OH MADONNA im Interview: Von Abgründen, katholischer Ästhetik und der Suche nach dem Echten

Was passiert, wenn Musik auf bildende Kunst trifft und beide Disziplinen sich weigern, Kompromisse einzugehen? Das Ergebnis ist OH MADONNA, ein Projekt, das weit über klassischen Dark-Pop hinausgeht. Hinter dem Namen stehen der Musiker*in und Produzent*in GEISTHA und die Künstlerin Nana, die in ihrer Zusammenarbeit eine audiovisuelle Welt erschaffen haben, in der Schönheit und Abgrund untrennbar miteinander verwoben sind.

In unserem Interview geben die beiden tiefe Einblicke in die DNA von OH MADONNA. Angefangen bei ihrer Begegnung in der Mannheimer Clubszene bis hin zur bewussten Entscheidung, Reibung und Spannung als kreativen Motor zu nutzen. Wir haben über die literarischen Einflüsse in Songs wie Rosemary gesprochen, über die Macht von sakraler Symbolik in Devotion und darüber, warum wahre künstlerische Freiheit oft dort beginnt, wo man sich die eigene Sexualisierung selbstbestimmt zurückholt.

Die Entstehung der Vision hinter OH MADONNA

Schön, dass ihr euch Zeit für das Interview genommen habt. Könntet ihr euch den Lesern kurz vorstellen?

GEISTHA: Wir wollen uns als Personen gar nicht so sehr in den Mittelpunkt stellen. Uns ist das Gefühl am wichtigsten, das die Songs und die Ästhetik der Band ausmacht – wir als Personen wollen darin aufgehen. Ich mache schon lange Musik und ich sehe mich selbst eher als eine Art Leinwand für das, was die Musik macht. Und finde es schön, dabei eine gewisse Uneindeutigkeit zu behalten. Musik war immer schon eine Art Schwerkraft für mich. Etwas, dem ich mich nie entziehen konnte. Etwas, das mich immer wieder zurückgeholt hat.

Nana: Natürlich kommen wir mit unterschiedlichen Perspektiven als Band zusammen. GEISTHA aus der Musik, ich aus der Kunst, aber am besten gehen die ineinander über. So nehme ich zum Beispiel die Erinnerung an den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, mit in die Band. Der dichte Nebel über dem See am Wald, diese unheimliche Atmosphäre treibt mich schon immer um. Ich mag es deshalb gerne, wenn Songs wabern und sich nicht entscheiden können, ob sie Form annehmen wollen.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

GEISTHA: Wir haben beide in einem Club in Mannheim gearbeitet. Wenn die Veranstaltung beginnt, haben die Leute, die nicht direkt im Betrieb arbeiten, nur noch wenig zu tun. Da hatten wir viel Zeit zum Totschlagen und haben schnell angefangen, über Filme und Musik zu reden. Dabei haben wir festgestellt, dass wir uns für sehr ähnliche Dinge interessieren – und das gilt bis heute.

Nana: Wir haben schnell gemerkt, dass wir auf sehr vielen Ebenen sehr gut zusammenarbeiten und uns gegenseitig voranbringen können. Ich war bei vielen Fotoshootings von GEISTHA dabei und habe die Art Direction bei den Videos übernommen. GEISTHA hat im Gegenzug bei meinen Kunstprojekten mitgewirkt.

GEISTHA: Bisher war es meistens so, dass entweder Nana für mich oder ich für Nana gearbeitet habe. Jetzt ist es das erste Mal, dass wir bei OH MADONNA an einer gemeinsamen Vision arbeiten. Wir haben beide sehr starke Meinungen und da war ein bisschen die Befürchtung, dass wir Entscheidungen ausdiskutieren müssen. Aber bisher läuft es überraschend gut.

„Wir fangen keinen Streit an – Kompromisse gibt es trotzdem nicht!“

OH MADONNA über kreative Reibung und Perfektionismus

Bei den meisten Bands mit zwei Personen war es so, dass sie auf der Arbeitsebene komplementär aufgestellt waren. Trifft das bei euch ebenfalls zu?

GEISTHA: Arbeitsmäßig kann man das schon sagen… du schaust skeptisch?

Nana: Ich habe bisher nicht darüber nachgedacht, ob das so ist. Das kommt auf die Themen an. Wir haben auf jeden Fall unterschiedliche Eigenschaften, die wir in das Projekt einbringen. Manchmal sind wir auf eine Art komplementär, wie ich es nicht erwartet habe. Wo ich dachte, die Rollenverteilung ist andersrum. Die Person, die sagt, jetzt ist gut, wir haben es, lass uns weitermachen – da dachte ich, das bin eher ich. Irgendwie habe ich das nicht so krass. Und du bist, was total gut ist, immer sehr, sehr stark in deiner Vision.

GEISTHA: Ich bin seit vielen Jahren daran gewöhnt, alleine an der Musik zu arbeiten. Es ist schon sehr angenehm, nicht völlig in der eigenen Manie zu versinken und einen Austausch zu haben. Wenn es Momente gibt, in denen man zusammen hängenbleibt, ist doppelt so viel Kapazität vorhanden, um sich wieder rauszuholen.

Läuft das aufgrund eurer komplementären Arbeitsweise reibungslos oder müsst ihr eure Vision manchmal auskämpfen?

GEISTHA: Die Frage ist, was macht das mit dem Ergebnis? Es gibt zwei Ebenen: den Prozess und das Ergebnis. Wenn der Prozess einfach ist, ist das Ergebnis vielleicht ein wenig nichtssagend. Wenn das Ergebnis wirklich gut sein soll, braucht es eine gewisse Art von Reibung, von Spannung – die nicht da ist, wenn sich alle mit allem immer einig sind. Ich bin jemand, dem das Zwischenmenschliche im Prozess total wichtig ist. Gleichzeitig bin ich auch ein bisschen obsessiv mit dem Ergebnis. Für mich war es eine sehr harte Erkenntnis, dass sich diese beiden Dinge manchmal nicht vereinen lassen: Dass der Prozess auf die angenehmste Art und Weise stattfindet und gleichzeitig das beste Ergebnis dabei rauskommt.

Nana: Was nicht heißt, dass es immer ein Fight ist. Es gibt diese Songs, die sind einfach da. Da gibt es diesen Struggle nicht. Meistens läuft es anders. Oft gibt es diese Spannung, man kommt nicht weiter und dann braucht man eine Idee und muss sich an irgendwas reiben – und bekommt auf dem Weg manchmal etwas geschenkt.

Wenn eine Person sehr perfektionistisch ist und das auch von der anderen Person erwartet und diese es dann nicht ist, opfert ihr die Stimmung für das Ergebnis?

Nana: Das machen wir immer.

GEISTHA: Da sind wir beide zu ambitioniert mit dem Ergebnis.

Nana: Wir fangen keinen Streit an – Kompromisse gibt es trotzdem nicht!

Die inhaltliche Zusammenarbeit innerhalb von OH MADONNA

Wer ist bei euch für welchen Bereich innerhalb der Produktion zuständig?

GEISTHA: Songwriting und Produktion lassen sich bei dieser Art von elektronischer Musik nicht trennen. Wir beide sind durchgängig vor Ort und involviert. Berufsbedingt ist es so, dass das Mixen und die ganze Postproduktion in meiner Hand liegen. Die Lyrics schreiben wir zusammen.

Nana: Das ist etwas, was ich wirklich sehr genieße, weil wir da sehr unterschiedlich sind. Ich brauche immer eine Idee. Dann arbeite ich mit Zitaten und schichte die ineinander. Wir beide haben einen sehr intuitiven Zugang, du hast aber eine sehr hohe Priorität auf Soundästhetik in Bezug darauf, wie die Lyrics klingen sollen. Außerdem habe ich eine sehr klare Vorstellung davon, auf was für eine Art und Weise etwas gesagt werden soll und bin dann auch nicht so flexibel mit dem Austauschen von Worten, damit sie besser ins Klangbild passen. Wir müssen immer genau das Wort finden, was beides schafft.

GEISTHA: Du hast diese inhaltliche beziehungsweise literarische Perspektive darauf. Und ich habe eine sehr musikalische Perspektive auf die Lyrics. Ich suche immer nach der Hook, nach dem guten Klang. Was sich total gut ergänzt. So durchlaufen die Lyrics abwechselnd unsere Filter und am Schluss hat man das Kondensat.

Nana: Wir wissen nie so richtig, wer was geschrieben hat, weil das ein ständiges Hin und Her ist. Diese Dynamik passt sehr gut zu diesem Komplementärgedanken.

„Wenn das Ergebnis wirklich gut sein soll, braucht es eine gewisse Art von Reibung, von Spannung – die nicht da ist, wenn sich alle mit allem immer einig sind.“

KI und die Sehnsucht nach dem Echten

Ihr habt jetzt beim Verfassen der Lyrics ein wenig die technische Ebene beschrieben. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit auf der inhaltlichen Ebene?

GEISTHA: Ich empfinde mich selbst als Medium. Die Lyrics kommen zu mir und ich verstehe oft erst im Nachgang, manchmal Jahre später, was ich in dem Moment sagen wollte. Du bist eher Erzähler:in und hast eine klare Agenda, was da für dich drin steckt.

Nana: Was mir wichtig ist bei diesem Erzähler:innen-Begriff: Ich habe nie etwas, bei dem ich denke, ich will genau das erzählen. Mich lassen eher bestimmte Themen nicht mehr los. Dann wächst in mir das Bedürfnis, diese Themen auf eine Art und Weise zu ordnen, wie sie noch nie geordnet wurden oder mit Dingen zusammenzubringen, mit denen sie bisher noch nicht zusammengebracht wurden. Für mich ist das wie die Hand halten von Geschichten, die schon erzählt wurden und diese auf eine neue und andere Art und Weise weiterzuerzählen.

Wie steht ihr dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Musikproduktion gegenüber?

Nana: Das KI-Thema ist, so wie alles, ein Balance-Thema. Ob Musik möglichst gleichförmig für Algorithmen produziert oder vollständig KI-generiert wird – macht das einen Unterschied? Wenn dagegen jemand sehr innovativ mit KI arbeitet und das in den künstlerischen Prozess einbaut, dann ist das meiner Ansicht nach eine weitere technische Möglichkeit, mit der man Kunst machen kann.

GEISTHA: Das ist eine Frage, die du dir als Musik hörende Person stellen musst: Was ist dein Anspruch an Musik? Und vielleicht auch eine, die sich von selbst beantwortet – wenn du merkst, dass du auf einem Song total hängengeblieben bist und später merkst, der war KI-generiert…

Nana: Aktuell wechseln viele Künstler*innen von Spotify zu Apple. Ich denke, dass es nicht die Lösung ist, einfach zu einem anderen algorithmusgesteuerten Portal zu gehen, sondern zu dem, was eigentlich alle wollen – dass Musik etwas Echtes ist! Das heißt auch, dass die Leute sich damit auseinandersetzen müssen, was sie da hören. Wenn du nicht willst, dass Musik ein Konsumgut ist, dann sei kein*e Konsument*in. Sei jemand, der auf Konzerte geht, der etwas zurückgibt, mit den Leuten ins Gespräch kommt und sich mit dem Menschlichen in der Musik auseinandersetzt.

Die tiefere Symbolik hinter den Songs von OH MADONNA

Das entspricht ein wenig dem betriebswirtschaftlichen Konzept der Kundenbindung. Es gibt inzwischen zu viele Bands, also höre ich die, zu der ich einen persönlichen Bezug habe.

GEISTHA: Total. Wobei ich weiter differenzieren würde. Wenn der wirtschaftliche Aspekt wegfällt, wird aus Kundenbindung Communityarbeit. So kommt man wieder zu den Ursprüngen von dem, was Musik ist. Sie kommt von der Straße und ist das Sprachrohr der Menschen.

Ihr habt Stand heute bereits zwei Songs veröffentlicht. Handelt eure erste Single Touch von einer grenzüberschreitenden Berührung?

Nana: Ich habe ein sehr existentialistisches Weltbild oder Menschenbild. Für mich ist Freiheit unglaublich wichtig. Das heißt, für mich gibt es diese Grenzfragen nicht. Mich interessiert, Grenzen auszuloten. Eher Freiheit als Geschlossenheit zu priorisieren. In Touch geht es darum, von einem Gefühl, einem Ort, einer Situation oder vielleicht auch einer vergangenen Zeit, die man vielleicht gar nicht erlebt hat, berührt worden zu sein. So dass es sich super echt anfühlt. Aber man weiß gleichzeitig: Ich werde nie wieder dort sein. Ich werde das nie wieder berühren können.

Der zweite Song, den ihr veröffentlicht habt, war Rosemary. Der Titel und die Lyrics erinnern an den Film Rosemary’s Baby von Roman Polanski. Habt ihr euch von diesem inspirieren lassen?

Nana: Wir haben uns in dem Song mit vermeintlichen Held*innen beschäftigt. Da ist jetzt nicht nur Rosemary’s Baby drin. Da ist zum Beispiel auch The Hunger drin. Der Film mit David Bowie. Pansexual Vampires – mit einem Bauhaus Cameo.

Es geht um große Figuren, die, wie im Fall von Roman Polanski, eben auch gefallene Helden sind. Es geht darum, sich nicht einfach nur irgendwelche Vorbilder zu suchen und diesen nachzueifern, sondern dass man sich selbst kritisch hinterfragen sollte: Was zieht mich da an und wie gehe ich damit um, dass da gegebenenfalls auch Abgründe vorhanden sind?

GEISTHA: God is dead kann man auch als einen gefallenen Helden interpretieren.

Nana: Als einen gefallenen Helden und eine Rückbesinnung auf die eigene Kritikfähigkeit – und auch Pflicht!

Würdet ihr sagen, es geht ein wenig darum, dass man im Leben eine Person überhöht und irgendwann feststellt, dass es sich auch nur um einen normalen Menschen handelt? 

Nana: Im Fall von Roman Polanski handelt es sich um einen verurteilten Sexualstraftäter, der Minderjährige vergewaltigt hat. Da ist für mich klar, was der Take ist. Auf seine Biografie bezogen gibt es wenig Grauzone. Aber es gibt Figuren, da gibt es solche Grauzonen und man wird nie aus der Pflicht entlassen, sich genau anzuschauen, mit was man sich beschäftigt, was man toll findet und zitiert.

Im Song Devotion spielt ihr mit der Dualität von Hingabe und Sünde. Wann wird die Hingabe zur Sünde und wann nicht? Wann wirst du für die Sünde von Gott bestraft?

GEISTHA: In meiner Welt existiert das Konzept von Sünde nicht. Das ist etwas, womit dieser Song spielt. Ich mag den Gedanken, dass Leute den Song hören könnten und erstmal das Konzept Sünde als gegeben hinnehmen und dadurch eine ganze Ebene darin gar nicht wahrnehmen.

Für dich ist Sünde als Begrifflichkeit etwas, was man begeht und in der Folge von Gott bestraft wird? Oder kann die Sünde unabhängig von Gott existieren?

GEISTHA: Für mich ist der Kontext religiös geprägt. Keine Entität kann mir vorschreiben, was moralisch richtig oder falsch ist. Natürlich muss man über Moral reden und eine Haltung zu dem Thema entwickeln. Aus meiner Sicht ist Moral kein religiös oder vom gesellschaftlichen Mainstream geprägtes Konzept.

Deshalb ist Moral ein extrem fluider Begriff – und in der Folge auch Sünde als Verstoß dagegen. Ein Konzept, das neu definiert werden müsste, wenn man es als sinnvoll oder erstrebenswert integrieren will.

Nana: Den enthaltenen Spielaspekt empfinde ich als spannend. Ich bin sehr katholisch aufgewachsen. An dem Thema kann man sicherlich viel kritisieren, aber ich liebe, wie das alles aussieht.

Sakrale Ästhetik und Selbstbestimmung

Die Ästhetik?

Nana: Ich bin ein bisschen obsessiv mit der katholischen Ästhetik. Früher habe ich mit meiner Oma um 4.00 Uhr morgens lateinische Messen auf dem Berg besucht und habe kniend den Rosenkranz gebetet. Ich finde, man darf damit spielen, wenn es Teil der eigenen Kultur ist. Wer schreibt mir vor, dass ich damit nicht spielen darf? Mich interessieren die Machtdynamiken innerhalb des katholischen Glaubens. In welchen anderen Bereichen gibt es die gleichen oder ähnliche Machtdynamiken, die in diesem Kontext von der Kirche im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt werden. Dass wir damit in der schwarzen Szene das Rad nicht neu erfunden haben, ist uns schon klar.

GEISTHA: Ich finde, da ist gerade ein Riesenhype bezüglich der katholischen Ästhetik. Jede Modemarke verkauft gerade T-Shirts mit aufgedruckten Madonnenbildern. Unser Bandname „OH MADONNA“ ist auch popkultureller Zeitgeist. Generell geht der Zeitgeist dahin, Ästhetik zu nehmen und sie erstmal gar nicht zu hinterfragen, sondern einfach in den Raum zu werfen. Ich ziehe mir ein nices Cyber Sigilism-Madonna-T-Shirt an – Hauptsache es sieht cool aus!

„Sich diese Sexualisierung mit meinem Körper und meinem Gender zurückzuholen ist eine schöne Art von Ausdruck und Selbstbestimmung.“

Manche Bands arbeiten bei ihren Konzerten mit leicht bekleideten Tänzerinnen als Teil der Inszenierung. Wie blickt ihr auf die Sexualisierung der Szene durch solche visuellen Elemente?

GEISTHA: Das ist für uns als Band ein interessanter Punkt. Für uns als queere Personen ist es ein schöner Raum, den diese Szene erstmal aufmacht, um sich diese Sexualisierung selbstbestimmt zurückzuholen. Ich bin eine queere Person auf einer Bühne in einer Szene, die bereits einen hohen Anteil an Sexualisierung aufweist. Sich diese Sexualisierung mit meinem Körper und meinem Gender zurückzuholen ist eine schöne Art von Ausdruck und Selbstbestimmung.

Nana: Das würde ich unterschreiben. Ich gehe in Kunst sehr direkt, offen und explizit mit Nacktheit und meinem Körper um. Eine Bühne, auf der ich entscheide, die sicher ist, auf der ich bestimme, wer was wie sieht, hat was mit Freiheit zu tun für mich.

Wovon handelt der Song Heaven?

Nana: Heaven hat eine andere Perspektive, die aber mit etwas Ähnlichem umgeht wie Devotion. Für mich stellen die beiden Songs eine Geschichte dar, aber aus einer jeweils anderen Perspektive erzählt. Wo es auch um Macht geht, wer die Macht hat und dass diese auch sehr anziehend sein kann.

GEISTHA: Was Heaven als sehr starkes Konzept in sich trägt, ist der Gedanke, von jemandem mit in den Abgrund gerissen zu werden, jemanden in die Dunkelheit zu stürzen.

Nana: Zusammen in Abgründe gehen!

GEISTHA: Für mich gibt es diese enge Verbindung zu Devotion gar nicht so sehr. Es ist trotzdem ein interessantes Spannungsfeld. Devotion ist eine positive Exploration, während Heaven wirklich dieses sich gegenseitig oder von jemandem in den Abgrund gerissen werden darstellt.

Nana: Und dann oben wieder zusammen rauskommen. Als ob es für die Person in dem Moment das Schönste ist, was es geben kann, gemeinsam in diesen Abgrund zu gehen.

GEISTHA: Das wäre meine Interpretation. Der Abgrund ist schon buchstäblich der Abgrund. Das kann aber auch diese Anziehung sein, die einem nicht gut tut, aber einen verleitet, sich gemeinsam in den Abgrund zu stürzen.

Nana: Für mich hat es nicht so viel damit zu tun, ob man sich jetzt gut tut oder nicht, sondern ob man zusammen an Orte geht, wo man nicht hingehen darf.

GEISTHA: Für mich spiegelt das eine Art wider, wie ich die Welt sehe. Bei den meisten Dingen sehe ich es nicht so, dass das Gute und das Schlechte daran zwei unterschiedliche Eigenschaften sind. Ich finde, die meisten Dinge existieren einfach und je nach Kontext und was du damit machst, kann sowohl etwas Gutes sein als auch etwas Schlechtes sein.

Das gilt auch für Charaktereigenschaften. Ich habe das Gefühl, dass die großen Stärken in Menschen oft auch ihre größte Schwäche sein können und andersherum. Es ist eher eine Frage des Kontexts. 

Das ist ein Konzept, das sich in den Lyrics widerspiegelt.

Nana: Das ist auf jeden Fall etwas, was in Heaven enthalten ist.

Ist der Song Desire als direkte Fortführung von Heaven zu verstehen? Beschreibt ihr einen Schmerz, der über einen langen Zeitraum hinweg anhält und sich erst auflöst, wenn beide zusammen aus dem Abgrund heraustreten? 

GEISTHA: Für mich ist der Song ganz stark aus einem Gefühl heraus entstanden, das sowohl in der Musik steckt, als auch in den Lyrics. 

Die Lyrics wiederholen sich ja wahnsinnig oft, bevor sie sich das erste Mal verändern. Das war für mich total raw – einfach ein Gefühl, das rauskam.

Der Song löst sich nie auf, der löst sich inhaltlich nie auf, der löst sich musikalisch nie auf. Er hat schon einen Moment, in dem er sich entlädt, aber er geht auch wieder zurück zu dieser Uneindeutigkeit.

Ich hatte sehr stark das Bedürfnis, als Person, die diesen Song singt, diesen nächsten Schritt nie zu machen. Diese Unaufgelöstheit ist die Essenz von diesem Song.

Nana: Bei dem Song habe ich nicht das Gefühl, etwas Konkretes zu erzählen. Es geht darum, sich irgendwo reinzuwerfen und etwas Repetitives zu fühlen. 

GEISTHA: Es gibt ein intensives Element einer Suche.

Nana: Auf jeden Fall. Wir haben nicht konkret an andere Menschen gedacht, als wir den Song geschrieben haben. Aber an sich passt das schon. Er beinhaltet dieses Gefühl von etwas Repetitiven, was sich wiederholt und nicht auflöst.

1998 in die Szene eingestiegen. Die folgenden Jahre habe ich intensiv Veranstaltungen und Konzerte besucht. 2017 habe ich eine Familie gegründet - keine Musik, keine Veranstaltungen, keine Konzerte, keine Festivals, keine eigenen Gedanken. Jetzt kehre ich endlich wieder zurück vor die Bühne.

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