Frostiger Vorfrühling: Deine Lakaien im Substage – Konzertbericht

Trügerisch kann der junge Frühling sein, Neuanfang und Wärme vorgaukelnd, während der Nachtfrost bitterkalt ist und auch bei den ersten Sonnenstrahlen die Rauhreifkristalle auf den Wiesen nur langsam dahintauen.

Perfekt in diese Zeit des Jahres passte da der Auftritt von „Deine Lakaien“ als Elektronik Duo. Schon im vergangenen Jahr hatten Alexander Veljanov und Ernst Horn angekündigt, dass im Rahmen einer kleinen Konzertreihe eine Rückkehr zu ihren elektronischen Wurzeln geplant sei: Kühle Klarheit an Stelle von bombastisch-theatralischen Orchesterklängen. Da ich vor knapp zwei Jahren bei einem Planetariumskonzert der beiden in die Weiten des Universums entschwebt war, wollte ich ihre Musik diesmal näher, auf der Erde erleben. Dass einer ihrer Auftritte im Substage in Karlsruhe stattfand, kam mir dabei entgegen, denn das verkürzte die Anfahrt deutlich im Vergleich zur Anreise nach Jena.

Kühle Klänge mit einer Note Sarkasmus

Im Club angekommen, war ich darauf bedacht, möglichst weit vorne einen Platz erlangen. Ich freute mich nah an der Bühne auf eine sehr freundliche Lakaien-Verehrerin aus Günzburg zu treffen, die mit ihren beiden Teenies und Partner gekommen war. So verlief auch die Wartezeit bis zum ersehnten Erscheinen der Künstler angenehm.

Dann, endlich: Ernst Horn betrat die Bühne, um einmal mehr mit seinen avantgardistisch-elektronischen Klängen das Publikum in den Bann zu ziehen, gefolgt von Sänger Alexander Veljanov. Mit „Colour-ize“ machte das Duo gleich zu Beginn klar, wo die Reise hingeht: Das sollte keine pseudo-melancholische Kuschelveranstaltung werden. Düster und frostig wurde es bereits mit den ersten Klängen, die Ernst Horn dem Synthesizer entlockte. Dazu setzte Veljanov mit seiner tiefen einzigartigen Stimme ein und versetzte die Zuhörer in eine albtraumhafte, klaustrophobische Situation.

Es folgte ein weiterer Song aus dem sehr frühen Werk der beiden: „Love will not die.“ Ein Lied gegen Krieg zwischen zaghafter Hoffnung und Verzweiflung. Leider – so Veljanov in Anspielung auf das derzeitige Weltgeschehen – sei der Song auch heute nach Jahrzehnten immer noch aktuell und somit ein sinnloses Lied. Dieser skeptisch sarkastischen Haltung Veljanovs – nicht ohne eine leise Spur der Selbstironie – zog sich beim Ansagen und Kommentieren der Songs durch den gesamten Auftritt hindurch. „Wir haben schon immer schwarzgesehen. Deswegen wird es im nächsten Lied auch nicht besser“, war ebenfalls aus seinem Mund zu vernehmen.

Emotionaler Höhepunkt der unerfüllten Sehnsucht

Der emotionale Höhepunkt des Konzertes war für mich „Where you are“, einer meiner absoluten Lieblingssongs nicht nur aus dem Werk von „Deine Lakaien“, sondern überhaupt. Bereits die ersten Takte des Intros gehen unter die Haut. Der Schmerz, den Veljanov dann mit seinem Gesang zu transportieren vermag, trifft direkt ins Herz. Ein Stück voller unerfüllter Sehnsucht bei der rastlosen Suche nach einem geliebten Menschen, der in unerreichbarer Ferne bleibt. Diese Sehnsucht hatte ich schon beim allerersten Hören des Liedes intensiv gefühlt. Verstärkt wird das vergebliche Verlangen nach Nähe durch die Weite der Landschaft, die dem Suchenden trotz ihrer Schönheit ebenfalls ein Gefühl von Verlorenheit vermittelt:

„And I changed my life
And I moved outside
Where the water is clean and pure
Where the lands are wide
Where the air is bright
All my feelings are with you“

An diesem Abend erhielt der Schmerz von „Where you are“ für mich eine neue Dimension und brach mit unerwarteter Wucht über mich herein, denn zu Beginn der Woche hatte ich einmal mehr miterlebt, wie es ist, wenn ein Mensch einfach geht und nie wieder zurückkehren wird, wenn man weiß, dass man ihn, auch von einem Hügel aus nirgends in der Ferne erspähen kann, wenn die freundlichen Worte zur Begrüßung für immer verstummt sind, wenn das Lächeln für immer erloschen ist. Und selbst wenn man nicht zu den Menschen gehört, die dieser Person am allernächsten standen, spürt man doch diesen Riss, den ihr Fortgehen hinterlässt. Und dennoch: So sehr meine Reaktion in diesem Moment auf den Song von persönlichem Erleben bestimmt war, so universell ist das Gefühl von Sehnsucht, Verlust und Einsamkeit, welches er berührt. Dementsprechend waren auch andere Konzertbesucher sichtbar ergriffen.

Von der ewigen Qual des Seins

Anders als beim letzten Konzert, bei dem ich ihn erlebt hatte, zeigte sich Veljanov an diesem Abend durchaus gesprächig und sogar zum Scherzen aufgelegt: Er kündigte den Titel „Farewell“ bewusst als Abschiedssong an, um die Leichtgläubigen im Publikum in die Irre zu führen und dann mit einem Lächeln zu verkünden, dass der Abend noch nicht zu Ende sei.

Mit einer kreisenden Handbewegung deutete Veljanov an, dass nun der unerbittliche Kreislauf der Wiedergeburt bevorstand. Ernst Horn entlockte dem von ihm malträtierten Synthesizer eine hektische, schrille Klangfolge, die genial an der akustischen Schmerzgrenze schrammte. Allein dadurch entsteht in „Reincarnation“ eine Ruhelosigkeit, die jede Hoffnung darauf, nach dem Lebensende Frieden zu finden, zunichtemacht. Die Ausweglosigkeit des in seiner Existenz gefangenen Menschen äußert sich auch im Refrain des Songs:

So you go round and round and round
Another life another wound
From death to birth, from birth to death
No time to waste, no time to rest …

Die religiöse Verheißung eines wie auch immer gearteten Fortbestehens nach dem Tod wird als Fluch enttarnt. Statt ewiger Glückseligkeit erwartet den Menschen in Wirklichkeit niemals endender Schmerz. Die finstere Trostlosigkeit in diesem Song brachte Veljanov auch durch seinen Vortrag zum Ausdruck, indem er zunehmend Dramatik in seine Stimme legte. Gegen Ende schrie er das Wort „torture“ wiederholt in die Menge und ließ ein höhnisches Lachen erklingen.

Bereits als ich „Reincarnation“ zum ersten Mal als Studioaufnahme gehört hatte, maß ich diesem Stück die Qualität äußerst dunkler Medizin bei. Ich durfte nun erleben, dass sich Wirkung live um ein Vielfaches steigert und geeignet ist, einem kalten Schauer den Rücken hinunterzujagen. Da bleibt einem nur, doch auf einen Zerfall in einzelne Atome am Ende der Tage zu hoffen.

Davongleiten durch die Dunkelheit auf Rabenschwingen

Deine Lakaien - One Night

Nach dieser mentalen Tour de Force verstanden es Deine Lakaien, das Publikum mit sanfteren Klängen gegen Ende des Konzertes wieder aufzufangen. Obwohl Veljanov mit einer Erkältung zu kämpfen hatte, ließ sich das Duo noch zweimal durch den frenetischen Beifall der Zuschauer erweichen und betrat erneut die Bühne. Es kamen verschiedene Vorschläge für Zugaben aus der Menge, wozu Veljanov nicht ohne Selbstironie meinte, dass er die Stücke alle kenne. Beim epischen „Love me to the End“ konnte man in wohltuender Melancholie schwelgen. Endgültig in die Nacht entlassen wurde das Publikum passend mit „One night“, einem Stück, das die Schönheit von Traurigkeit offenbart und ihr dadurch etwas Erhabenes verleiht. Mich hatte dieses Lied bereits vor drei Jahren durch einen tristen Sommer getragen und befähigt, über meinen eigenen Abgründen zu schweben. Aus dieser Perspektive hatte dann vieles seine Bedeutsamkeit und Schwere für mich verloren.

Auch am Ende dieses Abends war „One Night“ geeignet, mich heilsame, wundervolle Dunkelheit spüren zu lassen.

Deine Lakaiene Konzertbericht: Teil meiner persönlichen Trinität der Finsternis

Gelegentliche, wenn auch seltene Vorbehalte wie „zu pathetisch, zu sehr in Richtung Pop gehend…“ wurden durch den Auftritt von „Deine Lakeien“ im Substage einmal mehr entkräftet. Die kühle, experimentierfreudige Präzision Ernst Horns gepaart mit Alexander Veljanovs einzigartiger Stimme und dessen bisweilen bissigem Humor sorgten – von der Zeit ungebrochen- für einen einzigartigen Konzertabend mit vielen Schattierungen dunkler Töne. Für mich sind und bleiben „Deine Lakaien“ daher Teil meiner persönlichen Trinität der Finsternis.

 

Maren

Schwarzer Wildwuchs abseits jeglicher Szene-Hotspots. Wird von allem ästhetisch Dunklen und Morbiden seit jeher magisch angezogen. Genießt Dunkelheit gerne in der Wildnis. Einzelgängerin, aber offen. Spürt Zugehörigkeit zur Szene seit dem Kontakt zu Spontis. Das schwarze Herz schwingt am stärksten durch „The Doors“, „The Cure“ und „Deine Lakaien.

Kommentare

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Gruftfrosch
Gruftfrosch(@gruftfrosch)
Vor 21 Tagen

Danke Maren für deinen Konzertbericht. Ich mag auch die Fotografien dazu. Ich mag deinen Schreibstil. Ich hatte fast das Gefühl dabei gewesen zu sein.

Durante
Durante(@durante)
Antwort an  Gruftfrosch
Vor 19 Tagen

Schließe mich dem Gruftfrosch an – Dieser sehr persönliche Stil ist wirklich schön und lässt einen beim Lesen richtig eintauchen, und die Stimmungen durch Fotos zu visualisieren die nicht vom eigentlichen Konzert stammen ist ne echt coole Idee find ich… Danke an die Autorin für ihre Mühe! :)

(Hab die Lakaien leider bislang erst einmal gesehen, auf einem Festival (wofür sie nicht die perfekte Band sind find ich (auch wenn es absolut ein guter Auftritt war), sie gehören vorzugsweise eher in einen kleineren, ruhigeren, persönlicheren Rahmen (nach meinem Empfinden), ein zweiter Konzertbesuch fand leider aufgrund höherer Gewalt nicht wie geplant statt (Life said no :( )… aber vielleicht seh ich sie ja irgendwann nochmal, wenn die Zeit dafür reif ist.)

Marc
Marc(@marc)
Vor 18 Tagen

Ein sehr schöner Konzertbericht. Sehr schön geschrieben. Während des Abschnitts zu Where you are überfiel mich ein kleiner Schauer:) Deine Lakaien ist die Band, die ich am meisten Live gesehen habe. Sind Auftritte zum 40jährigen geplant? Oder waren das die Planetariumskonzerte?

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