Sabrina The Bat Eulenforst

Gothic Friday November: Und ewig lebt der Selbstbetrug! (Orphi)

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Sabrina The Bat EulenforstIch finde, dieser Gothic Friday suggeriert, dass die Schwarze Szene sich gegen die Gesellschaft auflehnt und ihr durch rebellisches Verhalten etwas entgegensetzt. Das hat die Schwarze Szene aber noch nie auch nur ansatzweise gemacht.

Die Hippies haben der Gesellschaft eine Vision von freier Liebe und „Friede, Freude Eierkuchen“ entgegengehalten. Sie haben Kommunen gegründet, haben versucht, die Gesellschaft zu kritisieren und zu verändern.

Die Punks haben sich aktiv und aggressiv gegen das Establishment gestellt und sich deutlich nonkonformistisch verhalten, um bestehende Machtstrukturen zu zerschmettern und unter dem Motto „No Future“ auf ihre Perspektivlosigkeit hinzuweisen. Es gab radikale soziale und politische Forderungen.

Und die „Schwarze Szene“?

Die hat sich ihre Pikes angezogen, die Haare toupiert und allenfalls „Lass mich in Ruhe“ gesagt. Es gab niemals die Vision einer anderen/besseren Welt oder Forderungen, was sich ändern muss. Die Schwarze Szene war vielleicht seit jeher ein Pool von Leuten, die ihren individuellen Stil gelebt haben und sich selbst verwirklichen wollten, aber eine eigene Philosophie gab es in diesem Reigen der kreativen Egozentriker und introvertierten Einzelgänger eher nicht. Man traf und trifft sich, weil man die selben Dinge/Musik/Ambiente/Attituden mag und sich in einem phantasievollen Umfeld aus Gleichgesinnten wohlfühlt, nicht um zu rebellieren.

Und deshalb ist es doch Blödsinn, heute anzunehmen, dass Gothic auf einer Art Gesellschaftskritik beruht, die uns dazu bringt, dass wir uns anders verhalten als der Rest der Gesellschaft. Ganz im Gegenteil. Bis auf einige wenige Ausnahmen verhalten wir uns im Alltag unauffällig, verdecken unsere Sidecuts, wenn es der Arbeitgeber verlangt, ziehen moderate schwarze Klamotten von H & M an und erzählen andauernd jedem, der es hören oder nicht hören will, dass wir „ganz normal“ sind.

Ich hab auch noch nie gehört, dass ein Grufti mit seinem Aussehen gegen Konsum, Respektlosigkeit, falsche Freunde etc . protestiert. Klar, man fühlt sich angesichts einer gewissen Unangepasstheit nicht so oberflächlich wie der Rest der Welt. Aber ein großer Teil vom Rest der Welt sieht das erfahrungsgemäß exakt genauso. Es gibt wahrscheinlich wesentlich mehr Leute außerhalb der Szene, die sich gegen Konsumterror, die Ellenbogengesellschaft etc und für eine bessere Welt einsetzen als in der Szene. Ich bezweifle sehr, dass irgendwer aus meinem Umfeld zum ersten Mal zu schwarzer Musik und schwarzen Klamotten gegriffen hat, um irgendeine Rebellion zum Ausruck zu bringen – außer Johnny Cash vielleicht, aber der ist ja gar kein Grufti. Lebensgefühl, Zuhause, Wohlfühlen, unter Gleichgesinnten sein…. ja. Rebellion und Gesellschaftskritik? Nein. Jedenfalls nicht in direktem Zusammenhang mit der Szene. 

Die Gruftis haben früher ihre Klamotten nicht selber genäht, damit es kein Kind in Asien machen muss, sondern weil es Grufti-Klamotten auf dem Markt nicht gab. Seit es sie gibt, werden sie fleißig gekauft, genau wie neue Handys, billiger Schmuck aus dem Onlineshop aus Asien, 10 Paar Pikes, ein überteuerter Mantel der Grufti-Marke XYZ usw. Es gibt bei Youtube Influencer für Gothic Klamotten und Make Up, wie für jeden anderen Stil auch. Und meine Lieblings-Stoff-Fledermäuse sind von IKEA. Wir bauen uns die Welt, wie sie uns gefällt. 

Wir sind ein Haufen von Individualisten, die sich ihre eigene Welt erlauben, sich mit den Gepflogenheiten und Vorlieben des Mainstream nicht identifizieren können und ihr eigenes Ding schöner, interessanter, individueller, kuscheliger finden. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass wir gesellschaftskritischer sind als Leute in Jeans und Sneaker. Wir sind nicht moralischer, besser, weniger egoistisch, weniger konsumorientiert etc. als andere Menschen. Und waren es auch nie. Und auch bei uns gibt es oberflächliche Vollpfosten ohne Sinn und Verstand. Ich könnte aus dem Stehgreif mindestens 50 davon aufzählen, die durch mein entferntes schwarzes Umfeld geistern. In der Umkehr könnte ich 50 Stinos aufzählen, die sehr höflich, reflektiert, nachhaltig und tiefsinnig sind. Ich weiß nicht, wer irgendwann mal damit angefangen hat, der Szene eine Art moralischen, ethischen Heiligenschein aufzusetzen. Ich halte ihn für eine Illusion.

Um kurz noch die Fragen zu beantworten:

Welche Verhaltensweisen und Normen eurer Umgebung oder der Gesellschaft lehnt ihr ab und sind dies Eurer Meinung nach szenetypische Ansichten oder Eure ganz persönlichen?

Es gibt sehr sehr viele Verhaltensweisen und Normen, die ich sowohl in der Szene als auch außerhalb der Szene ablehne. Das geht wahrscheinlich jedem Menschen so. Einen Zusammenhang mit der Szenezugehörigkeit sehe ich nicht.

Ist Euer Kleidungsstil, Euer Styling und Euer Körper Ausdrucksmittel einer Rebellion oder wollt ihr Euch nur wohlfühlen?

Ganz klar: Wohlfühlen! Ich habe noch nie schwarze Klamotten angezogen, um zu rebellieren oder mich bewusst abzugrenzen. Auch wieder im Gegenteil: Ich wollte eher „dazu gehören“ und hab mir die entsprechenden Szeneklamotten besorgt, was in den 80ern doch arg kompliziert war, wenn man nicht gerade in einer Großstadt wohnte. Der Kleidungsstil bedeutet für mich Ruhe und Ästhetik. Ich trage bis auf das Ankh bewusst keine Symbole. Dass ich aus der Masse heraussteche ist mir bewusst, aber irgendwie auch nicht wichtig. Ich begegne jedem Menschen offen und habe die Erfahrung gemacht, dass das andersherum auch so ist. Egal, wie man aussieht. Zugegebenermaßen schminke und kleide ich mich aber auch nicht so extrem, dass man vor mir zurückweicht. Hab ich noch nie gemacht.

Tut ihr etwas dagegen? Wenn ja, was? Und wenn nicht, warum nicht? Wo seht ihr euch mit Widerständen konfrontiert?

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Deshalb habe ich auch keine Ahnung, ob meine Einstellungen und Ansichten die richtigen sind. Wie jeder introvertierte Einzelgänger kehre ich vor meiner eigenen Haustüre herum und rede nur, wenn ich gefragt werde. Ab und zu versuche ich, durch ein paar Facebook-Posts die Welt zu retten, was aber immer wieder recht schnell in Resignation endet – und natürlich in der Frage, ob ich überhaupt richtig liege. Aber selbstverständlich ändere auch ich mit meinen Überzeugungen und meinem Verhalten die Welt, denn jeder hinterlässt Spuren.

Orphi Eulenforst – impulsiv, pragmatisch, weniger optimistisch! Prädestiniert für den “Hexenfluch”. Außerdem großer “The Cure”-Fan und überzeugte Schriftstellerin. Sabrina wurde 1971 in Duisburg geboren und beschäftigt sich vornehmlich mit den kulturellen Aspekten der Szene. Darüber hinaus macht sie sich als Muse und Gegenpol unbezahlbar.

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Julius
Gast
Julius
Angenehm bodenständige Einstellung, die du vertrittst. Im Moment würde ich da vielem exakt genauso zustimmen.
Aber ich fürchte nach vorgeschobener Zustimmung wird auf sowas immer schnell mit Relativierung und Leugnen reagiert. Der durchschnittliche Grufti ist mit den Jahren etwas betriebsblind geworden und möchte seine Szene idealistischer sehen, als sie tatsächlich ist. Und das möchte wiederum ich als mit dem allergrößten Wohlwollen geäußert verstanden wissen, nicht etwa als neidige Nestbeschmutzerei. Denn Selbsterkenntnis stellt bekanntermaßen den ersten Schritt zur Besserung dar. grin
Sylvia_Plath
Gast
Sylvia_Plath
Liebe Orphi Eulenforst,

ich habe mich vor einiger Zeit äußerlich in die Szene geschlichen, nachdem ich mich lange theoretisch mit der Musik auseiandergesetzt habe. Ich bin auf einigen Konzerten gewesen, Musik war toll, Leute waren teilweise auch vernünftig, aber ich teile nach einiger Reflektionszeit ebenfalls deine Einstellung und bin nun wieder bunt unterwegs. Die Musik höre ich immer noch, diesen fantastischen Blog (danke an Robert und alle anderen Spontis!) lese ich nur noch spoaradisch.
Ich habe mich in meiner näheren Umgebung umgesehen und habe festgestellt, dass ich in der Stinogesellschaft mehr gesellschaftskritische und mehr bewusst lebende Leute finde als in der Gothic-Szene, Gespräche über Dark-Wave-Musik und “schwarze Interessen” mal ausgeschlossen.

Von Fehlfarben zu Alle Farben, wenn man so will.

Ich wünsche euch weiterhin alles Gute

Julius
Gast
Julius
Sylvia, ohne dich überreden zu wollen oder deine Entscheidung zu kritisieren, möchte ich nur folgendes mit auf den Weg geben, weil ich denke, dass das hier ganz gut passt: sag niemals nie.

Ich selbst schlidderte im Teenageralter in die Szene, als sie ihre besten Tage vermutlich schon hinter sich hatte, Ende der 90er, ich glaube es war so 1998 oder so. Das war das Ergebnis einer beinahe lebenslangen Suche nach einer “Heimat”, nachdem ich verzweifelt sämtliche auch nur annähernd melancholischen Popsongs herausgefiltert und für nicht traurig genug befunden hatte. Dann entdeckte ich die Gruftiszene für mich und es war eine Offenbarung, alles was mich schon immer magisch angezogen hatte wurde dort vielfältig bedient und sogar noch etliches darüber hinaus. Inspiration, Wohlfühlen, ein reichhaltiger Fundus an Musik, die meinem Gemüt entgegen kam, usw. Und dennoch war für mich dann vor 6-7 Jahren Schluß und damals war ich davon überzeugt, es wäre für immer. Ich hörte nicht einmal mehr die Musik. An dem Punkt damals hatte ich einfach genug, warum und wieso ist ja erstmal egal.
Was aber nicht weg war, das war all das, was mich überhaupt erst dazu gebracht hatte, das was unabhängig von einer Szene schon immer Teil von mir gewesen ist und wenn ich heute zurücblicke, dann war der Schnitt nicht annähernd so radikal wie ich mir eingebildet hatte. Zuletzt war ich musikalisch vermehrt im Neofolk unterwegs und fand darüber dann in einem Anflug von Neugierde und Nostalgie “zurück”. Ich stieß auf Spontis, ich hörte mal wieder die alten Sachen, sah mir ein WGT-Impressions-Video auf Youtube nach dem anderen an, usw. usf.

Da sind zweifellos immer noch Dinge, die mich stören, ich bin auch mit vielen Ansichten hier auf Spontis alles andere als einverstanden ABER letztlich ist das hier auch nicht repräsentativ (ich meine das nicht böse) und genausowenig sind es die Szeneleute vor Ort, manchmal hat man halt Pech, dass man sich nicht so gut mit denen versteht und zwei Ortschaften weiter sitzen unbekannterweise dann genau diejenigen mit der ähnlichen Wellenlänge. Das ist aber unter “Stinos” auch nicht anders.

Was sich für mich inzwischen verändert hat und was ich als Erfolg meines zwischenzeitlichen Bruchs verbuche, ist enfach, dass ich das nicht mehr so verbissen sehe alles “richtig” machen zu wollen. Die Schnittmenge mit den Szeneinteressen ist heute größer, als zu meiner “aktiven” Zeit aber gleichzeitig lasse ich mich nicht mehr davon bestimmen, sondern nehme mir das heraus, was mir gefällt und lasse aus, was mich stört. Die Szene ist nicht dazu da, dass ich mich ihr unterordne, sie dient mir als Bereicherung. Das habe ich damals so nicht verstanden und irgendwann Dinge getan und gut gefunden, weil sie (angeblich) dazu gehörten und nicht mehr, weil es mir ein echtes Bedürfnis war. Ich denke sowas muss beinahe zwangsläufig in einem Bruch enden.

Und ganz zuletzt: man hat immer die Möglichkeit selbst zu gestalten. Es ist wie Orphi schreibt, jeder hinterlässt mit seinem Verhalten Spuren. Wenn man die Szene aktuell z.B. zu unkritisch findet, dann könnte man selbst einen Beitrag dazu leisten und solche Theman anstoßen. Eine Szene, eine Gesellschaft generell lebt nicht allein vom passiven Berieseltwerden, vom bloßen Konsumieren. Wenn man Wert auf kritische Anstöße legt, dann sollte man diese vielleicht gerade dort anbringen, wo man nicht sowieso schon offene Türen einrennt, oder?

Dies nur als eventuelle kleine Anregung. smile

Lille Sten
Gast
Lille Sten
Danke für diesen Beitrag und den Kommentar von Julius. Beides kann ich nur unterschreiben.

Ich bin mit ca 16 in die Szene gerutscht und hatte nie den Eindruck, dass die Mitglieder politisch oder gesellschaftskritisch motiviert handeln. Der Hang zu düsterem, morbidem ist eher eine philosophische Sache. Mit Mitte 20 wurde es auch bei mir wieder bunter.
Die Welt ist bunt und man kann sich für die Musik und Szeneaspekte interessieren ohne komplett in Schwarz rumzulaufen. Leider ist mir nämlich auch eine gewisse Intoleranz in der Szene aufgefallen und daher habe ich mich selber wieder distanzieren. Es wäre mir mit jeder anderen Szene aber auch so gegangen, denn oft gelten ungeschriebene Regeln und diese passten leider nicht mit allen meine Interessen überein. Dennoch gehe ich wenn ich in die Disco gehe ausschließlich auf Gothic Events. Und mein Partner ist immer noch mehr und viel länger in der Szene verankert als ich.
Man kann Menschen nur vor den Kopf schauen und ich habe manchmal hinter die Fassade von einigen geschaut. Zum Glück muss ich sagen, denn diese sind oft interessanter als der erste Schein zeigt. Bestimmt auch interessanter als manch ein Szenegänger, der die immer gleichen Phrasen rezitiert. Auch innerhalb einer Szene gibt es solche und solche. Deshalb ist mein Freundes und Bekanntenkreis sehr durchmischt.

Gruß
Lille

Robert
Webmaster
Ich kann meiner Frau in diesem Fall nur zustimmen. Gesellschaftskritik ist eine höchst individuelle Sache und innerhalb der Szene nicht häufiger anzutreffen, als außerhalb. Im Gegenteil. Die beschriebene Einstellung “Lasst mich in Ruhe!” gilt meiner Ansicht nach auch für jede Form von Aktivismus. Lasst mich in Ruhe mit Eurer Politik, mit Eurer Religion und Euren Problemen. Für mich ist der typische Grufti ein Ignorant, der irgendwo zwischen Egoismus und Selbstdarstellung schwebt und seinen eigenen Lebensraum pflegt. Das schließt jedoch nicht aus, dass sich jeder in einer speziellen Form für etwas engagiert, was ihm persönlich wichtig erscheint. Einen gemeinsamen Nenner der Gesellschaftskritik sehe ich nicht.

Wohl aber die Abgrenzung. Die gehört zum Programm und wird oftmals mit allen Mitteln zelebriert. Für mich jedenfalls. Dazu gehört das schocken seiner Umwelt, die dann – so die Wunschvorstellung – ängstlich ausweicht, verstört wegguckt oder leise tuschelt. Für mich ist der äußere Stil der Szene das Mittel der Abgrenzung, denn durch das konsequente vermeiden von Trends und einem Hang zur visuellen Provokation wünscht man sich ja keine Akzeptanz, sonder Ablehnung. Nein, für mich stehen schwarze Klamotten nicht allein für das Wohlfühlen, denn das stellt sich erst ein, wenn das Aussehen die Umwelt zu einer Reaktion veranlasst. Und ja, wenn sich dann eine Frau im Kabarett Mut zusprechen muss, um sich neben mich zu setzen, habe ich mein Ziel erreicht. Da unterscheide ich mich dann doch ein wenig von Orphi’s Meinung. smile

Sylvia_Plath
Gast
Sylvia_Plath
Liebe Antwortenden,

danke für eure netten Rückantworten.
Ich habe mich vor einiger Zeit äußerlich aus der Szene zurückgezogen, weil einige Songs zu triggernd sind zur Zeit und die schwarze Kleidung meinen Zustand nur noch intensivieren würde.
Ihr alle schreibt so vernünftig und empathisch, ich denke, ihr könnt das verstehen.
Tatsächlich finde ich im Denken viele Übereinstimmungen mit euch “Old-School-Goths”, aber es geht äußerlich gerade nicht.
P.S.: Dieses Thema hier ist die Quintessenz und der Gegenpol von/ zu “Wann hat Gothic eigentlich sein Herz verloren und wann seinen Sinn?” . Finde ich jedenfalls.

Sylvia_Plath
Gast
Sylvia_Plath
Ich bin nun einmal in mich gegangen und möchte euch nun erzählen, warum ich nicht mehr in der Schwarzen Szene unterwegs bin. Ich habe sehr lange hin und her überlegt und bin zu dem Schluss gekommen, dass das Konzept Schwarze Szene für mich so nun nicht mehr funktioniert: Wegem dem Internet. Alle möglichen Musikrichtungen sind durch das internet nun für jedermann zugänglich geworden. Das primre Merkmal,der Musik, mit dem sich die Szene lange Zeit durch fast ausschließlich alleingen Zugang in Kassettenform o.ä. hatte, ist durch Plattform3en wie Youtube oder Spotify erloschen. Das primäre Merkmal über das sich die Musikszene Gothic definierte, ist nun für jedermann zugänglich. WEas ja erst einmal nichts Negatives ist. Das einzige, was übrig geblieben ist, sind schwarze kleidung (immer mal wieder ein Fashion Trend), düsteres Make Up (ebenfalls immer mal wieder als Fashion Statement in der Mainstreamgesellschaft zu betrachten, siehe Lady Gaga oder aktuell Kylie Jenner).

Und diese nebulöse Lebenseinstellung, was hier im dem Gothic Friday November teilweise herausgearbeitet wurde, welche einige meiner bunten Freunde und Bekannten ebenfalls teilen.

Ich finde es irgendwie lächerlich, mir nur aufgrund vom Kleidung und Make Up so etwas wie Andersartigkeit einzubilden.

Robert
Webmaster
Das ist eine sehr interessante Sichtweise, Sylvia. Die habe ich in dieser Form noch nicht gehört. Interessant deshalb, weil durchaus etwas Wahrheit drinsteckt, mit der auch ich mich identifizieren – oder besser gesagt nicht identifizieren kann. Ist es also die Tatsache der Transparenz, die das “Undergroundige”, das Lebensgefühl Teil von etwas geheimnisvollem und unbekannten zu sein die Triebfeder Deiner damaligen Zugehörigkeit?

Und jetzt, wo jeder weiß, das alles nur ein “Zaubertrick” ist, sämtliche Magie für Dich verloren gegangen ist?

In gewisser Weise entdecke ich mich da wieder, denn tatsächlich hatte ich bei der Gründung des Blogs den Anspruch, die Dinge zu erklären und zu zeigen: Hey! Das ist alles Quatsch mit den Klischees, den Vorurteilen und dem Halbwissen. Mittlerweile habe ich mich da ein wenig verändert und versuche, etwas von dem Unerklärlichen zurückzuholen. In vielen Formen. Aufmerksame Blogleser dürften diese Entwicklung bereits beobachtet haben. Ich finde es sehr spannend, dass das Deine Beweggründe sind (oder waren) der Szene den Rücken zu kehren.

Ein paar Fragen seien mir in dem Zusammenhang noch gestattet: Was ist mit der morbiden Leidenschaft, dem Interesse an okkulten, übersinnlichen und absonderlichen Dingen? Reicht das nicht als Alleinstellungsmerkmal? Was ist mit der gelebten Traurigkeit, mit dem Gefühl, auch die schlechten Seiten des Lebens nicht auszublenden sondern zuzulassen? Ist das für dich nur graue (schwarze) Theorie?

T.S.
Gast
T.S.
Holla, auch wenn ich Sylvia’s Sichtweise, bzw. Beweggründe relativ gut nachvollziehen kann, so kann ich mir ein ganz schön süffisantes “Willkommen in der Realität” nicht verkneifen…
Oder was denkt jemand, was es so ganz von der “Ideal for Living”-Warte aus betrachtet mit der “Goth”-Szene auf sich hat?

O.k., das bisschen Signifikante (oder Möchtegern-“Alleinstellungsmerkmale…) macht tatsächlich auch Facetten jedes “normalen” Lebens aus, wenn einmal eine gewisse “Reife” und Lebenserfahrung eingekehrt ist. Und interessant auch, daß die Erkenntnis, kein irgendwie (ähem…) “elitärer” Teil der Gesellschaft zu sein, für eine solche Ernüchterung sorgen kann…

Man könnte gerade meinen, die “Goth”-Szene wäre tatsächlich nur was für Pubertierende, Weltfremde, Träumer oder Idealisten. “Schwarz” als Gesellschaftskritik, politisches (Anti-)Statement, Underground-Merkmal (kommt darauf an, wie eingesetzt…), etc. hat wohl schon längst ausgedient, bzw. ist redundant geworden… (?)

Und von daher auch, @Robert: “morbide Leidenschaft”, Interesse an “okkulten, übersinnlichen und absonderlichen (!) Dingen”? Ich glaube wohl, da war ich wohl jahrelang szenemässig und -aktiv ganz schön fehl am Platz… (übrigens: die ganz okkulten, übersinnlichen und absonderlichen Zeitgenossen waren mir schon immer nicht geheuer, bzw. einen Lacher wert, da diese typischen – und irgendwie auch ein bisserl verspulten Vertreter – in der “schwarzen Szene” kaum vorkommen, bzw. diese eh für Kindergeburtstag halten…)