WGT 2026 Bands – Erste Eindrücke zwischen Nostalgie und heißem Scheiß

Kaum kriechen die ersten Frühlingsgefühle aus ihren Löchern, steht für uns das wichtigste Ritual des Jahres an: Das kollektive Exhumieren der Bandbestätigungen für das Wave-Gotik-Treffen 2026. Während die einen noch ihre Samtröcke entstauben und die anderen über die „gute alte Zeit“ philosophieren, habe ich mich bereits mit der digitalen Schaufel bewaffnet und das bisherige Line-up sondiert und den ersten Beitrag zu unserer Serie „WGT 2026 Bands“ verfasst.

Zwischen nostalgischen Begegnungen der dritten Art, einer Prise „Einsturzgefahr“ und dem obligatorischen Suchen nach dem nächsten heißen Scheiß, hat das WGT 2026 schon jetzt einiges zu bieten, das für reichlich Diskussionsstoff im Kaminzimmer der schwarzen Szene sorgt. Da die Liste der Bestätigungen erfahrungsgemäß wächst wie Efeu an einer Kirchenruine, ist das hier erst der Auftakt – mein erster Streifzug durch die musikalische Wundertüte, die uns zu Pfingsten in Leipzig erwartet.

WGT 2026 Bands: Nostalgie mit Kim Wilde

Wer in den 80ern aufgewachsen oder erwachsen geworden ist, kam an Liedern von Kim Wilde nicht vorbei. Die Bravo präsentierte sie uns 4 Jahre in Folge als beste Sängerin und auch im Radio war ständig ein neuer Hit von ihr zu hören. Doch mit dem Ende der 80er und dem Ende meiner Kindheit verschwand auch Kim Wilde aus meiner Wahrnehmung. Klar, schließlich war ich jetzt deutlich düsterer unterwegs. Und als Gothic, so war das damals, war alles, was Pop war, uncool. Eigentlich hatte ich sie seitdem schon vollständig aus dem Gedächtnis gestrichen, bis sie als Bandankündigung beim WGT für Stirnrunzeln sorgte. Kim Wilde auf einem der wichtigsten Gothic-Treffen der Welt? Wie passt das zusammen?

Für Nostalgiker wie mich, wäre es sicher eine interessante Erfahrung, die eigene Vergangenheit auch mal live zu sehen, doch von Szenemusik ist das, was die Britin seit Jahren so herausbringt, weit entfernt. Nehmen wir vielleicht den Song Cambodia, dem ich noch so ein bisschen was Melancholisches entlocken könnte, geht es doch in dem Synthiepop-Song um einen depressiven Soldaten, der das Trauma des Kriegs in Kambodscha bewältigen muss. Aber gut, bleiben wir fair. Alphaville hat auch schon zweimal beim WGT gespielt und auch bei anderen Festivals scheint Nostalgie gut zu funktionieren. Und überhaupt, Unheilig waren vor ihrem Aufstieg in den Schlager-Olymp auch 5 mal beim Wave-Gotik-Treffen. Ich gucke mir die Britin jedenfalls an und singe heimlich mit ;)

Sag niemals nie, Anja

Geschafft! Anja Huwe, das letzte noch aktive Mitglied der Formation Xmal Deutschland, die den Gothic-Sound der frühen 80er mitgeprägt hat, ist auf dem Wave-Gotik-Treffen! Noch vor einem Jahr konnte sie sich das in unserem Interview, das wir mit ihr führen durften, nicht vorstellen: „Ich spiele nicht auf den kommerziellen Gothic-Festivals. Ich werde jedes Jahr gefragt und ich habe nichts gegen die Szene, aber ich habe was gegen diese Hardcore-Vermarktung.“ Das lässt eigentlich nur 2 wichtige Schlussfolgerungen zu, die wir nicht unerwähnt lassen möchten. Erstens: Das Wave-Gotik-Treffen gehört nicht zu den kommerziellen Festivals. Offiziell bestätigt durch die Grand Dame des deutschen Gothics. Zweitens: Das WGT besticht durch seine Hartnäckigkeit und hat jetzt Anja Huwe um den Finger gewickelt. Eine schöne Entwicklung, wie ich finde.

Allerdings dürfte auch Anja Huwe auf der Nostalgie-Welle surfen, die Kim Wilde bereits eindrucksvoll bestritten hat. Zugegeben, es fühlt sich richtiger an, Anja Huwe auf der WGT-Bühne zu sehen als Kim Wilde. Jedenfalls für mich.

Einstürzende Neubauten

Wo wir von Nostalgie sprechen, dürfen wir Blixa Bargeld und die Einstürzenden Neubauten nicht außen vor lassen, die sich auf dem WGT 2026 ebenfalls präsentieren können. Hier fällt mir allerdings die Einordnung etwas schwerer, als bei anderen Bands, denn trotz des lodernden Respekts, den dieser Name im Kamin der Aufmerksamkeit entzündet, konnte ich den Neubauten nicht wirklich was abgewinnen. Abgesehen von ihrem Kracher „Yü-gung (Fütter mein Ego)„, der seit Jahrzehnten die dunklen Tanzflächen beschallt und wohl unter EBM eingeordnet werden könnte, kenne ich mich nicht wirklich in ihrem Katalog aus.

Heißer Scheiß…

Neben den Namen in den Bandankündigungen, die man „von früher“ kennt, ist es ja so ein Ritual, sich durch die übrigen Bandankündigungen des WGT zu wühlen, von denen ich seit Jahren immer nur die Hälfte kenne. Man scheint verstanden zu haben, bekannte Bands, Legenden und angesagte Newcomer gleichberechtigt nebeneinander zu präsentieren. Auch ich bin diesem Ritual anheimgefallen und habe mich aus den verschiedensten Gründen mehrfach durch die Ankündigungen gewühlt. Das Wechselbad zwischen Würgereiz und Begeisterung will ich euch nicht vorenthalten

Bashful Billy ist eine US-amerikanische Band aus den „Schatten New Englands„, die sich dem Sound des britischen Indie-Rock der 80er-Jahre verschrieben hat. Die klingen so ein wenig wie „The Smiths“, auch wenn Morrissey’s Stimme der unerreichte Zenit gesungener Indie-Pop-Melancholie bleibt.

Ich könnte jetzt nahtlos mit der Kölner Formation „Hinfort“ weitermachen, doch die hinterlassen weniger Fragezeichen, sondern spielen einfach soliden melancholischen Post-Punk, ohne dabei wirklich diskussionswürdig zu klingen. Das ist jetzt kein schlechtes Zeichen, sondern genau die Art von WGT-Beschallung, die eine anständige schwarze Szene verdient hat. Kommen wir lieber zu Karl Kave, einem NNDW-Minimalisten mit einer gewissen Andreas-Dorau-Attitüde, wo deutlich mehr Fragezeichen erscheinen. Obwohl sie nicht schweizerisch erscheinen, erinnert allein der Herkunftsnachweis an „Grauzone“, den einzig ernst genommenen 80er-Jahre-Export der Steueroase.

Es gibt 2026 tatsächlich noch Dinge aus den USA, die ich mag. Mica Eternal aus Los Angeles ist so eine Band, die ich auf den ersten Blick für einen Poser gehalten habe, weil er sich ja unbedingt auf der Ladefläche eines Leichenwagens mit irgendwelchen Ladies herumräkeln muss. Aber tatsächlich entwickelt der Song „Lonestar“ (wer hat jetzt noch ein Spaceballs-Referenz-Erlebnis?), wie auch seine anderen Werke, einen ganz eigenen Charme, dem ich mich nicht entziehen kann.

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass wir jetzt unsere eigene WGT-Band-Liste haben? Könnt ihr gerne mal bewundern. Ich habe keine Mühen gescheut, eine eigene Datenbank anzulegen, in der ich die WGT-Bands eintrage und sortieren kann. Ich hoffe, ich kann die Funktionalität noch erweitern, Feedback wird gerne gelesen.

Darüber hinaus drohe ich an, noch mehr Senf zu weiteren Bands zu verbreiten, ganz so wie es mir gefällt.

Robert

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Black Alice
Black Alice(@blackalice)
Vor 1 Monat

Kim Wilde? Echt jetzt?

Zuerst dachte ich: Nanu? :-)
Drei große Nummern aus den 80ern. Aber die Liste ist ja lang und wir bleiben ja in der real existierenden Jetztzeit. Aber ja, hört sie euch an, denn es ist ein Teil Musikgeschichte. Anja Huwe muss man nicht lange diskutieren. Einstürzende Neubauten sind eine Legende, die man noch anschauen muss solange sie noch leben. Und Kim Wilde? Naja, man konnte ganz gut zu ihren Songs tanzen, keine Frage. Gehörte aber definitiv nie zur dunkelschwarzen Seite. Aber man muss sie noch einmal gesehen haben, bevor sie endgültig in Rente geht, wenn man eh die Gelegenheit dazu hat.

Eldlilja
Eldlilja(@eldlilja)
Vor 1 Monat

Jaaa, Kim Wilde, mochte ich damals manchmal, ganz tanzbar, wie Black Alice schreibt, aber insgesamt ist es echt ein interessanter Ansatz, sie zum WGT einzuladen. Wenn sie mir nicht in andere Konzerte reingrätscht, ist es aber vielleicht einen Besuch wert.
Und ja, das Durchgraben durch die WGT Liste, jedes Jahr wieder eine sehr nerdige Angelegenheit: als Excel ausdrucken und dann die eigenen Kurzbewertungen eintragen. Dabei ist man dann schrägen Blicken der familiären Mitbewohner ausgesetzt ;-)
Karl Kave finde ich zum Beispiel echt passend, der hat schön schräge Texte zu schöner minimalistischer Musik, die mich echt erfreut! Ich möchte das mal gerne live erleben.
Die Idee einer Spontis-WGT-Liste finde ich ja gelungen. Muss ich allerdings noch reinschauen. Dann evtl. noch ein paar Worte dazu.
Und bitte, noch mehr Senf auf die ewig lange Künstlerwurst!!

Eldlilja
Eldlilja(@eldlilja)
Vor 1 Monat

Finde die WGT-Liste schon gut so. Vielleicht könnte man noch eine Kommentarfunktion für Leser zu den Bands einfügen? Könnte ja interessant sein, noch persönliche Eindrücke zu bekommen. Bzw. Artikel zu Bands vernetzen.

Martin N.
Martin N. (@guest_67894)
Vor 1 Monat

 Robert
Die Neubauten (und deren Umfeld) magst du vielleicht doch noch mal genauer recherchieren? Lohnt sich bestimmt!
Ebenso die Schweizer Szene der (frühen) 80er, Stichwort „Swiss Wave“.
Merci vielmal ;)
P.S.: Die WGT-Band-Liste finde ich sehr gelungen, aber kann eine Band nicht auch mehrere Genres abdecken? Das kommt so’n bißchen (alte deutsche Rechtschreibung :) ) sehr schubladig rüber…

Black Alice
Black Alice(@blackalice)
Antwort an  Martin N.
Vor 1 Monat

In der Schweiz gab es durchaus einige interessante Acts damals.

Stefan
Stefan(@stefanh)
Vor 5 Tagen

Schade, dass Bashful Billy nun doch nicht spielen 😌

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