10 Februar

Wenn Blogger vom Blogsterben bloggen

Kategorie: Ansichtssache — Jahrgang: 20105 Kommentare

Blauer toter VogelOb es am neuen Jahr liegt oder am kal­ten Wet­ter ich weiß es nicht. Depres­si­ons­blog­gen macht die Runde. Wie­der ein­mal in aller Munde ist das Blogster­ben, das mit jedem neuen Jahr auf’s neue zele­briert wird. Bei­spiel? Letzte Woche schrieb Marek Hoff­mann von Basic Thin­king: Nicht die Blogs ster­ben aus, son­dern die Blog­ger, denn viele und vor allem Jugend­li­che wür­den immer mehr in die Sozia­len Netz­werke ver­schwin­den oder zum Micro-Blogging-Dienst Twit­ter wech­seln. »Nur noch 14 Pro­zent der 12–17-Jährigen hätte dem­nach im ver­gan­ge­nen Jahr noch geb­loggt, das ent­spricht einem Rück­gang um fünf­zig Pro­zent im Ver­gleich zu 2006.« Ich finde es zunächst ein­mal fas­zi­nie­rend, das 12-jährige schon blog­gen oder geb­loggt haben, bis jetzt scheint mir das ent­gan­gen zu sein. Aber wer von Jugend­li­chen die­sen Alters eine Form von Kon­stanz erwar­tet ist mei­ner Mei­nung nach sowie zum Schei­tern ver­ur­teilt. Für mich ist das eine Form der Selbst­fin­dung gepaart mit Neu­gier und Enthusiasmus.

Eigent­lich kann man auch gar nicht von einem neuen Trend spre­chen.  Twit­ter ist, wenn man so möchte, eine abge­wan­delte Form des Chat­tens das es bekann­ter­ma­ßen schon gibt, seit das Inter­net sei­nen Sie­ges­zug ange­tre­ten hat. Dar­un­ter zähle ich auch das Deri­vat SMS, das eben­falls nur eine abge­wan­delte und lang­sa­mere Form des chat­tens dar­stellt. Marek Hoff­mann schreibt wei­ter: »Immer­hin zeigt die Stu­die, dass die Zahl der Blog­ger im Alter von über 30 Jah­ren von sie­ben Pro­zent im Jahre 2006 auf 11 Pro­zent im ver­gan­ge­nen Jahr geklet­tert ist. Bis dahin dürfte aber gel­ten: Nicht die Blogs ster­ben aus, son­dern die Blog­ger.« Was bei nähe­rer Betrach­tung dann doch etwas pole­misch wirkt, denn offen­sicht­lich ist das Blog­gen wohl eher einem demo­gra­fi­schen Wan­del unterworfen.

Die Zeit zeigt uns, das vor allem Jugend­li­che und junge Erwach­sene aktu­elle Trends auf­neh­men und nut­zen. Das alte Spiel­zeuge zunächst in der Ecke lan­den ist eine völ­lig nor­male Ent­wick­lung und nicht etwa ein Zei­chen für das aus­ster­ben. Das hin­ge­gen bei den über 30-jährigen ein Zunahme zu sehen ist wun­dert mich nicht, ich bezeichne das als Rück­kehr, denn die ins Netz hin­ein­ge­wach­se­nen haben viel aus­pro­biert und letzt­end­lich ihren Platz gefun­den. Robert Basic schreibt in sei­nem Arti­kel Ein­drü­cke eines alten Blog­gers: »Und heute muss ich mich fra­gen, wie ich mein digi­ta­les Ich im Netz ver­teile, aus­ge­hend aus dem Selbst­ver­ständ­nis, ein Blog­ger zu sein, der sei­nen eige­nen Platz kennt und es sich dort ein­ge­rich­tet hat […] Nut­zen kann ich all diese Wun­der­werke ohne Wei­te­res, doch meine innere Dis­tanz wirkt wie ein Ent­schleu­ni­gungs­fil­ter der dafür Sorge trägt, die Ent­wick­lun­gen aus­ge­wo­gen und mit Abstand zu betrach­ten.«

Was für den Jugend­li­chen von heute klingt wie ein Kapi­tel aus dem Mär­chen­buch und so ent­fernt scheint wie der Mond, ereilt heute viele der eins­ti­gen Netz­ent­de­cker von damals. Und einige davon haben ihren Platz in einem Blog gefun­den. Aus­ster­ben von Bloggern?

Es wird vor­aus­ge­sagt, das Infor­ma­tio­nen in einen Fluss gera­ten, der Elek­tri­sche Repor­ter berich­tet in sei­nem Bei­trag Real Time Web: Alles im Jetzt: »Die Auf­merk­sam­keit im Web bewegt sich fort von den sta­ti­schen Web­sei­ten und hin zu einem dyna­mi­schen und unauf­hör­lich flie­ßen­den Nach­rich­ten– und Ereig­nis­strom, den die Nut­zer selbst über Twit­ter oder ihre Facebook-Statusmeldungen erzeu­gen: Gedan­ken, Ideen, Emo­tio­nen, Nach­rich­ten, Bil­der und Videos — alles lan­det im Augen­blick des Ent­ste­hens im neuen Echt­zeit­web.« Doch was nüt­zen all diese Infor­ma­tio­nen wenn nie­mand diese fil­tert und dar­aus Wis­sen gene­riert? Was nützt ein meh­rere Mil­lio­nen Ein­träge lange Time­line wenn nie­mand dazu ein Weg­wei­ser auf­stellt? Nichts. Hier sehe ich die Blog­ger als Ver­mitt­ler, als wich­ti­ges Bin­de­glied zwi­schen dem kon­ti­nu­ier­li­chen Fluss von Infor­ma­tio­nen und den Grund­la­gen von Wissen.

Blogs und Blog­ger ster­ben also nicht aus, sie wan­deln sich. Blogs sind kein Medium für den schnel­len Infor­ma­ti­ons­aus­tausch son­der ein Sam­mel­al­bum zum rein­kle­ben von Zei­tungs­aus­schnit­ten. René von Nerd­core schrieb dazu in sei­nem Arti­kel Inter­view Anfrage zum Blogster­ben: »Es gibt also die­ses Blogster­ben, das ist nur tat­säch­lich ein Wech­sel des Long Tail in eine neue Kommunikations-Schicht im Netz. Eta­blierte Blogs blei­ben beste­hen und wach­sen, (…) genauso wie Lieb­ha­ber­blogs. Warum man­che Blogs funk­tio­nie­ren und man­che nicht, weiß ich nicht, ich kann aber ver­su­chen, von mir aus zu schlie­ßen, warum NC funk­tio­niert: Ich hatte schon immer einen Hang zu Publis­hing, hatte als Kind einen Ord­ner, in den ich komi­sche Aus­schnitte aus Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten klebte […]«

Rich­tig so. Ein Auf­ruf zur Gegen­these Blog­mu­ta­tion 2010, dem offi­zi­el­len Auf­be­geh­ren gegen das tot­re­den von funk­tio­nie­ren­dem. Nur weil etwas auf­hört zu wach­sen ist es noch lange nicht tot und nur weil etwas schrumpft ist es noch lange nicht aus­ge­stor­ben. Sonst wären wir Men­schen ja spä­tes­tens mit 20 zum Tode ver­ur­teilt und mit dem Kör­per­be­ding­ten schrump­fen pau­schal aus­ge­stor­ben. Peter von den Schall­gren­zen rech­nete schon in sei­nem Arti­kel Ein Blog 2009 | Refle­xion und Aus­blick ab:  »Und über­haupt. Haben Blogs nicht schon längst ihren Zenit über­schrit­ten? Blogs? Es gibt in Deutsch­land wahr­schein­lich hun­dert­tau­sende Blogs, die meis­ten sind dann aber wohl eher Kar­tei­lei­chen. Viel­leicht gibt es tat­säch­lich nur ein paar Hun­dert, auf denen regel­mäs­sig und halb­weg pro­fes­sio­nell Bei­träge ver­fasst wer­den.  Die Netz­zei­tung macht sich lus­tig und fragt, ob Blogs jetzt nicht grau­sam ster­ben müs­sen. Kokelo­res. Basic Thin­king, kei­nen Deut bes­ser oder schlech­ter als vor dem Ver­kauf, bie­tet dem depres­si­ven Blog­ger seel­sor­ge­ri­schen Bei­stand. Von vie­len Blog­gern wird dar­über hin­aus die Ansicht ver­tre­ten, allein Schul­di­ger des Absturz vie­ler Blogs in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit sei Twit­ter.«

Obwohl ich schwar­zes liebe, ist schwarz­ma­len nicht mein Fall. Bloggt nicht vom Tod des Blog­gens oder des Blog­gers son­dern wer­det Teil einer Ver­än­de­rung oder bestä­tigt selbst das, wor­über ihr bloggt, für mich wäre das kein Verlust.

(Bild­quelle: Mor­gen­ro­ete)

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

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5 Kommentare

  1. Ich denke Du hast es mit dem demo­gra­phi­schen Wan­del sehr gut getroffen.

    Mal davon abge­se­hen würde ich unse­rer Toch­ter mit 12 noch nicht erlau­ben zu blog­gen, da halte ich das klas­si­sche Tage­buch für sinn­vol­ler und ange­brach­ter. Es gibt genug Ido­ten im Netz.

  2. Wie sieht es mit sozia­len Netz­wer­ken aus? Ist deine Toch­ter schon »drin«, mich würde inter­es­sie­ren, wie du damit umgehst, denn ich denke es wird bald soweit sein, wenn es nicht schon soweit ist. Fin­dest du es rich­tig Kin­dern den Zugang zu ver­weh­ren? Wür­dest du Jugend­schutz­pro­gramme ver­wen­den? Ich denke, man sollte Kin­dern die Mög­lich­keit an die Hand geben, zu ver­ste­hen. Gerade hin­sicht­lich der aktu­el­len Jugend­schutz­de­batte finde ich es inter­es­sant, wie ein­zelne damit umgehen.

    Eine Freun­din bei­spiels­weise musst ich in das Phä­no­men »Face­book« ein­wei­hen, denn die möchte vor­be­rei­tet sein wenn ihre Kin­der danach rufen und bis­her hat sich »das alles« ein­fach nicht interessiert.

  3. Ich weiß gar nicht ob das so gut ist, das kin­der so früh im inter­net machen kön­nen was sie wol­len. mei­ner mei­nung nach, soll­ten eltern genua auf­pas­sen, wel­che sei­ten von den kin­dern ange­steu­ert wer­den und mit einer kin­der­si­che­rung arbeiten.

  4. @Niklas: Darum geht es auch nicht in die­sem Bei­trag. Grund­sätz­lich hast du natür­lich recht, ohne elter­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Netz, ihrem Kind und des­sen Ver­hal­ten im WWW ist eine ver­nünf­tige Erzie­hung in die­ser Rich­tung kaum mög­lich. Eine Kin­der­si­che­rung ist manch­mal und bis zu einem gewis­sen Alter eine ver­nünf­tige Überlegung.

  5. Ach aus die­sem Anlaß »Blogster­ben« habe ich in mei­nem »neuen« Blog einen Arti­kel zum »Blogster­ben geschrie­ben. Achso lei­ber Autor: Dein Arti­kel zum Blogster­ben hat mir auch gefal­len. Vie­len Dank für die Mühen.

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