Goth-Stories: „Goodbye Horses“ Sängerin Q Lazzarus gestorben – Die (ganze) Geschichte einer singenden Taxifahrerin

Die Geschichte um den Verbleib von Q Lazzarus war lange Zeit ein Mysterium. Mit ihrem 1988 veröffentlichte Song „Goodbye Horses“, der durch eine berühmte Szene im Film „Das Schweigen der Lämmer“ zu einem Kulthit der frühen 90er-Jahre mutierte, sang sie sich ins kollektive popkulturelle Gedächtnis. Für mich war das Lied immer ein Inbegriff der Gothic-Szene, denn ihre melancholische Stimme verlieh dem Song mit dem kryptischen Text so eine tieftraurige und gruftige Stimmung, der ich mich bis heute nicht entziehen kann. Die Sängerin Q Lazzarus verschwand allerdings mit ihrem Erfolg von der Bildfläche und galt viele Jahre als verschollen. Eine Todesanzeige offenbarte nun, dass Q Lazzarus, die eigentlich Diane Luckey heißt, am 19. Juli 2022 gestorben ist.

Q Lazzarus fuhr Taxi in New York

Mitte der 80er-Jahre war Diane Luckey Sängerin der Band „Q Lazzarus And The Resurrection“ und verdiente sich als Taxifahrerin in New York ihren Lebensunterhalt. Erfolg war der rebellischen Sängerin nicht beschert, Plattenfirmen lehnte ab sie zu vermarkten, weil sie Mitte der 80er-Jahre mit ihren Dreadlocks und der souligen Musik nicht ins Bild der kitschigen und popverseuchten musikalische Ära zu passen schien. Wie es der Zufall wollte, stieg der bekannte Regisseur Jonathan Demme während eines Schneesturms in Luckeys Taxi. Sie hört ihre eigenen Kassetten, weil sie sich darauf vorbereitete, am nächsten Tag aufzunehmen. Demme sagt während der Fahrt, er möge den Song und fragte Luckey, wessen Musik das sei. „Nun, vielen Dank“, antwortete Luckey, „ich bins.“

Demme war begeistert von der Sängerin. Er verwendete zunächst den Song „Candle Goes Away“ von Q Lazzarus in seinem 1986 erschienen Film „Gefährliche Freundin„. Kurioserweise fehlt der Song allerdings auf dem offiziellen Soundtrack und ist letztendlich nur als Soundschnipsel in einer Aufnahme des Films zu hören.

Das Lied „Goodbye Horses“, verwendet er dann unter anderem in einer Szene des Films „Das Schweigen der Lämmer“ von 1991, was ihn zur Legende machte. Darsteller Ted Levine, der den kaltblütigen Serienmörder Buffalo Bill spielt, tanzt nur mit einem Bademantel bekleidet zum Lied vor dem Spiegel, während er Make-up aufträgt und mit sich selbst spricht: „Würdest du mich ficken? Ich würde mich ficken. Ich würde mich so hart ficken„.

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Der verdiente Erfolg des Films, der insgesamt 5 Oscars gewinnt, beflügelt den Song, mit dem sich der Antagonist des Films in Szene setzt. William (Bill) Garvey, der auch in der Band „Q Lazzarus And The Ressurrection“ spielte, schrieb den Song. Bei Wikipedia munkelt man, dass der Text des Liedes auf der „Transzendenz über diejenigen basiert, die die Welt nur als irdisch und endlich sehen“, wobei die Pferde in dem Lied „die fünf Sinne der Hindu-Philosophie darstellt„. Prüfen lässt sich das nicht, Songschreiber Garvey starb bereits 2009.

Weil Regisseur Demme offenbar nicht genug von Q Lazzarus bekommen konnte, trat sie kurz in seinem nächsten Film, „Philadelphia“ von 1993 auf, in dem sie den Song „Heaven“ von den Talking Heads covert, während Hauptdarsteller Tom Hanks mit seinem Filmpartner Antonio Banderas auf einer Kostümparty tanzt. Obwohl der Film nicht weniger erfolgreich als „Das Schweigen der Lämmer“ wird, bleibt der Auftritt von Diane Luckey weitestgehend unbemerkt, nicht zuletzt, weil das Cover auch nur in dem Film zu sehen ist und wiederum nicht auf dem offiziellen Soundtrack des Films erscheint.

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30 Jahre lang verschwindet Q Lazzarus spurlos

Trotz ihres Auftritts in dem Film „Philadelphia“ und der ikonische Platzierung ihres Songs „Goodbye Horses“ im Film „Das Schweigen der Lämmer“, muss Luckey um einen Plattenvertrag kämpfen. Letztendlich erscheint nur „Goodbye Horses“ als Single bei einem unbedeutenden Label. „Q Lazzarus And The Resurrection“ lösen sich 1996 auf, Diane Luckey verschwindet völlig aus der öffentliche Wahrnehmung, selbst Bandkollegen und Freunde wissen nicht, was aus ihr geworden ist.

Spätere Tribute an die ikonische Szene aus dem Film „Das Schweigen der Lämmer“, wie beispielsweise in Clerks II oder Family Guy, halten den Song im popkulturellen Gedächtnis, während Cover von zahlreichen Bands den Song auch in die Ohren jüngerer Menschen bringen. Zuletzt schmückte sich das Modelabel Gucci mit dem Song für einen Kampagnenfilm.

30 Jahre später wird ein Artikel bei Dazed veröffentlicht, der sich mit der Suche nach Q Lazzarus beschäftigte. Autor Thomas Gorton befragte Freunde, Plattenfirmen und Bandmitglieder über den Verbleib der Sängerin, doch niemand hatte eine abschließende Antwort, viele hielten die Sängerin für tot. Eine Weile nach Veröffentlichung des Artikels erscheint auf Twitter ein Konto mit dem Namen „@AKAQLazzarus“, die den Autor kontaktiert und vorgibt, die verschollene Sängerin zu sein. Sie schreibt ihm:

Hallo, tut mir leid, Sie zu stören. Ich wollte nur, dass die Leute wissen, dass ich noch lebe, ich habe kein Interesse mehr am Singen. Ich bin Busfahrerin in Staten Island (da bin ich seit JAHREN), ich sehe jeden Tag Hunderte von Passagieren, also verstecke ich mich wohl kaum (oder bin tot!). Ich habe Thomas Gorton (Dazed) meine Telefonnummer und Adresse gegeben, nur um zu bestätigen, dass ich ‚echt‘ bin. Tut mir leid, wenn dies ein langweiliges Ende der Geschichte ist. Ich werde Twitter bald verlassen, da ich es seltsam finde. Bitte denken Sie an diese Nachricht, falls jemand anderes interessiert ist. DANKE„.

Gorton gibt sich größte Mühe, die Echtheit dieser Nachricht zu beweisen. Wie er in diesem Artikel erzählt, fährt er mehrmals zu der angegebenen Adresse, trifft jedoch nur einen Mann mit Pferdeschwanz, der nichts von einer Sängerin weiß und versucht die Telefonnummer einige Male anzurufen. Erst eine ganze Weile später kann er durch eine Geschichte, indem eine Frau ein Busunternehmen verklagte, auch weibliche Fahrer einzustellen, das Facebook-Profil eines Familienmitglieds von Luckey ausfindig machen. Nachdem seine Freundschaftsanfrage angenommen wurde, durchstöberte er die Bilder und traut seinen Augen kaum, denn er glaubt, die verschollene Sängerin entdeckt zu haben:

Dazed nahm Kontakt mit Gesichtserkennungsexperten an der Greenwich University auf, die als Super Recognisers bekannt sind, Menschen, die „eine überdurchschnittliche Fähigkeit haben, Gesichter zu erkennen […] Wir schickten ihnen eine Auswahl an Fotos [und] das Ergebnis fiel positiv aus und besagte, dass es ‚eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass die auf allen Bildern abgebildete Person dieselbe Person ist‘

Leider blieb es bei der Bestätigung, dass Q Lazzarus nicht tot ist, aber mit ihrer Vergangenheit nichts zu tun haben will. „Sie sei schüchtern“ blieb die letzte Nachricht des Twitter-Accounts „@AKAQLazzarus“, bevor er gelöscht wurde. Es blieben mehr Fragen als Antworten. Warum hatte die Sängerin so lange geschwiegen? Warum hat sie nie die Tantiemen für den Song eingefordert? Warum will sie heute keine Aufmerksamkeit mehr?

Dokumentation mit Q Lazzarus erscheint 2023

2019 sorgt das Schicksal wieder für eine Wendung in Q Lazzarus Geschichte. Diesmal steigt die mexikanische Regisseurin Eva Aridjis in das Auto eines Taxi-Service, das Diane Luckey fährt. Nach ein paar Minuten weiß Aridjis, zum wem sie da ins Auto gestiegen ist. Die beiden freunden sich an und beschließen, einen Dokumentarfilm zu drehen. In einem Interview mit dem Rolling Stone sagt die Filmemacherin: „Wir bereiteten uns gerade darauf vor, die letzten Szene zu drehen, als sie letzten Monat im Alter von 61 Jahren auf tragische und unerwartete Weise verstarb.

Der Film „Goodbye Horses: The Many Lives Of Q Lazzarus“ soll 2023 erscheinen. Neben vielen Geschichten hat Aridjis auch einen „riesigen Sack Kassetten“ von Luckey bekommen, die sie während ihrer Zeit in New York und später in London aufgenommen hatte. „Q hatte die letzten 20 Jahre damit verbracht, Autos und Busse zu fahren und konnte es kaum erwarten, wieder Musik zu machen.

Die Dokumentation sollte der Startschuss für eine Art „Auferstehung“ werden, selbst ein Comeback-Konzert schwebte den beiden Freundinnen vor. Leider schlug das Schicksal ein letztes Mal zu, diesmal nicht zugunsten der Sängerin, die mit ihrer Familie in Neptune Township, New Jersey lebte. Sie starb im Alter von nur 61 Jahren

Quellen + weiterführende Links:

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Graphiel
Graphiel(@michael)
Vor 1 Monat

Erst einmal vielen Dank für diese Goth-Storie.

Heute Morgen noch lief Goodbye Horses auf meinem MP3 Player und ich fragte mich, was wohl aus Q Lazzarus geworden sei. Zwar ging ich schon irgendwie davon aus, dass sie sich (so wie viele andere Musiker halt auch) ins Privatleben zurückzog. Grundsätzlich finde ich das auch nicht schlimm und ich gönne es jedem Ex-„Prominenten“, wenn er es aus eigenem Wunsch heraus schafft, wieder abseits der Öffentlichkeit leben zu können. Doch dass sich hinter Q Lazzarus eine interessante, wenn auch irgendwie traurige Geschichte verbirgt, war mir bisher nicht bekannt.

Ich finde ja, dass wenn ein Künstler mit etwas schönem Erfolg erzielt und sei es auch nur in einem kleinen Rahmen, so hat er es verdient auch entsprechend dafür entlohnt zu werden. So hätte ich es natürlich auch Diane Luckey mit Goodbye Horses gewünscht. Leider war ihr das ja offensichtlich nicht vergönnt, sodass man am Ende wohl sagen muss dass hier Filmszene und Song die Künstlerin so überstrahlt haben, dass diese leider nur noch als Fußnote in den musikalischen Geschichtsbüchern verblieb. Schade, dabei hatte Regisseur Jonathan Demme im Gegensatz zu den Plattenfirmen ihr Potenzial ja durchaus erkannt.

Vielleicht vermag ja die Dokumentation (wenn natürlich auch nur noch post mortem) Diane Luckey zu etwas verdientem Ruhm verhelfen. In unserer Szene hat ja zumindest ihr Song durchaus eine Art Kultstatus erreichen können, auch wenn ich mal zu bezweifeln wage, dass Luckey davon viel mitbekommen haben wird.

Gruftwurm
Gruftwurm(@christian)
Antwort an  Graphiel
Vor 1 Monat

So erging es mir vor kurzen ähnlich wie Dir, als ich mal wieder ihren Song „Goodbye Horses“ lauschte.

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