Tränen in Russland: Russische KünstlerInnen zum Ukraine-Krieg

Der brutale und unmenschliche Krieg von Putins Regime gegen die Ukraine sorgt täglich für schockierende Nachrichten. Während der Präsident die Ukraine in unermessliches Leid stürzt, regiert er sein eigenes Volk mit eiserner Faust und allgegenwärtiger Propaganda. Staatsmedien und Behörden diktieren, was verbreitet, gesendet oder ausgestrahlt werden darf. Die Menschen in Russland werden gespalten, selbst Väter glauben ihren Kindern nicht, dass in der Ukraine Krieg herrscht. Für die pauschalisierende Sichtweise vieler Menschen außerhalb des Landes sind sämtliche Russen die Bösen. Dabei sind oppositionelle Stimmen nur ausgeschaltet oder weggesperrt, kritische russische KünstlerInnen und AktivistInnen geflohen oder versteckt.

ARTE hat jetzt ein „Tracks Spezial“ herausgebracht, das russischen Kulturschaffenden ein Forum des Widerstands, des Protestes und der Solidarität gibt. Es ist online bei ARTE zu sehen und wird darüber hinaus auch in russischer Sprache bei ARTE und den YouTube-Kanälen der Deutschen Welle und „Tracks“ gezeigt.

Tränen in Russland

Die 36-jährige russische Influencerin Olga Buzowa weint bitterlich vor laufender Kamera, das sonst so makellose Äußere scheint aus der Form geraten zu sein. Mit zittriger Stimme verkündet sie ihren rund 23,3 Millionen Followern: „Mein Leben wurde mir genommen„. Rund 700.000 mal wird dieses Video abgerufen, bevor es endgültig verschwindet. Nachdem Twitter und Facebook bereits seit einiger Zeit gesperrt sind, wurde zuletzt auch Instagram in Russland abgeschaltet, ein russisches Gericht hat die sozialen Dienste von Meta sogar jüngst als extremistisch eingestuft. „Die Aktivitäten der Meta-Organisation sind gegen Russland und dessen Streitkräfte gerichtet.

Viele dieser Nachrichten prägen den Eindruck, als würde man den Russland den Krieg gegen die Ukraine nicht bemerken oder diesen völlig realitätsfremd wahrnehmen, allerdings schenkt man dieser Tage den vielen kritischen Russen – die es vor allem unter den Kunstschaffenden gibt – wenig Aufmerksamkeit. Wie auch, wenn sämtliche modernen Wege, Protest, Widerstand und Kritik abgeschaltet sind?

Der erfolgreiche russische Rapper „Morgensthern„, der bisher eher als typischer Poser-Rapper mit Blödel-Attitüde geglänzt hat, lebt zurzeit in Dubai und hat mit „12“ ein sehr kritisches Video zur Situation in Russland und der Ukraine veröffentlicht und bereits über 12 Millionen Views damit erreicht, wie ARTE Tracks berichtet.

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Am Ende des Videos ist eine Voicemail der Mutter seines ukrainischen Produzenten Palagin zu hören. „Mein Sohn, heute Morgen wurde unser Dach fast weggefegt. Zuerst wollten wir fliehen, sind dann aber doch nach Hause zurückgegangen. Wir haben jetzt den Keller zum Bunker umfunktioniert und wohnen da, mach dir keine Sorgen mein Junge.

Auch IC3PEAK haben sich vor der Veröffentlichung ihres aktuellen Songs „Dead but Pretty“ dazu entschlossen, ihr Land zu verlassen. Nicht zuletzt, weil sie schon seit Jahren auf der „schwarzen Liste“ stehen und sie – wie Spontis jüngst berichtete – viele Kremlkritische Songs herausbringen. Doch sie sind nicht die einzigen KünstlerInnen mit dem Anspruch, zumindest kulturellen Widerstand zu leisten.

Tracks Spezial – Ein Blick hinter die russische Kulisse der Leugnung

Viele russische Künstler leben im Exil, „Tracks Spezial“ gibt Bands wie IC3PEAK, Face, Oxxxymiron oder auch Pussy Riot oder auch Social-Media-Stars wie Nikita Sass eine Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge zu schildern. Mehrheitlich musste sie dafür ihr Land verlassen, wenn sie die Möglichkeit dazu hatten.

Sie zeigen ein anderes Bild der russischen Bevölkerung. Anastasia Kreslina, Sängerin von IC3PEAK räumt jedoch auch ein, „Resignation“ zu empfinden, weil die meisten Menschen in Russland sich mit dem zufriedengeben, was das Fernsehen sendet und überhaupt nicht daran interessiert seien, sich alternativ zu informieren.

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Unter dem aktuellen Präsidenten Putin wird kein freies Russland mehr Realität werden. Rosige Zeiten sind nicht in Aussicht, eher ein düsteres Klima der Unmenschlichkeit. Ich wünsche mir sehr, dass mehr KünstlerInnen aus Russland ihre Stimme dazu nutzen, Brücken zwischen ihren Anhängern und der Realität zu bauen.

Robert Forst
Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Manu
Manu(@manu)
Vor 1 Monat

Als echter Autokrat hätte Putin diesen Konflikt auf eine andere, nüchternere Weise lösen müssen. Aber dazu war er offensichtlich nicht in der Lage. Er hat die Ukraine zerstört, aber auch verloren, Russland in die Zeit des Kalten Krieges zurückversetzt und sich und sein Volk zur Isolation verurteilt. Vielleicht wird die Ukraine nun „neutral“ und in gewisser Weise „entnazifiziert“, aber der Preis, den beide Länder dafür zahlen werden, ist einfach zu hoch und – vor allem in der Ukraine – zu tragisch. Putin ist ein Relikt des Kalten Krieges, und er hätte dort bleiben sollen. Das Gleiche gilt für Biden und die NATO, die mit ihren aggressiven geostrategischen Plänen zur nuklearen Einkreisung und Destabilisierung Russlands und Chinas eine große Verantwortung für die entstandene Situation tragen. Von Europa will ich gar nicht erst reden. Es hat längst seinen strategischen Kompass verloren. Dabei könnte es in einer geschickten Zusammenarbeit mit Russland, sowohl wirtschaftlich, kulturell als auch, warum nicht, militärisch, das Problem mit der Ukraine eleganter lösen und die Expansion und Präsenz der NATO oder Amerikas in seinem Raum verhindern. Leider ist es dafür zu spät. Der Schaden ist angerichtet, und vor allem muss jetzt den Leidenschaften ein Ende und diesem unnötigen Krieg in der Ukraine ein Ende gesetzt werden.

Auf der einen Seite haben wir ein blutiges Fest der Massenvernichtung und auf der anderen Seite die wachsende Ausbreitung der Russophobie in Westeuropa. Russophobie ist ein ekelhaftes Phänomen, ebenso wie eine Phobie gegenüber jeder anderen Nation und Kultur. Dies wird besonders deutlich, wenn es sich um eine so bedeutende Kultur wie die russische handelt.

Kunst und Kultur sollten unbedingt ein Faktor sein, der verbindet und dumme Vorurteile überwindet.

Danke Arte und Danke für den Artikel.

Norma Normal
Norma Normal (@guest_61060)
Vor 1 Monat

Das ist wieder einmal eine richtig gute Tracks Folge! Kunst verfügt über eine wichtige Rolle, aber ich verstehe auch total wenn Kreative Resignation oder ein Gefühl von Sinnlosigkeit empfinden. Sie haben so viel Herzblut in ihre Arbeit gesteckt, mussten u.U. sogar ihr Land verlassen und müssen jetzt mitansehen wie alles was sie angeprangert haben noch so viel schlimmer geworden ist. Verständlich auch das man in eine kreative Sinnkrise gerät und sich, so wie z.B. die Musikerin von Laska/Magnetic Poetry (mir bisher unbekannt, klingt aber vielversprechend) die Frage stellt, ob man in diesen Zeiten überhaupt sowas „banales“ wie Musik machen kann/sollte und stattdessen den Geflüchteten hilft. 
Ein Lied oder ein Musikvideo allein, kann vielleicht nicht die Welt verändern, oder eine Regierung stürzen, aber es kann langfristig ein Bewusstsein schaffen, eine Stimme gegen Ungerechtigkeit sein, Zeiten und Wandel dokumentieren, Menschen vereinen und so vieles mehr.

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  Norma Normal
Vor 1 Monat

Musik kann auch ein sehr gutes Ventil sein, um vieles raus zu lassen und sich von der Seele zu schreiben / heraus zu schreien. Schreiben/Texten ist ja für viele Menschen auch eine Art Ventil oder Therapie. Und für die Musikhörer transportiert Musik auch sehr viel, kann sie sehr mitreißen und bewegen (sowohl innerlich beim Hören als auch beim Tanzen). Daher würde ich es nicht pauschalisieren. Es gibt Menschen, die in Krisen verstummen und ziehen sich zurück, und es gibt welche, die werden aktiv und lassen es raus. Beides hat seine Berechtigung, solange es sich bei der Bewältigung einer Krise für denjenig richtig anfühlt und nicht noch weiter runter zieht.

Letzte Bearbeitung Vor 1 Monat von Tanzfledermaus
Norma Normal
Norma Normal (@guest_61062)
Antwort an  Tanzfledermaus
Vor 1 Monat

Ja genau, manche müssen Dinge erst innerlich verarbeiten um kreativ zu sein, andere verarbeiten es indem sie kreativ sind. Beides ist gleichwertig. Kunstschaffen ist individuell. Es gibt keine Blaupause für Kreativität. In erster Linie ist es Arbeit, zumindest wenn man es professionell betreibt.

Letzte Bearbeitung Vor 1 Monat von Norma Normal
Lakritze
Lakritze(@birte-sedat)
Vor 1 Monat

IC3Peak spielt übrigens in Leipzig (6.5. UT Connewitz) und in Köln und Berlin (da weiß ich die Daten nicht). Nur so als Tipp :)

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