The Black Book 1996: Wie man einen Turm baut

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Das „The Black Book“ (ehemals Berlin Black Book) war ein in den 90ern monatlich erscheinendes Musikmagazin im Postkartenformat, das sich vornehmlich mit Veranstaltungen und Rezensionen beschäftigte und hauptsächlich in Berliner Clubs auslag. Marlene vom Radio Dunklewelle, die zu dieser Zeit in Berlin lebte, hat sich ein paar Ausgaben gesichert um sie in weiser Voraussicht für die Nachwelt zu erhalten. Für Spontis hat sie einen Bilder und Text eines Artikels vom Juni 1996 zur Verfügung gestellt, der sich mit den aussterbenden Türmen beschäftigt. Und nein, das ist kein Artikel über Architektur.

Wir schreiben das Jahr 1996. Die schwarze Szene wächst unaufhörlich und saugt wie ein Schwamm immer neue Musikrichtungen in sich auf. Metal drängt sich in die Szene, Techno und seine Jünger finden im Future Pop ihre Anknüpfungspunkte. Etablierte Musikmagazine wie der Zillo propagieren die neuen Stile als feste Szenebestandteile. Gothic Rock und Dark-Wave erscheinen wie zwei verstaubte Dinosaurier einer längst vergangenen Zeit. Für Andreas Starosta, Herausgeber des Black Book-Musikmagazin aus Berlin, ist der Zenith längst überschritten. So schreibt er im Dezember 1996:  „Lässt man das Jahr Revue passieren, so fällt es mir eigentlich schwer zu sagen, ob es in Bezug auf die Szene ein gutes oder ein schlechtes war. Ich musste aber (mit ein paar Freunden) feststellen, dass so ein richtiger Auftrieb wie zu Beginn der 1990er Jahre nicht mehr stattgefunden hat.1

Nicht nur die Musik ändert sich seinerzeit, sondern auch der Frisurengeschmack. Türme, Teller und Vogelnester gehören zu einer aussterbenden Rasse und werden immer seltener auf den Köpfen beobachtet. Bei nachwachsenden Jung-Grufties rufen diese Begriffe dann auch eher Schulterzucken und keine euphorische Neugier. Stattdessen gibt es Pferdeschwänze zu ausrasierten Seiten. Reconcile, wie sich ein Autor des „The Black Book“ nennt, erkennt die Zeichen der Zeit bereits im Juni des gleichen Jahres und entschließt sich, einen Artikel zu verfassen. Ein Artikel der alten Schule, denn hier wird nicht nur gemeckert, sondern auch gleich noch beschrieben, wie man sich selbst einen Turm zaubert.

Reconcile´s Styling-Tips

The Black Book Juni 96
Der originale Artikel, der im Juni 1996 im „The Black Book“ erschien.

Was ist nur mit der Szene los? Als langjähriger Beobachter derselben stellte ich mehr und mehr fest, wie sich die Veränderung breit machte: jetzt ist es also soweit. Während früher die Leute des Aussehens wegen aus ihren Elternhäusern verbannt wurden, hält schon seit langem die Gewöhnlichkeit Einzug.

Wo sind nur die Kreaturen der Nacht, bei denen man drei mal hinsehen muß, welchen Geschlechts sie angehören. Selbst das Angebot, sich auf der Helloween-Party der Insel von professioneller Hand stylen zu lassen, wurde kaum wahrgenommen. Was letztendlich dabei herausgekommen ist, stellte sich als ein Variationsdrama von Pferdeschwänzen heraus – was soll man auch schon mit zwei Flaschen Haarspray anfangen. Selbst auf die Gefahr hin, komisch angepöbelt zu werden, stellte ich einigen die Frage, was ein Toupierkamm sei. Die Antwort war ironisch oder ernüchternd.

Unvermögen, Faulheit oder Desinteresse, das ist hier die Frage. Eigentlich schade, und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da. Nach vielen Worten folgt nun endlich die Tat!

Der Turm

The Black Book Juni 1996
Das Format des Musikmagazins entsprach Postkartengröße

Material: Stielkamm (Toupierkamm), Skelettbürste (Fönbürste) oder ähnliches, Fön und Haarlack. Letzteres muss nicht von Design sein, denn Taft (blau) tut es auch. Wer umweltbewußt sein möchte, kann aber auch tief in die Tasche greifen und Clairol verwenden, wobei beachtet werden sollte, dass am Anfang noch eine gewisse Menge vonnöten ist. Sollte ein Klappspiegel oder Alibert vorhanden sein, so ist dieses zweckdienlich, ein Handspiegel tut es aber auch. Sollte sogar ein Crepe-Eisen vorhanden sein, ist man perfekt ausgestattet, es geht aber auch ohne.

Vorbereitung: Als erstes: Frisch gewaschene Haare lassen sich nicht so gut hochstellen, wobei der Pilz nicht kultiviert werden sollte! Zunächst wird für musikalische Unterhaltung gesorgt, welches die Moral bzw. die Euphorie ungemein hebt. Besonders kreativitätssteigernd wirkt sich ein Treffen mit Gleichgesinnten zu einer Stylingsession aus.

Durchführung: Als erstes werden die Haare durchgekämmt, dass alles lotrecht gen Erde zeigt. Wer es sich einfach machen will, kann die Haare jetzt creppen. Nun wird mitte links (bei Rechtshändern) begonnen. Die zwei unteren Drittel der Haare werden mit Lack leicht angesprüht und mit dem Fön gefestigt. Danach wird mit einem Stielkamm (Toupierkamm) eine ca. zwei Finger dicke Strähne abgeteilt und mit der linken Hand hochgehalten. Mit der linken Hand wird die Strähne ca. 3 Finger über der Wurzel gehalten, mit der rechten wird in etwa zwei Finger über der Wurzel mit dem Kamm angesetzt und nach unten (also zur Kopfhaut) gekämmt.

The Black Book
Eine kleine Sammlung Nostalgie

Die Strähne muß so locker gehalten werden, daß beim Kämmen immer neues Haar nachrutscht und verfilzt, bis die Strähne in der linken Hand ausgedünnt ist. Dann zwei weitere Finger darüber angesetzt und der Vorgang solange wiederholt, bis die Strähne von selbst steht, zwischendurch ansprühen und festfönen. Dasselbe wird mit der Strähne direkt daneben gemacht, wobei darauf geachtet werden sollte, daß die zweite Strähne in die erste mit eingearbeitet wird u.s.w. und so fort. Es empfiehlt sich, sich von innen nach außen zu arbeiten.

Sollten sich Schlaufen bilden, so werden die mit dem Stiel des Toupierkamms herausgezogen, hochgehalten und eingearbeitet. Abschließend eingesprüht und festgefönt. Damit es am Rand keine Perlen (vom Haarspray) gibt, sollte man das Haarspray mit den Fingern etwas verstreichen. Sollte es Beulen geben, werden diese mit dem Haarspray angeweicht, entsprechende Partien straff gezogen und festgefönt oder mit dem Stiel des Kamms nach außen gedrückt und ebenfalls festgefönt. Im allgemeinen ist darauf zu achten, dass mehr Haarspray in den unteren Dritteln als oben ist. Um eine Nestbildung zu verhindern, werden die Haarspitzen mit den Fingern herausgezupft, mit dem Toupierkamm aufgebauscht, angesprüht und festgefönt.

Haare bis 10 Zentimeter Länge werden lediglich mit Lack besprüht, mit der Fönbürste hochgehalten und festgesprüht. Toupieren ist in diesem Fall äußerst selten vonnöten. Ab vier Zentimetern hört der Spaß auf…

PS.: Wie wird man den Turm los? Waschen, waschen, waschen, waschen, waschen, waschen…

Einzelnachweise

  1. Andreas Starosta: Editorial. In: The Black Book-Musikmagazin, Ausgabe 12/96 – Abgerufen via Wikipedia am 18.06.2013[]
Robert
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Heimfinderin
Gast
Heimfinderin

Ein nettes Fundstück :) Da werden Erinnerungen wach an ritualisierte Haarzerstörung. Und natürlich immer mit musikalischer Einstimmung, das war unerlässlich beim Stylen. Musik an, ab vor den Spiegel (damals noch mit Kippe) und Stunden später ein Bild des Grauens, des Jammers und der Verwesung :D Ich bin seit 25 Jahren nicht mehr beim Friseur gewesen, die Notwendigkeit lag alleine in Rasierer, Stielkamm und Haarlack. Einmal im Monat ist eine Spülung fällig, um der Verfilzung entgegenzuwirken.
Das waren noch Zeiten, als man für seine Haartracht tatsächlich das elterliche Wohlwollen einbüßte (und die waren noch die verzeihlichsten). Aber da war die Frisur auch noch ein Statement.
Ist euch mal aufgefallen, dass im Zuge der 80´er Retro-Welle immer mehr Tussis mit 5cm-Sidecut den Weg kreuzen? Ein Glück nur, dass man die Unterschiede erkennt, manches kann der Friseur eben nicht schaffen.

Death Disco
Gast
Death Disco

Oh wei, die hab ich auch noch. 6 oder 7 Stück, aber nicht vollständig. Hatte sich davon nicht irgendwann der Orkus abgespaltet? Irgendwie hing das mal zusammen, glaube ich.

Am liebsten sind mir immer noch meine Glasnost-Sammlung und zig Dutzend gammeliger Punkzines – unbezahlbare Schätze. *g* Ein paar Industrial- und Neofolk-Heftchen schwirren auch noch herum (SIAM Letter, Symposium, ’ne Ladung Sigill-/Exsecratio-Ausgaben, da war das noch A5-Format!). Ich sollte das echt mal einscannen.

Was sollten Interessierte noch kennen? Entry, Vertigo, Subline, Propaganda, Gothic Grimoire, die frühen Ausgaben des Gothic-Magazins (als Bartscher-Kleudgen noch der Chef im Hause war), Gift, Black Magazin, Sproradic Droolings, Side-Line, Neurostyle, ZONE (neben New Life und Technology Works die Mutter aller EBM-/Electro-Zeitschriften), Revotnik (Mitt-90er Skinny-Puppy-Fanzine – Btw: Shan Dark hat einen chicen Bericht über’s Shadow-Cast-Fanzine)… und Frontpage natürlich (die ganz alten Ausgaben, als noch über Sachen wie Cabaret Voltaire oder Clock DVA berichtet wurde).

Die Frisuren waren früher natürlich abenteuerlich. Wo es damals wild und zerzaust sein musste, wird’s heute meist glatt gestriegelt. Friseur? Pfff. Zwei Spiegel, ein Rasierer… und ein bisschen Zeit. Notfalls hatte das ein Kumpel erledigt.

Lange, unfrisierte Haare bei Männern… Ich denke auch, dass der Metal das in die Szene schleppte. Die Metaller und metallisierten Gotenrocker der 90er hatten’s vorgemacht, der Rest folgte nach.

Ist euch mal aufgefallen, dass im Zuge der 80´er Retro-Welle immer mehr Tussis mit 5cm-Sidecut den Weg kreuzen?

Das fiel mir erst so richtig bei Rihanna auf. Als wolle man Grace Jones imitieren.

Ich find’s fesch. Aber ich denke nicht, dass die Trägerinnen über die Ursprünge solcher Frisuren Bescheid wissen.

Axel
Gast

@Death Disco: Wobei man auch das alte Intro nicht verachten sollte. Die waren damals durchaus nicht schlecht gewesen. Und auch das Feedback Musimagazin soll laut Ralf Jesek, der in de 90ern einige Zeit ort schrieb, durchaus seine Momente gehabt haben.

Bei SubLine war sicher interessant, dass damals viele Musiker selbst dort schrieben…

mela
Gast
mela

*seufz* Die Frisuren….das erinnert mich an meine Jugend, als ich einen „Robert Smith“ trug (der Kopp wurde freilich überall dran gerubbelt, damit die Haare schön wirr abstehen). Leider wurden daraus Dreads, dann eine Glatze, dann eine extrem Langhaarfrisur mit Betty Page-Pony, dann wurde der Pony wieder langgezüchtet und nun ist’s ein Iro.
Den viele „Stinos“ übrigens auch mit einem Sidecut verwechseln, da sie ja den Unterschied nicht kennen.
Bin ja immer mal wieder am Überlegen, ob ich nicht mal mit Haarlack, Stielkamm und viel Geduld zum Toupieren ran gehen soll. Vor allem Death Hawks finde ich ja bei Frauen ziemlich chic. Aber nach fünf Blondierungen in den letzten 18 Monaten (um von schwarz auf rot zu kommen) mag ich das meinen Haaren aktuell noch nicht antun. *seufz* Nur noch 6 Monate, dann sollte das Blondierte so weit raus gewachsen sein, dass es abgeschnitten werden kann :)

Death Disco
Gast
Death Disco

SubLine wurde ja immer als kleiner Stiefbruder des Zillos belächelt. Die Reihe hab ich sogar vollständig, falls ich mich nicht gerade irre. Das lief nur 2 oder 3 Jahre lang. 1995 kam keines mehr raus. Da bin ich mir ziemlich sicher. Ähnlich war es mit dem INDIEcator-Magazin. Das war nach kurzer Zeit vom Markt verschwunden. Die waren allesamt ähnlich gestaltet, etwas moderner als der Musikexpress/Sounds.

Richtig, beim SubLine waren etliche Musiker unterwegs. Musiker rezensierten Musiker. Die waren da auch nicht zimperlich mit der Punktevergabe. Wenn ein Album Kacke war, dann wurde das geäußert.

Von Intro habe ich nur drei oder vier Ausgaben. Ich kann mich daran erinnern, dass mir das damals immer kostenfrei in die Bestellpakete gelegt wurde.

Gut an solchen Zeitschriften war ja, dass sie den gesamten alternativen Bereich abdeckten. So kam man eben auch mit Cindytalk, Smiths, Pixies, Spacemen 3, The Jesus & Mary Chain, Sonic Youth, My Bloody Valentine, Slowdive, The Stone Roses, Blind Mr. Jones, The Cranes, The Sundays, Miranda Sex Garden und ähnlichen Gruppen in Berührung, die zu einem Teil musikalisch gotischer waren als das Zeug von HIM oder Mono Inc. (brrrrr… ohne Worte).

Ich erinnere mich da gerade an Chimera, die ja auch post-punk-typische Gitarrenläufe nutzten. Bei Slowdive war das ganz ähnlich. Leider kennt das heute kein Mensch mehr. Die Zeit schluckt alles, was länger als fünf Jahre von der Bildfläche verschwunden ist. ;-)

Edit: Auch ein seltsames und kurzlebiges Phänomen: Daisy Chainsaw. Schräges Noise-Rock-/Punk-Gedröhne, mit der durchgeknallten Katie Garside.

kleine Eule
Gast

Ein interessanter Artikel und ein schönes Fundstück…….toll aussehen tun die Frisuren immer und ein wehleidiger und neidischer Blick geht auf jedes 80ger-Orginal-Foto das mir im Netz über den Weg läuft.
Ich für mich persönlich halte es aber eher mit frisch gewaschen, glatt und schlicht schwarz. Nach einem erfolglosen Versuch der mit einem Lachflash meinerseits endete hab ich beschlossen, dass mir derartiges nicht steht und es lieber lasse. :D

Wer Sidecuts sehen will, braucht nur über den örtlichen Schulhof zu gehen und wird dort zur Genüge fündig werden. Der Mainstream hat ihn für sich erobert.

Das Bild mit den alten Heftchen hingegen löst bei mir das dringende Bedürfnis aus gleich doch mal online zu stöbern ob sich nicht noch die ein oder andere Ausgabe finden lässt. :)

Gruftfrosch
Gast
Gruftfrosch

Wenn man das so alles liest, kann ich nur sagen: Ich wurde zu spät geboren – eindeutig. Danke für’s Ausgraben.

Ich hoffe im Übigen, dass die Sidecut-Welle bald wieder vergeht. Mittlerweile tragen das Leute, die mir vom Auftreten und Geschmack her spinnenfeind sind.

Mone vom Rabenhorst
Autor

Lustig geschriebener Artikel. :-)
Bei meinem (breiten) Iro vor 20 Jahren kam der Fön allerdings erst relativ weit am Schluß zum tragen, um das ganze zu festigen. 4 Stunden brauchte ich …. *seufz* –> Kult damals war nicht Taft sondern Wella Flex blau.
Neulich im DM-Markt entdeckte ich, daß es das Zeug noch gibt…… es kribbelt ja doch in den Fingern, ob ich das noch hinbekomme. :-)

Tanzfledermaus
Autor

Oh, das gute alte Black Book – ich hab hier noch einen ganzen Stapel davon rumliegen, auch vom Vorgängerheftchen „Berlin Independent Dates“ ab 1994.
Ab Oktober 1994 hieß es erst „Berlin Black Book“ und dann ab September 1995 „The Black Book“.
Zwischenzeitlich gab es mal das „Etoile Noire“, und mittlerweile ist es wieder ein „Black Book“. Allerdings sind nur noch Partydates darin, keine Artikel mehr.
Eigentlich schade, aber so dank geringerer Seitenzahl wohl sparsamer ;-)

Ich hab meine Haare oft hochgestellt, indem ich den Kopf nach unten beugte und einfach willd von hinten nach vorne durchtoupiert habe, dann alles mit den Fingern zurechtgezupft und kräftig eingesprüht (der schwarze „Taft“-Haarlack stinkt nicht so eklig nach Oma-Haarspray, sondern erinnert mich geruchlich eher an Duschgel), zuletzt geföhnt. Manchmal hab ich die Haare auch gekreppt, aber das namen sie sehr schnell übel, das war nur selten drin.