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Gothic Friday: Ist Gothic (m)ein Lebensstil? (Karnstein)

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Gothic Friday 2011Ist Gothic (m)ein Lebensstil? Ist so etwas wie die Gretchenfrage des Gruftitums, hängt sie doch untrennbar mit zwei sehr grundlegenden und daher reichlich umstrittenen Fragen zusammen, die ich zunächst klären möchte, auch wenn sie mehr oder weniger unterschwellig schon mehrfach angesprochen wurden: „Was ist Gothic?“ und „Bist du ein Goth?“ – der aktuelle Gothic Friday geht also an die Fundamente. Lasst mich das Thema von zwei unterschiedlichen Winkeln angehen:

1. Der Individualist

Wenn es in der deutschen schwarzen Szene heute soetwas wie einen Konsens gibt, dann lautet er etwa „Verschone mich mit Schubladen“ – wer mich selbst oder meine Musik, Kleidung, etc. in ein solche Schublade steckt, der ist arrogant weil er sich anmaßt Definitionen vornehmen zu wollen und außerdem tut er mir persönlich unrecht, weil ich ein Individuum bin, was scheinbar mit der Angehörigkeit zur einer Subkultur unvereinbar ist.

Meines Erachtens ist diese Haltung ebenso verständlich wie unreflektiert. Denn natürlich definiert sich niemand gern über Schublade XYZ sondern wird lieber als Individuum wahrgenommen. Aber diese Individualität gibt man eben nicht auf, wenn man die Ehrlichkeit besitzt den eigenen Geschmack mit einem griffigen (wenn auch sicherlich nicht unproblematischen) Etikett zu versehen, das anderen Menschen dabei hilft zu verstehen und einzusortieren (und einsortiert werden wir immer, so oder, da hilft alle Individualität nichts).

Wer wirklich über solchen Dingen steht und keinerlei Interesse an Begrifflichkeiten und Genres hat, wer sich wirklich und wahrhaftig denkt „Gothic? Mir doch egal“, der ist mir mehr als willkommen, denn niemand sollte sich mit XYZ auseinandersetzen MÜSSEN.
Wer aber lautstark palavert, wie individuell er doch ist, wie wenig er sich von einer Schublade einschränken lassen möchte, etc.pp., dem ist es nicht egal. Der hat sich damit auseinandergesetzt und ist zu den (meiner bescheidenen Meinung nach) falschen Schlüssen gekommen. Denn wer einmal anfängt seinen Geschmack in Dingen wie Musik und Kunst, sein Ästhetikempfinden, und seine generellen Interessen zu hinterfragen und große Gemeinsamkeiten zwischen vielen von diesen Dingen (wenn nicht zwischen allen) entdeckt, dem sollte klar sein dass ein Etikett legitim und nicht einschränkend ist, weil es eben nur ein Wort ist, dass den ohnehin vorhandenen Status Quo beschreibt, und keine Vorgabe in welche Richtung man sich zu verändern hätte.

Ob man nun zu dem Schluss kommt „Ich bin ein Goth“ oder ob einem „Ich steh auf Gothic“ lieber ist, das ist eine andere Frage, aber dass Gothic eine Rolle im eigenen Leben spielt – warum das dann noch leugnen?
Denn egal ob man eine enge Definition im Sinne der ursprüngliche(re)n schwarzen Szene(n) vornimmt („Goth subculture“) oder eine weitere im Sinne der von mir so gerne propagierten Gesamtheit der schwarzen Kunst der letzten 300 Jahre („Gothic tradition“): Definitionen existieren. Fakten existieren.

2. Der Enthusiast

Gothic Friday Karnstein - GruppeAndere (meist jüngere oder doch zumindest in höherem Alter erst zur Szene gestoßene Menschen) dagegen empfangen alles was Gothic ist oder zu sein scheint mit offenen Armen. Das ist meist der Schlag Mensch der in seinen Online-Profilen schon mal prophylaktisch angepisst ist, weil ihm ja eh klar ist, dass er von niemandem akzeptiert wird: „Ja, ich bin ein Gothic, und wer damit nicht klar kommt der kann mich mal!“

Diese Enthusiasten sind es dann auch meist die gerne großspurig verkünden wie ernst es ihnen doch ist, natürlich auch prophylaktisch damit einem bloß niemand vorwerfen kann man wäre nur ein Mitläufer oder befände sich in einer kindischen Phase: „Gothic ist eine Lebenseinstellung!“ heißt es dann so oft, und gemeint ist eigentlich nur „Nehmt mich bloß ernst!“.
Denn auf die Frage, was es denn mit dieser „Lebenseinstellung“ auf sich hat kommen meist nur reichlich schwammige Antworten, wenn man sich überhaupt zu dem Versuch herablässt.

Denn eine Einstellung zum Leben – ist Gothic das? Kann Gothic das überhaupt sein?
Wie oben erläutert lautet meine Meinung eindeutig: Nein.
Denn Gothic wie ich es verstehe ist ein Begriff der allerlei Dinge beschreibt die man am ehesten unter dem Stichpunkt „Geschmack“ zusammenfassen kann. Ja, Geschmack nicht nur in Sachen Kleidung und Musik, sondern durchaus auch insofern als dass man sich für morbide Themen interessiert oder gerne auf Friedhöfen spazieren geht. Aber dennoch letztlich Geschmack, und keine Einstellung die durch spirituelle oder politische Ansichten und Werte definiert wird.
Natürlich ist ein Interesse für spirituelle Themen per se ganz und gar gothic, aber es gibt nicht die eine Sichtweise die mit dem Begriff „Gothic“ beschrieben werden kann.

Was Gothic sein KANN (und daher bin ich Robert und Shan sehr sehr dankbar für den gewählten Themen-Titel) ist ein Lebensstil. Der Stil nämlich ist das „wie?“ und nicht nicht das „warum?“, und hier kann Gothic mit Leichtigkeit ins Spiel kommen, ABER (und das ist das spannende) – es MUSS nicht.

Ich habe Leute kennengelernt die Gothic sehr schätzen. Menschen die alte Gothic-Literatur studiert haben, einen Fable für moderne schwarzromantische Künstler haben, die mit Leichtigkeit Gothic-Elemente z.B. in zeitgenössischem Film (auch aber nicht nur von Tim Burton) entdecken und die mir fasziniert gelauscht haben als ich versucht habe den Einfluss von traditionellem Gothic auf die Post-Punk-Szene anhand von Bauhaus, Cure und Alien Sex Fiend zu erläutern. Menschen also, die Gothic wirklich grandios finden, die aber dennoch keinen Lebensstil daraus gemacht haben und sich auch nicht in der Szene bewegen.

gothfloAber auch wer sich in der Szene bewegt muss meines Erachtens natürlich keinen Lebensstil daraus machen, einfach weil hier niemand irgendetwas muss. Besonders bei Anhängern der ursprünglichen Szene Englands trifft man nicht selten auf eine Haltung wie „Goth ist Musik und Kleidung, und wer etwas anderes behauptet ist ein Poser“.
Ich kann diese Meinung nicht teilen, aber ich muss sie tolerieren, denn wenn man den bewussten und konkreten Einfluss alter Gothic-Kunst ausblendet bleibt natürlich nichts weiter über. Siouxsie Sioux und Bauhaus etwa haben sehr bewusst Gothic-Elemente in ihre Musik eingebracht, aber der aus ihrer Musik hervorgehenden Szene war das sich sicherlich reichlich schnuppe.

3. Mein Fazit…

… muss also schlichtweg lauten: Alles kann, nichts muss.
Wer sich in der Szene bewegt (und damit meine ich nicht sich am Wochenende aufgebrezelt in Szene-Clubs rumzutreiben), dessen Lebensstil wird mit einiger Sicherheit „Gothic“ genannt werden dürfen, und er selbst ein „Goth“ – ganz automatisch und einfach aus den eigenen Vorlieben heraus. Allerdings kann einem das natürlich komplett am Arsch vorbei gehen.

Ich wünschte nur mehr Leute würden sich a) die Mühe ersparen lauthals zu leugnen was sie offensichtlich sind oder b) die Peinlichkeit ersparen das eigene Gruftitum aggressiv und unfundiert untermauern zu müssen. Lebt doch einfach gothic und scheißt auf alles andere :D

Lieberhaber alter Schriften und Sprachen ist als Musiker und Herr seiner eigenen Band Farblos auf dem Wave-Gotik-Treffen schon zu einer Legende geworden, ohne je dagewesen zu sein. Kenner und Bekannter des Rhein-Main Gebietes der merkwürdigerweise mit einer Ente verglichen wird. 2017 fusionierte seine Otranto-Archive mit Spontis und wurden als Artikel eingepflegt.

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