr natürlich für Musiker:innen ist. Weil mit jeder Produktion man etwas lernt und danach instinktiv besser wird. Häufig hört man in Debütalben eine Unerfahrenheit, die mit der Zeit immer weniger wird. Diese Unerfahrenheit resultiert manchmal in etwas schlechterem Songwriting, oft fehlt hier und da ein wenig das Gespür wie lang oder kurz ein Song sein sollte, usw. Ohne das es hörbache Fehler in der Instrumentierung oder im Gesang gäbe.
Und: Wenn auf einem Album Hit auf Hit auf Hit kommt, dann macht mich das ebenso sehr skeptisch. Weil es das nicht gibt. Auf JEDEM Album gibt es schlechtere Songs oder auch mal Totalausfälle. Das macht Musik ja gerade menschlich. Mein Argument zielt daher auch auf die Frage, wie sich ein Album in der Gesamtschau anhört.
Tatsächlich macht Bandcamp das gar nicht auf Verdacht. Die haben natürlich bessere Statistiken und Einblicke als wir. Die haben auch Einblicke in Uploads, die noch im Draft-Status sind und schon durch das Upload-Datum (nicht VÖ-Datum) – im Zusammenspiel mit weiteren Recherchen – lässt sich häufig einiges herleiten. Und ich denke auch, dass die im Hintergrund auch Tools zur Verfügung haben, ähnlich wie sie Deezer entwickelt hat. Es stimmt natürlich, dass man Bandcamp bescheid geben kann. Aber das wird dann immer noch von Menschen geprüft. Und da wird jeden Tag so viel hochgeladen, anders geht es kaum. Außer man instsalliert einen automatischen Algorithmus, der dann aber auch falsch positiv – und somit ungerechter – sein kann. Mit dem Bandcamp-Support kann man sehr gut reden, da sitzen echte Menschen!
Meine Ansicht: Am Ende werden wir um einen gesetzlichen Watermark für derlei Produktionen nicht umhin kommen und darauf aufbauend müssen die Plattformen dann entscheiden, ob sie eine dicke Warnung draufpappen oder es gleich ausschließen. Es ist nichts, was der Eigenverantwortung der Bürger zufallen sollte.
Beim „perfekten Album“ spielt dann auch das Gehör eine Rolle. Ich persönlich sehe mich außerstande, da Unterschiede zu hören. Ich höre Musik stets subjektiv, und ich behaupte, das tun viele andere Hörer auch. Ich bin selbst kein Musiker, kein Tontechniker und kein audiophiler Geist. Für mich bleibt es also viel Spekulation. Deshalb haben wir ja das Ohr eines Profis zu Rate gezogen, um unserer Rolle als Multiplikator gerecht zu werden.
Diesen Punkt also als Kriterium zu nehmen, sehe ich kritisch – oder wie in dem Artikel beschrieben – für mich unbrauchbar.
Wie Bandcamp das jetzt genau macht, wissen wir nicht. In der Presseerklärung heißt es:
Da siehst du die Gefahr ganz offensichtlich. Wenn User die Musik „melden“ erzeugt man einen Verdachtsmoment. Das finde ich grundsätzlich gefährlich, denn du weißt selbst, wie viele Arschlö**** es da draußen gibt, die einfach Bock haben, irgendwas zu melden. Solange wir nicht transparent wissen, wie die das machen wollen, bleibt diese Praxis für mich fraglich.
Nicht vergessen dürfen wir dabei auch nicht: Wir wissen nicht, ob die Musik – oder wie viel von der Musik – mit KI generiert war.
Das stärkste Indiz bleibt die Live-Performance, obwohl die wohl auch nicht unbedingt hält, was sie verspricht, wie die Vergangenheit öfter schon belegt hat.
Ich kann ja nur meine Erfahrungen mit dem Bandcamp Support teilen – und die waren in den letzten 13 Jahren immer einwandfrei. Gab da auch schon einige Leute, die mich da gemeldet hatten. Dieses Melden aufgrund von AGB-Verstößen gibt es seit es die Plattform gibt, ist also gar nichts neues und auch nicht durch die KI-Policy eingeführt wurden. Und in meinem Fall war es nie so, dass da irgendwas gesperrt oder gelöscht wurde. Sondern die haben sich IMMER erstmal in Kontakt gesetzt, wollten Nachweise, ob wirklich alles mit rechten Dingen zugeht, usw. usf. Das haben Bandcamp und ich 2x durchgespielt und danach habe ich nie wieder was vom Support diesbezüglich gehört. Aber immer mal wieder wegen anderen Themen in Kontakt gestanden. Deswegen sage ich ja, das ist nicht so wie YouTube oder Facebook wo man niemanden erreicht. Und ich bin mir sehr sicher, wenn man den Support mit Projektdateien wie DAW-Screenshots, Rohdaten wie Einzelspuren anschreibt, dann sollte man IMO keine Probleme aufgrund von KI-Verdachtsfällen haben.
Ich selbst höre Musik auch eher emotional. Aber gerade bei Undone empfand ich, dass das Produktionsniveau nicht dem Niveau der Musik entsprach. Mein Gedanke war: Eine Band, die so tolle Musik macht, muss doch die Produktion ordentlich hinbekommen. Oder zumindest jemanden kennen, der bei der Produktion unterstützt.
Wie man es dreht und wendet, das Argument kann in beide Richtungen zielen. Mal ist eine unterdurchschnittliche Produktion der Hinweis auf Handarbeit, mal auf KI-generierten Inhalt. Es wird auch in Zukunft Möglichkeiten geben, bewusst solche Schnitzer einzubauen. Und es wird auch KIs geben, die einen Workflow simulieren. Vielleicht müssen die Künstler künftig acapella beim Label vorsingen.
Die Hitdichte war tatsächlich sehr auffällig. Auch wenn sich die Songs klanglich und strukturell sehr geähnelt haben. Das Thema KI war neu. Ich zumindest hatte zu dem Zeitpunkt keine Ahnung, wie KI-generierte Songs klingen (könnten).
Im Nachhinein ist man immer schlauer und vielleicht war ASTF das Lehrstück, das wir alle gebraucht haben, um uns angemessen mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es ist auch wirklich bezeichnend, dass der Präzedenzfall bezüglich KI in der Szene einen so passenden Namen trägt. Wäre Sebastian schlau gewesen, hätte er das als Zielsetzung seines Projektes verkauft – zu zeigen, wie leicht man jemanden täuschen kann.
Wenn er schlau gewesen wäre, hätte er die Songs alle nach und nach veröffentlicht und nicht gleich als komplettes Album (zumindest habe ich es so verstanden, dass plötzlich ein komplettes Album vorhanden war).
Dann hätte er es ja nicht so gut verkaufen können. Wenn ich das noch richtig weiß, wurden in den 7 Monaten auf Bandcamp hunderte digitale Exemplare verkauft. Zwar hat das digitale Album nur 5€ gekostet, rechnet sich aber dennoch wenn man bedenkt, dass man rund 82% nach Gebühren für Bandcamp und Zahlungsdienstleister rausbekommt. Und viele haben bestimmt auch während den Bandcamp Fridays gekauft, wo Bandcamp auf den Eigenanteil verzichtet. Es gab ja so einen Hype, den haben vorher allenfalls Acts wie Minuit Machine oder Actors auf dieser Plattform erreicht.
Das ist es ja, was mich am ehesten „fasziniert“ hatte an dieser ganzen Geschichte. Wie stark das damals überall gefeiert wurde. Ich hatte da nur mal schnell reingehört, weil es auch so viele in meiner Bandcamp Bubble gekauft hatten (die ansonsten teils komplett unterschiedliche Geschmäcker haben); mich dann aber nicht weiter mit beschäftigt. Bis ich im Sommer irgendwann mal Diskussionen auf dem r/Goth Subreddit quergelesen hatte, wo erstmals diese Vorwürfe aufkamen. Auch weil Deezer das Album als mit KI generiert labelte und das Album kurz später von Deezer runtergenommen wurde (das muss dann von Sebastian gewesen sein, denn Deezer löscht keine KI-generierten Alben von selbst, die hängen nur ne große fette Warnung dran, schließen solche Produktionen aus Empfehlungsalgorithmen aus und schütten auch kein Geld aus). Spätestens da war der Verdacht in der Welt.
https://imgur.com/a/vPfqjGJ
Hier ein Beispiel solch einer Diskussion: https://www.reddit.com/r/goth/comments/1mcp8ml/just_discovered_this_band_and_im_unsure_about_it/
Ich kann deine Bauchschmerzen da voll und ganz verstehen. Machen wir uns nichts vor: Es gibt auf dem Musikmarkt eben auch Bands und Einzelkünstler, die nie über die Qualität hinaus kommen bei der noch bekannte und längst ausgetretene Pfade der musikalischen Gestaltungsmöglichkeiten verfolgt werden. Auch viele junge Bands orientieren sich noch sehr stark an ihren Vorbildern, was sich dann häufig in ihrer Musik widerspiegelt. Die alle (Ob Anfänger oder einfach nur belanglose Qualität) quasi unter Generalverdacht zu stellen, weil sie wie eine KI klingen kann auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Sie dabei wohlmöglich noch von finanziellen Kleinst-Erfolgen abzuschneiden wäre dann auch nichts, was ich unterstützen würde, denn diese können durchaus auch Anreize liefern weiter zu machen und sich ggfs. sogar zu verbessern.
Auch das kann als Indiz ein zweischneidiges Schwert sein, finde ich. In meinem Bekanntenkreis kenne ich inzwischen zwei Projekte, die auch ohne KI Einsatz (noch) keinen einzigen Live-Auftritt hatten. In einem Fall steckt die Band noch in der Garagen-Phase, die sich selbst noch nicht einig geworden ist, ob und wann sie denn mal live auftreten wollen. Der andere Fall arbeitet (überwiegend) alleine in seinem hauseigenen Studio an diversen elektronischen Musikstücken. Sein bisher größter Auftritt bestand darin, dass während eines ganz normalen Diskoabends mal einer seiner Songs gespielt wurde. Oder was machen wir mit Leuten, die zu scheu sind um Live zu spielen. Jemand, der ähnlich wie z.B. Anna-Varney Cantodea die Öffentlichkeit meidet kann auch ohne Live-Performance KI-freie Musik machen.
„Wir müssen an dieser Stelle etwas klar benennen, das in der ganzen Diskussion um Selbstreflexion und Verantwortung von Blogs nicht untergehen darf: Es gibt hier jemanden, der aktiv und bewusst getäuscht hat.“
Es ist im Prinzip schon alles gesagt worden, aber ich finde es wichtig, genau das noch einmal hervorzuheben. Auch ich gehöre zu den 97 Prozent, die sich täuschen ließen, da ich die Musik beim Reinhören durchaus ansprechend fand. Auch für mich gilt: Vielleicht etwas genauer hinschauen/ hinhören bevor man etwas als „gut“ anerkennt. Mögliche Kriterien wurden ja genannt, die einen alarmieren könnten. Nur bin ich wenn mir jemand neue Musik vorgestellt hat erst einmal neugierig herangegangen: Ist die Musik für mich anhörbar? Was für Emotionen/ Assoziationen werden hervorgerufen? Natürlich trägt jeder einzelne im Anbetracht der Entwicklung von KI auch die Verantwortung zur Wachsamkeit – so gut man das als Laie vermag. Dennoch für mich gilt immer noch: Die Hauptkritik bei einem Betrug sollte immer noch der Person gelten, die gelogen und betrogen hat, und nicht denjenigen, die betrogen worden sind! Und egal für wie schlau man sich hält, wie kritisch man immer alles in seiner Umgebung beäugt, auf dem falschen Fuß erwischt kann jeder in eine Falle tappen!
Der Knackpunkt bei der Diskussion um die Politik, mit der Bandcamp den Betrug mit KI generierter Musik unterbinden will, ist genau der von
Robert erwähnte:
„Wenn User die Musik „melden“ erzeugt man einen Verdachtsmoment. Das finde ich grundsätzlich gefährlich,…“
Wenn man dem Link im Artikel zur Vorgehensweise von Bandcamp folgt, stößt man auf einige kritische Stimmen, die das genauso sehen, darunter auch Musiker.
Ohne hinreichende Beweise gilt immer noch die Unschuldsvermutung. Meiner Meinung nach ist es genauso verwerflich, jemanden zu Unrecht des Betruges zu bezichtigen wie jemanden zu betrügen.
Das Beisiel zeigt auch wie leicht sich Menschen täuschen lassen und wie berechenbar Menschen sind. Es gibt Ein Rezept wie Musik sich anzuhören hat, welche Elemente sie braucht und wie sie aufgebaut sein muss, um gefällig zu klingen. Damit hat man uns Menschen schon gepackt und man kann uns nach belieben täuschen. Gerade kam eine Sendung von MaiThink X, wo es um Erinnerungen geht und wie leicht man diese täuschen und manipulieren kann. Und nun erleben wir, wie leicht berechenbar unser Musikgeschmack ist. Es waren Leute wie Bohlen und Konsorten die auch als Menschen diesen Trick angewendet haben und billige einfallslose Musik unter die Leute gebracht haben und nun macht es die Maschine nach. Und es funktioniert in jedem Genre. Jetzt könnte man sagen, ach scheiß drauf, Hauptsache es klingt gut und man hat seinen Spaß damit. Da die KI aber nichts neues erfinden kann, bleibt die Musik dann für ewig so und entwickelt sich nicht weiter. Auch wenn echte Menschen die KI nicht um das Schreiben ganzer Stücke verwenden, sondern als Hilfe für ihre eigene Musik, so beeinflusst diese den Musiker sich selbst nicht mehr viel weiter zu entwickeln. Das ist eine kulturelle Katastrophe.
Danke für den Artikel. Ich bin auch auf A Shrine To Failure hereingefallen und habe deren Songs im GothDiscoInferno gespielt, genau wie von Transportna und Midnight Darkwave. Seit dem bin ich vorsichtig und schaue mir neue Bands genau an, ob es reale Bandfotos gibt, ob es Konzerte gab oder gibt und wie hoch die Zahl der Veröffentlichungen ist. Das alles kann aber alles oder auch nichts heißen. Ich gabe neulich erst einen Kontakt mit einem Künstler bei Insta gehabt, die Musik ist elektronisch und top produziert, das ist aber mit moderner Software auch ohne KI möglich. Die Videos sind komplett KI-generiert, das kann aber auch nur der Einfachheit geschuldet sein und muss kein Indiz für eine generierte Musk haben. Die Band plant keine Liveauftritte, was mit dem Zeitmangel durch reale Jobs erklärt wurde. Was soll ich davon halten? Im Zweifel für den Künstler?
Ich glaube, wir werden noch häufiger auf KI-generierte Musik hereinfallen, wenn wir nicht komplett aufhören wollen, neue Musik zu entdecken.
Das ist für mich der springende Punkt, der alles sagt was es dazu zu sagen gibt. Es lag eine bewusste Täuschung vor, daher gibt es hier eigentlich nichts wofür ihr euch entschuldigen müsstet.
Ich gebe offen zu, dass ich während der letzten Monate auch ein paar mal ins Zweifeln geraten bin, während ich irgend einen Internetradiosender im Hintergrund laufen ließ. Manche Songs klangen für mich beim hören schon arg nach KI, auch wenn sich bei Recherche fast immer heraus stellte dass es sich doch um eine echte Band handelte. Das Problem daran ist eben dass gerade Songs die einer sehr klaren Struktur folgen und nicht mit überraschenden Ausreißern arbeiten, besonders leicht durch eine KI nachgeahmt werden können. Ich habe selbst schon mit KI-tools wie udio herum gespielt und solange ich den Text weg ließ, kamen dabei durchaus auch ein paar Stücke zu Stande, die man auch irgendwo in einen Radiostream hätte untermogeln können. Von daher fürchte ich, dass wir inzwischen wohl einfach über den Punkt hinweg sind, wo man, jemandem Fahrlässigkeit unterstellen kann, nur weil er/sie auf ein reines KI-Projekt herein gefallen ist.
Grundsätzlich habe ich auch kein Problem damit, wenn KI zum Einsatz kommt. Zumindest dann nicht, wenn diese lediglich zur Unterstützung eingesetzt wird und nicht um bewusst Künstler und Kunst zu simulieren, wo in Wirklichkeit beides nicht vorhanden ist. Wichtig finde ich aber den eindeutigen Hinweis an welcher Stelle und in welchem Umfang KI zum Einsatz kam. Mag ja vielleicht auch Leute geben, die bereit wären bereitwillig Geld an jemanden auszuschütten, der lediglich die promts zu einem Song oder gar einem Album liefert. Leider habe ich jedoch die Befürchtung, dass es dabei (wieder einmal) nicht ohne eine gesetzliche Regelung und harte Sanktionen funktionieren wird. Das sich sowas auf freiwilliger Basis flächendeckend umsetzen lässt, halte ich in einer Welt in der jeder irgendwie zusehen muss woher das Geld zum Leben kommt ehrlicherweise für ausgeschlossen.
Dann auch mal meinen Senf dazu…
Wollen wir das mal aus einer rein oberflächlichen Perspektive betrachten: Klar ist scheinbar, die Musik hat viele angesprochen, weil die Produktion, die Machart, Melodien, Texte usw. wohl gut waren und Gefallen gefunden haben. Soweit alles in Ordnung. Nun ist es aber so, dass ein Großteil der Leute, die Musik hören, und das beschränkt sich jetzt nicht allein auf die Szene, damit völlig zufrieden sind und nicht hinterfragen, wer und was dahintersteckt und wie die Musik entstanden ist. Also, ein reines Konsumprodukt, welches Anklang findet. Nun könnte man sagen, alles gut. Das reicht völlig aus.
Aus meiner persönlichen Sicht heraus, ist es reiner Betrug. Kunst kommt von Können und nicht aus einer Maschinerie, welche auf Datenbanken und Informationen zugreift, mit der sie zuvor jahrelang gefüttert wurde und welche mit ein paar Handgriffen etwas generiert, was weder auf musikalisches Verständnis, noch auf wirkliches Interesse an künstlerischer Ausdrucksweise beruht, sondern nur auf den ausgefeilten Umgang mit KI. Soweit könnte man das auch noch durchgehen lassen, solange die Ergebnisse absolut kostenfrei zur Verfügung gestellt würden und klar ersichtlich ist, dass hier allein eine KI dahinter steht. Sobald aber jemand damit Geld generiert und verschleiert, ist es reiner Beschiss. Punkt!
KI gehört streng reglementiert.
Liebe empörte Musikliebhaber,
eure hysterische Aufregung kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Ihr habt die Musik von A Shrine to Failure gehört. Ihr habt sie geliebt. Ihr habt bereitwillig und mit strahlendem Lächeln euer hart verdientes Geld dafür ausgegeben – völlig freiwillig, aus freien Stücken, angetrieben von eurem ach so unfehlbaren Musikgeschmack. Kein finsterer Konzern hat euch hypnotisiert, kein Streaming-Algorithmus hat euren Finger eigenhändig auf den Kaufen-Button gedrückt, kein weinendes Marketingteam euch mit Tränen in den Augen angefleht. Ihr wart begeistert. Spontan. Aus tiefstem Herzen. Ihr. Habt. Es. Gewollt.
Und jetzt? Jetzt bricht eine Welt zusammen. Nicht weil die Musik schlechter geworden wäre – das ist sie nicht. Nicht weil sich ein einziger Ton verändert hätte – das ist nicht der Fall. Sondern weil das schöne, warme, selbstgefällige Gefühl verschwunden ist. Das Gefühl, zu den Richtigen zu gehören. Den richtigen Künstler unterstützt zu haben. Den richtigen Geschmack bewiesen zu haben. Mal ehrlich: Habt ihr je wirklich die Musik geliebt – oder vor allem das Gefühl, jemand zu sein, der diese Musik liebt?
Aber nein. Kaum fällt das Wort „KI“, geschieht ein kleines Wunder der Selbstverleugnung: Dieselbe Musik, die euch eben noch Gänsehaut bereitet hat, dieselben Töne, dieselbe Melodie, derselbe Rhythmus – plötzlich wirken sie hohl, seelenlos und unerträglich. Wie auf Knopfdruck. Wie bestellt. Eure Ohren haben sich nicht verändert, die Musik ist dieselbe geblieben – aber eure Haltung dazu musste natürlich sofort angepasst werden, damit sie zum neuen Wissen passt. Denn was wäre schlimmer, als zuzugeben, dass eine Maschine euch wirklich, tief und ehrlich bewegt hat? Was wäre peinlicher, als einzugestehen, dass euer so gepflegtes Kunstgefühl keinen Unterschied bemerkt hat – keinen einzigen? Also wird die Erinnerung verbogen, das Gefühl nachträglich entwertet. Und schon ist die Welt wieder in Ordnung: Ihr seid auf der richtigen Seite, die Maschine auf der falschen.
Also, werden jetzt die Dateien gelöscht? Werden die CDs mit heiligem Zorn ins Feuer geworfen, als wäre es eine große Reinigungszeremonie eurer makellosen Kunstseele? Nur zu. Aber wisst ihr was? Die Gänsehaut beim Hören der Musik war trotzdem echt. Und die könnt ihr nicht löschen.
Du sprichst einen interessanten Punkt an. Für mich war Undone eine der spannendsten Produktionen des Jahres. Gänsehaut beim Hören hatte ich auch. Vielleicht ist das entscheidende beim Musikhören nicht, wer sie gemacht oder was er dabei gefühlt hat. Sondern was der Hörer aufgrund seiner Erfahrung, seines Innenlebens daraus macht.
Na, zum Glück bin ich einer derjenigen, der da völlig unvoreingenommen ist, der sich das Stück KI-Verbrechen nicht angehört und dann noch Geld versenkt hat, was ich sonst nämlich in ehrliche und künstlerisch wertvolle Tonträger verwende und somit den Künstler entsprechend seiner Arbeit entlohne. Somit zieht in dem Falle deine Verteidigungsrede, die möglicherweise den Anschein erweckt, als würde der KI-Verbrecher selbst schreiben, nicht.
Es geht ja letztendlich nicht darum, dass die Musik bei den jeweiligen Hörern was auslöst, gefällt und hörenswert ist, sondern darum, dass sich da einer die Taschen voll machen will, mit Hilfe der KI, also nicht seinen eigenen künstlerischen Ambitionen entspringt, sofern überhaupt vorhanden. Der Grat zwischen Kunst und Betrug ist schmal, aber er ist da.
Wärmstens ans Herz gelegt sei da auch noch Dr. Pop von Radio Eins, der immer sehr gut aufdeckt, wie in der Musikbranche geklaut wird und das auch noch ganz schamlos und damit Millionen verdient werden. Schon deswegen sollte man Kommerz und Mainstream meiden.
Keine Sorge, ich stecke nicht hinter diesen Machenschaften.
Natürlich mag es sein, dass Roboter dank künstlicher Intelligenz technisch makellos malen, mit schwindelerregender Sprachgewandtheit schreiben oder mit kristallklarer Perfektion singen, präziser, als wir Menschen es je könnten. Doch allein bei diesem Gedanken zieht sich in mir etwas zusammen, ein stilles, hartnäckiges Nein. Wer will das wirklich? Ich jedenfalls nicht.
Für mich ist Kunst aus einem Grund, der sich jeder Berechnung entzieht, eine zutiefst urmenschliche Angelegenheit, weil sie niemals nur ein Produkt ist. Sie ist eine Brücke zwischen Seelen. Ich möchte die Vision eines anderen Menschen in mir aufnehmen. Ich möchte von den Erfahrungen, den stillen Zweifeln und den zitternden Hoffnungen meiner Mitmenschen lernen. Ich möchte durch ihre Worte, ihre Melodien, ihre Pinselstriche hindurchfühlen, was ein anderer Mensch vor mir womöglich genauso empfunden hat – dieses flüchtige, wunderbare Gefühl, nicht allein zu sein.
Und doch – oder vielleicht gerade deshalb – hat mich eine Beobachtung nicht losgelassen. Menschen, die von einem Werk zutiefst berührt wurden, die strahlten und erzählten, wie sehr es sie bewegt hat – und die dann, kaum dass sie erfuhren, es stamme von einer KI, förmlich erstarrten. Als wäre die Wärme aus dem Raum gesogen worden. Was sie beschäftigte, war nicht einmal so sehr die Frage nach der Kreativität, also ob die Maschine sich Bestehendes angeeignet und daraus etwas vermeintlich Neues zusammengesetzt hatte. Es war das Gefühl, betrogen worden zu sein.
Und genau hier liegt die Frage, die mich nicht loslässt: Warum eigentlich? Wenn mich etwas bewegt – ob es mich begeistert oder abstößt, ob es mir Gänsehaut über die Arme jagt oder einen Kloß in die Kehle treibt -, ist es dann wirklich von Bedeutung, wessen Hand oder wessen Algorithmus dieses Gefühl in mir ausgelöst hat?
Ich finde den Punkt sehr interessant und wichtig, würde ihn aber etwas differenzierter betrachten.
Ich gebe dir in sofern recht, dass der Song an sich nicht schlechter wird nur weil sich herausgestellt hat, dass er KI erzeugt wurde. Das ist nicht der springende Punkt, den ich als Kritiker machen würde. Vielmehr ist es die Vertrauensbasis, die zwischen „Künstler“ und Konsument Schaden genommen hat und die sich nun auf den Song und das Album an sich projiziert.
Wenn ich mir ein Album kaufe (in diesem Fall habe ich es auch nicht getan), dann A) weil mich die Songs selbst abholen und etwas in mir bewegen und B) Weil ich darauf vertraue, dass der Künstler hier aus echten Emotionen heraus gearbeitet hat. Diese müssen dabei gar nicht 1 zu 1 mit dem Song oder dessen Inhalt übereinstimmen, aber allein der Umstand dass ein empfindungsfähiges Wesen die Musik geschrieben und vertont hat, ein Wesen was auch weiß wie sich Trauer, Liebe, oder Niedergeschlagenheit anfühlt, macht hier den feinen Unterschied. Eine KI fühlt nicht, sie bricht im besten Fall Emotionen auf eine mathematische Formel herab ohne emotional zu begreifen was diese im Inneren eines empfindungsfähigen Wesens abseits von sachlich beschreibbaren, chemischen Prozessen auslösen. Mir rein sachlich eine Emotion wie Trauer anhand von biologischen und soziologischen Prozessen zu erklären und dieses Wissen in eine mathematische Formel umzusetzen um damit eine Resonanz in meinem Gegenüber zu erzeugen ist halt nicht das Gleiche wie wenn ich schon mal selbst Trauer erlebt habe und sie (auch in einem völlig anderem Kontext) zu thematisieren.
Das macht für mich auch den feinen Unterschied zwischen Kunst und reinem Handwerksprodukt aus. Das Handwerksprodukt wird dadurch nicht schlechter, aber ich möchte mein Geld eben für Kunst und Künstler ausgeben. Vielleicht wäre das ganze um ein vielfaches glimpflicher verlaufen, wäre von Anfang an klar gewesen dass der Macher dieser Werke seine Gedanken in Promts umgesetzt und an die KI weitergegeben hat. Dann hätte zumindest jeder für sich selbst entscheiden können, ob die darin enthaltene Kunst noch ausreicht um Geld dafür auszugeben. Da in diesem speziellen Fall aber bewusst getäuscht und mit den Erwartungshaltungen der Konsumenten gespielt wurde, ist der Sachverhalt ein völlig anderer und dementsprechend anders zu bewerten, finde ich.