Bleikind in London

Gothic Friday Februar: The Scene is dying? (Bleikind)

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Bleikind in London
Erst später wurden die Haare schwarz, wie bei Bleikind (hier rechts im Bild) bei einem Besuch in London zu sehen ist.

Der Beitrag von “Bleikind” zum Gothic Friday Thema im Februar 2016 erreichte mich überraschend per E-Mail, war sie doch bisher nur als stille Mitleserin aktiv. Daher freue ich mich umso mehr, ihren Artikel präsentieren zu dürfen.

Da sitze ich nun am Mittwoch dem 17. Februar 2016 an meinem altersschwachen PC und durchforste meinen überlasteten Speicher nach passenden Bildern, während ich mich zunehmend mit dem Gedanken anfreunde, noch so auf die Schnelle „nebenbei“ einen Artikel über meinen Szeneeinstieg zu verfassen. Das späte Datum hat seinen Ursprung darin, dass ich immer wieder mit mir haderte, ob es bei all denen, die schon gefühlt ihr 50-60. Szenejubiläum gefeiert haben, überhaupt Sinn macht, meine bescheidene Geschichte niederzuschreiben. Aber, wie wir ja alle wissen: The scene is dying. Ein bisschen blutjunge Luft kann vielleicht nicht schaden. Also warum nicht?

Ich wurde in einem weniger beschaulichen, dafür aber eher für seine erschreckend hohe Kriminalitätsrate bekannten Örtchen in der Voreifel geboren, in dem wir aber zum Glück nicht lange blieben. Meine Kindheit verbrachte ich wohlbehütet in einem Eifelkaff, offenbarte aber schon in jungen Jahren eine tiefe Abscheu gegenüber Kindergärten und war auch meinen altersnahen Mitmenschen erschienen mir größtenteils als etwas suspekt.

Zwei große Umzüge prägten sowohl meine Kindheit als auch mich in meinem jetzigen Zustand. Der eine war ein vierjähriger Auslandaufenthalt im sonnigen Spanien, der andere fünf grauenvolle Monate an einer amerikanisch-internationalen High School in Vietnam. Der Grund, weshalb ich diese erwähne, ist deren nicht zu verkennende Auswirkung auf die Entwicklung meiner Persönlichkeit, die mich dann schlussendlich in Richtung „Gothic Szene“ schubste.

Nachdem ich aus Spanien in die wenig weltoffene Stadt meiner Kindheit zurückkehre, stoße ich auf für mich unverständliche Ablehnung. Anstatt Interesse für meine in der Provinz eher außergewöhnlichen Erfahrungen mit dem Leben in einer Weltmetropole entgegenzubringen, begegnet man mir eher misstrauisch, stempelt mich schnell als hochmütig und arrogant ab, da mir die Wiederanpassung an das ländliche Leben sichtlich schwerfällt. Mein Geist, der in der Kindheit schon teils von eher melancholischen Ausbrüchen geprägt war, wendet sich immer mehr der dunkleren Seite des Musikspektrums zu, auch wenn der Einstieg mit Linkin Park wohl eher untypisch ist. Ich “suchtete” die Band Tag und Nacht und verstand nie so recht, warum mir in ihrer Art ähnliche Künstler wie Green Day nie zusagten. Heute weiß ich, dass es die melancholische, teils weltablehnende Note war, die vor allem in ihren Songtexten mitschwang, die mich so sehr an ihnen faszinierte.

Der Begriff “Gothic”sagte mir zunächst gar nichts. Ich hatte absolut keine Assoziationen mit dem Wort; im Nachhinein betrachtet wohl daher, dass ich einen Großteil meiner früheren Kindheit in Spanien lebte, wo die Szene auch in den Medien weniger omnipräsent ist als in Deutschland (mit Emos ging es genauso, wobei ich damit durchaus leben kann). Doch irgendwann stolperte ich durch Zufall über ein Video über die Szene und war sofort fasziniert. Von daher sah ich mir allerlei ominöse Dokus an, in denen leichtbekleidete Cyber Goths mit Knicklichtern über die Bühne hüpften und ihre Weltanschauung darzustellen versuchten (RTL lässt grüßen). Aber ich forschte weiter- das konnte ja schließlich nicht alles sein- und stieß vor allen Dingen auf Youtubevideos, die mir musikalisch eine Richtung wiesen.

Zuerst setzten mir Internetforen Blutengel, Nachtblut und Eisbrecher vor, damit konnte ich aber von Anfang an wenig anfangen. Erst als ich das erste Mal ganz klischeehaft Bela Lugosi´s dead mit Peter Murphys ikonischer Stimme hörte, hatte mich die Faszination gepackt. Mit der Zeit veränderte sich auch die Kleidung, zur größter Verzweiflung meiner Eltern, die mich schon immer als etwas unsozial und einzelgängerisch empfunden hatten und sich nun in ihrer Vorstellung bestätigt sahen, ich würde mich bewusst von der Gesellschaft abgrenzen. Auch wenn einige schwarz tragende das wohl tun, um diese unbewusste Barriere zwischen der Szene und der Gesellschaft aufrecht zu erhalten, und ich diese Einstellung durchaus akzeptiere, ging es mir immer eher um Selbstverwirklichung, denn mit schwarzer Mode hatte ich erstmals eine Quelle dazu gefunden, meine Gefühle und Gedanken nach außen zu tragen, was mir sonst immer nur in Form von selbst verfassten Geschichten gelungen war.

Bleikind damals
Anno irgendwas noch mit blonder Wallemähne, die zweite von rechts mit dem Tee im Weinglas.

Der Wechsel von normaler Kleidung bis zu dem, was ich jetzt trage, verlief schleichend, je nachdem, wie weit ich mein Budget und vor allem die Toleranzgrenze meiner Eltern ausreizen konnte, was mir mehr als nur eine Auseinandersetzung der unangenehmsten Art bescherte.

Musik ist und bleibt für mich einer der Hauptgründe, weshalb ich die Szene so zu schätzen weiß. Mein Hörspektrum reicht von Allzeitbekannten „Evergreens“ wie den Sisters, Cure, Siouxsie , Joy Division oder The Damned bis hin weniger bekannten wie Aeon Sable, Children on Stun oder Burning Gates. Außerdem hab ich in den letzten Jahren eine besondere Vorliebe für längst ausgestorbene Untergroundbands entwickelt, bei denen es immer recht schwer ist, das Exemplar einer Platte oder CD zu ergattern, selbst in Zeiten des Internets; Remembrance aus Spanien, Film Noir (Griechenland), Crudeness (Deutschland) und ganz besonders Italien (La vene di Lucrezia, Lacrime di Cera, Madre del Vizio) haben es mir angetan.

Und warum ich geblieben bin? Der Wunsch, Gleichgesinnte zu finden. Mit denen ich über Themen sinnieren könnte, bei denen „normale“ Freunde nur den Kopf schütteln würden. Weil mich, um einen etwas ausgelutschten Begriff zu verwenden, die „Konsumgesellschaft“ zunehmend abschreckt. Ich habe wirklich nicht gegen Alkohol, im Gegenteil, aber eine Party nur aus dem Wunsch zu besuchen, sich kollektiv voll laufen zu lassen und um spätestens elf kotzend in den Büschen zu liegen, lässt sich nur schwerstens mit meiner Weltanschauung in Einklang bringen.

Ich will über die Eintönigkeit des Alltags sinnieren können, nur um mich im nächsten Moment auf der Tanzfläche zu bewegen. Dieser Einklang aus Spaß mit einer gewissen Intellektualität oder zumindest Anerkennung der eigenen Individualität ist es meiner Meinung nach auch, was wohl immer Menschen in den Bereich der schwarzen Szene locken wird. Obwohl natürlich auch hier nicht alles Gold ist, was glänzt, und Verweichlichung auf der einen- und Elitismus auf der anderen Seite machen es Neueinsteigern immer schwerer, Zugang und Akzeptanz in der Szene zu finden.

Ich kann keine schwarzweiß Bilder aus den 80ern zeigen von meinen Grufifreunden und mir auf einem örtlichen Friedhof, und so sehr ich auch dieses Gefühl der Zugehörigkeit einmal kennenlernen würde, von dem alle immer so nostalgisch schwärmen, glaube ich nicht, dass dieses je in dieser Form heutzutage wieder entstehen könnte mit einer weniger aufgewühlten Gesamtlage. Aber ich bin froh, dass mir der vielschichtige Begriff „Gothic“ geholfen hat, neue Musik, Kunst und vor allem Menschen kennen zulernen, die mich auf dem Weg zu einer eigenständigen Persönlichkeit begleitet haben.

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Orphi
Editor

Ich finde es wahnsinnig interessant, dass sich die Wege in die Szene unterscheiden, die Hintergründe aber ähnlich bleiben. Eine digitale Suche und dann bist Du doch bei Bauhaus hängengeblieben. :-)Man braucht keine Fotos aus den 80ern und auch keine “tollen Erlebnisse mit Grufti-Freunden”, um ein Zugehörigkeitsgefühl zu haben. Es geht doch letztlich immer um ein ganz persönliches Gefühl, um eine Wellenlänge, die einen mit anderen verbindet. Ich glaube, das gilt über die Generationen hinweg. Und das, was Du beschreibst, ist die gleiche Wellenlänge wie in den 80ern – meiner bescheidenen Erfahrung nach zu urteilen. Vielen Dank für den Einblick in die nächste Generation…. oder ist das schon die übernächste? wink

Christin
Gast
Christin

Ich fand deinen Text sehr gut und kann vieles verstehen. Ich zähle auch zur jungen Generation (mit fast 21) und bin manchmal etwas wehmütig die alten Zeiten nicht selbst miterlebt zu haben aber mit der Musik usw. habe ich das Gefühl etwas von dieser “Nostalgie” aufrecht zu erhalten. Mein Einstieg in diese Richtung war mal mit Bands wie Billy Talent und Good Charlotte, was ich auch sehr amüsant finde. Mittlerweile ist man dann auch bei Cure, Joy Division, Depeche Mode, Siouxsie usw angelangt. Und auch mir hat das oft genug Auseinandersetzungen mit den Eltern eingebracht, die von den Klamotten sowie der Schminke nicht allzu angetan waren (obwohl ich behaupten will, dass ich mich dahingehend noch recht zurückhalte) Und dann immer die Sprüche wie “Naja irgendwann ist diese Phase vorbei” weil niemand versteht, dass es nicht nur eine “Phase” ist…

Svartur Nott
Gast
Svartur Nott

Ein Beständiges Nicken und Zustimmen, während ich diesen Beitrag las, Bleikind,…
und all die anderen Revue passieren lasse.
Auch dir ein Danke für deine Gedanken und deine Offenheit.

Ich freue mich wirklich sehr, dass dieser GF stattfinden kann, soo viele Impressionen, so viele Geschichten. Einfach wunderschön.