Doku: New Model Army – Galionsfiguren des Independent werden auch 40 Jahre alt

Auch die New Model Army, die englische Verkörperung des Genre Independent, wird 40 Jahre alt. Der WDR Rockpalast zeigt anlässlich des Band-Jubiläums die Dokumentation „From Here – 40 Jahre New Model Army“ von Oliver Schwabe und beleuchtet auf angenehm zurückhaltende Art die Geschichte der Band um Frontmann Justin Sullivan. Eine Band, die nie erfolgreich sein wollte und ihre Chartplatzierungen wohl eher als Ausrutscher sieht.

Die nach Oliver Cromwells republikanischer Revolutionsarmee benannte Band New Model Army komponierten Hymnen, die tief in die DNA eines alternativen Publikums eingedrungen sind und einen Band-Kult kreiert haben, der die Band auf den Zenit eines ganzen Musik-Genres erhebt. Independent. Musik, so sagt das Lexikon, die unabhängig vom Zeitgeist neue und eigenwillige künstlerische Wege beschreitet. 1985 räumten die Briten mit dem Vorurteil auf, Independent funktioniere nur auf kleinen und eigenen Labels, denn auch beim Major-Label EMI blieben sie ihrer Musik und ihren Ansichten treu.

Im Radio werden sie vielfach ignoriert, der Mainstream fließt an ihnen vorbei. Sich von dem introvertierten Sullivan erzählen lassen, was Gerechtigkeit ist? „Rache“ als Album-Titel? Das war vielen Konservativen Medien dann doch ein bisschen zu heikel. „Die USA verweigern New Model Army sogar ein Arbeits-Visum wegen „mangelndem künstlerischen Potential“. Ihr könnt Euch denken, welchen Song die Briten daraufhin veröffentlichten.

Mir begegnete die Band tatsächlich zunächst über ihre erfolgreichsten Stücke, die während meiner Jugendfreizeiten in Norwegen und Jugoslawien zwischen 1986 und 1990 zu meiner melancholischen Früherziehung beigetragen haben. Neben „Music for the Masses“ gehörten die Alben „Thunder and Consolation“ und „Impurity“ zu den durchgerocktesten CDs in meiner Sammlung. Ich glaube „Thunder and Consolation“ habe ich mir 3-mal gekauft. Die erste habe ich verliehen und nie wieder zurückbekommen und die Zweite habe ich im Autoradio vergessen, als mein erstes Auto, einen VW Derby, nach Bayern verkauft habe.

New Model Army wollten zwar von ihrer Musik leben, aber nie erfolgreich sein. Dass ihre Mischung aus Rock, Folk und keltischen Balladen immer noch Bestand hat, ist wohl dieser Tatsache geschuldet. Von ihren Fans wegen ihrer Beständigkeit und Unangepasstheit auf teils absurde Weise verehrt. Das Zitat von Justin Sullivan auf der Seite des WDR bringt es auf den Punkt:

Wir waren kurz davor, eine richtig große Band zu werden. Aber wir sind es nie geworden. Einfach, weil wir nicht wollten. Die Leute fragen immer, was da schiefgelaufen sei. Und ich kann nur sagen: „Ich finde eher, dass wir vieles richtig gemacht haben.“ In dem Sinne, dass wir immer noch hier sind. Wir können machen, was wir wollen, wann wir wollen, wie wir wollen. Besser kann es gar nicht sein. OK, wir hätten mehr Alben und Konzert-Tickets verkaufen können, na und? Das macht doch keinen Unterschied.  Justin Sullivan

 

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Tanzfledermaus
Tanzfledermaus (@guest_59656)
Vor 7 Monate

Eine meiner liebsten Bands, auch bereits live erlebt.
Der Song „no rest for the wicked“ beschert mir immer noch regelmäßig Gänsehaut und zuckende Tanzbeine (die Albumversion, auf der Justin zu Beginn des Songs spricht – nicht diese „amputierte“ Version, die ohne diese „Einleitung“ startet). Weitere Favouriten: „I love the world“, „white coats“, „notice me“, „purity“, „51st state“, the charge“, „vagabonds“ und von den ruhigeren Stücken „familiy life“, „before I get old“ und „ballad of bodmin pill“

Letzte Bearbeitung Vor 7 Monate von Tanzfledermaus
Stefan Kubon
Stefan Kubon (@stefan)
Vor 7 Monate

Danke Robert, dass du NMA mit diesem schönen Text auf Spontis ein Denkmal geschaffen hast. Da fühle ich mich auf deiner Homepage gleich noch mehr zuhause, als ich es ohnehin schon tue.

NMA ist seit den 80er Jahren neben The Mission meine absolute Lieblingsband.
Keine andere Band habe ich so oft live erlebt wie NMA. Für mich ist NMA definitiv eine Kultband. Als ich die Band vor über 30 Jahren für mich entdeckt habe, war das für mich eindeutig ein Erweckungserlebnis.  

Robert, du hast das ja sehr schön beschrieben: Seit 40 Jahren macht NMA ihr eigenes Ding – und schert sich um den Zeitgeist einen Dreck. Das ist wirklich beachtlich!

 Tanzfledermaus: Das mit den Lieblingssongs wechselt bei mir immer wieder.
Besonders herausragend finde ich sicherlich „Wonderful Way To Go“. Der unglaublich wild pulsierende Bass ist besonders live der absolute Hammer. In der Tat gibt es aber auch unbeschreiblich schöne bedächtige Lieder, zum Beispiel „Living In The Rose“.  

Womöglich bin ich tatsächlich einer dieser verrückten NMA-Fans, die Robert in seinem Text erwähnt (grins):  

Hier ein Konzertbericht:  

http://magazin.amboss-mag.de/new-model-army-gegen-den-wahnsinn-der-welt/

Und die letzten beiden Longplayer sind einfach großartig:

http://magazin.amboss-mag.de/new-model-army-winter-independent-rock/

http://magazin.amboss-mag.de/new-model-army-from-here-independent-rock/

Grüße von Stefan 

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus (@guest_59659)
Vor 7 Monate

Bin leider erst jetzt zum Schauen der Doku gekommen. Ich finde sie sehr gelungen!

Wiener Blut
Wiener Blut (@guest_59660)
Vor 7 Monate

Ein kleiner Ersatz für das im Hyde Park ausgefallene Konzert 2020. Danke für den Tipp. Besser als das Standart Feiertags TV Programm allemal. Schöne Feiertage und bleibt gesund

123ichwardabeieiei
123ichwardabeieiei (@guest_59663)
Vor 6 Monate

1990 (oder war es 91???) hab ich die New Model Army zusammen mit den Fields of the Nephilim in Ludwixhafen in der Eberthalle gesehen. Das war eigentlich neben Motörhead, Exploited und Ministry eines der besten Konzerte auf denen ich war. Das Konzert war einfach genial und wir waren uns auf der Rückfahrt alle nicht so ganz einig, ob die Fields nicht eigentlich der bessere Headliner gewesen wären. Ich konnte zu der Zeit wegen einer Fußverletzung nicht gut stehen und war deswegen etwas angepisst ganz hinten auf einer niedrigen Tribüne gesessen. Die Bühne konnte ich gut sehen, aber alles nur sehr klein. Sullivan und dieser geniale Geiger, den sie bei der Tour dabei hatten sind dann bei einem Lied gleichzeitig rechts und links von der Bühne gesprungen, an der Seite durch die Halle nach bis ganz nach hinten gerannt. Hier haben sie sich in der Mitte wieder getroffen und haben das Lied direkt vor dem Platz auf dem ich gesessen habe zu Ende gerockt. Heutzutage schaut man sich ja die Leute im Internet an, wenn man wissen will, wie die da vorne auf der Bühne denn so aussehen, aber damals ging das ja bekanntlich noch nicht, deshalb war ich für diese „kleine Showeinlage“ sehr dankbar :-)

Bei Nephilim war es da hinten wo ich gesessen habe eigentlich gar nicht so schlecht, die hat man vor lauter Nebel sowieso nur schemenhaft erkennen können, aber die Lightshow kam extrem gut, wie das so auf den Nebel projiziert worden ist. Nephilim habe ich dann in Oberhausen beim New-Waves-Day nochmal gesehen. Waren immer noch gut, aber ich habe den vielen Nebel etwas vermisst. Naja, man muss ja auch an die Umwelt denken. Es war dort dann auch etwas komisch, die „tranqilizeden“ Nephilim zu sehen, nachdem vorher die Damned so dermassen losgelegt hatten. Wir sind dann auch früher gegangen, weil wir noch 3 Stunden Heimfahrt hatten, aber die Nephilim stehen in jedem Fall nochmal auf der 2do-Liste!

In Karlsruhe bei „Das Fest“ ca. 1998/99 habe ich die New Model Armys dann auch nochmal gesehen, da war die Luft bei der Combo aber scheinbar ziemlich raus, zumindest habe ich das so empfunden. Naja, war ja umsonst & draussen, deshalb wars trotzdem gut! 2013 habe ich dann nochmal Sullivan in Blackpool auf der Almost Acoustic gesehen. Das Konzert donnerstagabends haben wir uns damals aber leider nicht gegönnt, weil wir erst Donnerstags angekommen sind und total platt von der Fahrt waren.

New Model Army – einfach gut. Höre ich auch immer mal wieder gerne von der Konserve, so alle paar Jahre.

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus (@guest_59664)
Antwort an  123ichwardabeieiei
Vor 6 Monate

Im Herbst 1990 war ich kleine Schülerin damals absolut untröstlich…. New Model Army und Fields of the Nephilim sollten gemeinsam in Berlin spielen. Ich war gerade über die Herbstferien bei meinem Vater in Berlin, musste aber am Wochenende vor dem Konzert (das Montag stattfinden sollte) wieder zurückfahren, weil die Ferien endeten. Meine Eltern erlaubten natürlich nicht, dass ich zwei Tage in der Schule fehle, um zum Konzert gehen zu können :-(

Die Fields hab ich dann 1992 oder 1993 beim Zillo Festival in Potsdam gesehen, aber da fingen sie schon an, metal-lastiger zu werden und es war kein Vergleich zur Earth-Inferno-Tour, die ich wenigstens auf Video hatte.

New Model Army hab ich dann erst 2006 oder 2007 live sehen können. Da war ich auch ein bisschen enttäuscht, weil wenig von meinen Lieblingsalben gespielt wurde und mich die neueren Songs nicht so sehr mitreißen konnten… Schade dass es 1990 nicht geklappt hat, das wäre der Hammer gewesen…

Letzte Bearbeitung Vor 6 Monate von Tanzfledermaus
The Drowning Man
The Drowning Man (@guest_59665)
Vor 6 Monate

Habe mir gerade mal wieder nach langer Zeit wieder NMA zu Gemüte geführt…sehr grosse Band..und die Lyrics..und die Lyrics! Zeitlose Relevanz! Bei einigen Bands der 80s denke ich sowieso das manches im textlichen Kontext heutzutage noch viel relevanter ist als dazumals (Killing Joke wäre auch so ein Beispiel..ein bisschen anders gelagert als New Model Army). Aber manche Leute faseln dann ständig was von „Oldschool“..ne also wirklich!

Bibi Blue
Bibi Blue (@biljana)
Vor 6 Monate

Vielen Dank für diesen würdigenden Text und den Hinweis auf die Doku. Ich stöbere selber selten in Mediatheken mit Ausnahme von ARTE, hätte sie also sonst wahrscheinlich verpasst. Ich finde es immer wieder gut, mehr von dem Kontext, der Entstehung und Entwicklung von Bands zu erfahren, am besten von den Gründern selber und Personen, die starken Einfluss dabei hatten. Justin Sullivan und Joolz Denby wirken so authentisch, so ehrlich, intelligent, und so poetisch. Justin spricht mir hiermit aus der Seele:

„Früher hieß es, wie spielen Protestsongs. Dachten wir damals, dass diese Lieder etwas verändern würden? Nein! Aber diese Lieder geben den Menschen eine Stimme. Musik kann dazu führen, sich nicht alleine zu fühlen, sich stark zu fühlen. Musik ist unglaublich wichtig für Menschen und ihre Selbstvergewisserung. Und es ist fast so, als ob Musik einem die Welt erklärt! Sie erklärt Dir, wie Du Dich fühlst. Es macht deutlich, was Dir Worte niemals erklären könnten.“

Im Original finde ich es noch intensiver (ich hoffe ich habe es einigermaßen richtig transkribiert, ungefähr ab Minute 49, als er über das Zeitalter der Konsequenzen spricht):

„Even when we started we were singing sort of what some people would call protest songs. Did we think that these songs would change everything? Not. But it gives a voice to people. You hear a piece of music that expresses this, and it makes you feel not alone, it makes you feel strong. You know. Music is incredibly important for people’s kind of sense of themselves. And it’s almost as if that explains the world, you know, explains the way you feel, it’s that. That defines it the way words never can.”

Letzte Bearbeitung Vor 6 Monate von Bibi Blue

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