Cold Transmission Label Night 2025 – Ein Darkwave-Familientreffen im Rind

Das im Rhein-Main-Gebiet ansässige Label hat zu seiner Cold Transmission Label Night 2025 gerufen. Die Schwarzgewandeten haben nicht lange auf sich warten lassen und sind dem Aufruf scharenweise gefolgt. Kein Wunder, denn Cold Transmission steht für qualitativ hochwertigen Darkwave und Post-Punk aus aller Herren Länder. So können die beiden Labelchefs Suzy und Andreas bei der Zusammensetzung des Line-Ups auf eine Vielzahl an tollen Künstlern zurückgreifen. Traditionsgemäß kommen zwei elektronisch und zwei eher klassisch instrumentierte Bands zum Einsatz.

Für die vierte Ausgabe waren neben Huir, The Secret French Postcards und „SIIE“ auch die Band Crying Vessel aus den USA für einen Auftritt vorgesehen. Leider brach sich der Drummer bei einem Ausflug über den Fahrradlenker kurzerhand den Arm. Daher musste die Band den Gig leider absagen. Glücklicherweise konnte zeitnah ein adäquater Ersatz gefunden werden: Rina Pavar war bereit, die musikalische Lücke zu schließen – auch wenn sich dadurch ein leichtes Übergewicht zugunsten der elektronischen Acts ergeben hatte.

Wohlwissend, dass uns ein langer Abend bevorstehen würde, erreichten wir den Ort des Geschehens ganz bewusst erst 15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn. Trotz der kleinen Zeitspanne, die bis zum Auftritt von Huir verblieb, war die Anzahl der Zuschauer recht überschaubar.

Meine Begleiterin sprach mir Mut zu: Das wird schon! Und tatsächlich vergingen die nächsten Minuten wie im Flug. Der Saal füllte sich, es wurde dunkel, und ohne große Ankündigung standen Huir auf der Bühne und legten los. In einem Moment im Gespräch, im nächsten mitten im ersten Konzert.

Huir

Die aus Spanien stammende Formation Huir sollte an diesem Abend ihren ersten Auftritt in Deutschland absolvieren. Die Vorfreude der beiden war entsprechend groß: „Die Anreise war sehr aufregend. Das hat uns die Möglichkeit gegeben, den Moment bewusst zu genießen und uns auf den Abend einzustimmen.”

Zu Beginn tauchten die Bühnenscheinwerfer Sängerin Ana und Gitarrist David in violettes Licht. Als die ersten Töne erklangen, musste auch der letzte Zuschauer seinen Blick zur Bühne richten. Die Verbindung aus Coldwave und dunklen Synthesizer-Sounds zog das Publikum sofort in ihren Bann.

Einen Moment, der auch für die Band spürbar war: „Der Auftritt war intensiv und etwas ganz Besonderes für uns. Schon beim ersten Song hatten wir das Gefühl, dass das Publikum eine Verbindung zu unserer Musik aufgebaut hat – und diese Energie wuchs während des ganzen Sets weiter an. Zu sehen, wie sehr die Leute unsere Musik genießen und diese Energie mit uns teilen, war unglaublich – ein unvergessliches Gefühl.“

Diese Verbindung zum Publikum war für die Band das treibende Element des Abends. Während Ana und David sich durch ihr musikalisches Schaffen arbeiteten, war beiden die Spielfreude deutlich anzumerken. Besonders hervorzuheben ist der Titel Vital – dieser hat mich besonders beeindruckt. Auch nach Ende des Konzerts liegt das Augenmerk der Band auf der Interaktion mit dem Publikum:

„Besonders berührt hat uns, dass einige nach dem Konzert zu uns kamen, nur um zu sagen, wie sehr ihnen der Auftritt gefallen hat. Das hat uns mit großer Dankbarkeit und Inspiration zurückgelassen. Auf dem Heimweg konnten wir gar nicht aufhören, darüber zu reden, wie großartig alles war – das Publikum, die Stimmung, die gesamte Energie des Abends. Dieses Gefühl der Euphorie und die warme Aufnahme, die wir in Deutschland erfahren haben, werden definitiv als schöne Erinnerung bleiben.”

Rina Pavar

Nach einer kurzen Umbauphase verdunkelte sich der Raum und Rina Pavar betrat die Bühne. Wie wir später im Austausch mit ihr erfuhren, ist sie schon einen Tag früher angereist. Nach dem Besuch ihrer Familie nutzte sie die Gelegenheit, um bei einem Ausflug in die Weinberge die nötige Energie für das bevorstehende Konzert zu tanken.

Die Scheinwerfer tauchten die Bühne in buntes Licht und als die ersten elektronischen Klänge die Lautsprecher verließen, setzte sich das tanzfreudige Publikum sofort in Bewegung.

Im anschließenden Interview lässt uns Rina an ihren Gedanken vor dem Auftritt teilhaben: “Da ich zum ersten Mal in der Situation war, für einen anderen Act einzuspringen, und dieses Mal auch ein Teil meiner Familie dabei war, war die Nervosität bei mir entsprechend ausgeprägt. Umso glücklicher war ich, dass ich mich auf der Bühne ganz meiner Musik hingeben konnte.”

Obwohl Rina im Gegensatz zu den anderen drei Bands als einzige Solo auf der Bühne stand, war îhr nicht ein Hauch von Nervosität anzumerken. Nach der Aufwärmphase spielte sie sich souverän durch dunkle elektronische Sounds, die von ihrer hypnotisch intonierenden Stimme eindrucksvoll untermalt wurden.

Trotz der anfänglichen Bedenken verriet sie uns, dass sie den Auftritt als etwas sehr Besonderes erlebt hat. Der Kontakt mit dem Publikum als auch die vielen schönen Rückmeldungen und Gespräche nach dem Konzert haben sie sehr beeindruckt. Auf die Frage nach dem, was bleibt, antwortet sie:

„Vielleicht etwas Wehmut, dass die Zeit so schnell verging … aber auch Dankbarkeit, dass ich dabei sein konnte. Das Zusammentreffen mit vielen wunderbaren Menschen, die Musik und die herzliche Atmosphäre haben sich als schöne Erinnerungen an diesen Abend bei mir eingeprägt. Ich möchte mich noch einmal bei allen Gästen bedanken, beim Team vom ‚Rind‘ und natürlich Suzy und Andreas von COLD TRANSMISSION für den fantastischen Abend!“

The Secret French Postcards

Nach Rina Pavar sollte die Bühne dem einzigen analogen Act des Abends gehören. Wir hatten uns für diesen Auftritt zentral und recht nah an der Bühne positioniert.

The Secret French Postcards hatten am Mittwoch zuvor einen Gig in Kopenhagen absolviert. Wie wir später erfuhren, legten die vier Jungs auf dem Weg nach Rüsselsheim einen kleinen Zwischenstopp in Hamburg ein. Dabei durften eine intensive Kneipentour und eine spontane Tattoosession nicht fehlen.

Als die vier Schweden loslegten, wurde schnell klar, dass der Platz vor der Bühne gut gewählt war: Die Bassdrum des Schlagzeugs grub sich mit jedem Takt tiefer in die Magengegend. Hier hob sich das Quartett angenehm von den elektronischen Acts ab.

Ein Umstand, den die Band später selbst leicht verwundert kommentierte: “Da wir als Band komplett analog spielen, haben wir uns gefragt, ob das bei einem Line-up mit eher elektronischen Acts überhaupt funktioniert – aber es hat unglaublich gut gepasst. Großartig!”

Die Vier fühlten sich in ihrer kleinen Außenseiterrolle augenscheinlich pudelwohl und unterstrichen dies mit einer lockeren und dynamischen Spielweise. Eine willkommene Abwechslung zu den vorangegangenen Konzerten. The Secret French Postcards beschreiben den Abend im Nachgang:

“Wir fanden, dass das Konzert fantastisch gelaufen ist. Wir waren richtig bewegt von all der Liebe und Unterstützung, die uns vom Publikum entgegenkam. Wir haben die Musik der anderen Bands genossen und den ganzen Abend getanzt. Die Atmosphäre war einfach unglaublich.”

“Aus tiefstem Herzen: DANKE! All diese Liebe, dieses Gemeinschaftsgefühl, das Lachen – so ein Abend vervollständigt einen als Mensch. Wir lieben euch!”

Während die Euphorie des Abends die Band zu ihrem Auftritt in Berlin am nächsten Tag begleiten sollte, wartete das Publikum auf den letzten Act des Abends.

Bevor SIIE den letzten Konzertabschnitt einläuteten, ließen Suzy und Andreas es sich nicht nehmen, selbst das Mikro zu ergreifen und den Fans für das zahlreiche Erscheinen zu danken: Die Location war am Konzerttag bis auf sechzig freie Plätze sehr gut ausverkauft.

Eine ordentliche Steigerung zum Vorjahr – die zeigt, welche Bedeutung Cold Transmission für die Szene im Rhein-Main-Gebiet hat. Bevor Suzy und Andreas ihren gewohnten Platz hinter dem Merchandise-Stand wieder einnahmen, kündigten sie den Auftritt von SIIE mit: “They gonna kick your asses” an – das Publikum lachte und es stand die Frage im Raum: Sollten die beiden Recht behalten?

SIIE

SIIE eröffneten das letzte Konzert mit ihrer aktuellen Single Papier Glacé – und machten direkt zu Beginn klar, wohin die Reise gehen würde. Waren die vorangegangenen elektronischen Mitstreiter eher auf wavigen, homogenen Sound bedacht, lieferte SIIE mit den leicht stampfenden EBM-Anleihen und den französischen Vocals den prägnantesten Auftritt des Abends.

Der Sound stand im Kontrast zu dem Tag, wie ihn die Band bisher beschrieben hatte. Nach einer entspannten Anreise mit der Bahn hat sie die frühe Ankunft in Rüsselsheim dazu genutzt, sich die Beine an den Ufern des Mains zu vertreten. Dabei stießen sie auf eine verzückende Besonderheit: An den Ufern des Flusses leben viele grüne Papageien. Diese sind unbekannten Ursprungs und breiten sich seit den siebziger Jahren im Wiesbadener Stadtgebiet und Umgebung immer weiter aus.

Entsprechend erholt konnte die Band auf der Bühne zeigen, was sie kann. Die Frontfrau zeigte sich in toller Form. Stücke wie Grand Virage und Tendance versetzen das Publikum in Bewegung und versorgen das Rind mit Energie. Die beiden Musiker haben den Auftritt kommentiert: „Wir hatten richtig viel Spaß. Der Auftritt ging gefühlt in einem Rutsch vorbei, fast schon zu schnell.” Dem ist nichts mehr hinzuzufügen!

Auf den Austausch mit den Gästen angesprochen, verwiesen die Musiker auf ihre Masken: „Durch sie erkennt man uns meistens nicht, aber wir haben ein paar Bekannte getroffen, die wir selten sehen. Das hat uns sehr gefreut.”

Während die Band die entspannte Rückreise aufgrund einer kurzfristigen Remix-Deadline die Zeit im Zug direkt zum Weiterarbeiten nutzte, beschließen sie den Abend mit einem letzten Gedanken:

„Ein rundum toller Tag. Es war von Anfang an voll und die Energie blieb bis zum Schluss. Wir freuen uns, dass es so viel Interesse an Musik gibt. Ein großes Dankeschön dafür. Schön war auch das Wiedersehen mit Andreas und Suzy vom Label und mit Rina Pavar. HUIR und French Secret Postcards haben wir erst vor Ort kennengelernt, aber es hat direkt gepasst. Das ganze Miteinander war extrem harmonisch, was im kleinen Backstage natürlich hilft.”

Cold Transmission Label Night 2025 – Ein Fazit

Nachdem die Bühnenlichter erloschen waren, kehrte kurzzeitig ein Moment der Ruhe ein. Diesen kurzen Zeitraum nutzten einige der Gäste und verließen die Location. Doch der Abend war damit noch nicht an seinem Ende angelangt. Es sollte nicht lange dauern und das DJ-Gespann Mike Klein und Styx übernahm das Ruder und motivierte die noch Anwesenden zum ausgiebigen Weitertanzen.

Bei der Songauswahl durfte neben bekannten Klassikern auch das ein oder andere Stück aus dem labeleigenen Bestand nicht fehlen. Auch an dieser Stelle machte sich die sorgfältige Planung der Veranstaltung bemerkbar – die beiden DJs sorgten musikalisch für einen reibungslosen Übergang von Live-Musik zu anschließender Party.

Reibungslos war auch kurzzeitig die Kontaktfläche zwischen der Tanzfläche und meinem Fuß. Beim Tanzen bin ich wild gestikulierend auf einer Zitronenscheibe ausgerutscht – die ein zuvorkommender Gast scheinbar extra für mich ausgelegt hatte.

Der schönste Abend geht irgendwann einmal zu Ende. Kurz bevor ich die Segel streichen musste, hatte ich die Gelegenheit, mich mit einer Dame über den Abend zu unterhalten. Eine Bemerkung von ihr ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Zum Ende des Gesprächs schaute sie sich um und bemerkte, wie erstaunlich es sei, was Musik bewirken kann: Wenn man in die Gesichter der Menschen schaut, sehen alle selig aus.

In diesem Gefühl findet sich die Motivation von Suzy und Andreas wieder. Sie fassen den Abend aus ihrer Sicht zusammen:

Wir haben uns auch sehr gefreut, dass sich die Label Night inzwischen so etablieren konnte und auch Gäste von weiter weg kommen. Der Vorverkauf wurde kräftig genutzt – bei Events mit neueren Bands auch nicht mehr selbstverständlich – das  hat uns wirklich sehr gefreut. 

Das Schönste für uns ist, viel Zeit mit den Bands und den Gästen zu verbringen. Die vielen positiven Rückmeldungen am Ende – das motiviert dazu weiterzumachen und alles zu geben, damit es für alle ein tolles Wochenende wird.

Um drei Uhr nachts schloss das Rind seine Türen. Die Trauer zum Ende der Veranstaltung dürfte nicht lange Bestand haben. Der Termin für das nächste Familientreffen wurde bereits verkündet: Die 5. Cold Transmission Label Night findet am 17.10.2026 statt!

(Alle Bilder in diesem Beitrag stammen von Torsten Krabbe, der sie uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Vielen Dank!)

1998 in die Szene eingestiegen. Die folgenden Jahre habe ich intensiv Veranstaltungen und Konzerte besucht. 2017 habe ich eine Familie gegründet - keine Musik, keine Veranstaltungen, keine Konzerte, keine Festivals, keine eigenen Gedanken. Jetzt kehre ich endlich wieder zurück vor die Bühne.

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Kommentare

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Maren
Maren(@maren)
Vor 1 Monat

Jetzt habe ich von allen Bands, die in deinem Bericht auftauchen, endlich mal in Ruhe etwas anhören können. The Secret French Postcards kannte und mochte ich bereits, die anderen waren mir bisher unbekannt. Insgesamt hat das auf mich den Eindruck eines in sich stimmigen und sich lohnenden Line-Ups gegeben. Huir finde ich auch sehr geeignet, um einem gleich in die richtigen wavig-melancholischen Vibes zu geben. Schön, dass du auch immer wieder Zitate der Musiker in deinen Bericht eingebaut hast, was die familiäre Stimmung auf der Cold Transmission Label Night zeigt. Insgesamt finde ich es eine Bereicherung, dass du in deinen Berichten den Blick auch immer wieder auf die
schwarze Szene im Rhein-Main Gebiet lenkst. Danke dafür.

Letzte Bearbeitung Vor 1 Monat von Maren

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