J-Goth in Japan: Zwischen Shinto-Schreinen und Underground-Clubs

Nachdem ich Anfang des letzten Jahres aus Athen über Griechenland berichtet hatte und sich dann arbeitsbedingt im November 2025 eine Reise nach Japan ergab, entschloss ich mich, mein Artikelformat fortzusetzen. Willkommen also zur Japan-Edition des Kurztrips!

Wenn ich an Musik aus Asien denke, dann wahrscheinlich als Erstes an K-Pop, aber ich bin nun mal davon überzeugt, dass sich die gruftige Szene in jedem Winkel unseres Globus wiederfinden lässt, und so war ich motiviert, auf Spurensuche zu gehen, um japanische Post-Punk-, Dark/Minimal/New/Synth-Wave-Bands, oder nennen wir es einfach „J-Goth“ Musik, zu finden. Es war mein erster Besuch in Japan, von daher gibt’s wie bei Athen auch hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber ich denke, ich habe ein paar spannende Sachen finden können. Ich freue mich über weitere Empfehlungen zu Japan, zum Beispiel in den Kommentaren.

Los ging meine Reise in der Hafenstadt Kōbe, wo ich ehrlich gesagt vor allem Konferenzräume von innen gesehen habe, und damit langweile ich euch jetzt mal nicht. Meine musikalischen Recherchen ließen mich dann aber noch auf die Band Portray Heads stoßen, deren ehemaliges Label „Kangeroh Records“ aus Kōbe stammt. Wieder einmal großer Dank an das Minimal Wave Label fürs Ausgraben dieser Underground-Band. Elaborate Dummy lass ich euch als ersten Song für die Minimal Wave Fans in diesem Artikel hier.

Ōsaka: Cyberpunk-Vibes und die Erbin der Sex Pistols

Dontonbori, Osaka
Dōtonbori, Ōsaka.

Nach getaner Arbeit in Kōbe ging der Spaß dann aber los und ich konnte es kaum erwarten, Land und Leute zu erkunden. Meine erste Station war Ōsaka und lustigerweise bin ich hier Freunden aus Bremen begegnet, die zufälligerweise auch gerade im Japan-Urlaub waren, und so schlenderten wir vor allem durch Dōtonbori, dem Ausgehviertel Ōsakas.

Zu Hause im Bremer Kulturbunker hatte ich schon Anfang 2025 die Band Violent Magic Orchestra (VMO) sehen können, die aus Ōsaka stammt und die man vielleicht als Gabber-Black-Metal-Version von Kraftwerk im Jahr 2099 beschreiben könnte. Meine Erwartungen an die Stadt waren dementsprechend auf Cyberpunk eingestellt und ich wurde nicht enttäuscht.

Wenn wir über Ōsaka reden, müssen wir unbedingt auch über die Post-Punk Band Aunt Sally bzw. deren Gründerin Hiromi Moritani alias Phew reden. Die in Ōsaka geborene Musikerin sah 1977 mit nur 16 Jahren die Sex Pistols im TV und beschloss daraufhin, dass man sowas wie die Pistols live sehen muss, weil, Zitat: “Punk eben etwas ist was man macht und nicht nur anguckt”. Ihre Aussage erinnert mich doch sehr an die deutschsprachigen She-Punks, die 2025 in Reto Caduffs Film „Einfach machen” vorgestellt wurden.

Im Sommer ’77 ist Phew dann also mit einer Klassenkameradin auf eine Sommerakademie um die halbe Welt nach England gereist und verbrachte ihre Wochenenden in den Clubs Londons, wo sie typisch englische Bands zu dieser Zeit wie The Damned, Ultravox!, Siouxsie And The Banshees, und weitere live erleben konnte.

Zurück in Ōsaka gründete sie 1978 die Post-Punk-Band Aunt Sally, die leider nicht lange zusammengeblieben geblieben sind, denn auch die Pistols lösten sich bereits wieder auf. Punk war schon wieder tot gewesen. Phews kühle Stimme war aber aufgefallen, und so schickte ihr Label sie wieder um die halbe Welt, dieses Mal zu Conny Plank nach Köln, wo sie 1981 ihr Debütalbum Phew – Phew mit Can aufnahm. Wie cool das geworden ist, finde ich, hört man besonders bei dem Song „Signal“.

In einem taz Artikel von 2021 könnt ihr noch mehr über sie lesen, oder auch in diesem sehr ausführlichen Interview: “The Strange World of … Phew”.

Ōsaka etwas aufzumischen, war wohl auch das Ziel von OXZ, die Svartur Nott schon mal hier bei Spontis im Musikalischen Briefkasten 2020 vorgestellt hatte und über die Bandcamp auch schon berichtete. Hört mal rein.

Meine Zeit in Ōsaka kam definitiv zu kurz. Hier werde ich beim nächsten Mal mehr Zeit verbringen wollen.

Kōyasan – Okunoin

Statt noch einen zweiten Tag in Ōsaka zu verbringen, entschied ich mich für einen Tagestrip zum Berg Kōya, um Japans größten Friedhof, den Okunoin, und die Tempelanlagen des Kōbō Daishi, zu sehen.

Neben dem Fuji Vulkan ist Kōyasan wohl der mystischste Ort Japans überhaupt, und es mangelt dem Land ja nun wirklich nicht an mystischen Orten. Aus der Großstadt Ōsaka mit einem pünktlichen Zug kommend, war ich direkt verzaubert und würde sagen, dass mein Tag hier sicherlich einer der besten dieser Reise war.

Der Okunoin ist wohl der schönste Friedhof, den ich bisher gesehen habe. Man spaziert ca. zwei Kilometer an über 200 000 Gräbern vorbei. Dabei beleuchten Hunderte Steinlaternen die Wege, während man mitten in einem Zedernwald ist. Am Ende des Weges, nach einer Brücke, ist kein Fotografieren mehr erlaubt, denn dort steht das Allerheiligste: der Okunoin-Tempel und dahinter das Mausoleum des Kukais.

Man gießt mit einer Kelle Wasser über die Buddha-Statuen und kann so für verstorbene Vorfahren beten und um Glück bitten.

Kōyasan ist ein Pilgerort für Anhänger der buddhistischen Shingon-Lehre. Vor 1200 Jahren errichtete hier ein Mönch namens Kukai ein Eremitenkloster, woraus im Laufe der Jahrhunderte die höchst verehrte heilige Stätte entstanden ist. Die Anhänger dieses esoterischen Buddhismus praktizieren intensive Rituale und Meditation, um in diesem Leben zum Buddha zu werden. Der Ehrentitel des Kukai lautet Kōbō Daishi und man glaubt, dass er nicht tot ist, sondern sich in ewiger Meditation zwischen Leben und Tod befindet und auf die Erscheinung des kommenden Buddhas wartet. Daher hat er auf dem ihm gewidmeten Friedhof auch kein Grab, sondern seine eigene Küche, aus der er jeden Tag zweimal Essen in seinen Tempel bekommt. Um für den Tag der Buddha-Erscheinung in der Nähe zu sein, wollen daher sehr viele Japaner*innen auf dem Okunoin bestattet werden – der Friedhof der wartenden Geister.

Jizō Statuen mit ihren roten Lätzchen.

Wie auf vielen Friedhöfen Japans, sieht man auch auf dem Okunoin Jizō-Statuen mit ihren roten Lätzchen. Der Jizō-Totenkult soll Eltern bei ihrem Schmerz über abgetriebene oder früh verstorbene Kinder helfen. Jizō bringt dabei die sogenannten „Wasserkinder“ sicher über den Fluss der Unterwelt ins Paradies.

Was ich auch interessant fand: Wie wichtig die Lohnarbeit den Menschen in Japan ist, zeigt sich auch an einem weiteren spannenden Aspekt der Bestattungskultur in Japan, denn auf dem Okunoin gibt es auch einige Firmengräber, zum Beispiel von Panasonic oder Toyota. Wenn die verstorbene Person eine wichtige Rolle in einem Unternehmen hatte, kann es sein, dass die Asche aufgeteilt wird: Einen Teil ins Familien‑, den anderen Teil ins Firmengrab.

Funeral Party

Zu meinem Ausflug nach Kōyasan möchte ich die japanische Dark-Wave-Band mit dem passenden Namen “Funeral Party” vorstellen. Viel gibt es nicht: 1985 erschienen zwei Songs auf einer Compilation bei Pafe Records aus Toyama und 1986 nochmal zwei Songs auf einer 7-Inch mit dem Titel „Dream of Embryo“, die mich vor allem wegen des Songs “Double Platonic Suicide” total begeistert. Es ist irgendwie ein weirder, grotesker, spukender, aber genialer Sound. Dazu dann noch das Albumcover, welches von dem Ero-guro Manga-Künstler Suehiro Maruo stammt. Maruo hat sich viel mit Sex, Gewalt, und den Nachkriegsjahren in Japan beschäftigt. Von ihm gibt es auch recht spezielle Zeichnungen vom Cabinet des Dr. Caligari (Inhaltswarnung: Vergewaltigung).

Kyōto: Zwischen Torii-Toren und schwarzen Vinyl-Schätzen

Tausende Torii Tore mit Tausenden Touristen.

Von Kōyasan ging es abends noch zurück nach Ōsaka und am nächsten Tag direkt weiter nach Kyōto, wo ich ehrlicherweise erst mal etwas durchatmen musste. Es gibt so viel zu sehen in Japan, und jeden Tag der nächsten Sehenswürdigkeit hinterherzujagen, ist echt nicht so mein Ding.

Der Tourismus ist hier wirklich allgegenwärtig und ich bin ja nun auch Teil dieser Masse geworden. In Kyōto laufen auch viele Touristen in Kimonos rum, was prinzipiell wohl auch willkommen geheißen wird. Trotzdem war es schon etwas anstrengend, sich durch die Masse an Menschen zu arbeiten, die vor allem an den Hotspots ihre ganzen Selfies etc. machen müssen.

Ich entschied mich daher, zunächst etwas ziellos durch die Stadt zu gehen, ein paar Schallplattenläden anzusteuern, und habe mich dann aber doch noch drauf eingelassen, den Inari-Hügel zu besteigen und das Ninenzaka-Viertel zu besuchen. Die Wanderung durch die Alleen der vielen tausend orangen Torii-Tore ist dann eben doch etwas, was man gemacht haben sollte, und herausfordernder als bei einem Hindernislauf zu Takeshi’s Castle war’s dann auch nicht.

Ninenzaka Viertel: Enge Gassen mit traditionellen japanischen Häusern. Zu sehen ist die Yasaka Pagode. Pagoden-Bauwerke fand ich eigentlich immer am schönsten auf meiner gesamten Reise.

Tomo Akikawabaya und Yellow Magic Orchestra

Die folgenden Acts kommen nicht aus Kyōto, aber ich bringe sie jetzt hier mal unter.

Zunächst habe ich da Tomo Akikawabaya und seinen Dark Wave-Hit “Mars” aus dem Jahr 1983. Tomo ist wohl nie live aufgetreten und man weiß eigentlich gar nichts – nicht einmal ein Foto existiert von ihm. Ich habe mich daher mächtig gefreut, als ich vor Ort eine originale Schallplatte von ihm gefunden habe, und musste sie für einen größeren Haufen Yens dann auch mitnehmen. Auf Tomos Alben-Cover sieht man das Model Rena Anju, aber auch über diese Beziehung ist nichts bekannt. Anju war als Studentin von Givenchy in Japan entdeckt worden und hat daraufhin einige Zeit in Paris verbracht, wo sie zum internationalen Model wurde. 1990 kehrte sie nach Japan zurück und ist nun als Fotografin tätig.

Mars von Tomo Akikawabaya

Anju hat auch in dem Film “Propaganda” von Yellow Magic Orchestra mitgespielt (nicht zu verwechseln mit dem oben genannten Violent Magic Orchestra aus Ōsaka, aber VMO setzt diese Referenz auf das ikonische, kraftwerkeske YMO wohl bewusst). Ich habe von dem Film erst in meinen Recherchen zu diesem Artikel erfahren und würde ihn unglaublich gerne demnächst mal sehen, um noch weiter in das Japan der 1980er Jahre und in den Sound des Yellow Magic Orchestra einzutauchen. Auf YouTube gibt es einen 50-minütigen Überblick, wo auch einige Einflüsse von YMO auf Videospielmusik wie Sonic, Mario, oder Animal Crossing diskutiert werden. Einflussreiche Pioniere der elektronischen Musik waren sie mit Sicherheit.

Ich verließ Kyōto und stieg mit Tomo, YMO, und dem TEE Album von Kraftwerk im Ohr in den Shinkansen (ein langjähriger Traum ging in Erfüllung!). Die Fahrt ging von Kyōto nach Mishima und anschließend weiter mit dem Bus nach Kawaguchiko. Dort ließ ich es mir ein paar Tage in der Nähe des Fujis gut gehen.

Shinkansen Typ N700. Ich liebe Züge.
Shinkansen Typ N700. Ich liebe Züge.

Fuji – Kawaguchiko – Aokigahara

Ich hatte wirklich großes Glück mit dem Timing meiner Reise. Aufgrund der Wetterbedingungen kann man den majestätischen Fuji nämlich gar nicht so oft sehen, nur etwa 80 Tage im Jahr. Im November und Dezember soll die Wahrscheinlichkeit am höchsten sein und ich konnte ihn eigentlich jeden Tag betrachten. Meine Unterkunft war am Kawaguchi-See, welcher einer der fünf Seen rund um den Fuji Berg ist. Mehrere für den Tourismus ausgelegte Buslinien ermöglichen es einem, die zahlreichen Sehenswürdigkeiten zu besuchen, sodass ich als Nicht-Autofahrer auch eine Chance hatte, ein paar schöne Tage in der Bergregion zu verbringen.

Schatten meiner selbst im Selbstmörderwald Aokigahara.

Ein wichtiges Ziel war dabei natürlich der Aokigahara-Wald, den Robert hier schon mal bei Spontis vorgestellt hatte: Aokigahara: Selbstmord im schwarzen Meer der Bäume. Um es vorwegzunehmen: Ich habe keine Leichen gefunden. Alleine dort zu wandern, war aufgrund des mir bekannten Hintergrunds aber natürlich schon etwas mit einem mulmigen Gefühl verbunden. Das GPS-Signal fällt wirklich gelegentlich aus und ich war schon etwas erleichtert über Schilder, die mir versicherten, dass ich noch auf dem richtigen Weg bin. Begegnet bin ich am Rand des Waldes nur einigen Schulklassen, deren Lehrpersonen mich etwas entgeistert angeguckt haben, aber ich nickte freundlich und ging weiter. Etwas lebhaftere Ausflugsziele waren die vielen angrenzenden Höhlen. Ich bin in die Fledermaus-, Lava-, und Eis-Höhlen gestiegen, die touristisch erschlossen waren und man jedes Mal Eintritt bezahlen musste. Dafür war man aber auch mit Helm und entsprechendem Sicherheitspersonal versorgt. Not trapped in the Aokigahara ice cave ;)

Da ich ganz an den Saiko-See für den Aokigahara-Besuch gefahren war, bin ich außerdem noch in das Iyashi-no-Sato Dorf gewandert und konnte so den Fuji noch einmal aus der Sicht eines traditionellen japanischen Dorfes betrachten.

Was ich allerdings nicht besucht habe, war das Kawaguchiko Recording Studio, denn das gibt es leider seit 2011 nicht mehr. Hätte es schon spannend gefunden, da mal vorbei zu schauen, denn wenn Aokigahara samt Umgebung schon als „perfekter Ort zum Sterben“ bezeichnet wird (The Complete Manual of Suicide, Wataru Tsurumi, 1993), dann eignet sich das doch bestimmt auch zur Aufnahme von Musik?

Die Aristokraten der Nacht: J-Goth & Visual Kei

Ob sich das die folgende Band auch dachte, weiß ich nicht, aber im Frühjahr 1989 haben im  Kawaguchiko Studio unter anderem die Gothic-Rock-Band G-Schmitt aufgenommen. Ich habe nicht wirklich was über sie herausfinden können, aber die Stimme der Sängerin Syoko gefällt mir richtig gut und gibt mir japanische Siouxsie-Vibes. Neben Cathedral Junky, mag ich besonders den Song Belladonna.

Wenn wir nun schon beim Gothic Rock angekommen sind, dann muss ich auch die legendären Bands Madame Edwarda und Auto-Mod erwähnen, die bis heute die japanische Gothic Szene prägen. Was als allererstes auffällt, ist deren optisches Auftreten, auch Visual Kei genannt. Robert hat sich hier auf Spontis vor 17 Jahren mal daran gewagt, das einzuordnen: Visual Kei: Die japanische Explosion der Farben und Stile. Ich bin in diesen Szenen nicht sehr versiert, daher lasse ich die weitere Einordnung dieser Bands als Übung für die Leserschaft übrig. Was mir auf jeden Fall sehr gut gefällt, ist der Song „Lorelei“ von Madame Edwarda:

Sowie der Song „Deathtopia“ von Auto-Mod (Deathtopia und Lorelei wahrscheinlich in meinen Top-5 J-Goth-Songs).
Welche großartige Stimmung Auto-Mod im November 1985 transportiert haben muss, lässt sich auch gut in diesem einstündigen Konzertmitschnitt nachempfinden (auf einem YouTube-Channel veröffentlicht, der viel Material zum japanischen Underground zu bieten hat. Konnte das noch gar nicht alles sichten):

(Ab Minute 39 kommt „Deathtopia“ – einfach genial!)

Tokio: Techno-Pioniere und perfekte Tage

Die letzte Station meiner Reise war schließlich Tokio. Ich wusste nicht so richtig, was mich erwarten würde. Was ich über Tokio wusste, kannte ich aus Wim Wenders’ Film „Perfect Days“. Kurz vor meiner Japan-Reise, im September 2025, war ich nämlich in Bonn in der Wim-Wenders-Ausstellung in der Bundeskunsthalle gewesen und habe mir dazu neben „Der Himmel über Berlin“ auch mal weitere Wim-Wenders-Filme angeguckt.

Perfect Days ist ein entschleunigender Film mit einer großartigen Bildsprache, der die kleinen Freuden des Lebens zelebriert. Es geht um Hirayama, der sein sehr geordnetes Leben lebt und die 17 Toiletten von The Tokyo Toilet reinigt. Betrachtet wird ein typisch japanischer Tagesablauf, so wie man es sich eben in Japan so vorstellt (und mit den Routinen ich mich persönlich in meinem Alltag auch so identifizieren kann, haha). Die Perfektion im Tagesablauf im Film gerät aber natürlich ins Wanken und Gefühle in der sonst so disziplinierten Welt des Japaners Hirayama kommen zum Vorschein. Mehr verrate ich jetzt mal nicht; schaut selbst! (gerade in der ARD-Mediathek, aber der Film hat eine große Leinwand verdient)

Aus dem idyllischen Kawaguchiko kommend, war ich erst mal ziemlich erschlagen von Tokio und den vielen Menschen. Glücklicherweise hat mich mein Freund Mike, der seit 2001 in Tokio wohnt, erst mal in ein niedliches Jazz Café am Kanda-Fluss in Nakano eingeladen, um mir zu erklären, wie man am besten in Tokio zurechtkommt. Alles Weitere ließ ich auf mich zukommen. Was mir aber natürlich unbedingt noch fehlte auf diesem Kurztrip, war Live-Musik! Ich konnte Japan schließlich nicht verlassen, ohne auch nur auf einem einzigen Konzert gewesen zu sein.

Hikashu live im Shibuya Club Quattro am 25.11.2025

Bei Recherchen nach Plattenläden und Musikclubs bin ich dann auf die Avantgarde-Band Hikashu aufmerksam geworden. Vor allem, weil ich die Cover-Version von Kraftwerks The Model gelungen finde und die Band auf ihre eigene Art so schön weird ist.

Zusammen mit P-Model und Plastics gelten Hikashu als Pioniere des japanischen Synthpops und New Wave und werden als „Big Three of Techno“ oder „Techno Gosanke“ bezeichnet. Warum Yellow Magic Orchestra hier nicht dazugezählt worden sind, konnte ich nicht herausfinden.

Hikashu live sehen zu können, war für mich auf jeden Fall total passend, da ich ja ohnehin schon die ganze Zeit in den musikalischen 1980er Jahren Japans herumgewühlt hatte. Und so war ich total glücklich, als ich noch ein Abendkassen-Ticket für das Hikashu Konzert im Shibuya Club Quattro bekommen konnte.

 

Wie ihr vielleicht auf dem Plakat zum Konzert sehen könnt, haben Hikashu auch Hideki Matsutake mit auf die Bühne eingeladen, der mit seinen Synthesizern Teil des Yellow Magic Orchestras war („YMO No. 4“). Als sie dann das legendäre „Tong Poo“ anspielten, war die Stimmung auf dem Höhepunkt. Das live zu hören, war wirklich sehr fantastisch (sowie der Einsatz eines Theremins, was mich eigentlich immer beeindruckt). Bei dem Song hat man einfach das Gefühl, einem echten Sinfonieorchester beizuwohnen, und außerdem war es schön, an die beide 2023 verstorbenen YMO-Gründer Ryūichi Sakamoto und Yukihiro Takahashi zu erinnern. Leider kann ich ja kein Japanisch und habe nicht verstanden, was der Hikashu-Lead-Singer Makigami Kōichi auf der Bühne so alles erzählt hat, aber an den Reaktionen im Publikum und der allgemeinen Stimmung im Saal, konnte ich nachempfinden, dass die Freude groß war, die legendären Stücke aus vergangenen Tagen live zu hören.

Vom „Capital of Punk“ zu den Stadtmusikanten

Ansonsten war es natürlich cool, über die Shibuya-Kreuzung zu gehen oder im Ausgeh-Viertel Shinjuku herumzutollen, aber ich würde auf jeden Fall auch das Koenji-Viertel empfehlen. Es gilt als „Capital of Punk“ innerhalb Tokios und es hat sich etwas weniger touristisch überlaufen und dank weniger hoher Häuser auch weniger großstädtisch angefühlt – die Distanzen waren kurz und die Straßen verwinkelt. Vielleicht erinnerte es mich aber auch einfach nur an mein schönes Zuhause – Bremen. Fun Fact: Schön, sage nicht nur ich über Bremen, sondern auch die Japaner*innen selbst, inklusive japanischer Versionen der Statue der Bremer Stadtmusikanten in Kawaguchiko, Kawasaki und Ōsaka.

Big in Japan – Tokio bei Nacht

Apropos schöne Dinge: Ich war noch im Studio-Ghibli Museum in Mitaka. Ich habe mir einen Monat vorher ein Ticket ergattern können und konnte so für ein paar Stunden in die Welt von Hayao Miyazaki eintauchen. Es ist im besten Sinne ein anspruchsvolles und arrogantes Museum, dessen Besuch ich empfehlen kann (Fotos machen war dort nicht erlaubt).

Und so endete mein Kurztrip schon wieder! In der obersten Etage des Regierungsgebäudes der Präfektur von Tokio genoss ich die letzten Blicke auf die Metropolregion Tokio, den Fuji, und alles, was ich auf dieser Reise erleben durfte. Ich war Big in Japan.

Bloodflowers Festival

Während Club Walpurgis und Tokyo Dark Castle schon seit vielen Jahren in Tokio ansässig sind, fand im November 2025 zum ersten Mal das von Tokyo Decay organisierte „Bloodflowers Festival“ statt. Zum Line-up zählten neben japanischen Acts auch einige internationale Bands und DJs. Das, was ich davon auf Instagram mitbekommen habe, sah auf jeden Fall sehr spannend aus. Also, falls ihr auch einen Trip nach Japan im Herbst plant, haltet vielleicht mal im Auge, ob es nicht auch eine weitere Ausgabe des Bloodflowers Festivals geben wird.

Diskografie

Hier sind noch einmal chronologisch die J-Goth Bands, die mir aufgefallen sind und die mich auf meiner Reise begleitet haben. Zum Reinhören habe ich wieder einen Mix auf Mixcloud hochgeladen. Ich finde, die Empfehlungsalgorithmen der Streaming-Dienste drehen sich irgendwann nur noch im Kreis, und außerdem bin ich hier fast ausschließlich in den 1980er Jahren unterwegs. Daher freue ich mich, wenn ihr weitere (gerne aktuellere) Bands aus Japan mit mir teilt. Außerdem möchte ich auch einen weiteren Sammler erwähnen: Der YouTube-Channel rasenvirus stellt eine große Auswahl an japanischer Szenemusik der 80er bereit.

Arigato Gozaimasu!

  • Plastics (Tokio, 1976)
  • Aunt Sally (Osaka, 1978)
  • Hikashu (Tokio, 1978)
  • Friction (Tokio, 1978)
  • Yellow Magic Orchestra (Tokio, 1978)
  • P-Model (Tokio, 1979)
  • Auto-Mod (Tokio, 1980)
  • Allergy (Tokio, 1981)
  • Dendö Marionette (1981)
  • Gilles de Rais (Yokohama, 1981)
  • Madame Edwarda (Tokio, 1981)
  • Normal Brain (1981)
  • Phaidia (Tokio, 1981)
  • Phew (Osaka, 1981)
  • Zelda (Tokio, 1982)
  • G-Schmitt (Tokio, 1983)
  • Neurotic Doll (1983)
  • Tomo Akikawabaya (1983)
  • OXZ (Osaka, 1984)
  • Portray Heads (Matsuyama City, 1984)
  • Sadie Sads (1984)
  • Shinobu (Kyoto, 1984)
  • The Lautrec (Sendai, 1984)
  • Böhm (Tokio, 1984)
  • Gakidou (Matsuyama City, 1985)
  • Ill Bone (1985)
  • Surrealistic Men (1985)
  • Zeitlich Vergelter (1985)
  • Bardo Thödol (1986)
  • Funeral Party (1986)
  • Nao Katafuchi (2012)
  • Violent Magic Orchestra (Osaka, 2016)
  • Plain Holz (Ueda, 2017)
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Kommentare

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John Doe
John Doe(@arno-siess)
Vor 1 Stunde

Vielen Dank für diese Stippvisite in eine mir doch sehr fremde Welt! 🇯🇵

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