Pressespiegel zum 20. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig

Das Wave-Gotik-Treffen 2011 ist vorbei, nachdem die meisten endlich einmal ausgeschlafen haben, beginnt man damit das Gepäck auszuräumen, die mitgebrachten Dinge zu bewundern und beim sortieren der zahlreichen Bilder in Erinnerungen zu schwelgen. Nach dem WGT ist vor der WGT, denn obwohl der Festival-Sommer 2011 erst begonnen hat, ist für viele Besucher der Höhepunkt des Jahres bereits erreicht.

Eine gute Gelegenheit, der Presse über die Schulter zu gucken um zu sehen, wie sie das 20. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig wahrgenommen hat, gute Dinge haben eben Tradition. Die Leipziger Volkszeitung beispielsweise, widmet dem WGT eine Sonderrubrik ihrer Online-Präsenz und versammelt hier zahlreiche informative und durchaus neutrale bis wohlwollende Artikel. So wie Armin Kober, der in einem Artikel von seinem ersten WGT 1992 berichtet und dazu einige Bilder auf seiner Seite (Linktipp!) veröffentlicht hat. Die Stadt Leipzig zeigt sich begeistert, Cityhotels waren ausgebucht, das gleichzeitig stattfindende Bachfest ebenfalls ein Erfolg. Die BILD-Zeitung schreibt von unglaublichen Einnahmen und mein Geldbeutel ist leer. Das passt irgendwie.

Die sueddeutsche.de ist in ihrem Artikel “Lasst uns Fledermäuse malen” weniger freundlich und schreibt:  “Teufelsfrauen mit Hörnern, Jungfrauen, die sich ersteigern lassen und 20 Prozent Rabatt auf Gasmasken: Beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig treffen ergraute Grufties auf Mittelalter-Fans und Cyber-Goths – und am Ende sind doch alle so spießig, dass sie einen gefühlsbetonten Gottesdienst besuchen und die Platzordnung ans Zelt kleben.” Die faz.net versucht sich in einem objektiveren Bild und beschreibt, was zu sehen ist: “Das filigrane Schminken ist überwiegend Sache der Frauen und Mädchen, aber auch viele Männer stehen ihnen darin in Nichts nach. Junge Jungs, die offensichtlich noch nicht wissen, ob sie Männlein oder Weiblein sein wollen, kommen im bauchfreien T-Shirt daher. Die noch zarten Glieder sind geschmückt mit Ketten, Ringen und Ohrringen, die Haare dramatisch drappiert. Auf den ersten Blick ist oft nicht zu entscheiden, ob einem da ein Mann oder eine Frau entgegen kommt. Die androgyne Selbstdarstellung ist fester Bestandteil des Verkleidungsspiels.

Straps-Domina, Sklaven und Nazi-Stil

Etwa populistischer beschreiben die Magazine das WGT, stern.de schreibt in ihrem Artikel:  “Eine Herrin mit ihrer Sklavin an der Kette – so gehört sich das für ein zünftiges Wave Gotic Treffen (sic!), wie dem am Pfingstwochenende in Leipzig.” Das dieses lächerliche Spiel mit Stilmittel der SM-Szene überhaupt nicht auf ein zünftiges Wave-Gotik-Treffen gehört ist der Zeitschrift entgangen, leider auch vielen der Besucher. Für Aufsehen unter vielen der Besucher sorgte noch vor Ort die Überschrift von spiegel-online: “Ungeschminkt geh’ ich nicht mal aufs Dixie-Klo” und weitere Zwischenüberschriften auf niedrigem Niveau: “Spontane Toilettengänge sind nicht drin – das macht das Kleid nicht mit” oder auch “Patrick schläft nicht auf dem Rücken, sonst zerstört er seine Frisur” sowie “Ich musste mich überwinden, ohne Haarteile auf den Zeltplatz zu kommen” trügen mein Bild einer anspruchsvollen Zeitschrift und passen wohl eher auf die übergroße und überregionale Zeitungen auf billigem Papier. Die BILD schreibt in einem Artikel auf ihrer Onlinepräsenz: “Eine Straps-Domina führt ihren Sklaven an der Kette durch die Stadt. Nur in Korsett und Strümpfen, aber mit Sonnenschirm stolziert eine junge Frau über die Petersstraße. Eine Schönheit im durchsichtigen Reifrock macht die Grufti-Jungs verrückt. Schwarze Engel in knappen BH, Höschen und Netzstrümpfen schweben durch die City, dazu Elfen in Lack und Leder.

Dem Autor von op-online fällt noch eine weitere Geschmacklosigkeit ins Auge, die er mit “Geschmackloser Auftritt im Nazi-Stilüberschreibt. “Ein Mann hat am Freitag mit seiner Aufmachung aber mehr als schlechten Geschmack bewiesen: Er lief in Leipzig in einem schwarzen Kostüm in Nazi-Stil auf. Mütze, Pseudo-Abzeichen am Kragen und schwarzer, SS-artiger Mantel. Wie er der Nachrichtenagentur AP sagte, verstehe er sein Kostüm aber nicht als politisches Statement. Ihm komme es auf den Fetisch-Charakter an. Da fragt man sich schon: Wie kommt man dazu, ausgerechnet einen Nazi-Fetisch zu entwickeln?” Die Antwort für die Szene kann ich nicht geben, das Uniformen und vor allem die der Nazis seit Jahrzehnten einen Fetischismus auslösen ist jedoch bekannt, eingeweihten wird der Begriff der Stalag Groschenromane ein Begriff sein, die 1961-1963 in Israel erschienen sind und den Startschuss für den Fetisch dieser Uniformen legten. Aber das ist vielleicht etwas weit hergeholt.

Bleiben wir ehrlich

Was dort zu lesen ist trübt den Rückblick auf ein Jubiläum, denn viele Besucher hatten sich mehr voneinander versprochen. Bleiben wir ehrlich, so ganz Unrecht hat die BILD-Zeitung nicht, wenn sie titelt, das WGT würde immer “erotischer” werden. Ich würde andere Wörter benutzen, die alle im rheinischen Karneval münden. Glücklicherweise bin ich nicht der einzige, der das so sieht. Sascha Lange 1Sascha Lange ist Historiker und Publizist und lebt in Leipzig. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist das Thema Jugendkulturen. Seinen satirisch-biografischen Wenderoman -Das wird mein Jahr- gibt es beispielsweise bei Amazon für 8,95€ von der Sächsischen Zeitung schreibt in seinem Artikel “Wenn Lebende ihren kulturellen Tod feiern” sehr treffen:

Seit 1992 gibt es dieses Treffen zu Pfingsten, und ich habe das Pech, dass ich bei den ersten geradezu familiären Zusammenkünften dabei gewesen bin und mich nun in der >früher war alles besser< Situation wiederfinde. (…) Der Erfolg des Treffens in Leipzig verbreitete sich schnell, bald zog es in größere Läden um. Größere Bands wurden eingekauft, größere Wiesen angemietet für Tausende Zeltplatzbesucher. Und dorthin kamen dann jene, die das Treffen und mit ihm die ganze Subkultur auf ihre Weise zu Grabe trugen: Wochend-Gruftis. Typen, die das ganze Jahr über brav ihre Banklehre bei der Kreissparkasse Gütersloh absolvierten, zogen sich fürs Pfingstwochenende schwarze Klamotten an, kämmten ihre langweiligen Frisuren zurück, rasierten sich noch nicht mal ihren grauenhaft flaumigen Oberlippenbart ab, fühlten sich extrem cool – und mir wurde so über in der Magengegend. (…) Heute noch von einem Szenetreffen zu sprechen, wäre übertrieben. Fetisch-Fasching passt da besser. Als irgendetwas verkleidete Muttis begleiten ihre jungerwachsenen Kinder und verwechseln das Treffen mit dem Kölner Karneval. Gehörte es früher zum Wesen einer jeden Jugendkultur, sich äußerlich und innerlich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen, zu provozieren, neue kulturelle und politische Ideen zu entwickeln und zu transportieren, präsentiert das WGT in Leipzig heute den totalen Stillstand, ein narzisstisches Schaulaufen der Eitelkeiten und Konsumfetischismus…

Lange schließt mit den Worten, dass er sich lieber ein Pfingsten im Grünen gönnt, ganz so weit würde ich jedoch nicht gehen, denn Resignation ist sicherlich auch keine Option. Ehrlich, ich hab’ keine Lust ein paar Lackaffen und Uniformspinnern kampflos das Feld zu überlassen. Ich bedanke mich übrigens bei Leser “Rico” der mir diesen Artikel als PDF geschickt hat!

Bewegendes

Dank einer eingebauten Kamera in fast jedem mobilen Gerät zeigt sich YouTube sehr überflutet, wirklich jeder scheint ein Video zu veröffentlichen. Die Spreu vom Weizen zu trennen wird wohl bis zum nächsten Jahr dauern, eine ganz witzige Interview-Reihe findet sich im Kanal von 384DeLuXe, die man auf verschiedene Arten bewerten kann, ich bin gespannt auf eure.

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Auch die ARD hat sich herabgelassen einen Beitrag in ihr Nachtmagazin zu packen, den ich euch nicht vorenthalten möchte, denn schließlich ist alles nur Fassade und Kostüm:

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Update

Bildzeitung zum WGT 2011Die Junge Freiheit lässt ganz andere Schlüsse zu: “Ansonsten herrscht beim WGT aber doch das Prinzip „Anything goes“. Das einstige Szenetreffen ist längst ein großes Volksfest, bei dem jeder mitmachen kann. Und doch fällt eines ins Auge: Es ist ein Fest der europäischen oder – angesichts der Teilnehmer mit ostasiatischen Wurzeln –, der von europäischer Kultur geprägten Jugend. Gäste mit orientalischem oder afrikanischem Hintergrund sind nicht anzutreffen.” Selbst das Handelsblatt möchte vom schwarzen Kuchen des WGT etwas abhaben und kommentiert müde die Bilder der dpa: “Altertümliche Kostüme, aufreizende Kleider, morbide Masken: Das Wave-Gotik-Treffen zog am Wochenende rund 20.000 Besucher nach Leipzig. In der Bach-Stadt frönten die Szenekenner ihrem liebsten Hobby – dem Verkleiden.” (beide Links via Shan Dark)

Um die Reihe komplett zu machen, gibt es von Tobikult eine Fotografie der Bildzeitung, die sich auf einer Doppelseite voller Hingabe dem WGT widmet und versucht, dem aufgeschlossenen Leser etwas über die Subkultur zu vermitteln. Und mit Verlaub, so richtig schlecht sind die Erklärungen nicht.

Einzelnachweise   [ + ]

Roberthttps://www.spontis.de/author/robert-forst/
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Tobikult
Autor

Du bist mal wieder der rasende Berichterstatter und ich habe noch nicht einmal zu Ende ausgepackt! Aber zwei Presseberichte kann ich noch beisteuern:
BILD mit zwei zwei Sonderseiten (nein, ich habe sie nicht gekauft):http://werturteilsfrei.files.wordpress.com/2011/06/2011-06-bild-wgt-xx.jpg
Leipziger Volkszeitung am Pfingstsamstag:comment image

Ich widerspreche Sascha Lange. Die Schwarze Szene definiert sich (hoffentlich) NICHT über das WGT oder ein anderes Musikfestival. Das Lebensgefühl zu Pfingsten ist ein außergewöhnliches und nicht meine tägliche Kunst das Leben zu leben. Wer uns über unsere Festivals versucht zu fassen, springt zu kurz. Ich bilde mir ja auch kein umfassendes Urteil über Bildungsbürger und Geldadel an der Schlange am Buffet nach einer Premiere in der Staatsoper.

shan_dark
Gast

“Wer uns über unsere Fes­ti­vals ver­sucht zu fas­sen, springt zu kurz. Ich bilde mir ja auch kein umfas­sen­des Urteil über Bil­dungs­bür­ger und Geld­adel an der Schlange am Buf­fet nach einer Pre­miere in der Staatsoper.”

Das trifft es absolut auf den Punkt und ist mal ein interessanter Blickwinkel.

Zu diesem Artikel hier gab es bei mir schon auf Facebook heftige Diskussionen…

Wie ich auf FB schon sagte: dass die Medien und Außenstehende immer versuchen müssen alles zu erklären und dass sie uns anhand der Besucher”kostüme” z.T. wirklich so interpretieren, ärgert und nervt mich persönlich. Auch wenn ich es verstehen kann, dass man diesen Eindruck bekommt. Aber da kann man jetzt Tobis Satz gegenhalten. Die Szene definiert sich nicht über das WGT. Wäre schlimm und traurig mittlerweile. Selbst als Gruftie musste ich auf dem WGT oft vor zu viel schlechtem Geschmack regelrecht flüchten.

Ich glaube auch, dass bei einer Massenveranstaltung die kleinen, sonstigen gruftigen Details aufgrund oberflächlichen Draufschauens immer übersehen werden, man als Beobachter auch stets pauschalisieren wird. Es ist schwer bei einer Masse nur durch ein paar Fotos und Interviewfetzen zum Kern (der Szene?) durchzudringen. Falls sich jemand überhaupt die Mühe macht…

Marcus
Gast

Oftmals wird das WGT (und somit die Szene) auf das bunte Treiben auf dem Agra-Gelände beschränkt. Nicht nur in der allgemeinen Berichterstattung, sondern auch von so manchem WGT-Besucher selbst. Es ist eine Seite des WGT, die ich auch kritisiere. Ich mag diese Verkleidungen und bunten Farben, wie ich auch in meinem kleinen Rückblick erwähne, nicht. Doch man darf die andere Seite nicht vergessen. Das WGT bietet mehr eben. Andere Orte, die ein andere Bild zeichnen. Orte, an denen ich nicht das Gefühl habe, verkleideten Menschen gegenüberzustehen. Orte ohne Faschingskostüme.

Während der Fotosessions für das Pfingstgeflüster hatte ich auch Gelegenheit mit dem einen oder anderen Modell kurz über Kleidung bzw. Verkleidung zu sprechen. Manche kleinen Details wirken wie eine Verkleidung. Oftmals steckt aber die Lust an der Kreativität dahinter. Für manche eine Art Kunstform. Ein pauschales Urteil fällt deshalb nicht leicht.

Wer das WGT (und damit auch die Szene) auf Äußerlichkeiten, die sich auf dem Agra-Gelände zeigen, reduziert, macht einen Fehler. Ich wünschte mir, dass sich die Berichterstatter einfach auch einmal die Arbeit machen würden, andere Teile des WGT zu erkunden. Wobei: Letztendlich sollte es mir – uns – nicht wichtig sein. Warum muss die Szene erklärt werden? Sie wurde früher falsch dargestellt und missverstanden, sie wird jetzt (in ihrer Gesamtheit) falsch dargestellt. Die Szene lebt damit seit drei Jahrzehnten. Und sie lebt immer noch. Zumindest auf die eine oder andere Art und Weise.

shan_dark
Gast

@Marcus: Meine Beobachtungen beschränken sich nicht nur auf die AGRA, sondern insb. auch auf die Moritzbastei und einige wenige Konzerte.
Wie hat der Normale-Fotograf gemeint, der oben auf der Moritzbastei bei/nach unserem Spontis-Treffen neben uns gesessen hat: “Ihr seht halt alle irgendwie gleich aus, ich will jetzt nicht sagen langweilig, aber da freut man sich mal über ein ausgefreaktes Fotomotiv.” Ein Wunder, dass ich mich beherrschen konnte.

Ich hatte auch Orte und Konzerte ohne Faschingskostüme, nicht nur das Spontis-Treffen im Park. Zum Glück. Aber trotzdem nimmt sich die Presse immer nur die Äußerlichkeiten vor, weil die meisten Redakteure gar nicht tiefer gehen wollen. Es liegt schon wesentlich am Redakteur und seinem Verständis. Im leztten Jahr war z.B. der LVZ-Artikel vom Dienstag danach richtig gut. Es wurden 4 “ganz normale” Goths aus Wuppertal, wenn ich mich recht entsinne, porträtiert und begleitet. In dem was sie gesagt und erlebt haben, konnte ich mich gut wiederfinden. Aber der Bericht dieses Jahr. Naja.

Ach, ich schere mich zu viel um diesen Pressekram und gebe dir in dem Punkt recht: sollen die doch schreiben was sie wollen. 98% missverstehen es sowieso und das schon seit Jahrzehnten.

Aristides Steele
Autor

Die Begriffe “Kostümierung” und “Verkleidung” sind heuer in den Berichten schon sehr inflationär vertreten. Freilich, für den Aussenstehenden kommt es eben so rüber und ich hatte auch das Gefühl daß die Faschingsfraktion in diesem Jahr stärker vertreten war – aber das Gefühl mag subjektiv sein. Mir ist durchaus auch bewusst daß ich in die Verkleidungsfraktion bereitwillig mit rein gesteckt werde, da es aber aufgrund rein flüchtiger Betrachtungen passiert sehe ich das heute entspannter als sonst. Und grinse dem krampfhaft-Containance-bewahren-wollenden Rokoko-Pärchen mit Metflasche in der Hand und Fluppe im Gesicht freundlich zu – wenn ich keine Rolle spiele kann ich aus ihr ja auch nicht heraus fallen *kicher*

Vielleicht hat gerade das erklären-wollen der Szeneangehörigen auch dazu beigetragen daß sich die Klischees so verschoben haben. Die fiesen Satanisten sind wir in den Medien ja schon lange nicht mehr, lediglich komisch verkleidete Ottonormalbürger die Montags wieder ins Büro watscheln. Da man gegen solche Falschdarstellungen eh nichts machen kann bleibt nur Stinkefinger zeigen und und blubbern lassen – solang wir selber wissen warum wir schwarz tragen und das als Lebenseinstellung ansehen ist ja alles OK, oder? :D

Marcus
Gast

@shan_dark: Ok, bei der Moritzbastei habe ich so einiges ausgeblendet und mich voll und ganz auf die Gespräche konzentriert. Mir war da sowieso insgesamt zu viel bunt zu sehen ;-) Außerdem erinnert das Ganze bei der MB irgendwie an einen Zoobesuch. Nur das die WGT-Gäste nicht die Zoo-Besucher sind, sondern selbst im Käfig sitzen.

Es hat wohl alles seine Schattenseiten. Früher wurden Gruftis auf der Straße angepöbelt und angespuckt. Ein Spießrutenlauf. Veranstaltungen durchzuführen war wohl auch deutlich schwieriger, da sich oftmals die „normalen“ Bürger genötigt sahen, sich zur Wehr zu setzen und diese satanistischen Veranstaltungen zu verhindern. Heutzutage ist so etwas wohl eher die Seltenheit (Ausnahmen wie in der südwestdeutschen Provinz – wie ich mir habe erzählen lassen – bestätigen die Regel). Gruftis sind alles zahme Lämmer, die keiner Menschenseele etwas antun können. Und ich rede hier nicht von körperlicher Gewalt. Man kann schwerlich alles in seiner Gänze haben: gesellschaftliche Akzeptanz und gleichzeitig Abgrenzung und Provokation.

Ich für meinen Teil grenze mich jedenfalls weiterhin – in gewisser Weise unbewusst – durch das Tragen schwarzer Kleidung von der bunten Spaßgesellschaft ab. Beim WGT wird das natürlich nicht wahrgenommen. Im Alltag aber durchaus. Trotzdem werde ich weiterhin unaufgeregt und nett „normalen“ Menschen begegnen und nicht laut krakeelent durch die Straßen ziehen, nur um der Gesellschaft sozusagen den Stinkefinger zu zeigen. Meine Kritik an Teilen der Gesellschaft äußere ich auf meine Art und Weise – beispielsweise in Form von Fotoaufnahmen – in einer gewissen Entspanntheit. Früher war dies – zugegeben – deutlich einfacher. Aber wie gesagt: Akzeptanz und offene Kritik vertragen sich eben eher selten.

@Rosa: Es dürfte Dir ja wenig gefallen, dass unter einem Bild, auf welchem Du in der Dienstagsausgabe der Frankenpost zu sehen bist, ebenfalls von Kostümen die Rede ist: „Aufwendige Kostüme und tolles Make-up prägen das Erscheinungsbild der WGT-Besucher.“ Und im Bericht selbst wird darüber hinaus von „kunstvollen Maskierungen“ gesprochen. Na ja, man sollte der Berichterstattung einfach keine große Relevanz zumessen.

Orphi
Editor

Ich habe die Kostümierungen in meinem Nachbericht zum WGT auch deutlich erwähnt. Damit meine ich selbstverständlich nicht Rosa. ;-) Ich empfinde sogar die aktuelle Gothic Mode überwiegend als Kostümierung.

Von dem Typ im Weihnachtsmann-Dress, den Elfen und Fantasygestalten und den Cybers, den Sklaven und Dominas, den nackten Weibern mit abgeklebten Nippeln und den geschmacklosen Kostümierungen der Normalos, die sich Lackminirock und Rüschenbluse zu stinknormalen Ballerinas anziehen will ich gar nicht reden. Auch nicht von den mit roter Farbe übergossenen Zombies und den Uniform-Trägern…

Leute, es ist kein Wunder, dass die Presse von Kostümen spricht. Ich würde das ebenfalls so beschreiben. Was soll es denn sonst sein?

Dass der Kern der Szene damit absolut nichts zu tun hat, kann doch ein Außenstehender bei dem ganzen Karnevalskram nicht erkennen. Und um das Medien-Bashing mal ein wenig abzuschwächen: Den Redakteuren und Fotografen sind da auch oft die Hände gebunden. Wenn die nicht mit Lack, Leder, Fetisch und Kostümen in der Redaktion ankommen, bekommen sie einen Vogel gezeigt. Wer will denn schwarze Shirts und schwarze Hosen sehen? Das verkauft sich nicht.

Außerdem haben die meisten richtigen Grufties ohnehin eine Medienallergie, lassen sich nicht fotografieren und interviewen. Der Link zu der Foto-Galerie von Armin Kober ist genial. Endlich mal echte Grufties :-)

Cookie
Gast
Cookie

Tobikult: Bild erklärt die Gothik Typen ^^ Ich finde die Berichte entbehren schon einiges an Komik und finde sie Teils wirklich köstlich zu lesen (:
Sie machen sich zwar die Mühe 2 Tage auf Festivals zu gehen, die ihnen nicht liegen (Für die Redakteure muss sich das wohl wie ein ZooBesuch anfühlen) – aber kurze recherche zu betreiben scheint da nichtmehr in den Zeitplan zu passen^^
Wirklich Ahnung von Szenen haben zu 90% meist nur die Mitglieder selbst – und ob der “Rest” die “normalen” jetz wiedereinmal falsch informiert werden macht da auch nichtsmehr um^^

shan_dark
Gast

@Marcus: Wie wahr! gesell­schaft­li­che Akzep­tanz und gleich­zei­tig Abgren­zung und Provokation – das geht nicht. Eine Kröte muss man schlucken, entweder man gilt als abschreckend oder als kostümiert. Ich denk jetzt mal drüber nach, was mir lieber ist…

Orphi: Das meinte ich ja, sowas kommt von sowas. Ich kann es Ottonormalo und den Redakteuren nicht verdenken, dass er an Fasching denkt. Oft hab ich auch während dem WGT gedacht: Normale Leute müssen doch glauben, wir (Gothics) sind alle bisschen bescheuert, so wie hier einige rumlaufen oder sich benehmen. Aber es waren auch viele Prolls unterwegs, ist halt so bei einer Massenszene mittlerweile…

@Rosa: Ja, eigenes Erklären-Wollen ist sicher auch schuld, da nehme ich mich nicht aus. Erst wollten wir Akzeptanz. Jetzt wo sie da ist müssen wir nur aufpassen, dass es nicht ins Lächerliche abdriftet.

Es lebe die schwarze “Gegenkultur” zur Subkultur.

Maehnenwolf
Gast
Maehnenwolf

Ich betrachte das WGT immer mit gemischten Gefühlen, leider bestätigen Bilder und Berichte immer häufiger meine negative Meinung darüber und mittlerweile auch über die Szene an sich. Dem Anschein nach, selbst für mich als Szenen-Interne, sind Festivals wie das M’Era Luna und insbesondere auch das WGT nur noch dazu da, um “gesehen” zu werden. Zumindest springen diese Leute, die sich nur profilieren wollen, viel stärker ins Auge und es werden auch immer mehr. Für mich haben weder WGT noch M’Era Luna noch viel mit der Szene zu tun, da die inneren Wertvorstellungen zu stark verzerrt werden. Ich gehe trotzdem noch geren auf Festivals – der Musik wegen! Nicht, weil ich mein neustes Haarteil präsentieren muss.
Leider ist die Szene ein sehr zweischneidiges Schwert und ich sehe mcih immer häufiger in der Situation, dass ich mich immer an einer der beiden Seiten schneide. Traurig aber wahr…

Katrin
Gast
Katrin

Ich wundere mich, dass sich die Mehrheit an Kommentatoren hier an Äußerlichkeiten festbeißt. Dass (auch) das WGT einen Karneval der Eitelkeiten darstellt und dass das alles mit dem, was in den 80gern und 90gern die Szene ausmachte, so richtig gar nichts mehr zu tun hat, ist doch nicht neu (wobei – nebenbei angemerkt – auch in den 80gern die Gruftifassade sitzen musste, Eitelkeit war ja schon immer DAS Thema, oder? *g) ? Schade, wenn man sich die Zeit dort damit vermiest, sich über derartiges zu wundern und dabei vermutlich verpasst, geniale und einzigartige musikalische Erlebnisse in sich aufzusaugen. Aber da sind die Interessen vermutlich zu verschieden, um das so pauschal hier in diesen Raum zu stellen… Unbestritten bleibt jedoch wohl, dass das Line Up in diesem Jahr unglaublich viel für jene bereit hielt, die nicht erst in diesem Jahrtausend entdeckten, wie „gothic“ sie sind… Ich freu mich, dass einiges davon bei Youtube gelandet ist.

WGT-Eröffnung von Das Ich (…)

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Jubiläumskonzert von Girls Under Glass

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Farewell Konzert von Love Like Blood

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(Usw. usf. … ich mag den Rahmen nicht sprengen, weil ich mich gerade Off-Topic bewege.)

ASRianerin
Gast
ASRianerin

Das Auftakeln zum WGT ist immer so eine Sache…

Ich persönlich muss sagen, dass ich bei meinen WGT-Besuchen auch immer besondere Kleidung wollte. Aber für mich sind es keine Kostüme. Das WGT ist eher die Gelegenheit sich so zu kleiden und sich so zu zeigen, wie man eben möchte, ohne sich Gedanken machen zu müssen, ob man “overdressed” ist.
Das ist alles eine Sache des Empfindens und daher schwer zu kategorisieren.
Für mich persönlich ist es kein Kostüm und keine Verkleidung. Auch wenn der Hauptgrund für meinen besuch dann doch eher die Veranstaltungen selbst sind. Die Möglichkeit mich auch äußerlich einmal so zu zeigen, wie ich es mir im Kopf ausmale ist da nur das i-Tüpfelchen.
(Sicher geht das alles auch ohne Reifrock und Korsett und es wäre auch kein Problem im Shirt-Look hinzugehen…aber ich nutze gerne Gelegenheiten)
Schwer zu sagen, wie es für all’ die anderen ist, die ebenfalls viel Mühe, Zeit und Geld in ihre Kleidung stecken.

Und ob das WGT die Szene gut zeigt ist schwer zu sagen. Die Agra zeigt zumindest die Facette der dekadenten Eitelkeit. Aber es gibt fernab dessen Veranstaltungen die eben auch die anderen Facetten zeigen. Ich denke da an Ausstellungen, Theaterstücke oder Parties wie die “When we were young”-Party, oder all die kleinen (Commuinity)Treffen der Besucher selbst. Das WGT bietet schon sehr viel, man muss nur wissen, wo man hingehen muss.

Epitaph89
Gast
Epitaph89

Ich wundere mich etwas, dass alle sagen, die Köstume wären mehr geworden. Ich hatte gerade dieses Jahr den Eindruck das sich vom äußerlichen her wieder mehr dem Kern genähert wird. Habe auf keinem WGT so viel Batcaver, Waver, Neofolker, Schwarzromantiker, Goth Rocker und wie man sie alle nennen mag gesehen wie nie zuvor. War sehr positiv überrascht, aber vllt auch deswegen, weil wir nicht die so oft vor der Agra waren. War zu viel geboten;)

Also dieses WGT war für mich wirklich das beste, von der Ästhetik, von den Künstlern und von den Treffen mit Freunden und Bekannten.

Warum jedoch eine Uniform als Verkleidung zählt und ein Ballkleid nicht ist mir nach wie vor ein Rätsel…

Aristides Steele
Autor

Markus: Nein, inzwischen stört mich die Pauschaltitulierung “Kostüm” nicht mehr. Ich hab jetzt einige Zeitungsberichte durch, wie die Jahre zuvor gleichen sich die Textpassagen vieler Magazine auf aufs Wort und die Bilder sind alle die gleichen weil dpa Typen da waren, die standen freilich beim victorianischen Picknick rum, weil da gibts viel Freak für ohne Bändel und freie Wildbahn ohne sich den Tag lang an der Agra auf die lauer zu legen. war letztes Jahr genauso, die mit den allergrößten Objektiven im ganzen Knippsergetümmel. Die Magazine kaufen ihren Content oftmals eben auch nur ein.

Da ich auf Deinen Hinweis mal zum online-Auftritt der Frankenpost geschielt habe, fiel mir auf daß shan_darks Blogeintrag zum ersten WGT hier mit dem allerletzten Link vernetzt ist:

Ich habe nichts gegen Photographen an sich – man muss da eben differenzieren. Es gibt ja auch Profis die dann wieder für die Szene selbst die Bilder machen und berichten, und das auch nicht ausschließlich für die zigtausend Briefmarkenbildchen die alljährlich in den Sonderheften von Zillo und Co rauskommen. Ich kenne einige selbst und bin auch übers Jahr mit einigen in Kontakt, durchaus auch zum quasseln – liebe Bekannte also.

Nach dem WGT habe ich lange sinniert – ausschlaggebend war die eigentümliche ungemütliche Stimmung beim victorianischen Picknick, Agra kam mir heuer erstaunlich angenehm sogar von vielen Pluderhosen und Pikes mit passenden Frisuren bevölkert. Cybers gabs auch schonmal weitaus mehr … beim Picknick lag die Stimmung nicht allein an Menschenmasse und Knippspublikum, auch wenns zur Ungemütlichkeit auch sehr beigetragen hat. Es mag komisch klingen wenn ich sage daß ich, als Etwas im historisierenden Fummel mit gewissen Leuten auch so garnicht klar komme – nämlich die selbsternannten Hobbyaristokraten die so krampfhaft um ihren Schein bemüht sind und sich hochgestochen-extraschwurbelig auszudrücken versuchen – ne das ist auch nicht meine Welt auch wenn die Oberfläche ähnlich wirken mag. Mit dem “Urteil” will ich freilich nicht pauschalisieren da ich solche Exemplare durchaus auch persönlich kenne – da weiß ich daß ich lieber höflich auf Abstand gehe und lieber bei nem (im nächsten jahr) Treffen unter sich mit meinen Freunden Blödfug treibe und den Wein ohne Umweg übers feine Kristall aus der Flasche nuckel :D

Ich finde man muss generell ein wneig Abstand gewinnen zu dem was man als nicht in seine Welt passend ansehen kann. Stilmässig versteht sich, das hat mit dem Menschen dahinter erstmal nichts zu tun. Die Szene ist Stilmässig eben so angeschwollen daß sich da schon lange Dinge rumtreiben die mit dem Kern und den Ursprüngen nichts zu tun haben, aber das tut nichts zur Sache daß es den Kern trotz allem noch gibt, es geht eben nur in der riesigen Masse unter.

Im Übrigen fand ich die beiden Konzerte bei denen ich war insofern faszinierend vom Publikum, weil sich da sehr verschiedene Typen getroffen haben und alle die Musik mochten – da gabs schlicht, Pikes und Pluderhosen, Iros und Wuschelmatten, Rockabilly, sogar ein-zwei Cybers, die Reifrockfraktion, logischerweise ganz typische Neofolker, Leute die mehr nach EBM aussahen – ich fand das richtig angenehm!

Zum Thema “Uniform” : ich kann einigen Uniformen durchaus was abgewinnen *gg* :

Schatten
Gast

@Robert
“Frü­her, ja frü­her, wollte wir unter­ein­an­der auf­fal­len, nicht gegen­über dem Rest der Gesell­schaft.”
Meintest du das nicht eher umgekehrt? Auffallen gegenüber dem Rest der Gesellschaft und nicht untereinander, um sich gegenseitig zu übertrumpfen?

Sara_
Gast
Sara_

Hallo!

An welchem Tag war der Bericht in der Bild Zeitung?
Weiss das zufällig jemand? x)

lg

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