Titel des 1996 erschienen Stern-Artikels

Gothic-Artikel im Stern 1996: Selbstmord ist out – Das Leben ist cool

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Deutschland 1996, die Gothic-Szene befindet sich im inneren Wandel. Von der Ursprüngen ist nicht mehr viel zu spüren immer mehr Stile drängen in die nunmehr schwarze Szene, die Begrifflichkeit Gothic ist nur noch ein Wort. Der Stern beleuchtet die deutschen Jugendszenen, in der 7. Folge sind die Gruftis an der Reihe. Der Stern, der sich schon in der Vergangenheit immer wieder einen Namen mit kontroversen Veröffentlichungen gemacht hat  und einige Minuspunkte in Sache Enthüllungsjournalismus für sich verbuchen kann, wagt sich an die Jugendszenen. In den 80er erst das umstrittene Bild vom toten Barschel, dann der unglaublich große Reinfall mit den Hitler-Tagebüchern. Das kann ja heiter werden.

Sie mögen Grabesstimmung und düstere Musik, sind eitel und selbstverliebt. Grufties sind Nachtmenschen. Sadomaso ist schwer angesagt. Schwarz ist ihr Outfit, aber nicht mehr ihre Stimmung. Der größte Horror für einen Grufti ist es, wie ein Spießer zu leben.” Mir fällt gleich beim Untertitel auf, das wir in Sachen Grufti-Journalismus ein neues Stadium erreichen, die polemische Oberflächenrecherche. Schon in diesem einen Satz wird die Ausrichtung des Artikels klar, die Vermischung von Fakten, Wahrheiten und Oberflächlichkeiten die durch die Protagonisten des Artikels immer wieder spitzen in die Tiefe schlägt. Ich mag tatsächlich die sakrale Stimmung, eine gewisse Eitelkeit lässt sich auch nicht verleugnen und Nachtmensch bin ich sowieso. Sadomaso war meiner Meinung nach nie schwer angesagt, sondern nur ein weiteres Stilelement und wurde nur von außen in die Szene projiziert. Schwarz sind auch meine Klamotten und meine Stimmung auch mal bunt. Das kann ja eine lustige Polemik-Collage werden.

Manuela, von der als erstes berichtet wird, zündet ein wahres Feuerwerk der Worte, das die Eingangsthematik des Untertitels fortsetzt und gleich eine klare Stoßrichtung vorgibt. Irgendwie weiß ich jetzt schon wie es weitergeht. Der Artikel ist wie ein Sprung vom 5-Meter-Brett. Anfangs sieht man nur die glitzernde Oberfläche die neugierig und ängstlich macht, es liegt bei einem selbst, ob man den Sprung wagt und wie tief man eintaucht.

Mit 14 Jahren war Manuela klar, daß sie nicht ganz normal ist. Beim ersten richtigen Sex knallte die Peitsche, und vom Taschengeld kaufte sie eine schwarze Lack-Korsage, Ruhe und Entspannung fand die Schülerin auf Friedhöfen. Da liegen auch schon ein paar Freunde von ihr. Zwei hatten sich totgefahren, zwei den goldenen Schuß gesetzt. Da kann man schon depressiv draufkommen, sagt Manuela.

Angebliches Bild aus der Discothek Zwischenfall

Ein paar Jahre späte sollte Manuela, bei der es sich offensichtlich um Manuela Ruda handelt, ihren Phantasien freien Lauf lassen. 2001 ermordete sie gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann dessen Arbeitskollegen Frank H. Für die Presse und die Skeptiker natürlich ein gelungenes Fressen. In der oberflächlichen Recherche sind schnell Zusammenhänge hergestellt, wo keine hingehören. Doch zurück zum Artikel.

Die Schlagworte sind offensichtlich gesetzt. Sex, Peitsche und Friedhöfe. Tod und Depression. Sowas zieht natürlich den Leser magisch an, wer ist nicht gierig darauf zu erfahren wie es mit Manuela weitergeht? Wie der Artikel weiter beschreibt, ist Manuela jetzt 18 und mittendrin in der schwarzen Szene, sie jobbt in einer Kneipe in Witten. Auf einem Bild sieht man sie mit ihrer Zofe Werner, mit dem sie auf dem abendlichen Friedhof die trauernden erschrecken wollen. Jetzt wird es echt lächerlich, ich kennen niemanden aus der mir vertrauten Grufti-Szene, der so gekleidet über den Friedhof schleicht und andere Leute erschreckt. Vielleicht fand man es passend, das Paar auf den Friedhof zu zerren, um es dort in dieser Pose abzulichten. Das sich zwei Menschen in dieser Form für die Presse verkaufen, um ihre 5 Minuten Ruhm zu erhaschen, finde ich fast schon widerlich.

Nach diesem Ausflug ins Unsinnige hält man es für sinnvoll, Werner zu Wort kommen zu lassen: “Werner ist seit 10 Jahren Grufti. Er kann diesen Ausdruck zwar nicht leiden, aber irgendwie hat er sich an ihn gewöhnt […] die echten Gruftis seien schließlich ganz arme Schlucker gewesen, die schon im 19. Jahrhundert in Gruften Schutz vor der nächtlichen Kälte suchten.

Eine Legende? Bleibt fraglich, die Wortherkunft Gruftie ist nicht eindeutig geklärt und lässt sich nicht belegen, klingt aber zumindestens ein bisschen Spannend und lädt gerade dazu ein, etwas über die Bedeutung zu erfahren. Werner ist cool und wird von den jüngeren als Guru angesehen, weil er Sozialhilfempfänger ist und von einer Party zu nächsten fährt, so steht es jedenfalls im Artikel. “Wer Guru ist, der kann nicht einfach arbeiten, abprollen und abspießen“, ist da weiter im Artikel zu lesen. Nachdem er klarstellt, das für ein richtiges Gruftie-Outfit Lack, Leder, Gummi, Strapse und Sadomaso dazugehören hört es bei mir ganz auf. Als eine gewisse Kerstin ins Spiel kommt, wird es aber wieder ganz schlimm.

Zur Begrüßung legt Manuela auch Kerstin eine Kette um den Hals. Gassi gehen zur Theke. Später darf Kerstin Manuela sogar die Stiefel ablecken. “Voll Geil”, sagt sie. Kein Besucher in der Disco stört sich an den drei Freunden. “Das finde ich so gut an der schwarzen Szene”, sagt Manuela. “Hier findest du auch Verständnis für diese Art von Sexualität. Hier werde ich deswegen nicht ausgegrenzt.

Das Fatale daran ist, das es tatsächlich Mitte der 90er zu Strömungen aus der Fetisch Szene gekommen ist, die sich in diesem Artikel spiegeln. Es muss jedoch festgehalten werden, das die Gothic-Szene nicht nur latente dominante oder devote Menschen beheimatet und beide Szene nicht viel miteinander zu tun haben. Der Artikel verwischt diese Unterscheidung jedoch spielend und vermischt  Fiktion und Wirklichkeit. Die Blockschreibweise des Artikels funktioniert erschreckend gut. Nach sensationsträchtigem Darstellen einer Jugend, die sich gerne schlägt und angeleint die Stiefel seiner Herrin leckt folgt eine kleine Geschichtsstunde bei dem Robert Smith von The Cure die unfreiwillige Hauptrolle spielt. Der Stern erzählt von den Ursprüngen der Gruftie-Bewegung:

Punks waren ihnen zu schlampig, Popper zu brav, Mods zu aufgesetzt, Rock ‘n’ Roller zu bescheuert. Es war die Zeit der “orientierungslosen Jugend”. Und es war die Zeit der Anti-Pershing-Demonstrationen, der Atom- und Umweltangst. Und es war die Zeit der großen Jugend-Depression. Die Zeit der Grufties, die den Leitsatz hatten: “Live fast, die young, look pretty! – Lebe schnell, stirb jung, sieh gut aus!”.

Bild von Manuela und ihrer Zofe Werner auf dem FriedhofDie Punks, von denen auch übrigens der Spruch “Live Fast, die young!” stammt sind in der Tat die Mutter aller Dinge, die Popper passen zeitlich durchaus in die Entwicklung, doch was die Mods oder Rock ‘n’ Roller damit zu tun haben ist mir schleierhaft. Ronald Reagan, Magret Thatcher und Helmut Kohl sind Personen, an die ich mich auch noch gut erinnere und dem ständigen Ab- und Aufrüstungswahn, dem drohenden Umweltkollaps und den Demonstrationen gegen Atomkraftwerke. Als Tschernobyl dann Realität wurde und die Supermärkte ihren Salat entsorgten war die Depression auch bei mir angelangt. Alles das lässt sich nicht abstreiten. Ich denke, das lässt sich aber nicht an einer Jugendkultur festmachen, sondern durchzuckte Deutschlands gesamte Jugend und sorgte für nachhaltige Ängste. 10 Jahre später sind die Ängste verflogen, eine neue Jugend erobert die Szene. “Nur wenige reden noch von Weltschmerz. Man trifft sich auf Festivals oder der Kölner Domplatte […] Man trägt, worauf man Lust hat, nur schwarz muss es sein.” Resümiert auch der Spiegel-Artikel.

Mike ist der einzige Lichtblick dieses Artikels. Dass er nach der Wende ausgerechnet nach Mönchengladbach gezogen ist dürfte wohl eher Zufall sein, das der Stern seine Wohnungseinrichtung die aus schwarzen Kerzen, Totenköpfen, Kreuzen und Engelsbüsten besteht als Grufti-Kitsch bezeichnet gehört zur bewussten Schreibweise des Artikels und versucht die Aussagen des Interviews zu relativieren. Trotzdem ist unschwer zu erkennen das hier viel Wahrheit und eine unvermutete Portion Objektivität vorhanden ist.

“In unserer Szene sammeln sich seit jeher die Kleinen, die Sensiblen, Schönen und Verzweifelten. Vor uns hat niemand Angst. Uns kann man getrost verkloppen”. […] Was Mike an der Szene immer schon gestört hat, ist die Coolness. Alle seien so in sich zurückgezogen, “so verdammt mit sich selbst beschäftigt”. Das sei ihm aber erst in der BRD so richtig aufgefallen. Stundenlang würden sich die Jungs aus ihren Haaren “Schwalbennester” und “Teller” bauen und dabei dosenweise Haarspray verbrauchen. Auf innere Werte, klagt Mike, komme es überhaupt nicht mehr an. “Wer die geilsten Lack-Klamotten hat, ist in der Szene doch schon der König.”

Die Beschreibung des Bochumer Zwischenfall ist wieder stümperhaft und platt und  ist wieder der erwartete Block voller Belanglosigkeiten. Der Artikel plätschert vor sich hin, erzählt vom typischen Totengräbertanz oder auch vom “andeutungsweisen heben der Füße“. Auch die kurze Geschichte von Iris ist zunächst unspektakulär, endet dann aber doch mit dem Finale, der Schlagzeilenfindung. Selbstmord ist Out – Das Leben ist cool. War Selbstmord schon jemals in? Gerne dichtete man den Musikern der Gothic-Szene Selbstmordgedanken an. Durch die intensive musikalische Auseinandersetzung mit der Thematik liegt das ja auch nahe. Selbstverständlich übertrug man dieses Bild auch auf die Anhänger, deren Faszination für das Morbide allzu gerne mit Todessehnsucht verwechselt wurde. “Früher habe ich oft an Selbstmord gedacht […] Ich dachte, das hast du endlich deine Ruhe.” meint Iris zu der ganzen Sache und der Stern schreibt, das die Zeit als in ihrem Freundeskreis mit frischen Narben an den Pulsadern als Trophäen der Hoffnungslosigkeit Eindruck schinden wollte vorbei sind. “Selbstmord ist Out”, sagt Iris. “Das Leben ist cool.

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Karnstein
Autor

Mein Gehirn tut weh…

ZeitUngeist
Gast

Also Selbstmord ist (aus verschiedenen Gründen) bei Lemmingen total angesagt ;)

aber das passt mal wieder zum stern und ist durchaus mitschuld daran, das es ein so versch*** schlechtes verschobenes bild der subkultur in der öffentlichkeit gibt.

Guldhan
Autor

Au contraire: Bei Lemmingen ist der Selbstmord ebenfalls irgendwie so total out…Mit anderen Worten: Zum einen ist die Abwanderung notwendig, damit im Unterschlupf keine Hungersnot ausbricht und zum anderen sterben diese auf der Wanderung »lediglich« aufgrund der folgenden Strapazen und der blinden Raserei. Aber definitiv nicht aufgrund des Selbstmordgedankens ;) Aber wären Lemminge keine Choleriker, so könnten vielleicht durchaus welche zurückbleiben, sich der Zukunftsangst und Hoffnungslosigkeit im Bau hergeben und dann im schwarzen Pelz dem Selbstmord verfallen.

Wie immer finde ich den Artikel niedlich und warte noch auf den Tag, an dem nicht über Gothics, Goths, Grufties oder weiß der Teufel berichtet wird, sondern über die »schwarze Szene« Aber diese würde wohl im Paradoxem ihrer Buntheit das Weltbild des geneigten Journalisten völlig zerrütteln und diese in Sinneskrisen stürzen. Somit wird dieses wohl –zugunsten der journalistischen Übersichtlichkeit- nie der Fall sein.

[…]Sensiblen, Schönen und Verzweifelten. Vor uns hat niemand Angst. Uns kann man getrost verkloppen[…]
Das ist ebenfalls ein Punkt, den ich nicht verstehe. Kann auch sein, dass ich mich zu dezenten Machogehabe hinreißen lasse, aber ich kann nicht nachvollziehen, warum sich eine Gruppierung freiwillig ihrer Autorität beraubt. Im Bezug auf das Gothictum liest man das durchweg in der Presse. Kann mich da zum Beispiel auch an eine Schlagzeile in der Bravo erinnern –nein, ich besaß dieses Blatt nie, als ich davon erfuhr war ich dafür zu alt- Auf dem Titelbild posierten drei possierliche Teeniegoths und verkündeten in dem dazugehörigen Artikel ihre Klischeezerstörungsthesen. Hauptargumentationsstütze war dabei der Satz: »Wir lesen die Bibel. Glauben an Gott und sind voll harmoniebedürftig friedlich…oder so« Man kann ja erwähnen, dass man sich in die Augen blicken lässt, dass man stubenrein ist und nach gutem Zureden auch gestreichelt werden kann. Aber man muss sich doch nicht selbst in den Jagdschein eintragen. Wenn ich beispielsweise im Club gute Laune habe und entsprechende Musik läuft, dann will ich nicht den Eindruck eines friedliebenden Sensiblen erwecken. Dann will ich wüten und brauche 4qm Platz. Und ich denke, diese Mentalität spiegelt sich auch ab und zu in Kleidung, Mimik und Gestik wieder. Natürlich braucht man nicht den Kinderschreck mimen. Dennoch will ich auch nicht den Eindruck vermitteln, dass jede Intelligenzbestie die meine Nase richten will es auch einfach haben wird. Wurde in der Vergangenheit ja auch so schon oft genug versucht.
Ich jedenfalls bin froh darüber, dass sich mancher Brauner erst in der Gruppe traute mich mit unschönen Worten zu langweilen, anstatt gleich so auf mich loszugehen. Was wohl der Fall wäre, wenn ich ein: »Ich bin sensibel, verzweifelt, vor mir hat niemand Angst, mich kann man getrost verprügeln« verkörpern würde.

Wäre mal interessant die Entstehung des Begriffes »Gruftie« zu recherchieren. Denn ich kenne den nur als abwertende Verniedlichung. Aber allmählich gewöhne ich mich daran, dass dieser gerne im neutralen Kontext verwendet wird, auch wenn dieser dabei nicht minder dämlich klingt.

Zudem wäre es interessant zu wissen, wie der Stern mit den anderen Subkulturen umsprang. Ob deren Texte auch nur der Verbreitung von Aberglauben dienten oder ob sich dort mehr Mühe gegeben wurde.

ZeitUngeist
Gast

Ich find Grufti als Bezeichnung gar nicht schlimm… Ich find aber Schwuchtel auch nicht schlimm wenns jemand zu mir sagt.

Kommt immer drauf an wie man mit sich selber umgeht, gelle ^^

Guldhan
Autor

Das ist ein Argument.
Denn wie jeder Begriff fällt auch dieser -glücklicher Weise- der Selbstironie zum Opfer. So titulierte ich mich beispielsweise, während meiner letzten Studienzeit und noch danach, selbst mit den nettesten Wörtern für Schmarotzertum aus Politik, Sozialdarwinismus oder Bioethik.
Allerdings werde ich dennoch nicht zu Verbreitung des Gruftie beitragen und dieses dadurch salonfähig machen. Da ich die Frage »Bist wohl auch Gothic« schon als bitter-süßen Seitenhieb verstehe. ;)

Moonica
Gast
Moonica

Im Grunde genommen erstmal schütteln. Dann lese ich das hier

Was Mike an der Szene immer schon gestört hat, ist die Coolness. Alle seien so in sich zurückgezogen, “so verdammt mit sich selbst beschäftigt”.

Das stimmt mich nachdenklich. Bin ja nun doch noch relativ jung. War die “Szene” früher toleranter?

Karnstein
Autor

Ich bin ja nun auch nicht gerade ein Grufti des ersten Stunde (das Batcave und ich wurden im gleichen Jahr geboren ^^), aber meiner bescheidenen Erfahrung und vor allem auch dem nach, was ich von älteren Bekannten gehört und so nach und nach mitbekommen habe war “Toleranz” noch nie ein nennenswert großer Faktor. Es gab immer Poser und Wichtigtuer, die gruftiger als alle Anderen sein wollten und ihre Nase viel zu hochgetragen haben.

Warum in der Szene ständig von Toleranz gefaselt wird, verstehe ich einfach nicht. Natürlich wäre das erstrebenswert, aber ich halte es einfach nicht für gegeben. Die meisten (zumindest die Jüngeren) ärgern sich darüber, dass sie von “Normalos” nicht toleriert werden, lassen sich aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit über Hip-Hopser und Emos aus. Ist das tolerant?
Wie sollte jemand, mit einer solchen Geisteshaltung plötzlich innerhalb der eigenen Szene ein größeres Maß an Toleranz zeigen?

Ich wär gern toleranter – bin ich aber nicht. In wie außerhalb der Szene gibt es Leute, Stile und Gesinnungen, die ich einfach nicht leiden kann. Und ich glaube, das ist bei quasi jedem so, nur sind die wenigsten so ehrlich, und stehen dazu…

Moonica
Gast
Moonica

Danke von Karnstein für den Kommentar.

Guldhan
Autor

Toleranz scheint sich über die Jahre hinweg zum Modewort erhoben zu haben. Oder besser gesagt: wurde erhoben. Es ist ein gutes Totschlagargument, um sich bei Anfeindungen in der Opferrolle gefallen zu können. Denn wer tolerant ist, kann schließlich auch auf die Toleranz der anderen bestehen. Allerdings sah ich noch keine wirkliche Deckungsgleichheit zwischen dem Wort Toleranz auf der Fahne und der Mentalität des jeweiligen Fahnenschwingers.
Ich persönlich verspüre keinen großen Hang zur Toleranz. Brüste mich aber nicht mit dem Begriff. Warum auch. Toleranz von seinem Kern her begründet entweder auf Gleichgültigkeit oder Meinungsapathie.
Wie es in der Szene Anfang 90 in Mitteldeutschland mit der Toleranz aussah, kann ich gar nicht mehr genau sagen. Subjektiv gesehen weiß ich nur, dass mir die Szene an sich älter, gelassener und freier vorkam. Nicht so vermarktet, traditionslastig und jugendkultbehaftet wie heutet. Aber auch ich glaube, dass Toleranz schon damals keine große Rolle spielte. Zumindest die Toleranz nach »draußen«
Zudem will ich persönlich auch nicht toleriert werden. Entweder man akzeptiert mich wegen meines Wesens oder hat eben Pech gehabt. Ein Denken, dass in der älteren Generation wahrscheinlich verbreiteter ist als bei der Jugend. Welche es ja stellenweise schon recht emotional stimmen kann, wenn sie kontroverse Kritik bezüglich ihres Äußeren erhält.
Intolerant zu sein heißt ja auch nicht, dass man ständig auf Contra aus ist. Es beinhaltete allein die eigene Anforderung andere Meinungen oder Dinge nach Akzeptanz oder Nichtakzeptanz einzugliedern. Wie man oder ob man das dann zum Ausdruck bringt, ist jedem selbst überlassen.

Stefanie Neuberg
Gast

Hallo in die Runde,
ich bezeichne mich als “Schwarze” – so gehe ich jedem Missverständnis aus dem Weg, habe aber auch kein Problem mit dem Grufti.
Natürlich ist der Umgang mit der eigenen Endlichkeit (für mich) existenzieller Bestandteil der schwarzen Gemeinschaft. Gleichwohl ist Selbstmord nur in sehr engen Schranken ein “guter Weg”. Ich habe im meinem Buch “Das Selbst war ein Grufti” die Geschichte einer unheilbar Krebskranken verarbeitet, die ihr eigenes Ableben nur um maximal Wochen vorgezogen hat. So etwas gehört für mich auch zu meiner schwarzen Gemeinschaft!

Vizioon
Gast
Vizioon

@von Karnstein: Das Gehirn hat kein Schmerzempfinden.
@Stefanie Neuberg: Der Umgang mit der Endlichkeit ist seit Menschengedenken ein Thema, und ein Hauptthema aller Weltreligionen. Und Selbstmord gibt es in allen Gesellschaftsbereichen. Ist also kein Exklusivthema für “Gruftis”.

Stefanie Neuberg
Gast

@Robert: Du sollst mein Buch auch nicht lesen(war je keine Werbung). Ich meinte auch keine aktive Sterbehilfe, sondern nur den rel. nüchternen Umgang mit der (eigenen) Endlichkeit. Dieser ist in der schwarzen Gemeinschaft, zumindest in der mir bekannten, ganz selbstverständlich – ohne dieses Ende möglichst schnell zu erreichen … ganz im Gegegenteil! Mehr in dem Verständnis, dass jeder Tag der letzte Tag sein könnte: Lebe bewusst. Mehr meinte ich nicht.

Tanzfledermaus
Autor

Das war einer der miesesten Artikel über die Szene, die ich zu Gesicht bekam. Mein Vater war regelmäßiger STERN-Leser und hat mir damals den Artikel aufgehoben. Vielleicht habe ich den sogar noch irgendwo. Einfach nur gruselig schlecht. Zum Glück kannten meine Eltern damals schon einige meiner schwarzen Freunde und Bekannten und schüttelten selbst über den Artikel den Kopf. Wer weiß, wieviele “Normalbürger” das leider alles für bare Münze nahmen und sich entsprechend eine Meinung bildeten. Kein Wunder, dass Schwarze irgendwann kaum noch Lust hatten, sich von Fernsehen und Zeitungen interviewen zu lassen. Der Zillo-Artikel von 1990 mit Heiko und dem Sarg, in dem er angeblich schläft, war ja auch schon ein Paradebeispiel von Tatsachenverdrehung zugunsten der Sensationsgeilheit. Würg!

Tja, das mit dem “uns kann man getrost verkloppen” war bestimmt so auch nicht gesagt – und wenn, war es reichlich dämlich. Guldhan hat es treffend ausgedrückt mit “man muss sich doch nicht selbst in den Jagdschein eintragen”.

Roberts Unterscheidung zwischen Toleranz und Akzeptanz finde ich sehr gelungen – und danke für den Tip, dumme und kritische Bemerkungen nur von Nahestehenden an sich heran zu lassen. Ich nehme mir dumme Sprüche auch nach über 25 Jahren immer noch sehr zu Herzen…

Sylvia_Plath
Gast
Sylvia_Plath

Hallo,

ich habe mir diesen Artikel vorhin mal ganz durchgelesen und kann ihn nicht ernst nehmen.
“Der Stern” ist schon immer eine Mischung aus Politik-, Sensations-, und Crimeberichterstattung gewesen. Hat eine halb sachlich, halb reißerische Berichterstattung.
Rangiert so zwischen “Bild” und “Spiegel” mit der Seriosität und dem Anspruch.

Grüße, Anna

Sylvia_Plath
Gast
Sylvia_Plath

@Robert : Leider ist es so, dass sich viele Menschen durch mehr oder minder seriöse Berichterstattung von Print-, TV-, Internetmedien stark beeinflussen lassen und sich ihre Meinung quasi “mundgerecht” in den Mund legen lassen.
Ich stimme deiner Einteilung der gängigen Printmedien zu. :)

Wiener Blut
Gast
Wiener Blut

https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/mein-erstes-mal-julia-19-verwandelt-sich-in-eine-grufti-hexe-a-419996.html Als Fundstück, und Reaktion, schiebe ich diesen kurzen Spiegel Artikel hier mal rein…. hab ihn hier zumindest noch nicht entdeckt.