Deathtech: Digitale Trauerkultur gegen das Vergessen?

In den letzten Jahren mischt der Begriff „Deathtech“ die klassische Bestattungs- und Trauerkultur auf. Dabei geht es um wesentlich mehr als ein Video über einen nahen Angehörigen oder eine Internetseite mit Bildern aus dem Leben des Verstorbenen, sondern auch um die Verwaltung des digitalen Nachlasses, neue Formen der Erinnerungskultur und letztendlich auch alternative Arten von Beerdigungen. Deathtech ist auch die zwangsläufige Auseinandersetzung mit den Spuren, die ein Menschen im Internet hinterlässt und hinterlässt die Frage, ob wir möglicherweise sogar das Recht auf Vergessen einbüßen.

Digitale Trauer gegen das Vergessen

Unser Leben wird immer digitaler, unser Tod wird analog bleiben – nicht aber die Möglichkeiten, damit umzugehen. Deathtech-Startups wollen Trauernden neue Wege bieten.“ Die Plattform t3n setzt sich in einem Artikel mit Deathtech-Startups auseinander, die sich darauf spezialisiert haben, Trauernden den Weg zur digitalen Gedenkstätten leichter zu machen. QR-Codes auf Grabsteinen, dreidimensionale Räume voller Bilder, Texte oder Videos oder auch Virtual-Reality Simulation mit den Avataren toter Kinder.

Doch nicht nur die Erinnerungskultur scheint einer Revolution zu unterliegen, sondern auch der tatsächliche Umgang mit den Toten. Dienstleister wie Farewill helfen online bei der Erstellung eines Testamentes, Asche von Verstorbenen kann man bei Eterneva zu Diamanten oder bei Parting Stone zu Steinen verarbeiten lassen. Leichen können in den USA ganz offiziell in Kalilauge zersetzt oder in Holzspänen und Mikroben zu Erde umgewandelt werden.

In Deutschland beschränken sich die Möglichkeiten der Deathtech auf digitale Erinnerungskultur, da strenge Bestattungsgesetze und Friedhofszwang wenig Freiheiten lassen, den Leichnam kreativ zu verwerten.

Auch hierzulande öffnen Deathtech-Startups ihre digitalen Pforten und bieten zahlreiche Dienste für die Hinterbliebenen an, die Erinnerungen an ihre Verstorbenen zu bewahren, zu digitalisieren oder sogar zu virtualisieren. Der Artikel von t3n erschlägt beinahe die ganze Bandbreite solcher Angebote und lässt sich kaum Fragen offen.

Deswegen widmen wir uns mit den möglichen Auswirkungen dieser neuen Möglichkeiten.

Deathtech: Erinnerungskultur im öffentlichen Raum?

Abseits der Angebote bleiben allerdings Fragen offen. Wie wichtig ist uns die Erinnerungskultur und läuft man Gefahr, dass jeder Mensch als digitale Erinnerung im Internet herumgeistert? Büßen wir vielleicht sogar das Recht ein, von der Öffentlichkeit vergessen zu werden?

Wir haben uns mit Daniel Böhm unterhalten, der zusammen mit Maximilian Weiß die Firma Aurora Mortis betreibt, die sich auf das digitalisieren und erhalten von Erinnerungen spezialisiert haben. Da ich Daniel schon eine halbe Ewigkeit kenne, war er für mich der ideale Ansprechpartner, die neuen Formen der Erinnerungskultur zu hinterfragen.

Spontis: Wie wichtig sind uns Erinnerungen an Verstorbene?

Daniel Böhm: Emotional braucht der Mensch genau diesen Bezug zu diesen Erinnerungen. Allerdings kann diese Frage nur von jedem einzelnen beantwortet und weniger verallgemeinert werden. Aber aus einer anderen Richtung betrachtet, würde ich einen Schritt weitergehen und sagen, dass diese Erinnerungen unser Grundstein für die Entwicklung der Persönlichkeit sind. Jeder lebt sein eigenes Leben auf Grundlage der Erinnerung an die Familie; ganz gleich, ob als Familie im Sinne der biologischen Abstammung oder definiert als die Menschen, die im Laufe des Lebens als „Familie“ angesehen werden. Die Erinnerungen an deren Erfahrungen, Worte und Taten, lenken unsere Gedanken sowie unser Handeln und prägten unsere Mentalität. Somit kommt man nicht umher, der Erinnerung an Menschen einen hohen Stellenwert für die eigene Persönlichkeit zu geben, egal ob positiv oder negativ. Und diese Erinnerung macht auch vor der Frage nicht Halt, ob die Menschen noch leben oder schon verstorben sind.

Spontis: Hält uns die Erinnerungskultur möglicherweise davon ab, Dinge zu verarbeiten und hinter uns zu lassen oder helfen sie uns dabei, mit dem Verlust eines Angehörigen umzugehen?

Böhm: Man kann nur Dinge verarbeiten, wenn man sich dieser bewusst ist. Ergo, wenn man an diese denkt. Wenn nicht, dann versiegen in der Vergessenheit, ganz gleich, ob wir mit den Dingen abgeschlossen haben oder nicht. Und auf die Verarbeitung von Trauer bezogen, so sollte diese kein auferlegter Lebensinhalt werden. Oder anders ausgedrückt, Trauer darf keinen destruktiven Stellenwert im Leben bilden. Was natürlich leicht dahingesagt ist und sich niemand anmaßen sollte, über die emotionale Ebene der Trauerarbeit eines jeden einzelnen zu urteilen.

Doch wie der Begriff „Trauerarbeit“ schon sagt, ist dieses ein Prozess, dem man aktiv nachkommen muss und der durchaus schwer werden kann. Der Trauer Raum zu geben und sich nicht von dieser verdrängen lassen, kann über die Erinnerung gelingen. Da diese ein Stück von dem erhält, was verloren wurde und uns zeigt, dass nicht alles gänzlich verloren ist.

Spontis: Im Zuge der Deathtech-Bewegung entstehen überall virtuell begehbare Räumen, Internetseiten mit Fotogalerien und Videos und digitale Kondolenzbücher, auf denen man sich verewigen kann. Sollte man überhaupt ein Leben, das geendet hat, in der Öffentlichkeit ausbreiten?

Böhm: Diese Frage wird schon längst von unserer Medienwelt mit einem eindeutigen: „Kommt darauf an“ beantwortet. Denn während Personen des öffentlichen Lebens nach deren Ableben noch weiter in den Schlagzeilen stehen werden, so verschwinden „No Names“ augenblicklich und auf ewig von der Bildfläche. Und was meine Antwort auf die Frage, ob man das Leben in der Öffentlichkeit ausbreiten sollte, betrifft, so sage ich: Nein.

Keinem nützt das öffentliche Interesse an einer Person, wenn dieses nur durch dessen Tod motiviert ist. Zumal das Wort „ausbreiten“ auch eher negativ assoziiert ist. Wäre die Formulierung eine andere und würde von „der Öffentlichkeit erhalten“ gesprochen werden, so würde das schon eine pietätvollere und weniger aufdringliche Art und Weise beinhalten.

Und das darf heute jeder so behandeln wie er möchte. Es sollte ebenso respektiert
werden, dass jemand Angst davor hat, nach seinem Tod so zu verschwinden, als hätte es diesen nie gegeben, so wie es auch respektiert werden sollte, dass jemand, der schon in der Öffentlichkeit steht, als Privatperson lieber unerkannt bleiben möchte.

Youtube zeigt im Grunde eindringlich, dass es in der Gesellschaft allgemein nicht derart pietätvoll zugeht. Kondolenz-Videos, die im Grunde zur Anteilnahme dienen, sind besser beraten, die Kommentarfunktion zu deaktivieren. Weswegen wir von Aurora zum Beispiel auch keine pauschale öffentliche Ausbreitung vornehmen. Die Seiten können hermetisch
abgeriegelt werden und wir nehmen uns heraus, die Daten, die für den öffentlichen Raum bestimmt sind, zu selektieren.

Im Grunde ist unser Kerngedanke aber auch ein anderer. Nämlich, dass das Leben nicht post mortem für die „Öffentlichkeit“ aufgearbeitet wird, sondern dass wir gemeinsam mit denen, die sterben werden, deren Erinnerung für deren Hinterbliebene erarbeiten. Somit kann jeder für sich selbst voll und ganz über diese Frage entscheiden kann.

Spontis: Denken wir einen Schritt weiter, brauchen wir – vor allem hier in Deutschland – überhaupt noch Friedhöfe oder Orte an dem wir uns erinnern?

Böhm: Da es in diesem Land schwerfällig bis unmöglich ist, seine letzte Ruhestätte frei wählen zu können, kann ich nur sagen, dass es einen solchen Ort nicht braucht. Was nützt das Grabmal, dass nur dann besucht werden kann, wenn die Zeit dafür zur Verfügung steht und der Weg auf sich genommen werden kann. Oder die grablose Bestattung, die nur in bestimmten abgesteckten Flächen gestattet ist. Zudem dienen diese Grabmale alleine den nächsten Angehörigen. Jene, die die Person noch zu Lebzeiten kannten. Für alle nachfolgenden bleiben das nur übermittelte Erinnerungen und leere Emotionen. Wir stapeln somit Namen ohne Inhalt, auf Flächen, bei denen der dauerhafte, allgemeine Nutzen alleine bei den darauf stehenden Bäumen verbleibt.

Spontis: Und letztendlich blockiert das auch unser eigenes Vorankommen.

Böhm: Ja, alles, was uns erinnern lässt, blockiert in dem Moment natürlich die Gedanken und verschwendet Zeit an Dinge, die nicht mehr zu ändern sind. Aber diese Antwort macht es sich zu einfach. Emotional braucht der Mensch genau diesen Bezug zu Erinnerungen. Aber muss es heutzutage noch die klassische Grabstätte sein? Ich finde nicht. Der Ort wird immer freier definierbar. Sei es der aus Asche gepresste Diamant am Finger, das Tattoo unter der Haut, das Bild an der Wand, die Datei im Smartphone oder der QR-Code zur Website auf dem Anhänger. Wichtig ist, dass der Mensch sich erinnern kann und dass in der heutigen Medienlandschaft dafür nicht mehr das aufwendige Grabmal gebraucht wird. Denn je dezenter der Hort für die Erinnerungen geschaffen ist, desto weniger blockiert dieser den Platz für neues, und das, ohne an Bedeutung zu verlieren.

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