Dina Summer im Interview: Wir können es kaum erwarten, mit euch zu tanzen!

Seit dem 2022 erschienenen Debütalbum Rimini versetzt Dina Summer ihre Hörerschaft in auditives Verzücken. Stilistisch bewegt sich das Trio dabei irgendwo zwischen treibendem EBM, Italo-Disco-Schwelgerei und der kühlen Eleganz des Electroclash – und entzieht sich damit jeder sauberen Einordnung. Anfang 2025 erschien der Nachfolger Girls Gang, der vom Sonic Seducer mit dem Titel Album des Monats geadelt wurde. Wir haben die Gunst der Stunde genutzt und uns mit dem in Berlin beheimateten Trio Dina, Jakob und Max über Schubladendenken, düstere Kindheitsprägungen, Pfefferbäume sowie anstehende Auftritte und kommende Veröffentlichungen unterhalten:

Schön, dass ihr euch die Zeit genommen habt, unsere Fragen zu beantworten. Euer Publikum lässt sich zumindest teilweise der schwarzen Szene zuordnen. Gleichzeitig ist euer Stil vielleicht nicht ganz klassisch Gothic – oder vielleicht doch? Seht ihr euch als Teil der Szene?

Jakob: Ich persönlich sehe mich nicht wirklich als Teil einer bestimmten Szene. Dieses Schubladendenken widerspricht ein Stück weit meinem Naturell als Musiker. Es gibt einfach zu viele unterschiedliche Einflüsse aus verschiedensten Richtungen, die mich inspirieren.

Sicher kann man sagen, dass mich unter anderem die Techno-Szene stark geprägt hat. Darin steckt für mich eine gewisse Attitüde, die ihren Ursprung im Punk hat und sich später in unterschiedlichsten Formen wie EBM, Industrial, Post-Punk oder Electroclash weiterentwickelt hat.

In diesen Strömungen gibt es viele Elemente, die ich auch im Goth wiedererkenne. Insofern ist es nicht falsch, dass bei uns gewisse Referenzen zur Gothic-Szene erkennbar sind.

Ich finde solche Szenen, die über klare Codes funktionieren, auch spannend und bewundernswert. Es gibt definitiv Teile unseres künstlerischen Ausdrucks, die sich dort verorten lassen. Gleichzeitig würde es mir persönlich und uns als Individuen nicht gerecht werden, uns auf ein bestimmtes Szenemuster zu reduzieren.

Max: Ich habe mich schon immer mehreren Szenen angehörig gefühlt, weil ich ein sehr breites Spektrum an Interessen habe. Musikalisch habe ich mich nie auf ein Genre festgelegt. Meist war es die Energie eines Sounds oder ein Bauchgefühl, das entscheidet. Da gibt es definitiv viele Berührungspunkte mit der Gothic-Szene.

Ein großer Teil meines Freundeskreises würde sich selbst als Goth bezeichnen. Einige meiner Lieblingsacts haben diese Szene entscheidend geprägt. Dadurch entsteht automatisch eine gewisse Nähe. Gerade diese Mischung aus Düsternis, Emotionalität und Konsequenz im Ausdruck finde ich sehr inspirierend – ebenso wie die Haltung, die dahintersteht.

Trotzdem wird man mich vermutlich auch in Zukunft nicht in einer klassischen Goth-Uniform auf der Straße sehen. Ich war ehrlich gesagt nie besonders an Mode interessiert.

Dina: Ich habe mich schon als Kind zu allem hingezogen gefühlt, was düster ist. Angefangen mit Kinderbüchern wie Der kleine Vampir. In meiner frühen Teenagerzeit waren Horrorfilme und generell eher dunkle Filme und Serien angesagt – wie Beetlejuice, Addams Family, Freitag der 13. und alles mit Vampiren.

Die Jungs aus der Nachbarschaft haben damals allen Spitznamen gegeben – meiner war Draculina.

Musikalisch habe ich schon immer sehr viel Unterschiedliches gehört, aber ein großer Teil davon waren Bands wie The Cure, Depeche Mode und Sisters of Mercy. Die liefen damals viel auf MTV und wurden unter „Alternative“ zusammengefasst – da war es ganz normal, dass The Cure und Guns N’ Roses im selben Kosmos existiert haben.

Ich habe mich auch immer ein bisschen anders angezogen, oft mit alten 70er-Klamotten von meiner Mutter oder eher grungy. So richtig in die Goth-Szene bin ich erst in meinen späten Teenagerjahren eingetaucht. Mein Zimmer war voll mit Postern von Goth-Partys, Friedhöfen und seltsamen Albumcovern – darunter das Dead-Can-Dance-Grabstatuen-Cover von Within the Realm of a Dying Sun.

Mit 19 habe ich angefangen, aufzulegen, unter dem Namen Vamparela, den ich bis heute benutze. Goth-mäßig angezogen habe ich mich vor allem für Partys. Im Alltag war mir das meistens zu aufwendig, da war ich einfach „alternative“. In der Stadt, in der ich damals studiert habe, war ich der einzige Goth – obwohl eher ein Part-Time-Goth :)

Grundsätzlich würde ich sagen, dass mich diese düstere, mysteriöse Ästhetik und Musik bis heute total fasziniert – aber ich interessiere mich für zu viele verschiedene Dinge, Styles und Genres, um mich ausschließlich einer Szene zuzuordnen.

Ich finde es spannend, dass sich viele bereits in ihrer Kindheit zu eher düsteren Filmen, Serien oder Büchern hingezogen fühlten. Der kleine Vampir ist in unseren Interviews ein regelmäßiger Gast. Damals wäre er wahrscheinlich DER Szene-Influencer gewesen.

Dina: Ahaha ja, total – wenn man so will, war Der kleine Vampir wirklich so eine Art früher Einstieg in diese Welt. Schon verrückt, dass man davon begeistert war, lange bevor man überhaupt wusste, dass es so etwas wie eine „Szene“ gibt. Bei mir war das gar nicht bewusst „düster“, sondern einfach das, was mich intuitiv angezogen hat – diese Mischung aus Unheimlichem, Mystik und ein bisschen Humor.

Ich finde es auch spannend, dass sich das bei vielen durchzieht – dass diese Faszination schon in der Kindheit da ist und sich später musikalisch oder ästhetisch weiterentwickelt. Bei mir ging das dann eben von solchen Büchern zu Filmen und schließlich zur Musik.

Ich war eigentlich schon immer eher gegen den Strom und habe mich oft den Außenseitern nahe gefühlt. Ich glaube, viele haben das Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören. Ich hatte eher den Drang, mir meine eigene Welt zu bauen und andere daran teilhaben zu lassen – statt mich irgendwo reinzupressen.

Trotzdem hat sich das nie komplett exklusiv angefühlt. Es war eher ein Teil von vielen Einflüssen, die mich geprägt haben. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich mich heute nicht strikt einer Szene zuordne, sondern mich eher zwischen verschiedenen Welten bewege.

Ich bin Goth, aber auch Disco – und ehrlich gesagt mag ich unnötige Regeln überhaupt nicht. Es gibt sicher Puristen, die sagen, man ist entweder das eine oder das andere, aber ich gehe lieber meinen eigenen Weg und mache das, worauf ich Lust habe.

Andere ihren eigenen Weg gehen zu lassen – das war früher ein zentraler Gedanke innerhalb der Szene. Disco Goth – der Titel klingt recht provokant. Welche Idee verbirgt sich hinter diesem Song?

Dina: Dieser Song handelt davon, sich gesellschaftlichen Normen zu widersetzen. Es gibt überall ungeschriebene Regeln – kurioserweise gerade auch im Underground, was für mich keinen Sinn ergibt. Da heißt es oft: Entweder bist du Goth oder Disco. Aber ganz ehrlich: Warum nicht beides?

Mir ist klar, dass Menschen Zugehörigkeit suchen und sich deshalb in Szenen organisieren. Das ist völlig legitim, darf aber nicht auf Kosten unserer Individualität gehen. Schubladendenken bringt uns nicht weiter – wir müssen inklusiver sein.

Jeder sollte die absolute Freiheit haben, sich unzensiert auszudrücken. Wir haben nur dieses eine Leben und sollten unseren eigenen Weg gehen – ohne Angst vor Verurteilung oder dem Zwang, bestimmten Codes entsprechen zu müssen.

Ich bin schon immer gegen den Strom geschwommen – als Person, aber auch in der Musik. Als ich als DJ in einer der legendärsten Rockbars Thessalonikis anfing, habe ich in ein und demselben Set The Sisters of Mercy, Miss Kittin, The Hives, Pink Floyd und Madonna gemixt. Einige der anwesenden Puristen hat das richtig geärgert.

Genauso ist es bei Dina Summer: Wir ziehen unsere Einflüsse aus allem – von EBM über Electroclash bis hin zu Italo Disco. Unsere allerersten Coverversionen waren “Headhunter” von Front 242 und “Passion“ von The Flirts.

Von älteren Szene-Gängern durften wir uns anhören, dass das gerade in den 80ern ein absolutes No-Go war. Entweder oder, lautete die Devise. Für uns funktioniert dieses Schwarz-Weiß-Denken schlichtweg nicht.

Und diese Message gilt für alle Facetten des Lebens – wie Oscar Wilde sagte: „Be yourself; everyone else is already taken“.

Wenn man sich mit eurem Werdegang beschäftigt, fällt auf, dass ihr bereits einiges an Erfahrung im Musikbusiness gesammelt habt. Als Musiker, DJ oder im Musikvertrieb. Wie habt ihr den Sprung vom Zuschauerraum auf die Bühne empfunden?

Max: Wir stehen alle schon seit unserer Kindheit oder Jugend in ganz unterschiedlichen Kontexten auf der Bühne. Bei mir hat das mit fünf Jahren im Kirchenchor angefangen. Später kamen Schulchöre, Theateraufführungen und erste Gastauftritte bei befreundeten Bands dazu.

Seit den frühen 2000ern lag mein Fokus vor allem auf dem DJing, ergänzt durch vereinzelte Live-Auftritte – zunächst solo und ab 2008 gemeinsam mit Dina als Local Suicide.

Insofern hat sich der Sprung vom Zuschauerraum auf die Bühne gar nicht so groß angefühlt. Die Bühne war schon immer ein vertrauter Ort. Nur der Kontext als gemeinsame Band war neu.

Jakob: Wie Max sagt, machen wir das alle schon eine ganze Weile – und Dina Summer ist fast so etwas wie eine Superband. Bei mir ging es 2008 mit der Band Frittenbude ziemlich schnell auf die Hauptbühnen von Rock am Ring und ähnlichen Festivals.

Ich finde den Switch zurück ins Publikum fast schwieriger. Mich wieder als Zuschauer auf ein Konzert einzulassen, ohne ständig hinter die Kulissen zu blicken, fällt mir gar nicht so leicht.

Besonders für die Produktion der Dina-Summer-Club-Edits, aber auch für Kalipo, fand ich es wichtig, wieder privat auf die Tanzflächen von Clubs zu gehen und zu spüren, worauf es dort wirklich ankommt.

Dina: Ja, tatsächlich standen wir alle schon lange vor Dina Summer auf der Bühne. Für mich persönlich kam dieser Ruf sogar viel früher, als man vermuten würde. Meine Mutter erzählt dazu gerne eine Geschichte aus meiner Kindheit:

Es war ein 25. März – Griechenlands Nationalfeiertag. Ich war gerade zweieinhalb Jahre alt, als meine Tante mich in das Dorf mitnahm, in dem meine Großeltern lebten. Dort besuchten wir die Schulfeier anlässlich des Feiertags. Die Schulkinder sollten dort singen und Gedichte vortragen, aber einige von ihnen weinten vor Lampenfieber und trauten sich nicht auf die Bühne.

Und was habe ich gemacht? Ich sagte kurzerhand: „Ich möchte auch ein Gedicht aufsagen!“

Alle waren total überrascht, aber sagten schließlich: „Okay, auf geht’s!“

Ich bin also voller Selbstbewusstsein auf die Bühne marschiert. Da ich natürlich keine feierlichen Verse über den Unabhängigkeitstag kannte, habe ich stattdessen mit größter Überzeugung ein Kindergedicht vorgetragen: Darüber, wie man auf einen riesigen Pfefferbaum klettert. Danach war ich, genau wie Max, im Chor. Später habe ich als Radio-Moderatorin gearbeitet und mit 19 als DJ angefangen – erst einmal solo und dann gemeinsam mit Max als Local Suicide.

Wie nehmt ihr die Interaktion mit den Fans während eurer Auftritte wahr? 

Jakob: Das ist unterschiedlich. Je größer die Show, desto stärker stellt sich der Tunnelblick ein. Bei kleineren Shows hat man irgendwann wirklich jedem mal ins Gesicht geschaut. Dina hat durch ihre Rolle als Frontfrau deutlich mehr direkten Kontakt zum Publikum.

Max: Während der Show nehme ich das Publikum nicht so bewusst wahr. Ich bin sehr auf Dina und Jakob, den Sound und das Licht fokussiert. In diesem Moment ist es wichtig, dass alles musikalisch und technisch zusammenläuft und wir als Band miteinander im Flow bleiben.

Die Interaktionen mit den Fans nach den Shows sind dann eine ganz andere Situation. Das kann für mich auch etwas überwältigend sein – wenn wir gerade von der Bühne kommen, noch voller Adrenalin sind und dann direkt zum Merchstand hetzen. Trotzdem freue ich mich sehr über jedes Feedback und den direkten Austausch.

Dina: Die Interaktion mit den Fans ist für mich essenziell. Ich ziehe unglaublich viel Energie aus ihrer Dynamik. Ich liebe es, wenn die Leute wirklich mitmachen, tanzen und mitsingen. Man spürt diesen Austausch während der Show direkt – und das befeuert mich auf der Bühne nur noch mehr.

Aber auch die Zeit nach dem Konzert bedeutet mir viel. Ich liebe es, die Leute danach persönlich zu treffen, ihre Geschichten zu hören und zu erfahren, was sie uns erzählen möchten – was ihnen gefällt und was vielleicht auch nicht. Dieser direkte Austausch und das ehrliche Feedback sind mir extrem wichtig.

Und aus manchen Fans werden sogar richtige Freunde. Tatsächlich habe ich einen großen Teil meines Freundeskreises durch die Musik kennengelernt.

Die Situation am Merchstand scheint wirklich sehr herausfordernd zu sein. Einige Künstler sehen danach echt fertig aus. Was ich absolut nachvollziehen kann 🙂

Dina: Ja, absolut – wir geben auf der Bühne wirklich alles, sodass wir nach der Show völlig verschwitzt und außer Atem am Merchstand ankommen. Aber wir wollen unbedingt die Menschen treffen, die uns unterstützen. Deshalb machen wir das voller Vorfreude und super gerne!

Da ich im Rhein-Main-Gebiet wohne, nutze ich die Gelegenheit, um dem Interview ein wenig Lokalkolorit angedeihen zu lassen: Wie fandet ihr das Konzert im Schlachthof Wiesbaden im Oktober 2025? 

Dina: Das Konzert im Schlachthof Wiesbaden war wirklich fantastisch!

Wir hatten riesigen Spaß – das Publikum war großartig. Außerdem wurde der Abend von zwei engen Freunden und absoluten lokalen Legenden organisiert: Shia LaBiff und Psycho Jones. Da waren tolle Vibes und ein unvergesslicher Abend quasi vorprogrammiert.

Ich habe ohnehin eine ganz besondere Verbindung zu Hessen: Es war damals meine allererste Begegnung mit Deutschland – als Erasmus-Studentin in Marburg. Dank des Semestertickets habe ich ganz Hessen erkundet.

Wollt ihr uns verraten, welche Auftritte in nächster Zeit geplant sind?

Dina: Dieses Jahr ist für uns unglaublich aufregend. Wir haben bereits einige wirklich coole Shows im Berghain, beim Out of Line Weekender im Astra und beim EBM-Warm-up auf dem WGT gespielt.

Für dieses und nächstes Jahr stehen noch einige absolute Highlights an: Wir spielen am 25. Juli auf dem Amphi Festival, am 20. August beim Extramuralhas Festival in Portugal und am 12. September auf dem Baroeg Festival in Rotterdam.

Am 31. Oktober sind wir für das Iptamenos Discos x Nag Nag Nag x Dark London an Halloween in London und am 7. November spielen wir auf dem Katzenclub Festival in München. Nächstes Jahr stehen dann das E-tropolis, das Grauzone Festival und noch einiges mehr an – was wir aktuell aber noch nicht verraten dürfen!

Ihr seid aktuell recht umtriebig, was neue Veröffentlichungen betrifft. Was erwartet uns an dieser Front?

Dina: Was unsere Releases angeht, wird noch jede Menge neue Musik auf euch zukommen.

In diesem Jahr haben wir bereits drei Singles auf Iptamenos Discos veröffentlicht: „On the Road“ (mit Joshua Murphy), „Fuel“ und „Voodoo“. Außerdem haben wir gerade einen Remix für apaulls „Gunfactor“ herausgebracht.

Am 4. Juni haben wir unsere Kollaboration mit Phunkadelica als Teil von Curses‘ „Next Wave Acid Punx TROIS“ via Eskimo Recordings veröffentlicht. Und im Laufe der Zeit kommt noch viel, viel mehr!

Vielen Dank für das schöne und informative Interview. Die letzten Worte gehören euch. Vielleicht noch eine Message von Dina Summer an die Fans?

Dina: Supportet euch gegenseitig, bleibt euch bedingungslos selbst treu und vor allem: Bleibt wild & furchtlos!

 

Marc

1998 in die Szene eingestiegen. Musik gehört, Veranstaltungen besucht, Konzerte besucht, Festivals besucht. 2009 bis 2013 nur Musik gehört. Ab Ende 2013 bis 2017 wieder mehr Veranstaltungen, Konzerte und Festivals besucht. Dann Hochzeit und Kinder - keine Musik, keine Veranstaltungen, keine Konzerte, keine Festivals, keine eigenen Gedanken. Jetzt seit Mitte 2023 wieder mehr Musik. Seit Mitte 2024 auch wieder Veranstaltungen und Konzerte.

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