Körperkult: Braucht der Goth Muskelshirts?

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Die Tage ziehen sich in die Länge, während die Nächte wieder verstärkt das Nachtvolk auf die Straßen ziehen. Die Natur erwachte, belebte sich zur Blüte ihrer kurzweiligen Periode und ein sommerlicher Wind umschmiegt zeigewillige Haut. Ohne Frage, das Land verliert sich erneut in der warmen Jahreszeit und zeichnet damit ein allgemeingültiges Bewusstsein in die Gesichter: »Der Sommer ist der Tod, es lebe der Sommer«

Sonnensimulierende Scheinwerfer starren auf Modepüppchen mit Katalog-Lächeln, preisen Kleidung an, bei der man für den Luxus des Weniger an Stoffs ein Mehr an Geld hinlegen darf. Mädels prahlen mit hohem Bauchfrei oder knechten mit tiefem Ausschnitt. Zumeist beides in Kombination.

Während die Knaben der Gesellschaft ihr Umfeld mit dem Anblick nackter Waden terrorisieren oder ihren gemeißelten Oberkörper durch »Size-S-Shirt« brechen lassen. Wenn die Oberarm-Masse nicht schon völlig ärmellos in der Sonne braten muss.

Körperkult auch in der Schwarzen Szene?

Ein für die Jugend des Landes bezeichnender Darstellungsritus, der szeneübergreifend als Allgemeingut gekennzeichnet werden kann. Auch wenn jede Gruppierung ihre eigenen Klischees besitzt. Schließlich kommt der Begriff der einen schwarzen Szene ja nicht von ungefähr. Und auch wenn sich jeder innerhalb der Szene als Individuum versucht, so gehört doch jeder der gleichen Art an.

Folglich ist davon auszugehen, dass in einer Szene, die trotz der anbahnenden dritten Generation als Jugendkultur verschrien ist, ebensolches Treiben Einzug in den Sommer nimmt. Doch ist dem wirklich so? Wird in dieser Szene dem offensiven Fleischfetisch gehuldigt? Bezugnehmend auf die weibliche Electro-Garde der neuen Generation kann man dieses zumeist bejahen. Hinsichtlich des mürrisch eingeschwärzten Maskulinums steht diese Frage allerdings noch offen. Zwar wird je nach Maschengröße im Netzhemd, oder Alkoholgehalt im Blut, mehr Haut als Stoff präsentiert, doch zeugen die meisten dargebotenen Körper von keinem dahingehenden Kult.

Auch wenn man sich innerhalb der Szene auf die recht mannigfaltige Männlichkeit etwas einbilden könnte und somit gerade Frau, oder auch Mann, genügend Spielraum dargeboten bekommt, so ist der Anblick teutonischer Testosteron-Titanen dennoch Mangelware. Man findet massenweise den normalen Typus, jener innerhalb der DIN- und BMI-gerechte Anatomie. Man erblickt den Drahtigen, den Schlaksigen, den Dürren und jene, denen die Freude am leiblichen Wohl gut und gerne ansehen werden kann. Seltener dagegen huscht der Durchtrainierte durch die Reihen und wenn, dann nur, um zum nächsten EBM-Akt zu eilen. Somit rein optisch nicht gerade schwarzromantisch angehaucht.

Als Interviews in den 90´er Jahren noch einzig und alleine die Szenemedien interessierten, argumentierte Frontman Felix von »Crematory« einmal mit der ungeheueren Veranlagung zum Körperbewusstsein und dahingehender Darstellung innerhalb der Szene. Eine These, die man wohl zu Recht als zeitlos ansehen kann; auch wenn man die verschiedenen Kleidungsarten einmal außen vor lässt.

Mehr Geist und Körperschmuck als Körper?

Tätowierungen, Piercings, die Art der Frisur, das Wesen der Rasur oder der Inhalt des Schminkkoffers. Das alles ist bezeichnend für ein hohes Bedürfnis nach Selbstdarstellung und dem Grad an Perfektionismus, der (auch) dieser Szene innewohnt.

Worin liegt aber der Grund verbogen, dass der Drang nach wirkungsvoller Selbstdarstellung beim Körperbau aufhört?

Zieht man aus dem »oberflächlichen Bild« schon sein ausreichendes Maß an Zufriedenheit? Steht der Körperschmuck schon für den Soll-Zustand der persönlichen Ästhetik, wodurch man schnell die allgemeine Genügsamkeit erlangt?

Oder definieren sich genügend Schwarzgesinnte anhand ihrer Art, ihres Wesens und Geistes? Immerhin ist innere Zufriedenheit der Schritt für äußere Akzeptanz. Wer im Kopf jemand ist, braucht dahingehend nichts mit dem Körper zu kompensieren. Und vielerlei Körperbau ist nur eine Kompensation, eine Reaktion auf negative Erinnerungen. Da braucht man sich nichts vorzumachen.

Oder verlangt diese Szene gar nicht das Bild des martialischen Mannes. Breche das zu sehr mit dem erhobenen Banner von Kunst, Kultur und Geist. Steht doch der muskelbepackte mehr für das Grobschlächtige und nicht für den Feingeist oder gar für den femininen Hauch, der vielen schwarzen Sparten innewohnt.

Und gerade in der Schattenwelt der schwarzen Szene ist man weit vom brachialen Gebaren entfernt. Auch wenn der Blick auf die Oberflächlichkeit Gang und Gebe ist. Doch scheint dabei nicht um die Magermasse jedes einzelnen gebuhlt zu werden, sondern es ist allein die Grazie, die innerhalb der Ausstrahlung regiert. Bis hin zur weiblichen Note, welche die Feder für das Gesamtbild der Ästhetik führt.

Der Goth als Modeopfer?

Doch am Ende liegt die Antwort mitnichten in der möglichen Metaphorik der Szene verborgen. Wahrscheinlich genügt zur Beantwortung der einfache Blick in die Bevölkerungsschichten. Und man erkennt, dass sich ohnehin nur ein geringer Teil zu solcher Freizeitfolter hinreißen lässt.

Vielleicht ist man auch schon von den hiesigen Modehäusern konditioniert. Da man zwar Gewänder und Lederschnürhosen in 5 XL bestellen kann. Aber ab einem gewissen Muskelvolumen keinerlei Illusionen mehr besitzt, dass man die 20-Loch-Treter einigermaßen adäquat und ohne Blutstau über die Waden geschnürt bekommt oder das Hemd nicht über der Brust platzt bzw. sich an der Hüfte in ausladende Falten wirft.

Ist man somit nur ein Modeopfer oder gerade deshalb eben nicht…

Streitbarer und wortgewandter Freigeist mit düstersten Grufti-Attitüden der getarnt durch die Weltgeschichte wandelt. Erstmals füllt er denn Lehrkörper mit Inhalt und betreibt nebenbei einen kleine Kreativwerkstatt mit selbstgestalteten Tanktops.

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shan_dark
Gast

Wie Du nur auf DAS Thema gekommen bist? Ich kann mich da dunkel an was erinnern… *lach*

Tatsächlich finde ich, dass es nicht sehr viele sporttreibende Gothics gibt. Zumindest nicht in meinem Umfeld. Wobei aber der gesellschaftliche Trend, schlank, langlebig und fit zu bleiben auch vor mir und sicher auch „der Szene“ nicht ganz halt macht. Ich persönlich treibe Sport, weil es meinem Körper gut tut, einen Ausgleich bietet zum sitzenden Büroalltag und damit ich demnächst noch ins Korsett passe (ich will ja mal ehrlich sein ;o)).

Ich sehe es aber eher so, dass Sport nichts mit Szenezugehörigkeit zu tun hat. Mein Gefühl, warum so wenige Gothics Sport treiben – egal ob Mann oder Frau – ist, dass es in der Szene nicht darauf ankommt. Üppige Weiblichkeit wird genauso akzeptiert wie knochige Männlichkeit (ich übertreibe!) und beides kann in der Szene ‚düster-stilvoll in Szene‘ gesetzt werden. Ich kenne niemanden, der bei uns aufgrund seines Aussehens ausgegrenzt oder gedisst wird. Es kommt mir bei anderen ja auf den Geist und die inneren Werte an.

Sport ist aus meiner Sicht eine persönliche Entscheidung: vom Joggen bis hin zum Stählen von Muskeln. Jeder hat seine eigenen Gründe dafür.

Aber vielleicht bin ich da im Irrglauben? Du könntest recht haben, dass „die Szene gar nicht den martialischen Mann verlangt“. Aber würde das nicht andersherum gedacht auch bedeuten, dass es da ein Szenediktat gibt? Klar, Androgyn ist eher Goth als Muskelmensch. Zudem war Rumprotzen noch nie des Schwarzen Metier und das ist ja das, was man gewohntermaßen von Muskeltypen erwartet und kennt. Muskelmasse findet man eigentlich nur im EBM-Bereich, wo es eh auch musikalisch etwas härter zugeht. Ich habe absolut nichts gegen den Anblick von Männern mit Muskeln, muss ich zugeben – solange das nicht ins Schwarzenegger-Format ausartet. Ist halt persönlicher Geschmack, ich steh dafür nicht auf die androgynen Typen (für die gibt es ja genug andere Verehrerinnen in der Szene…;o)). Aber ich mag ja auch EBM und Nitzer Ebb, die wohl den Muskelismus in die Szene reingebracht haben. Ertappt!

Orphi Eulenforst
Editor

Es ist schon ein seltsamer Gegensatz, den du da ansprichst. Auf der einen Seite ein gewisser Körperkult, wenn es um Schmuck und sicher auch um Haare, Make-up und Klamotten geht und auf der anderen Seite wenig Interesse für Figur und Muskeln. Man kann ja angesichts von Minirock und sexy Klamotten nicht unbedingt behaupten, dass die Szene keinen Wert aufs Aussehen legt. Die Theorie mit Geist statt Körper greift also nicht so ganz.

Ich kann mir vorstellen, dass das martialische Männerbild und das durchtrainierte Frauenbild zu sehr Mainstream sind, als dass die Szene es übernehmen würde. Vielleicht ist es eine unbewusste Gegenbewegung zu dem, was in den Hochglanzmagazinen der bunten Welt gefeiert wird. Vielleicht konzentriert sich das Verständnis von Ästhetik in der Szene aber auch einfach auf die sanfteren, romantischen Töne. Ein gestählter Oberkörper steht dem Bild irgendwie entgegen. Vampire wie Lestat, Louis und Armand laden eher zum romantischen Träumen ein als Arnold Schwarzenegger – um mal den alten Klischee-Muskelmann zu bemühen.

Ich persönlich bevorzuge allerdings auch eher Männer, die nicht beim Tragen einer Wasserkiste zusammenbrechen und zumindest ein wenig Testosteron erkennen lassen. Ist das vielleicht auch eine Altersfrage?

Ach, da fällt mir gerade noch ein ziemlich geniales Muskelshirt ein. Es ist leider nicht schwarz, aber macht nix :-)

Orphi Eulenforst
Editor

Oh mein Goth – deine Negativbeispiele sind ja grauenvoll. Das sind doch keine Frauen mehr und auch der aufgepumpte Kerl ist alles andere als attraktiv.

Außerdem ist es überhaupt nicht nett von dir, mich ständig an diese schrecklichen, anstrengenden Dinge zu erinnern, die ich machen sollte, aber niemals tue. Trägheit, Blutdruck, Gelenke… grummel. Aber wir haben ziemlich viele Treppen im Haus, die ich ständig rauf und runter muss – zählt das auch? :-)

Ach… ich glaube, ich bleib für meinen Teil lieber beim schwarzen Adel. Was nicht bedeutet, dass die Kerle sich nicht fit halten sollen… :-)

Barocke Fräulein, die sich zwei Korsetts zusammenbinden? So was gibt es? Oha!

Tobikult
Autor

Komme gerade vom Sport und vergleiche die Strichzeichnung mit meinem Selbstbild. Hmm, irgendwie kann ich gar nicht so viel Sport machen, wie ich gerne gut esse und trinke. Und das wird mit dem Alter anscheinend nicht besser.

Ich unterscheide deutlich zwischen Fitness, Gesundheitsförderung und Bodymodification durch Sport und Drogen. Vor ein paar Tagen lauschte ich in der Fitness-Studio-Umkleide einer Unterhaltung zweier Jugendlicher mit heftigen Muskelpaketen. Da sagte der eine: „Zum Definieren nehme ich nur Anabolic Protein“. Also, ich nehme zum Definieren immer noch ein Lexikon!

Wenn ich laufen gehe, höre ich gerne Musik. Natürlich hart, treibend, aggressiv. Sonst komme ich nicht schnell genug voran.

Orphi Eulenforst: Oh ja, bei Konzerten mit Sammy steht meine Freundin auch gerne in der 1. Reihe. Das Auge hört bekanntlich mit.

Orphi Eulenforst
Editor

Tobikult
Bei dem würde ich auch mal gerne in der 1. Reihe stehen. :-) Ob deine Freundin mir wohl das nächste Mal einen Platz freihalten könnte? ;-)

Pitje
Gast

Der ein oder andere Sportstudiobesuch dürfte vielen Grufties gar nich mal schaden. Über Pfingsten wird man sie wieder überall in Leipzig sehen: Übergewichtige Walküren, die sich mit aller Gewalt in ihr Lackkorsett geschnürt haben, schmächtige Cyberkrieger aus deren T-Shirts grotesk wirkende dünne Ärmchen hervorgucken und gut beleibte Kerle, deren Bierbauch jeden Moment das Netzhemd zu zerreißen droht.
Da darf man sich dann schon mal fragen: Merken die nicht, wie peinlich das aussieht? Oder haben die nicht wenigsten Freunde, die ihnen sagen, dass das blöd ausschaut?
Tatsächlich gibt es in der Szene Archetypen, die vor allem in den 80ern den Typus des schmächtigen, blassen Goth geprägt haben: Andrew Eldrich, Peter Murphy, Marc Almond – jeder von ihnen ist weit davon entfernt, ein Adonis zu sein. Aber diese Herren verstanden es zumindest, sich immer die richtigen Klamotten aus dem Kleiderschrank zu angeln, so dass sie cool aussahen. Ich, weiß: heut sehen die teilweise nicht mehr ganz so cool aus…
Wenn man denn unbedingt, ein Netzhemd oder ein Muskelshirt tragen will, dann sollte man schon einen entsprechenden Body haben, weil es sonst einfach nur richtig kacke aussieht. Toleranz hin, Individualität her.

Karnstein
Autor

Ein Punkt mehr bei dem ich mit meinen 64kg leichten 180cm wohl voll ins Clichee falle – von naturgemäß nur sehr mäßig vorhandener Hautfarbe mal ganz zu schweigen…

Ich würde das Phänomen wirklich gerne darauf zurückführen, dass der Goth als solcher seine Persönlichkeit eher durch seinen Geist definiert und ausdrückt als durch seine Körperlichkeit – das würde dann aber schon ein Stück weit all dem Aufbrezeln und Schminken widersprechen, dass auch mir so einen Heidenspaß macht.

Und wenn ich so zurückdenke an die Zeit, in der ich sportlich noch so richtig aktiv war (Taekwondo, Taichi, Kali)… damals habe ich auch irgendwie noch eher Metal und dergleichen gehört…
Muskulös war ich durch den Sport allerdings nie, das war ich nur mal in meiner Zeit als Altenpfleger so HALBWEGS…

Hm, vermutlich ist’s Veranlagung…
Das für diese Art von Körperbau (und die Zufriedenheit damit) zuständige Gen ist bestimmt an das gekoppelt, dass mich in meiner Kindheit dazu gebracht hat Graf Duckula zu lieben und in meiner Metalzeit dazu ganz und gar unmaskulin Röcke zu tragen :)

Death Disco
Gast
Death Disco

Szene? Ach bitte. Dieser degenerierte Haufen von heute bildet für mich keine Szene. Sport kommt bei diesen Leuten deshalb nicht an, weil er allgemein nicht ankommt. Ich kann nicht behaupten, dass es unter heutigen „Schwarzen“ mehr korpulente oder drahtige Personen gibt als außerhalb dieses „Konstrukts“. Dieser bemitleidenswerte Haufen ist doch auch nicht mehr als ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und die hatte sich in jüngerer Zeit eben den Weg zwischen Mager- und Fresssucht geebnet.

Die Mädels waren zu Gothic-Hochzeiten (anno ’82-’96) selten so korpulent wie heute. Der Trend hin zu übergewichtigen Burgweibchen kam erst in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren auf, demnach also im Zusammenhang mit allgemein gesellschaftlichen Veränderungen im Zeitalter der Fast-Food-Generation.

— „Das wird wohl bei dem, was man wirk­lich dem Gothic zuschrei­ben kann, auch der Fall sein.“ —

Das, was man wirklich dem Goth zuordnen konnte, war punk-lastig – das Umfeld eben, aus dem auch die ganzen Idole der Goth-Bewegung kamen. Musik für Halbstarke. Und so sahen die ersten Goths auch aus. Wie halbstarke Punks in Schwarz.

Steffi
Redakteur

Hmmm ich sehe da eher eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung … Über- wie Untergewichtige sind in den letzten 10-15 Jahren rapide angestiegen … ich kann mich zumindest nicht daran erinnern das es in meiner Jugend XS oder 2-5XXL gab. Somit hat die Industrie reagiert und entsprechende Über- und Untergrößen herausgebracht, wie auch in der schwarzen Szene … in der es so wie ich finde recht „lecker (Muskel)Männer“ gibt: Alex von Eisbrecher, Till von Rammstein, Mart von Stahlmann oder auch Ronan Harris, Ardor vom Venushügel usw. Ob nun Muskelpaket oder dünner Vertreter … im klassichen Muskelshirt sieht man wirklich selten Vertreter der schwarzen Gemeinde ;)

Steffi
Redakteur

Die Indus­trie bzw. der Staat sollte lie­ber ander­wei­tig rea­gie­ren und bei­spiels­weise den Indus­trie­zu­cker ein­däm­men…
Da hast Du vollkommen Recht … nicht umsonst darf Stevia hierzulande nur als „Zier-“ und nicht als Nutzpflanze verkauft werden und sobald der Nachwuchs nach der Muttermilch Nahrung zu sich nehmen kann sollten Eltern die nicht Lebensmittelchemie studiert haben, sich zumindest ganz intensiv mit den Zusätzen in Gläschen und Co. beschäftigen … leider tun das die Wenigsten.

Robert
Webmaster

„Der Selbstbetrug liegt zum Greife nahe…“ Auch ich ertappe mich immer wieder dabei, mich, meinen Körper und meine äußere Erscheinung zu formen, nicht mit Gewichten in der Gymnastikhalle, sondern eher durch Verzicht. Wie dem auch sein, ich messe mich dabei an mir selbst und argumentiere gerne, „Ich muss mich eben wohlfühlen!“ Das stimmt auch oberflächlich, doch hinterfragt man diese Aussage, so stößt man auf Störungen der Harmonie. Wer bestimmt denn, worin ich mich wohlfühle? Was prägt den mein ideales Selbstbild?

Sicher, starkes Übergewicht schränkt deutlich ein, das kann keiner abstreiten und hier kann meiner Meinung nach nicht unbedingt von „Wohlfühlen“ gesprochen werden. Gleiches gilt natürlich für die Gegenbewegung, der extrem Untergewichtigen, die ebenfalls gesundheitlich unter ihrem Zustand leiden. Leider führen verzerrte Selbstwahrnehmung zum Übertünchen Körpereigener Signale.

Kommen wir wieder zum Ausgangspunkt der Fragestellung, Körperkult? Warum fühle ich mich mit 5 kg mehr auf den Rippen unwohler? Gesundheitliche Einschränkungen konnte ich nicht feststellen, auch sonst hinderte mich nichts daran, alles so zu lassen wie es ist. Warum fühlte ich mich also unwohl?

Ich vermute, das eigene Selbstbild prägt sich aus einer Reihe von Eindrücken und dem ästhetischen Empfinden, das in Erziehung, Weltanschauung und Entwicklung begründet ist – grob gesagt. Ich sehe daran auch nichts schlimmes, immerhin folge ich vermeintlich und von außen Objektiv betrachtetem „gesunden“ Maß aus Selbstwertgefühl. Ich fühle mich eben so wohl.

Doch muss ich diese Ansicht einem latent untertrainiert, dünnen, muskelbepackten oder magersüchtigen nicht auch auch zugestehen? Ich versuche es, wenn mir erlaubt ist, einen solchen Zustand als für mich nicht ästhetisch zu empfinden.

unkraut
Gast
unkraut

Guldhan:
Du schriebst: „Beläs­tigt man einen star­ken Trin­ker mit der These, dass er sich damit selbst zer­stört, so ist das gesell­schaft­lich legi­tim. Maß­re­gelt man einen Rau­cher, so ist das sogar staat­lich geför­dert. Bei Mager­süch­ti­gen besteht eine medi­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit. Doch erwähnt man gegen­über einem wirk­lich zu schwe­ren Men­schen, dass die­ser sich damit kei­nen Gefal­len tut, schon ver­letzt man des­sen Würde.“

Es kommt drauf an wie man das demjenigen sagt. Zudem: fast jeder Dicke weiß, dass er zu Dick ist.
Jeder hat seine eigenen Hintergründe warum das so ist, und man wird nunmal auch nicht schlanker, indem man von allen Seiten gesagt wird „wie fett man ist“ (und das ist noch die netteste Formulierung, die man an den Kopf geworfen kriegt).

Betrachtet man aber mal die anderen Sachen:
Innerhalb der Gesellschaft ist Rauchen und Alkohol durchaus anerkannt, bei manchen gilt man glatt als Spaßbremse wenn man Alkoholabstinent ist, so wie ein gewisser Druck dahinter stehen kann wenn man mit Rauchern unterwegs ist, dem zu widerstehen. Den „coolness-Faktor“ hat letzteres immernoch nicht verlohren.
So wie man heutzutage fast nie zu schlank sein kann, „Normalgewicht“ (also bis BMI von 25) ist für viele schon zu „dick“.
Und soweit ich weiß ist ein BMI von 17-18 deutlich ungesünder als ein BMI von 27 oder gar 30. Nur wenn halb Deutschland einen BMI über 25 hat, wird von grausigem Übergewicht berichtet, da gibt es tatsächlich Leute die sich mit nem BMI von 26 sorgen um ihre Gesundheit machen, weil sie minimales Übergewicht haben.

(Anmerkung: ich weiß durchaus dass der BMI eigentlich eine sehr willkührliche Maßeinheit für Körperfett ist)

Zumindestens ist das alles nicht so einfach, weil über alles anders geurteilt wird, und der Zucker & Fastfoodkonsum ist ganz bestimmt nicht der einzige Grund für aktuelle Entwicklungen. Meistens wird auf Ernährung und Bewegung geachtet, vergessen werden durchaus soziologische bzw psychische Faktoren. Erziehung, Zerfall von sozialen Strukturen, Körpergefühl usw.
So gesehen eigentlich das gleiche wie bei anderen „Essstörungen“.

(sorry, dass es so ausführlich wurd bzw. mit dem Hauptblogeintrag nicht wirklich was zu tun hat ^^)

Sylvia_Plath
Gast
Sylvia_Plath

Zum Body Mass Index: Eine Alternative zum Bmi ist die Messung des Körperfettanteils mittels einer Körperfettzange oder mit einem Maßband an bestimmten Stellen des Körpers.

Zweites Anliegen: Warum sollten sich Dark Wave Musik und ein fittes Äußeres ausschließen? Ich kann mir doch weiterhin verträumte romantische Musik anhören und daneben zu schweißtreibender Musik mein Äußeres formen. Das Eine schließt das Andere doch nicht aus. ;)

Le_lys_noire
Gast
Le_lys_noire

Ich tendiere auch zu Guldhans Meinung. Die Norm der Gesellschaft widerspricht in höchstem Maße dem Ist-Zustand und verwirrt darüber hinaus aus die eigentliche Frage nach dem persönlichen Wohlfühlen bzw. Empfindens. Wie das alles in die Gruftis passt bleibt vermutlich im Dunkeln.
Ein Aspekt der mir dabei noch einfällt ist quasi Unsportlichkeit als Rebellion. Ich denke da an die Wurzeln des Punk, die sowieso gegen sämtliche Mainstream Sachen waren und konträr dazu an den Gymnastikhype der 80’er Jahre. Also jetzt mal flapsig formuliert. Kein Sport und Unangepasstsein an allgemeine Ideale ist ja auch wieder in irgendeiner Form ein Statement. Die Bewertung darüber bleibt natürlich strittig. Aber vermutlich hilft uns dabei eine große Portion Ignoranz und Arroganz darüber hinweg!

holly
Gast
holly

mal ein interessantes thema, was mich persönlich sehr betrifft. früher war ich auch kategorie dürr (in der schlimmsten zeit >50kg auf 183cm körpergröße, danke stoffwechsel). damals hat man kommentare wie „du siehst aus wie eine leiche“ als kompliment gesehn. war das doch die ultimative todesästhetik, denn leichen sind nun mal zumeist haut und knochen.
heute frisst man sich eher zu tode in unseren breitengraden, vielleicht sind deshalb die letzten jahre auch bei uns die fettleibigen deutlich mehr ins bild gerückt.

heute verbring ich meine zeit anstatt traurig und allein lieber mit sport. 3-5 mal die woche im verein und der kletterhalle. mach eine ausbildung zum sport-instruktor und versuch die leute zu motivieren ihren arsch hoch zu kriegen. nichts schadet den leuten in der szene mehr als der körperliche verfall, der sich dann auf die psyche ausbreitet. oder ist es die kaputte psyche die sich dann am körper auslässt?

sportliche betätigung fördert nicht nur das körperliche wohlbefinden, sondern auch das geistige. es ist kein zufall das sich depressive und co in der szene tummeln, weil man dort untereinander ist und sich gegenseitig mit dem „alles ist scheiße“ gedanken bestärkt, anstatt die probleme an der wurzel zu bekämpfen.

um zum thema muskelshirts zurückzukommen. ja, seit ich sport mache trage ich gerne körperbetontere kleidung inkl. muskelshirts und fühle mich wohl. gerade im sommer wenns heiß ist, ist es wirklich angenehm das die arme luftig sind. wenn ich wiederum dünne ärmchen aus „muskelshirts“ herausragen sehe, dann muss ich immer etwas lachen.

wenn man wirklich musik hören möchte beim sport treiben, dann braucht man wirklich härtere richtungen um sich zu pushen und weiterzutreiben. allerdings brauche ich persönlich gar keine musik dazu und konzentriere mich lieber auf das was ich gerade mache.