The Second Wave – Thomas Thyssen über seinen Sampler auf Kassette

Am 23. September erscheint der neue Sampler von Thomas Thyssen (Pagan Love Songs, Zwischenfall) auf Kassette: 23 Bands aus dem Tape-Underground. Spontis führte mit ihm ein Interview über seine eigene Vergangenheit, nostalgischen Firlefanz und die Gegenwart düsterer Musik.

Kennt ihr das noch? In meiner Jugend, irgendwann 1986, hockte ich stundenlang vor der Anlage meiner Eltern und nahm Kassetten mit meinen Lieblingsliedern auf, damit ich die im Walkman unterwegs hören konnte, bei meinen Freunden mit den neuesten Errungenschaften angeben oder der ersten Freundin einen Liebesbeweis schicken konnte. REC und PLAY gleichzeitig drücken, die Pause-Taste im Anschlag und immer schön den Index aufschreiben, damit man Kassette später entsprechend beschriften konnte. Natürlich waren die Lieder thematisch aus einem Guss und aufeinander abgestimmt, je seltener ein Song und je exklusiver der Remix umso besser. Die Hülle der Kassette und die Kassette selbst liebevoll beschriftet und verziert, vorzugsweise mit Kreuzen, Spinnen, Fledermäusen und Totenköpfen. Schädel sahen bei mir allerdings etwas komisch aus, die konnte ich nicht so gut.

Thomas ist ebenfalls ein Kind dieser Tage, denn sein neuer Sampler „The Second Wave“ ist eine Hommage an eine Ära, in der auch viele deutsche Bands die günstige Reproduzierbarkeit nutzten und ihre Alben auf Kassette herausbrachten. Eine Zeit, in der man deutschen Wave und Goth sowieso kaum beachtete, weil alles was toll war, aus England kommen musste. Sein Sampler beschäftigt sich daher ganz gezielt mit der Zeit zwischen 1985-1996 in der es eine sehr aktive deutsche Musikszene gab, die seiner Ansicht nach völlig unterrepräsentiert ist.  Was lag also näher als eine Zusammenarbeit mit dem so treffend genannten Label Aufnahme + Wiedergabe um eine kleine Schatztruhe deutscher Underground-Musik auf  200 Kassetten zu bannen?

Das enthaltene Material mit zum Teil äußerst raren oder ebenfalls nur auf Kassette erschienen Stücken von Bands wie The House of Usher, Revenge of Nephthys, Love like Blood, Exedra oder Murder at the Registry zu beschreiben, einzuordnen und zu bewerten überlasse ich lieber den eingefleischten Audiophilen, die Bands und diese Zeit besser kennen. Ich freue mich über den beiliegende Downloadcode (liegt jedem Tape bei) und lasse mich so herrlich einlullen von den Songs, die mir größtenteils unbekannt sind, aber sofort dieses wohlig warme Gefühl von musikalischer Heimat verbreiten.

So bleibt es eine ständige Überraschung, wie das nächste Lied wohl klingt und dann auf dem Inlay nachzulesen, mit wem ich es zu tun habe. Schon ziemlich eindrucksvoll, wie viel Musik von einer Zeit, in der ich mich eigentlich recht intensiv in die Szene gehört habe, an mir vorbeigegangen zu sein scheint. Fast so eindrucksvoll wie die Qualität der Aufnahme, die ich nicht erwartet habe einem aufwendigen Mastering zu verdanken ist. Ich wollte aber von Thomas wissen, was hinter dem Sampler steckt, wieso auf Kassette veröffentlicht wurde und was er sonst noch für Pläne schmiedet.

Spontis: Dein Sampler „The Second Wave“ beschäftigt sich, wie der Name schon sagt, mit der zweiten Veröffentlichungswelle deutscher Goth- und Wave-Musik nach 1985. Ist das nur eine Hommage an Deine eigene musikalische Vergangenheit, die Du nicht nur zusammen mit deinem Bruder Ralf in Form der Pagan Love Songs-Party im Bochumer Zwischenfall ausgelebt hast, sondern auch mit Deiner damaligen Band Capital Hell, von der auch ein Stück auf dem Sampler zu finden ist?

Capital Hell
1994 stieß Thomas Thyssen zu Capital Hell, der Band seines Freundes Marc Heppener

Thomas Thyssen: Eine Hommage ist die Compilation definitiv, aber sicherlich nicht eine Verbeugung vor meiner eigenen musikalischen Vergangenheit, sondern vor allem vor einer sehr intensiven, sehr ereignisreichen und durchweg überaus spannenden Phase innerhalb der „Szene“, die, zumindest erscheint mir dies so ab und an, heutzutage tendenziell eher gerne mal vergessen oder unter den Teppich gekehrt wird. Deswegen war es mir auch so wichtig, dass neben den mitunter heute noch aktiven und/oder bekannten Bands, wie The House of Usher, Secret Discovery, Love Like Blood, Catastrophe Ballet etc., vor allem auch Acts auf „The Second Wave“ präsentiert werden, die schon zur damaligen Zeit nie über einen großartigen Bekanntheitsgrad oder gar eine Lobby innerhalb der „Szene“ verfügt haben, wie Beispielsweise die großartigen und stets unterschätzten Elephant vs. Bromley, die obskuren The Attainment of Nirvana, die süddeutschen Preachers of Sadness oder Cryptic Flowers aus dem Ruhrpott.

Alle 23 vertretenen Formationen haben in der Tat in meiner eigenen musikalischen Sozialisierung eine Rolle gespielt, da ich direkt zu Beginn der Neunziger zum ersten Mal mit derlei Musik in Berührung kam – unfreiwillig, aber sehr folgenreich. Mein Bruder Ralf feierte bei uns zuhause eine Party mit seinen Waver-Freunden – sehr wichtig war hier übrigens der „Waver“-Begriff, man sah sich selber weder als „Grufti“ noch als „Gothic“ –, als meine Eltern fürs Wochenende weggefahren waren. Ich saß wiederum reichlich eingeschüchtert in meinem Kinderzimmer, fand es aber gleichzeitig auch sehr spannend zu sehen, was für, äh, „seltsame“ Gestalten sich auf einmal in unserem Haus herumtrieben. Und dann hörte ich auf einmal Song-Textzeilen aus seinem Zimmer, die ich tatsächlich auch noch verstand: „Kannst du mich schreien hören? Ich bin hier allein.“ Demnach war „Marian“ von den Sisters meine Einstiegsdroge. Und was für eine! So pathetisch es auch klingen mag, danach war nichts mehr wie zuvor. Ohne diesen damaligen Moment würden wir zwei uns höchstwahrscheinlich gerade auch nicht über „The Second Wave“ unterhalten, von daher gehe ich jetzt einfach mal davon aus, dass das alles exakt so geschehen sollte, wie es eben geschehen ist.

Zudem war ich in der Luxussituation, dass mich die durchweg wesentlich älteren Waver-Kollegen Ralfs nahezu alle durchweg direkt von Anfang an als gleichberechtigt und auf Augenhöhe behandelt haben, was meinen Enthusiasmus für die Musik, diese ganze spannende Nische, den Underground, wie-auch-immer-man-es-auch-nennen-will nur befeuerte. Dass ich demnach einen Song von Capital Hell auf den Sampler koppeln musste, liegt somit quasi auf der Hand. Die zu hörende Demo-Version von „Trust“ war bis zur Veröffentlichung von „The Second Wave“ nicht nur unveröffentlicht, sondern ist zudem auch der erste Song, an dem wir in der damaligen Dreierkonstellation gearbeitet haben, nachdem mich mein alter Freund Marc Heppener, dessen Baby Capital Hell war, seinerzeit fragte, ob ich mir nicht vorstellen könnte, Teil der Band zu werden.

Mit anderen teilnehmenden Acts verbindet mich teilweise eine langjährige Freundschaft. Eric Burton, Sänger von Catastrophe Ballet, schrieb ich 1991 einen Brief inklusive beigepacktem 5-DM-Stück, nachdem ich eine Kleinanzeige von ihm in der Zillo gelesen hatte, in der er das aktuelle Demo-Tape seiner Band anpries. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, die seit nunmehr 25 Jahren Bestand hat. Jörg Kleudgen von The House of Usher war wiederum Herausgeber des Gothic Magazins, welches ich damals im Abo hatte, und dessen Redaktionsleiter ich lustigerweise viele, viele Jahre später selber mal werden sollte. Mit The House of Usher sind wir mit Capital Hell auch ein paar Male live aufgetreten, was immer großen Spaß gemacht hat. Secret Discovery waren wiederum eine der ersten Bands, die ich jemals selber live veranstaltet habe. Mit Kai, Falk und Gucky habe ich bis zum heutigen Tag noch immer semi-regelmäßigen Kontakt – und die Freude ist stets sehr groß, wenn man sich denn tatsächlich mal wieder auf ein Bierchen trifft. Und so könnte ich dir zu fast allen Acts der Kollektion eine persönliche Anekdote erzählen, was aber hier sicherlich den Rahmen sprengen und auf Dauer auch langweilig werden würde, oder?

Thomas Thyssen
Nachdem Thomas die Klänge von „Marian“ aus dem Zimmer seines Bruders hörte, war nichts mehr wie es vorher war.

Spontis: Musik wird heute gestreamt oder heruntergeladen, mittlerweile scheint es schon überholt zu sein, sich eine CD ins Regal zu stellen. Und zusammen mit dem Label aufnahme + wiedergabe bringst du den Sampler schamlos auf einer Kassette heraus, die sogar von Vinyl-Liebhabern verachtet wird. Gerade im Hinblick auf den beiliegenden Downloadcode erscheint das wie nostalgischer Firlefanz. Wie siehst Du das?

Thomas Thyssen: Gegenfrage: Ist die ganze Compilation nicht irgendwie „nostalgischer Firlefanz“? Ich sehe das natürlich nicht so. Im Gegenteil: Es ist gerade spannend, anno 2016 zu dem Medium zurückzukehren, welches die allermeisten der 23 beteiligten Bands seinerzeit auch zunächst genutzt haben. Ich persönlich finde – rein subjektiv –, eine liebevoll gestaltete Sammler-Edition auf Tape jedenfalls um ein Vielfaches attraktiver als noch eine weitere CD-Compilation. Zudem ist die Underground-Tape-Szene gerade innerhalb der letzten drei bis vier Jahre wieder sichtlich erstarkt – und aufnahme + wiedergabe, ein Label, welches ich persönlich sehr schätze, ist daran, zumindest für ein gewissen Teilbereich, nicht ganz unschuldig. Einen Download-Code mit zum physischen Produkt auszuliefern ist heute quasi Usus, damit sich der geneigte Sammler den haptischen Tonträger ins Regal stellen, aber gleichzeitig auch auf seinem Rechner oder Smartphone die darauf enthaltene Musik – ohne Qualitätsverlust – hören kann.

Kannst du mit aktueller Musik eigentlich nichts anfangen oder was ist der Grund für den möglicherweise verträumten Blick in die Vergangenheit?

Hehe, das ist so eine Miskonzeption, auf die ich immer mal wieder angesprochen werde. Ich bin weder ewiggestrig, noch bin ich ein Verfechter des „Früher war alles besser“-Gedankens. Ganz im Gegenteil: Mein Musikgeschmack war noch nie so facettenreich und breitgefächert wie jetzt. Pagan Love Songs war zwar eine Old School-Party, klar, aber niemals nicht nur mit einem wehmütig-verträumten Blick in die Vergangenheit ausgerichtet, sondern von der ersten Veranstaltung an, also mittlerweile vor über 17 Jahren, stets daran interessiert, neue Bands, neue Künstler vorzustellen, zu präsentieren, über den großen Teich zu holen, die die „alte Schule“ ins Hier und Jetzt transponiert hatten. Cinema Strange hatten ihren Europa exklusiven Debütauftritt bei uns, ebenso Diva Destruction, The Deep Eynde, Antiworld etc. Aber auch alte Helden wurden präsentiert, so spielten Pink Turns Blue ihre exklusive Live-Reunion im Rahmen von PLS, Faith and the Muse wiederum zu einem einmaligen „Rozz Williams Memorial“, die unvergleichliche Gitane Demone hätte ich fast vergessen, und The Chameleons direkt zwei Tage hintereinander vor ausverkauftem Hause im Rahmen ihrer allerersten Reunion-Tour. In meinen Augen und Ohren sollte im Idealfall alles stets in Balance sein: Gestern und Heute, das Alte und das Neue, Old School und neue Einflüsse, Tradition und Moderne. Aber bitte schön ohne Scheuklappen vor neuen Entwicklungen. Stillstand ist nicht meins.

Thomas Thyssen an den Reglern
„In meinen Augen und Ohren sollte im Idealfall alles stets in Balance sein: Gestern und Heute, das Alte und das Neue, Old School und neue Einflüsse, Tradition und Moderne.“

Was viele Leute heute auch gar nicht mehr auf dem Zettel haben, ist, dass wir bereits vor Pagan Love Songs umtriebig waren: Zunächst am Niederrhein, unter anderem im Radhaus in Kleve und im Far Out in Emmerich, bis wir uns dann ab 1995 entlang der A57 zumindest schon mal so halb auf den Weg in Richtung Ruhrgebiet gemacht haben, als wir die Samstagveranstaltungen im wunderschönen eXX in Moers – einem umgebauten Benediktinerkloster inklusive Seezugang – das direkt an der B57 gelegen, übernommen haben. Und all diese Events waren durchweg musikalisch durchmischt: Goth, EBM, Wave, Industrial, aber auch mit Sprengseln von Punk und NDW versehen. So wie es halt früher war, als es noch gar keine Nischen- bzw. rein themenbezogene Partys gab.

Können wir uns auf weitere Veröffentlichungen freuen, oder vielleicht eine neue Party im Glanz der „Zweiten Welle“ der frühen 90er? Wie sehen Deine Pläne aus?

Ich schleppe immer irgendwelche neuen Ideen mit mir herum. Oder, noch viel banaler ausgedrückt: Überlegungen, was „man denn so auf die Beine stellen könnte“. Das geschieht automatisch bzw. kann ich daran schlichtweg nichts ändern, auch wenn ich schon zig Mal zu mir selber gesagt habe, dass es das jetzt war, dass ich keine Lust mehr habe, dass ich einfach nicht mehr will. Irgendwann fängt es dann doch wieder an zu kribbeln. In diesem Jahr war es das Zwischenfall Festival, welches ich zusammen mit Zwischenfall-Gründer Norbert Kurtz im Bochumer Bahnhof Langendreer veranstaltet habe, einhergehend mit der Veröffentlichung einer limitierten Maxi-CD-Compilation zum Festival, auf der die vier aufgetretenen Bands – The Invincible Spirit, Secret Discovery, Psyche und No More – enthalten sind. Zum WGT gab es in diesem Jahr auch ein Pagan Love Songs-Special, direkt nach dem Secret-Gig von Pink Turns Blue zur Release-Party ihres immer noch aktuellen Albums „The Aerdt: Untold Stories“, sowie den dritten Teil unserer prächtig angenommenen „Remember The 80s“-Unfugsause im wunderschönen Noel’s Ballroom.

Jetzt gerade bin ich erst einmal froh und glücklich, dass „The Second Wave“ veröffentlicht wurde – alles in allem habe ich weit über sechs Monate an dem Kompendium gearbeitet, von der Recherchearbeit über die Gespräche mit dem Label, dem Mastering – Achim Dressler von New Days Delay hat wieder mal einen vorzüglichen Job gemacht –, mit meinem Grafiker des Vertrauens – danke, Peer Lebrecht –, bis hin zur Kollaboration mit der großartigen Fotografin Helen Sobiralski für das schöne, natürlich stark an die frühen 90er Jahre angelehnte Artwork. Eine neue Party im Glanz der „Zweiten Welle“ werde ich definitiv nicht angehen. Mein Bedarf an Retro ist mehr als gedeckt. Und wenn ich heute noch mal was komplett Neues angehen würde, dann sicherlich eher wieder eine Party mit stark gemixtem Programm – von Elektronik über Gitarre, von ganz alt bis brandneu. Was eine Veröffentlichung angeht, schwebt mir seit geraumer Zeit zwar auch schon etwas vor, aber das ist alles noch zu schwammig, um hier selbst eine vage-verschwurbelte Ankündigung zu tätigen, von daher: Let’s wait and see!

Bestellung: Aufnahme + Wiedergabe – Preis: 14.50€ inkl. Versand – Erscheint am: 23. September 2016

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Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Svartur Nott
Svartur Nott (@guest_52841)
Vor 4 Jahre

Eine sehr schöne Zusammenstellung, die der Herr Thyssen da gemacht hat. Zumal die 90s meines Erachtens nach gerne mal vernachlässigt werden, v.a. auf Tanzveranstaltungen (mit Ausnahme von ein paar Klassikern).

Ach, und da ichs gerade gefunden habe, es gibt hier sogar ein Interview dazu. Viel Spaß ^^.

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