5 Januar

Schwarze Zeitzeugen - Nick aus Norwich

Kategorie: Dunkle Vergangenheit — Jahrgang: 201010 Kommentare

Als ich Nick Stone unter sei­nem Nick­name Osborne Vil­las auf flickr ent­deckte und in einem kur­zen Mail­aus­tausch um ein Inter­view bat, wusste ich noch nicht wor­auf ich mich ein­ge­las­sen hatte. Der wort­ge­wal­tige Nick beschrieb aus­führ­lich über seine Zeit in den frü­hen 80ern, in der ein Teil von etwas war, was heute als die Wur­zeln des Gothic ange­se­hen wird.  Bei der Über­set­zung des Tex­tes war klar,  ich brau­che Hilfe. Glück­li­cher­weise fand sich schnell jemand, der mit mir den kom­ple­xen Text durch­ge­gan­gen ist. Her­aus­ge­kom­men ist eines der aus­führ­lichs­ten und viel­leicht ehr­lichs­ten Inter­views über diese Zeit, die — wie auch immer man sie nen­nen mag — den Grund­stein für das legte, was wir heute schwarze Szene nennen.

Nick ist 44 Jahre alt und lebt in Nor­wich, das etwa 160km nörd­lich der bri­ti­schen Haupt­stadt Lon­don liegt, in der er auch gebo­ren wurde. Als er 3 Jahre alt war, ist er mit sei­nen Eltern in eine Klein­stadt in direk­ter Nach­bar­schaft zu Nor­wich gezo­gen. Er besuchte ein Gym­na­sium für Jun­gen, das wie alle Orte in den spä­ten 70ern zwi­schen Punk und Heavy Metal pola­ri­sier­ten. »Punk und New Wave habe ich immer bevor­zugt, habe aber immer wie­der ein paar Streif­züge zum Metal unter­nom­men.«

Spä­ter besuchte er eine Kunst­uni­ver­si­tät, die er aber schon nach kur­zer Zeit wie­der ver­ließ um in einer Kunst­ga­le­rie zu arbei­ten. Heute ist er als Gra­fik Desi­gner tätig, seine Hob­bies sind bei­spiels­weise die Foto­gra­fie. Nick ist ver­hei­ra­tet und hat 4 Kin­der im Alter zwi­schen 9 und 19 Jah­ren. Das Inter­esse an der Musik hat er seit damals nie wirk­lich ver­lo­ren, obwohl sein Geschmack sich immer wei­ter­ent­wi­ckelt hat und er sich nach einer Weile auch ande­ren Musik­rich­tun­gen zuzuwenden.

Nor­wich im Nord­os­ten Englands

Spon­tis: Wann bist du der schwar­zen Szene ver­fal­len, wie bist du ein Goth gewor­den? Nick: »Schwer zu sagen. Viel­leicht ist auch  »Ver­fal­len« nicht das rich­tige Wort und natür­lich nannte man 1980/81 wo das ganze für mich begann, noch nicht Goth, das kam viel spä­ter. Wir hör­ten alle gerne Punk und New Wave music, Joy Divi­sion, The Au Pairs, Scars, The Cure und ein biss­chen vom alten Punk und ein wenig frü­her ame­ri­ka­ni­scher Hard­core wie bei­spiels­weise Hus­ker Du. Es war ein sehr viel­sei­tige Szene, die noch nicht auf Comic-Goth Aus­se­hen fixiert war das viel spä­ter erst dazu­ge­kom­men ist, es war mehr eine Erwei­te­rung des Anti-Establishment Gedan­ken des Punks.

Die meis­ten von uns tru­gen lange Män­tel, Doc Mar­tens oder Biker-Stiefel mit Schnal­len, manch­mal auch Chel­sea Boots oder chi­ne­si­sche Slip­per, Röh­ren­ho­sen oder schwarze Jeans. Die Sze­nen beein­fluss­ten sich gegen­sei­tig, man über­nahm Ele­mente des Punk oder des New Wave und formte dar­aus sei­nen eige­nen indi­vi­du­el­len Stil. Ich ver­diente mir durch das bema­len von Leder­ja­cken etwas dazu, ich hatte eine Jacke mit Kil­ling Joke Motiv und hatte auch noch The Clash oder Sex Gang Child­ren im Ange­bot. Als Bands wie Bau­haus popu­lä­rer wur­den kam es zu einem Wen­de­punkt in der Szene, man ent­deckte, das man etwas eige­nes hatte. Das war viel­leicht der wirk­li­che Ursprung der Szene, bevor sie lächer­lich wurde.

Ich würde sagen, ich war ein Teil der Prototyp-Gothic Bewe­gung und der Musik zwi­schen 1982–1986. 1986 war das Jahr, in dem es alles ein biss­chen komisch wurde, ich mochte die Musik die bei­spiels­weise The Sis­ter of Mercy mach­ten ein­fach nicht. Sou­thern Death Cult und Death Cult wur­den Kult und die Fields of Nephelim sahe auf ein­mal aus, wie mit Mehl bestäubt. In mei­nen Augen ver­wan­delte sich alles in etwas Comi­chaf­tes. Bands wie Nick Cave, die ihre Musik und ihr Auf­tre­ten wie eine Kunst­form behan­del­ten oder die Coc­teau Twins und Dead can Dance, die aus der Bewe­gung etwas wun­der­schö­nes machten.

Das alles wurde von dem Ver­such aus der Bewe­gung etwas sym­bo­li­sches zu machen ver­schluckt. Ich ließ mir die Haare schnei­den, kaufte ein paar Turn­schuhe und nor­male Jeans und fing an mich für pro­gres­si­vere Musik zu inter­es­sie­ren das man zu die­ser Zeit als Gitar­ren Pop Szene betrach­tete, aus der dann der Indie­pen­dent wurde.Ich habe immer noch einen fai­ble für Red Lorry Yel­low Lorry obwohl Kil­ling Joke und Joy Divi­sion ver­mut­lich zwei mei­ner Lieb­lings­bands sind. Es war zu die­ser Zeit ein­fach eine Phase in der Musik Szene an der heute immer noch einige Leute hän­gen.«

Spon­tis: Wie wür­dest du Gothic defi­nie­ren, ist es ein Musik­genre, eine Art sich zu klei­den oder mehr eine Lebens­ein­stel­lung? Nick: »Damals wie heute ist es eine Sub­kul­tur gewe­sen. Wenn du dich einer Sub­kul­tur zuge­hö­rig fühlst und das lebst was die ande­ren leben, ist es auch dein Life­style. Ich habe dem nie glau­ben geschenkt und irgend­wann das Inter­esse daran ver­lo­ren, als etwas neues, auf­re­gen­des daherkam.

Das klingt jetzt viel­leicht ein biss­chen unfair, aber Wir haben uns immer über die »Mini-Goths«, wie wir sie damals nann­ten, lus­tig gemacht als sie sich wie wir klei­de­ten und an Wochen­en­den in irgend­wel­chen her­un­ter­ge­kom­me­nen Clubs oder den Alter­na­ti­ven Knei­pen abhin­gen um dabei zu sein. Denn die lös­ten sich in Luft auf, als Du die Szene ver­las­sen hast und haben dabei nie wirk­lich ver­stan­den worum es ging. Das Pro­blem mit der Defi­ni­tion ist, das eine eigene Defi­ni­tion immer nur aus der indi­vi­du­el­len Sicht­weise ent­steht, aber für mich war Goth immer eine logi­sche Erwei­te­rung des Punk.»

Spon­tis: Wie wür­dest du Dich selbst ein­ord­nen, mehr ein Schwarz­ro­man­ti­ker, ein Waver, Trad­goth oder auch ein Batca­ver? Nick: »Ich weiß gar nicht genau was ich gewe­sen bin, aber wir nann­ten uns 1982 immer die »Long Coat Bri­gade«. 1986 hatte ich dann eine Menge Ohr-Piercings (damals haben sich die Leute noch nicht über­all pier­cen las­sen) und habe von Kopf bis Fuß schwarz getra­gen dazu ent­we­der ein Leder­ja­cke oder einen lan­gen Man­tel (ich glaube ein Crombie).

Die Haare immer zu den ver­schie­dens­ten Mohi­ka­ner oder Mul­lets tou­piert. Damals gab es noch nicht die sub­kul­tu­rel­len Unter­schei­dun­gen die man heute kennt, ich erin­nere mich dun­kel an die »Crusty Goths« von Mitte bis Ende der 80er und an die etwas pun­ki­ge­ren. Es gab aber auch wel­che, die sich auch Rich­tung Metal ori­en­tier­ten oder die, die sich in so ziem­lich jeder Rich­tung orientierten.

Dem­ent­spre­chend gemischt waren dann natür­lich auch die Plat­ten­samm­lun­gen. Die meis­ten Leute die ich kenne, oder mit denen ich befreun­det bin sind Ex-Punks, was sich am ehes­ten dadurch erklä­ren lässt, das Nor­wich zusam­men mit Leeds und Brad­ford die gro­ßen »Goth«-Städte der 80er waren, die Bewe­gung war im Ver­gleich mit ande­ren Sub­kul­tu­ren hier beson­ders groß.«

Mit den 2 auf dem Foto teilte ich mir ein Haus in der York Street. Es war Treff­punkt für viele Goth’s aus Nor­wich und auch Pro­be­raum für musi­ka­li­sche Geh­ver­su­che. Regel­mä­ßige Besu­che der örtli­chen Poli­zei gehör­ten dazu.

Spon­tis: Ist der Tod eine Fas­zi­na­tion oder nur ein Teil des Lebens? Nick: »Der Tod ist ein Teil des Lebens, ich ver­lor mei­nen Vater als ich 17 Jahre alt war, so emp­fand ich es als Teil der Szene völ­lig irre­le­vant, schließ­lich hatte ich Erfah­run­gen aus ers­ter Hand und zwar das volle Pro­gramm. Ich glaube die meis­ten der Leute von damals haben es nicht als zen­tra­les Thema gese­hen, das tun eher die Leute heute. Es ist ein Irr­glaube, das die Bewe­gung die sich spä­ter zum Gothic ent­wi­ckelte, das Thema so fokus­sierte, wie es die Anhän­ger die­ser Szene heute tun. Es war mehr eine ein­zelne Erschei­nung, die heute die eigent­lich Basis der Sub­kul­tur ver­blas­sen lässt und auch ein Grund für mich gewe­sen ist, das Inter­esse daran zu verlieren.

In man­cher Hin­sicht haben die EMO’s mehr mit den Wur­zeln des Gothic gemein, als das die Gothic’s von heute wis­sen, oder wis­sen wol­len. Die meis­ten Leute, dich ich kenne waren aus der Mit­tel­schicht der haupt­säch­li­ches Inter­esse der Musik galt und deren poli­ti­sche Ansich­ten eher links ori­en­tiert gewe­sen sind und so ihre Form von Anar­chie leb­ten. Sie woll­ten mit ihrer Art sich zu klei­den die eher rechts ori­en­tierte Masse und das Esta­blish­ment scho­cken und ihre Ableh­nung des Sys­tems demons­trie­ren. Viel­leicht ist das auch der Grund warum ich mich mit dem gan­zen mor­bi­den Motiv, das die Szene spä­ter über­nom­men hat, nicht iden­ti­fi­zie­ren kann

Spon­tis: Was denkst du über die heu­tige Gothic-Szene? Ist es nur eine bil­lige Kopie der Ver­gan­gen­heit, eine neue Retro­welle oder eine ganze nor­male Ent­wick­lung? Nick: »Sze­nen wie­der­ho­len sich etwa alle 20 Jahre. Guck dir den Punk an, da wird schon die Mode der 50er Jahre Ted’s wie­der ver­wen­det und die Dance­floor Knal­ler der 80er haben Anlei­hen in den 60ern, auch die klas­si­schen Pasley-Muster waren wie­der ange­sagt. In Eng­land ver­schwin­den diese Sze­nen nie­mals ganz, ent­we­der wer­den sie eine Quelle der Unter­hal­tung oder ver­kom­men zur Lächer­lich­keit. Ich finde die Goth’s von heute nicht beson­ders cool, ande­rer­seits glaube ich, das die Leute damals genau das selbe von uns dach­ten und schließ­lich bin ich jetzt im sel­ben Alter.

Nick’s dama­lige Freun­din und heu­tige Frau

Ich denke, die Szene ist von allem etwas, man­che Dinge lau­fen aus, neue Ein­flüsse kom­men hinzu und andere ent­wi­ckeln dar­aus neue Kreu­zun­gen. Wenn ich mir die aktu­elle Szene so aus der Ent­fer­nung betrachte, finde ich es ist eine Mischung aus Goth-Klamotten, Kör­per­kunst und einem kom­plett ande­ren Musik­ge­schmack der grund­sätz­lich auf dem Metal beruht. Ich kenne immer noch viele Leute von damals, man­che sind immer noch ein biss­chen gothic oder besu­chen Goth-Clubs, andere sind so ein biss­chen mehr zum Hip­pie gewor­den und wie­der andere haben einen ganz gerad­li­ni­gen Weg ein­ge­schla­gen und ein paar sind bereits tot.«

Spon­tis: Wel­che Top 5 Songs reprä­sen­tie­ren Gothic für dich? Nick: »Ich bin mir nicht sicher wel­che mei­ner Vor­schläge als beson­ders Gothic erach­tet wer­den, aber sie sind die Summe aus dem, wie ich die Szene von damals in Erin­ne­rung habe. Natür­lich gibt es viel mehr Lie­der die ich liebe, aber die nicht unbe­dingt Gothic reprä­sen­tie­ren. Ein Aus­wahl der Buzzcocks und von Bau­haus wäre auf jeden­fall dabei, ebenso Bands wie The Pas­sage, The Stoo­ges und auch X-mal Deutsch­land

Joy Divi­sion — Love will tear us apart
Kil­ling Joke — Requiem
Spear of Destiny — Libe­ra­tor
Red Lorry Yel­low Lorry — Hand on my heart
Sioux­sie and the Bans­hees — Happy House

Spon­tis: Bist du immer noch ein Teil der Szene? Nick: »Über­haupt nicht mehr. Ich habe die Szene flucht­ar­tig ver­las­sen, als sie sich zu einer Kari­ka­tur ihrer selbst ver­wan­delte. Es ist nur ein klei­ner Teil mei­ner Ver­gan­gen­heit die ich sogar für eine ganze Weile als pein­lich oder auch lächer­lich fand, die aber ganz aktu­ell ein belieb­ter Teil mei­ner Foto­samm­lung sind, weil ich dort frag­wür­dige Fri­su­ren trug. Heut­zu­tage höre ich ganz andere Musik: DJ Shadow, Public Enemy, The Maca­bees, Amon Tobin oder auch ein biss­chen Drum „n Bass. Die Plat­ten von Joy Divi­sion oder auch Kil­ling Joke hole ich heute immer noch mal raus, die haben den Zahn der Zeit über­stan­den, ganz im Gegen­satz zu mei­nen Sex Gang Child­ren Schei­ben. Das groß­ar­tige Tes­ta­ment die­ser Zeit hat Ein­fluss auf viele andere Berei­che der Musik, sei es die Nine Inch Nails oder auch Nir­vana, die sich von Kil­ling Joke haben inspi­rie­ren las­sen und letzt­end­lich Minis­try, die heute noch Joy Divi­sion wun­der­schö­nen Stück »Con­trol« gebüh­rend hul­di­gen.«

Ein Inter­view, das ich als sehr inten­siv emp­fand und das ich bereits im April 2008 geführt habe. Es liest sich wie eine ganz per­sön­lich Abrech­nung des­sen, was man heute land­läu­fig als Wur­zeln des Gothic emp­fun­den wird, obwohl eigent­lich nie­mand von frü­her das heu­tige Bild bestä­ti­gen mag. Das Bild, wel­ches Nick von heute freund­li­cher­weise zur Ver­fü­gung gestellt hat, ist viel­leicht das dun­kelste in sei­nem Leben, aber nicht in sei­ner Ver­gan­gen­heit. Ich denke er sollte zufrie­den sein, ein Teil von dem gewe­sen zu sein, was heute in stark wäss­ri­ger Form Gothic genannt wird.

(Bild­quel­len: Osborne Villas/flickr.com, Karte — Google Maps, Crom­bie — Your Army Shop.com)

Veröffentlicht von

Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Dunkle Vergangenheit
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10 Kommentare

  1. Oho sehr schö­ner Arti­kel. Ich finde es auch selt­sam, dass heute die Musik lang­sam in den Hin­ter­grund gerät, Leute die Sachen lie­ber run­ter­la­den und sich dann mit dem geps­ar­ten Geld Klei­der kau­fen. Ist ja über­all zu beobachten…

    Inter­es­sant finde ich die Aus­sage über die EMO’s, die schei­nen offen­sicht­lich ganz anders als hier zu sein^^

    Was mich nun inter­es­sie­ren würde ist ob sich Sub­kul­tu­ren wirk­lich nur noch ver­mi­schen, aus der Ver­sen­kung geholt wer­den oder ob es noch Neue (mit wirk­lich was Neuem!)gibt. Viel­leicht wer­den neue Sub­kul­tu­ren sich nicht mehr um die Musik grup­pie­ren son­dern um was ande­res? Fragt sich nur was. Naja in vier­zig Jah­ren werd ich es wissen ;-)

    LG

  2. Inter­es­san­tes Inter­view! Schön auch mal wie­der zu lesen, daß die ursprüng­li­che Gesin­nung links war. Ist ja heute nicht mehr unbe­dingt die Regel.

  3. Schö­nes Interview!

    Der ist mir in man­chen Din­gen gar nicht mal unähn­lich. Ich hör mir heute zehn­mal lie­ber Drum & Bass und Trip Hop an als die­sen Pseudo-Gruft-Schlager à la Unhei­lig. Und über­haupt finde ich es unglaub­lich bemit­lei­dens­wert, dass die heu­tige »Szene« sich die bil­ligste Form der Dance Music ange­eig­net hat (man höre sich ein­mal Extize »Hellek­tro­star« an), anstatt hier zumin­dest auf anspruchs­vol­lere Ambient-/Downbeat– und Electronica-Sachen zurückzugreifen.

    Das Metal-Problem schei­nen die auch in UK zu haben. Das hat mei­ner Mei­nung nach aus der Szene eine Prollo-Kultur wer­den las­sen. Leute, die haupt­säch­lich Metal hören, sich Punk-Frisuren und Under­cuts schnei­den und das dann Gothic nen­nen, kann ich nicht wirk­lich ernst neh­men. Die bewei­sen damit ledig­lich, dass sie sich mit den Ursprün­gen der Musik und des Sty­lings gar nicht aus­ein­an­der­set­zen und alles nur eklek­tisch zusammenwürfeln.

    Die Mei­nung, dass man­che Emos mehr von den 80er Gruf­ties haben als heu­tige »Goths«, hatte ich auch schon in diver­sen Foren geäu­ßert. Ist aber letzt­lich nicht halt­bar, weil Emos an sich keine Sub­stanz in ihrer »Szene« haben. Das ist mehr ein Sty­ling aber keine Musikkultur.

  4. @Atanua: Vie­len Dank. Ich glaube es gibt schon viele neue Jugend­kul­tu­ren, die nur noch nicht als sol­che betrach­tet wer­den und nicht immer unbe­dingt musi­ka­li­sche Wur­zeln haben. Online-Gamer und Rol­len­spie­ler bei­spiels­weise haben sie durch immer schnel­lere Inter­net­ver­bin­dung stark ver­grös­sert und blei­ben als Jugend­kul­tur fast unbeachtet.

    @Postpunk: Poli­tik ist aus der Punk-Kultur und ihren Able­ger immer wei­ter ver­schwun­den, gerade in Mas­sen­kom­pa­ti­blen Kul­tu­ren spielt Poli­tik kaum noch eine Rolle. Lei­der. Ich finde es wich­tig eine poli­ti­sche Mei­nung zu haben und diese immer wie­der zu hin­ter­fra­gen und zu formen.

    @Death Disco: Vie­len Dank. Und stimmt, die Techno-Welle hätte gerne da blei­ben kön­nen wo sie her­ge­kom­men ist. UK ist das Land der Prollo-Kulturen, viele Jugend­kul­tu­ren die ihren Ursprung in Eng­land haben sind in der eng­li­schen Arbei­ter­klasse ver­an­kert, wie bei­spiels­weise die Skinhead’s. Mich würde inter­es­sie­ren was EMO’s dei­ner Ansicht nach mit den 80er Gruf­ties gemein­sam haben. Ich bin mir da sehr unsi­cher, die ein­zige par­al­le­len die ich erkenne, ist die Abgren­zung und Sti­lis­ti­sche Anleihen.

  5. Emos sind so kuschel­weich, die Buben zei­gen femi­nine Züge. Und dann sind einige doch deut­lich melan­cho­lisch und mit einer gewis­sen Intro­ver­sion behaf­tet. Das erin­nert mich teil­weise an die Gruftis.

    Mit Prollo-Kultur meine ich die­ses prot­zige Auf­tre­ten. Gruf­tis und Emos ste­hen im kras­sen Gegen­satz zur heu­ti­gen Pseudo-Goth-Prollo-Kultur mit ihren alber­nen Leder­män­teln und X-tra-X-Bondage-Klamotten von der Stange. The Cure ist eben doch was ande­res als Ramm­stein oder Com­bichrist. Diese Musik zieht gänz­lich unter­schied­li­che Cha­rak­tere an und nimmt deut­lich Ein­fluss auf das Erschei­nungs­bild. Weichspül-Metaller sind eben keine Waver. ;-)

  6. Kuschel­weich :D Stimmt, melan­cho­lie und das Intro­ver­tierte sind deut­li­che Par­al­le­len, so habe ich das noch gar nicht gesehen.

    Ich ver­stehe was du mit Prollo-Kultur meinst, die man wegen mir auch gerne auf die lächer­lich anmu­tende Uni­for­mierte Jugend anwen­den die dem Style ihre Techno-Schrott-Bands folgen.

  7. Schöes Inter­view, abr irgend­wie über­ra­schen mich diese Aus­sa­gen über­haupt nicht. Auch nicht die Aus­sage bezüt­glich der Emos.
    Wobei die Emo-Kultur wohl das selbe Pro­blem hat, wie alle ande­ren Kul­tu­ren auch: Sie wurde ver­mark­tet und ist ein Trend gewor­den und nur die wenigs­ten besin­nen sich zurück. (Zumin­dest ist das meine Beobachtung)

  8. Stimmt, die EMO-Kultur ist ein Extrem­bei­spiel der Ver­mark­tung. Von den ers­ten Emo’s die sich der Musik hin­ge­zo­gen fühl­ten, bis zu denen die sich bei Pim­kie, New Yor­ker und H&M mit ihren bunt-schwarzen Kla­mot­ten ein­deck­ten ver­gin­gen ein paar gefühlte Monate. Lei­der fehlt den meis­ten Emos auch eine Basis zu der sie zurück­keh­ren könn­ten, die Masse die­ser Bewe­gung hat noch nicht ein­mal etwas mit den musi­ka­li­schen Wur­zeln gemein, son­dern sahen nur so aus wie sie aus­sa­hen (oder noch aus­se­hen, obwohl ich eigent­lich davon aus­gehe, das in 1–2 Jah­ren nie­mand mehr von Emos etwas sieht.)

  9. Ob man von Emos bald nichts mehr sieht, kann man denke ich, gar nicht mehr sagen, da sich Mode­trends mitt­ler­weile maxi­mal im 2-Jahres-Takt wiederholen.

  10. Ich spre­che da auch eher von den klas­si­schen EMO’s die noch ein Stück weit Jugend­kul­tur bil­den und sich nicht allein auf den Style beschrän­ken, inso­fern man natür­lich von einer Jugend­kul­tur spre­chen kann. Aber Welt­schmerz, offene Gefühle, Grup­pen­ku­scheln und Emo­tio­na­li­tät pro­vo­zie­ren eben in unse­rer Gesell­schaft, gerade bei denen, die bewusst »cool« erschei­nen möch­ten. Heute ist Emo ja einen Schimpf­wort gleich­ge­kom­men, die meis­ten strei­ten es doch vehe­ment ab, wenn man sie auf den Style anspricht.

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