Eine Subkultur lebt von ihrer Musik und ihrer Ästhetik – aber zur Kultur wird sie erst durch das, was sie zu sagen hat. Genau dafür steht für mich das WTF! Leipzig 2026, das Wissenschafts- und Kulturformat, das Lydia Benecke und Christian von Aster parallel zum Wave-Gotik-Treffen im Kupfersaal veranstalten. Bücher waren für mich immer ein Schutzraum – bis ich über die Jahre des Alltags das Lesen fast verlernt hatte. In einem einzigen Vortragsblock – Batman bei den Buddenbrooks, die nebligen Moore von Emily Brontës „Wuthering Heights“, Lydia Beneckes kühler Blick auf toxische Besessenheit – habe ich diesen Safe Space zwischen zwei Buchdeckeln zurückerobert und dabei erlebt, was Inhalt für ein schwarzes Herz bedeutet: Nahrung, von der es wächst.
Imaginäre Welten als Schutzraum
Da es für mich nie schwarze Clubs oder andere Szenetreffpunkte gab, die als „safe space“ hätten fungieren können, musste ich mir selbst völlig andere Schutzräume suchen oder schaffen, die mir einen Rückzug aus der lauten, oberflächlichen Welt ermöglichten. Eine besondere Art von Schutzräumen haben dabei für mich schon früh die zwischen zwei Buchdeckeln verborgenen Welten geboten: düstere Spukschlösser, verfallende Herrenhäuser, einsame Moore, ferne Galaxien, Mittelerde… Sobald ich ein Buch aufschlug, sei es im Schatten eines Baumes, in einem Kellerraum, den niemand so schnell betreten würde, oder auf dem Fußboden hinter meinem Schreibtisch, betrat ich eine Welt, die nur mir allein gehörte, in der ich alles um mich herum vergessen und ausblenden konnte. Ganz gleich, welchen Gefahren die Protagonisten darin ausgesetzt waren, ich hatte einen Rückzugsort gefunden und empfand die Orks in Mordor weitaus weniger widerwärtig als manche Kreaturen in meiner realen Umgebung.
Hilfe, ich habe das Lesen verlernt!
Doch Schutzräume bedürfen der Pflege, damit sie einem weiterhin einen Safe Space bieten können. Was meine besonderen Schutzräume zwischen zwei Buchdeckeln angeht, muss ich hier grobe Nachlässigkeit meinerseits bekennen, die ich jetzt natürlich mit den üblichen Entschuldigungen rechtfertigen könnte: Familie, Berufseinstieg, ich muss für den Job schon genug lesen. Am Ende stand aber die erschreckende Erkenntnis: „Hilfe, ich habe das Lesen verlernt!“ Natürlich konnte ich immer noch Buchstaben zu Wörtern zusammensetzen, Wörter zu Gebrauchsanweisungen, Konferenzprotokollen, Mahnungen, Bußgeldbescheiden und ähnlichem Kram, für den man den Buchdruck nicht hätte erfinden müssen. Geschichten las ich höchstens noch, um deren Inhalt anderen zu vermitteln, aber das war nicht dasselbe wie das zweckfreie Lesen ganz für mich allein, welches mir stunden- oder tagelanges Unterwegssein in einer völlig anderen Welt ermöglichte und mich durch die Widrigkeiten des Alltags trug.
Dem Alltag zum Trotz habe ich dennoch vor einiger Zeit begonnen, mir die Welt zwischen Buchdeckeln als Schutzraum wieder zurückzuerobern. Ein motivierender Impuls ist dabei auch vom WTF in Leipzig ausgegangen.
WTF 2026: Batman, Buddenbrooks und Wuthering Heights
Die Übersicht über das gesamte Programm des diesjährigen WTF hatte Robert ja bereits vorgestellt. Mich zog die Neugierde in den Kupfersaal, um zu erfahren, auf welch skurrile Weise es Christian von Aster gelungen war, den der angeblichen Schundliteratur entsprungenen Comic-Superhelden Batman und die Buddenbrooks zusammenzubringen, deren Niedergang und familiäre Degeneration im Gegensatz zu Batmans Heldentaten in einem hochgelobten Meisterwerk der Weltliteratur zu verorten ist. Außerdem war ich gespannt darauf, mit Lydia Benecke das verstörende Verhalten der Hauptcharaktere in „Wuthering Heights“ aus psychologischer Sicht betrachten zu können. So musste ich nicht lange überlegen und besorgte mir schon zu Hause ein Ticket für den ersten Block.
Batman bei den Buddenbrooks: Vom kommerziellen Literaturbetrieb und wahren Geschichten
Und kurz nachdem ich mich im Saal eingefunden hatte, nahm Herr von Aster seinen Platz auf der Bühne ein und entführte uns wortgewandt auf eine der miesesten Partys aller Zeiten: Er las uns eine Szene vor, in welcher der Trash-Fantasy-Autor Aaron Tristen auf der Feier zur Premiere seines neusten Romans „Engel gegen Zombies“ übellaunig, umgeben von angetüdelten Orks und anderen nerdigen Gestalten, Autogramme verteilt. Dabei sitzt ihm seine Lektorin Willi im Nacken, die ihn mahnt, beim Signieren seiner Bücher, die ihm und seinem Verleger Heuvelmann reichen Geldsegen beschert haben, gute Miene zum bösen Spiel zu machen – wohlwissend, dass Tristen für seine eigenen Bücher und die Kreaturen darin wenig übrig hat, weil das nicht die Geschichten sind, die er wirklich schreiben möchte: „Ich erinnere mich weder an Sanguiel noch an die todlosen Wasweißich von Woauchimmer, was einerseits dem Alkohol, andererseits der Tatsache geschuldet sein kann, dass nichts davon mich wirklich interessiert…“ Weitere Szenen folgten, doch das Geheimnis, was Batman bei den Buddenbrooks treibt, blieb ungelüftet. Diese Tatsache und natürlich auch die grandiose Vortragsweise des Herrn von Aster weckten in mir den Hunger nach dem ganzen Buch, einem Buch, das man nicht im regulären Buchhandel erwerben kann, sondern nur bei Veranstaltungen, und so hat „Batman bei den Buddenbrooks“, das Buch, das es eigentlich gar nicht gibt, seinen Weg auch zu mir gefunden.
Ich erfuhr dann beim Lesen, dass Willis Bemühungen, mäßigend auf Aaron Tristen einzuwirken, fehlschlagen: Irgendwann wird er von Raserei ergriffen, stürzt sich auf die anwesenden Orks und bricht einem von ihnen das Nasenbein. Auf der Flucht vor dessen Anwalt, dem Zorn seines Verlegers und vor allem vor sich selbst taucht er in Leipzig unter und findet zusammen mit anderen schrägen Zeitgenossen einen Schutzraum in der Wohnung von Jamal Abu El Hawa, der ihnen allen hilft, ihre Sprache beim Geschichtenerzählen neu zu finden. Unter dem Einfluss von Schmerzmitteln stehend, gewinnt er Helden aus der Literatur wie Don Quijote, Pu den Bären oder eben Batman, der im Kontor bei den Buddenbrooks als Schreibkraft beschäftigt ist, als imaginäre Freunde. Die Grenzen zwischen Vorstellung und Realität verschwimmen, und am Ende hört Aaron Tristen auf, Aaron Tristen zu sein, und übernimmt als neuer Hüter den Schutzraum der Geschichten.
Nebenbei, in einer Randepisode wurde ich auch noch darüber aufgeklärt, wie Shakespeare seine außergewöhnliche Begabung als Barde erhielt. Er hat als 15-Jähriger im Wald aus Versehen eine Elfe verschluckt. – Aber ihr könnt beruhigt sein, die Elfe hat überlebt. William hat sie wieder ausgeniest. Doch hat der Feenstaub, den er dabei über seine Atemwege mitaufgenommen hat, die Wirkung nicht verfehlt. Wir wissen, in welches Staunen der Barde die Menschen mit seinen Geschichten versetzt hat und es immer noch tut.
Bernd Harder: Wuthering Heights: Familientragödie in der düsteren Moorlandschaft Yorkshires
Das Publikum aus der mit skurrilen aber doch größtenteils sympathischen Figuren besetzten Umgebung des Aaron Tristen in die abgelegenen Moore Yorkshires zu entführen, oblag nun Bernd Harder, der in die komplexe Handlung von Emily Brontës „Wuthering Heights“ (deutsch: Sturmhöhen) einführte. Ich hatte den Roman im Vorfeld gelesen und ihn verstörend und zugleich packend gefunden. Die Beschreibung der wilden, einsamen Landschaft lässt mein Herz höherschlagen: „A perfect misanthropist’s Heaven..!“ Ich bin bereit, dem Ich-Erzähler Mr Lockwood in diese Einöde zu folgen, der dort wiederum als Gast des finsteren Heathcliff von der alten Haushälterin Nelly dessen Geschichte erfährt. Heathcliff ist als Findelkind in die Familie der Earnshaws aufgenommen worden und hat dort vor allem durch den Sohn des Hausherrn beständige Schikanen und Demütigungen erfahren. Seine einzige Bezugsperson Catherine, zu der er Seelenverwandtschaft spürt, heiratet jedoch statt seiner den wohlhabenden Edgar Linton, um ihren sozialen Status zu sichern. Diese Zurückweisung durch seine einzige Verbündete bringt das Fass zum Überlaufen. Heathcliff flieht zunächst und kehrt nach einigen Jahren zurück, um sich sowohl an der Familie der Earnshaws als auch an den Lintons zu rächen.
So sehr ich auch zu Beginn des Romans mit Heathcliff sympathisiere, so sehr ich Verständnis für ihn als Außenseiter aufbringe, so erschreckt mich doch seine maßlose Rache an zwei Familien, bei der er weder vor körperlicher noch vor psychischer Gewalt zurückschreckt und auch nicht davor, völlig Unbeteiligte für das büßen zu lassen, was ihm Einzelne angetan haben. Auch Catherine ist kein Charakter, dem man uneingeschränkt Sympathie schenken mag. So bewundere ich einerseits ihr unbändiges Temperament und ihren Freiheitsdrang und bin doch darüber irritiert, dass sie ihrem Seelenverwandten Heathcliff, mit dem sie als Kind die Moore durchstreift hat, den Laufpass gibt, um ihre soziale Stellung zu sichern. Eine Entscheidung, die sie auch über den Tod hinaus keine Ruhe finden lässt, da sie dem von Alpträumen geplagten Mr Lockwood als Geist erscheint.
Bernd Harder hob hervor, dass es schwer ist, Emily Brontës Roman wirklich gerecht zu werden, wies aber auf die ziemlich werknahe Adaption von „Wuthering Heights“ in dem gleichnamigen Song von Kate Bush 1978 hin:
Bei der ersten Fassung des Videos nimmt Kate Bush die Rolle von Catherine als Geist ein. Obwohl ich bislang kein wirklicher Kate-Bush-Fan war und ihrer künstlerischen Umsetzung dieses düsteren Romans zunächst skeptisch gegenüberstand, muss ich trotz aller Vorbehalte gegen ihre von mir immer als zu hoch empfundene Stimmlage zugeben, dass es ihr sowohl durch ihre expressive tänzerische Darbietung als auch durch den Songtext gelungen ist, das Exzessive und Zerstörerische der leidenschaftlichen Gefühle in dieser Beziehung einzufangen:
„Out on the wily, windy moors
We‘d roll and fall in green
You had a temper like my jealousy
Too hot, too greedy
How could you leave me
When I needed to possess you?
I hated you, I loved you too.“
Lydia Benecke: Das verstörende Verhalten der Figuren aus psychologischer Sicht
Da er Catherine an den reichen Edward Linton verliert, trachtet er danach, aus Rachegefühlen die ganze Familie Linton zugrunde zu richten. Ebensolch grausame Rachepläne hegt er gegenüber Hindley Earnshaw, dem Bruder Catherines, von dem er in seiner Jugend schikaniert wurde und weitet die Rache auch, nachdem Hindley gestorben ist, auf Hindleys Sohn Hareton aus, indem er ihm verwehrt, Lesen und Schreiben zu lernen. Doch Rache heilt nicht die seelischen Verletzungen, die Heathcliff durch Zurückweisung, Ausgrenzung und körperliche Gewalt erfahren hat. Stattdessen verfällt er zunehmend dem Wahnsinn. Sein zerrütteter Geist wird von Visionen Catherines heimgesucht.
Am Ende hungert er sich von verzehrender Sehnsucht getrieben selbst zu Tode. Damit endet der Kreislauf von Gewalt und Rache. Für Hareton, der ebenso wie Heathcliff in einem völlig dysfunktionalen familiären Umfeld aufgewachsen ist – gequält sowohl vom eigenen Vater als auch von Heathcliff –, zeichnet sich ein anderer Weg ab: Mit Hilfe von Catherines Tochter Cathy lernt er lesen, und zwischen den beiden bahnt sich eine echte Beziehung an. Hareton ist dementsprechend für Lydia Benecke der eigentliche Held in „Wuthering Heights“, da er die nötige innere Widerstandskraft besitzt, die ihm ermöglicht, trotz desaströser familiärer Voraussetzungen eine andere Entwicklung zu nehmen. Sie betonte, dass noch nicht genau erforscht sei, welcher Zusammenhang zwischen Resilienz und einer positiven Entwicklung in einem dysfunktionalen Umfeld besteht.
Dass gerade Lydia Benecke sich der finsteren seelischen Abgründe von Emily Brontës Romanfiguren annimmt, macht die Sache so außergewöhnlich spannend. Als Kriminalpsychologin und Therapeutin arbeitet sie nämlich tatsächlich mit Menschen vom Kaliber eines Heathcliff, die für selbst erlittene Verletzungen anderen auf grausame Weise Schmerzen zufügen: „Hurt people hurt people.“
WTF! Leipzig 2026: Dunkle Nahrung für das schwarze Herz
Zusammenfassend kann ich sagen, dass die besuchte Vortragsreihe mit Christian von Aster, Bernd Harder und Lydia Benecke ein großartiger Auftakt für mein dunkles Pfingstwochenende war. Robert hat die Bedeutung des WTF als Bühne für die inhaltlichen Interessen der Szene hervorgehoben. Dem kann ich nach Besuch des von mir gewählten Blocks nur beipflichten und versuche es mit eigenen Worten zu sagen: Das WTF gibt dem schwarzen Herzen Nahrung, sodass es wachsen kann.


