Abney Park Cemetery (1840)

Historische Friedhöfe: Der Abney Park Cemetery in London (1840)

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Verheißungsvoll sammeln sich finstere Wolken über Abney Park am Himmel und kündigen ein bevorstehendes Unwetter an, doch noch ist das Auge weit entfernt und nur ein leises Grollen stemmt sich gegen den Lärm der Großstadt. Nur ein kurzes Stück Mauer auf der Stoke Newington Church Street verweist auf das dahinter liegende Paradies der Gräber. Noch ein Treppe, nur noch ein Tür und ich lasse die bedrohlich wirkenden Mauern hinter mir um für einen kurzen Augenblick inne zu halten und die Atmosphäre dieses grünen Refugiums in mich aufzunehmen. Ich spüre wie das Gefühl von Ehrfurcht, Bewunderung und Muse über die Spitzen der Pikes in meine Hosenbeine wandert und mich wie ein Nebel in seinen Bann zieht. Gleich zu Beginn fällt mir auf, das es sich weniger um einen rechtwinklig angelegten Gottesacker, sondern mehr um einen der Natur überlassenen Platz viktorianisch bis ägyptische geprägter Ruhestätten handelt, der Ästhetik ganz neu zu definieren weiß.

Der Abney Park Cemetery ist ein Teil von Londons Magnificent Seven, der sieben großen Friedhöfe um London herum die man anlegte, um der immer größer werdenden Bevölkerung Londons Rechnung zu tragen. Benannt wurde der Friedhof nach Lady Mary Abney (1676 – 1750) , die im frühen 18. Jahrhundert das Schloss von Stoke Newington erbte und maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung des Parks nahm, der Dr. Isaac Watts zu seinen Gedichten und Hymnen inspirierte. 1840 wurde der Park zum Friedhof und Arboretum, einer Sammlung exotischen Bäume und Pflanzen nach ägyptischem Vorbild.

Abney Park Cemetery (1840)

1974 fanden die letzten offiziellen Beerdigungen statt, in den folgende Jahren fanden wurden immer wieder Menschen dort beerdigt, teils durch private Initiativen, teils auch in „wilden“ Beerdigungen die man auf dem schlecht einsehbaren und riesigen Gelände nicht kontrollieren konnte. Die Faszination für diesen Friedhof setzt sich aus den unterschiedlichen architektonischen Einflüssen zusammen, die dieser Platz vereinigt.  Neben der klassischen viktorianisch geprägten und eher gotischen Architektur der Gräber und Denkmäler, findet sich auch auch ein stark ägyptischer Einschlag, der den Gedanken und der Dekadenz der viktorianisch geprägten Beerdigungen des frühen 19. Jahrhunderts Rechnung trägt. Zu Beginn dieser Bewegung löste das neue Design einige kontroversen bei der christlichen Gemeinde aus, die sich jedoch letztendlich den Wünschen der besser Gestellten Interessenvertreter beugten.

Die einzigartige Mischung aus verfallenem Friedhof, Sammlung exotischer Pflanzen und den kuriosesten Grabstätten macht den Friedhof zum bislang eindrucksvollsten meiner London-Reisen. Die unzähligen verwinkelten Wege und Pfade, die immer wieder neue Dinge offenbaren mach den Friedhof zum Erlebnis. Spielend kann man hier einen ganze Tag verbringen und völlig das Gefühl für Zeit vergessen. Wenn die Zeit in London begrenzt ist und man sich zwischen den Friedhöfen entscheiden muss, so ist dieser besser für ein Selbsterkundung geeignet, während Highgate Cemetery beispielsweise eher für eine interessante Führung taugt.

Abney Park Cemetery (1840)

Abney Park war immer wieder Inspiration für Künstler und Musiker, bis heute. Die Steampunk Band Abney Park ist beispielsweise nach dem Friedhof benannt, während Amy Winehouse den Friedhof 2007 in ihrem Video zu Back to Black zum Bestandteil macht, ist der Friedhof auch im Lied Celestica der Crystal Castles zu sehen. Wer einmal dort gewesen ist, kann die Faszination sicherlich nachvollziehen. In Elizabeth Georges letztem Roman „Wer dem Tode geweiht“ spielt der Friedhof ebenso eine entscheidende Rolle wie auch in der TV-Serie Waking the Dead.

Abney Park Cemetery war ein Friedhof für Dissenter1 und viele einflussreiche Londoner Presbyterianer, Quäker und Baptisten liegen hier begraben. William Booth, der Gründer der Heilsarmee, der als Denkmal die Besucher begrüsst, die den Friedhof von der Church Street aus betreten, wird wohl mit dessen Vereinnahmung durch die Menschen um ihn herum nicht immer einverstanden gewesen sein. Als Treffpunkt für Obdachlose und Drogensüchtige erschreckt sich der geneigte Besucher ein um das andere mal über die Gestalten die sich auf ihm herumtreiben, doch bis auf ein paar derbe Sprüche bleibt nicht viel zu erwarten. Hunde die bellen, beißen nicht. Schon in der frühen 80er nutzen Londoner Goths den Friedhof ebenfalls für halbwegs konspirative Treffen und Feiern.

Den Mittelpunkt des Parks bildet die Abney Park Chapel, die zwischen Verfall und eingezäunter Leere ein stilles Monument bildet, das seine gotischen und neoklassischen Türme wie knochige Finger in den Himmel streckt. Nicht nur der Zahn der Zeit nagt an der ersten nicht-konfessionsgebundenen Kirche Englands, sondern auch Zerstörung und Vandalismus verwandeln den Bau zu einer Mischung aus Mysterium, Festung und Kunstobjekt. Um die Kapelle herum, breiten sich einzelne Arme weiter aus, um sich in der dichten Bepflanzung immer wieder zu verzweigen um letztendlich mit unzähligen Trampelpfaden ein schier undurchdringbares Dickicht aus Gräbern bildet. „Hier möchte man niemandem im Dunkeln begegnen!“ Liegt im Auge des Betrachters, ohne Taschenlampen ist man aufgeschmissen und die Haupteingänge sind verschlossen – doch die sind nur Makulatur, denn die Mauern und Zäune sind so lückenhaft wie die Grablandschaft selbst

Abney Park Cemetery (1840)

Ein viktorianischer Besucher schrieb 1852: „There is a beautiful cemetery in Stoke Newington, and it was given to the inhabitants by Lady Abney, who was a sincere friend to Dr. Watts. There is in it a pretty little church, where funeral services are performed by all denominations of Christians. Lady Abney was very liberal in her religious views, and the cemetery is, with its church, open to all alike, and though its grounds were never consecrated, yet many rigid churchmen have been buried in it. There is no quieter burial spot within a dozen miles of London in any direction, and there are cedars of Lebanon in it, wide lawns, and beautiful flowers. There is an old clergyman in the church, who is always ready to officiate for a small fee on funeral occasions. He is over eighty years old, his hair is like the snow, and he is a fit companion to such a solemn place.2

Wegbeschreibung

Die nächste U-Bahn Station ist „Manor House“, die man mit der Picadilly Line (Dunkelblau) erreicht. Von dort aus sind es noch etwa 2km Fußweg durch einen wirklich natürlichen Stadtteil Londons, der Fernab von Touristenströmen auch durchweg günstigere Preise für Speisen und Getränke vorzuweisen hat. Direkt gegenüber des südlichen Ausgangs zur Stoke Newington Church Street finden sich wirklich gute Cafés in denen man wirklich günstig und gut Essen und trinken kann.

Verlässt man also die U-Bahn Station „Manor House“ und geht die Hauptstrasse Seven Sister Road Richtung Osten, weg vom Finsbury Park, der im nun im Rücken liegen sollte. An der Lordship Road biegt man rechts ab und folgt der Straße so lange, bis sie auf die Stoke Newington Church Street stößt, an der man links abbiegt. Nach weiteren 250m liegt der kleine Südeingang des Friedhofs auf der linken Seite.

Die Adresse für euer Navigationssystem lautet Abney Park, Stoke Newington High Street, London N16 0LH – dabei handelt es sich jedoch um den Haupteingang. Weiterführende Informationen findet ihr direkt auf der Seite des Friedhofs abneypark – Viele weitere Bilder findet ihr in meinem Flickr-Album, alle Bilder stehen unter CC-Lizenz. Das Video von den Crystal Castles, gibt es nochmal als Appetithäppchen dazu:

Einzelnachweise

  1. Aus dem lateinischen „abweichen“ nennt man so in der Kirchengeschichte von England und Wales die Mitglieder der Gemeinde, die sich aufgrund abweichender oder anderer Ansichten von der Amtskirche lösten und als protestantische Nonkonformisten bezeichnet wurden.[]
  2. London by Day and Night, von David W. Bartlett, 1852 – Kapitel 14 – Reminiscences of the Past[]
Robert
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Schatten
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Faszinierend, welch anarchistische Tendenzen dieser Friehof hat.
Einer der Orte, die ich unbedingt mal besuchen will :)

ASRianerin
Gast
ASRianerin

Da ich nächstes Jahr anscheinend das Glück habe London zu sehen, kommt das definitiv auf meine To-Do-List.

Wunderschön!

Madame Mel
Gast
Madame Mel

Da hast du aber einen schönen schwarzromantischen Friedhof „ausgegraben“! Trotz einiger London-Aufenthalte ist der an mir völlig vorbei gegangen und ich setze ihn als weiteren Subitem in meine „Things to do before I die“. Auf dem Highgate bin ich schon mal gewandelt, allerdings völlig führungslos.

Ist der Abney Park komplett verwildert? Ich kann mir jedenfalls lebhaft vorstellen, dass so manch einer unbemerkt im Schutze des Labyrinths verbuddelt wurde…

Das zeigt uns wieder mal die Vergänglichkeit in seiner morbiden Pracht. Nicht nur an den Gebeinen nagt der Zahn der Zeit, sondern auch an den menschlichen Erinnerungsrelikten, die irgendwann komplett unter der Decke des Vergessens begraben sein werden.

Jetzt weiß ich auch endlich, welcher Friedhof in „Back to Black“ zu sehen ist und bin – Dank Spontis – wieder ein wenig schlauer;-)

shan_dark
Gast

Haaaach, ein Friedhof ganz nach meinem Geschmack: verwildert, verwunschen und mit echt morbider Seele und Atmosphäre. Bei meinem nächsten London-Besuch ist der „dran“ und sollte ich einen Artikel über London auf meinem Gothic-Reiseblog schreiben, gibt es eine Exklusivverlinkung zu diesem tollen Artikel. Danke auch für die guten Hintergrund-Informationen. Auch wenn mir der Song von Celestica nicht gefällt, sieht man im Video wenigstens den Friedhof sehr schön ;o)
Und dass die da früher die Leute verbuddelt haben…krass, aber kann ich mir gut vorstellen.

ASRianerin
Gast
ASRianerin

Wahrscheinlich nur ein paar Tage, da es meine Abschlussfahrt zum Abitur seind wird. Von daher hoffe ich, dass wir genug freie Zeit haben werden, damit ich wenigstens einen kurzen Einblick gewinnen kann, da ich bezweifel, dass sich meine Klassenkameraden dafür begeistern lassen.