Formel Goth: Wenn Kantsteine zwischen Berlin und Chernobyl zerspringen

Eine sehr spannende Startaufstellung, hier bei der neuesten Ausgabe der Formel Goth. Neben einigen Größen des Gesangssports finden sich auch einige kleinere Teams, die den Helden der Branche mit ihren klassischen Klangbildern vom Thron stoßen wollen. Vielleicht wollen sie aber auch einfach nur eine gute Performance abliefern. Dahingehend holen gerade die beiden frische Protagonisten auf meiner musikalischen Rennpiste das Maximum aus ihren Genres. Alltag macht sich und mich zu ihrem fordernden Beat locker, währen Paura Diamante wie eine Marlene Dietrich auf der Darkwave schwebt. Die Lords liefern das eindrucksvollste Video, während Dave Gahan seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt und Mandel-Mark sich wieder mit Soft Cell versucht.

Paura Diamante – Berlin

Deutschsprachigen Darkwave zu singen, ohne pathetisch zu klingen, gilt gemeinhin als schwierig. Die selbst ernannte „Juliane Werding des Darkwave“, hat versucht, „Klischees angstlos zu begegnen, und bestimmte Worte so mit neuer Wahrhaftigkeit aufzuladen„, wie sie im Interview mit Bouygerhl zu Protokoll gibt. Der Song „Berlin“ steht nicht ganz ungewollt in den Fußstapfen von X-mal Deutschland und eifert Anja Huwe in ihrer kühlen Art nach, pathetische Inhalte glaubhaft zu transportieren. Der Wechsel zwischen den Sprachen schadet dem Song nicht, vermeidet es doch die Gefahr, ein Klischee zu überreizen. Im Herzen bleibt Paura Diamante übrigens der Goth, der sie mal war, auch wenn sie die Szene für mehr persönliche Freiheit irgendwann verlassen hat, wie sie sagt. Nun gelingt es ihr, nicht pathetisch zu klingen? Nein. Aber das muss sie auch gar nicht vermeiden. Wünschen wir uns alle vielleicht auch ein bisschen 90er Pathos zurück, als deutsch gesungener Darkwave zur subkulturellen Identifikation gehörte? Paula trifft uns dann auch gleich doppelt ins Identitätsherz, nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen des queeren Charakters.

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Alltag – Wenn der Kantstein zerspringt

Ich entschuldige mich höflich für die Verwendung des Spontis-Spruchs „Für die Abschaffung des Alltags“ und mache ein Ausnahme. Punk-Rave, wie man es in Bremen nennt, ist wie Kirmes-Techno der 90er, bei dem aber zwischen den Beats, Bassdrums und Hooks kantige Texte lauern, die dann das Ruder in Richtung Punk herumreißen. Allerdings zerfasert die Aussage des Textes ein wenig an der Indirektheit und dem zu großen Interpretationsspielraum. Das hält mich aber auch nicht davon ab, mich genau mit diesem Song „locker zu machen“. Auch Daniel von unter-ton.de hat sich Alltag angehört und fand schlauere Worte. Ich verneige mich ehrfürchtig vor dem Satz: „Viel spannender ist, dass diese Truppe ein konzises Gemälde geschaffen haben, das sich auf der Schnittstelle zwischen angewandter Philosophie, politischem Aktivismus und der Suche nach dem nächsten Rausch kristallisiert.“

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Lord Of The Lost – Viva Vendetta

Mit dem Genre „Dark Rock“, der angeblich gruftigen Mischung aus Härte und Melodie konnte ich mich noch nie anfreunden. Allerdings bekommt die Band „Lord Of The Lost“ ein offizielles Fleißkärtchen für ihre Unermüdlichkeit, neue Musik zu produzieren und diese auf unzähligen Festivals über das Publikum zu verteilen. Seit ihrer Gründung 2010 haben sie beinahe jedes Jahr ein neues Album produziert und es gefühlt auf jedem schwarzen Festival präsentiert. Chris „The Lord“ Harms ist dieses Jahr 41 geworden und noch lange nicht müde geworden, Musik zu machen. Das Video zu „Viva Vendetta“ hat den Lord dann auch zu uns gespült, denn das ist nun wirklich eine gelungene Hommage an den „Spaghetti-Goth“, den Cowboy ähnlichen Grufti, der seit den Fields of the Nephilim mit entsprechenden Hüten vor den Bühnen lungert.

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Dave Gahan – Nothing Else Matters

Für das geplante Album „The Metallica Blacklist„, wird das legendäre „Black Album“ von Metallica von 53 Künstlern interpretiert. Die gesamten Einnahmen durch Verkauf und Streaming sind für einen guten Zweck gedacht. Dave Gahan von Depeche Mode hat ein Cover von „Nothing Else Matters“ rausgehaucht, das mir tatsächlich gefällt – allerdings mit Abzügen, weil das Original beinahe nicht zu verbessern gewesen wäre. Ich nehme ja an, die Künstler durften sich den Song, den sie Covern wollten, selbst aussuchen, nur so ist zu erklären, warum es gefühlt nur Cover von „Nothing Else Matters“ gibt. Immerhin hat sich auch PG Roxette, also Per ohne Marie, denn die starb ja bekanntlich 2019, die Ehre gegeben. Auch ein Ohr wert: Die Coverversion von „Through the Never“ der mongolischen Band „The Hu“ – richtig ordentlich!

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Soft Cell – Heart Like Chernobyl

Sie sind wieder da! 1979 gegründet, 1984 aufgelöst, dann 2001 gegründet und 2003 wieder aufgelöst, haben sich Marc Almond und David Ball 2018 erneut zusammengefunden, um die Welt mit der Musik von Soft Cell zu beglücken. Möglicherweise hat man jetzt Frieden geschlossen, wie die Aufarbeitung der Bandgeschichte für die Doku der BBC „Say Hello, Wave Goodbye“ zeigt, in der man auch über das skandalöse Video zu „Sex Dwarf“ spricht, das Soft Cell trotz zahlreicher Auftritte erst wieder 2018 live gespielt haben. „Wir waren mit dem Song fertig, schon weil er der Band so viel Ärger eingebracht hat. Das Video und die Diskussionen darum haben uns viel Bauchschmerzen bereitet, und den Song live zu spielen, hätte alte Wunden wieder aufgerissen.“ Hoffentlich ist ihr neues Album „Happiness Not Included“ das ersehnte Pflaster, die Auskopplung „Heart Like Chernobyl“ ist spannend, aber nicht umwerfend.

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Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Daniel
Daniel (@guest_60422)
Vor 1 Monat

Danke für die Erwähnung von Alltag, die bei mir momentan tatsächlich oft laufen, und ich freue mich, wenn immer mehr die Jungs entdecken. Sie haben mich wirklich beeindruckt. Dagegen ist Gahans Coverversion von „Nothing Else Matters“ meiner Meinung nach schrecklich geworden. Man hat immer das Gefühl, dass er gleich beim Singen einschläft. Da empfehle ich immer wieder die weitaus gelungenere Neuinterpretation dieses Songs von Apoptygma Berzerk. https://www.youtube.com/watch?v=taNcMeobUrU

Tanz(fleder)maus
Tanz(fleder)maus (@caroele74)
Vor 1 Monat

Mir hat tatsächlich nur der erste Song gefallen. Mit „Alltag“ konnte ich überhaupt nichts anfangen (anstrengend…), ebenfalls mit den „Lords“. Soft Cell waren schon okay, aber haben nicht wirklich begeistern können. Und Dave Gahan wirkt wirklich etwas lahm, trotz seiner tollen Stimme. Die Version von Apoptygma Berzerk hab ich mir eben angehört, die gefällt mir erst recht nicht. Ein gelungenes Cover von „nothing else matters“ haben meiner Meinung nach die Krupps abgeliefert:

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Daniel
Daniel (@guest_60427)
Antwort an  Tanz(fleder)maus
Vor 1 Monat

Die Krupps sind auch gut, aber mir gefallen Coverversionen besonders dann, wenn sie unerwartet klingen und komplett anders sind, sodass man einen Aha-Moment hat. Apop hat das immer sehr gut hingekriegt.

Norma Normal
Norma Normal (@guest_60425)
Vor 1 Monat

Vielleicht ist etwas Pathos, Glitzer und Kitsch, wie bei Paura Diamante, genauso das was der Szene gerade gut tut, als Gegengewicht zu dem coolen minimalisten Sound und Look der letzten Jahre. Es ist alle mal spannend, mag es wenn verschiedene Sprachen textlich verwoben werden. Der französische Part gibt mir auf jeden Fall ‚Fade to Grey‘ Vibes. Und wieder mehr queerness in der Szene find ich unbedingt gut!

Graphiel
Graphiel (@guest_60426)
Vor 1 Monat

Der erste Song gefällt mir in dieser Runde am besten. Auch ich mag es, wenn verschiedene Sprachen miteinander verwoben werden. Aufgrund des queeren Charakters trifft mich Paura jetzt allerdings nicht ins Identitätsherz. Dieser Aspekt ist mir in dem rundum gelungenen Song offen gestanden ziemlich egal.

Des weiteren kann ich mich durchaus mit Viva Vendetta von Lord of the Lost anfreunden. Zwar wird der mit Sicherheit nicht mein neuer Lieblingssong werden, aber grundsätzlich habe ich mit den eher metallischen Klängen des Dark Rock ohnehin wenig Probleme. Ich brauch sowas halt nur nicht mehr in Dauerschleife.

 Robert Forst
Übrigens soll sich Herr McCoy von den Fields laut dem Buch „Schattenwelt – Helden & Legenden des Gothic Rock“ zuvor bei Andrew Eldritch bedient haben, als er sich für seinen berühmten Hut entschieden hat. Nur hat er diesen (im Gegensatz zu Eldritch) aufbehalten.

Das trifft dann (leider) schon eher auf den missglückten Versuch zu, Nothing Else Matters zu covern. Sorry, aber da fallen mir nur die Augen bei zu. Und das eben nicht vor Ehrfurcht und Andacht, sondern vor Müdigkeit. Nichts gegen Dave Gahan, aber hier hätte er besser die Finger von lassen sollen. Da hilft ihm bei mir auch seine großartige Stimme nicht weiter. ;)

Tanz(fleder)maus:
Die Version von den Krupps finde ich jetzt zwar auch nicht umwerfend, ist von den 3 hier vorgeschlagenen Varianten meiner Meinung nach aber noch die beste.

Soft Cell war jetzt keine Offenbarung für mich. Der Song ist in Ordnung, mehr aber auch nicht.

Danke jedenfalls für die musikalischen Vorschläge :)

Graphiel
Graphiel (@guest_60433)
Antwort an  Robert Forst
Vor 1 Monat

Naja der Fairness halber muss man natürlich sagen dass Eldritch noch zu einer Generation gehörte, die in eine Schublade gedrückt wurden in die er und andere Musiker seiner Zeit gar nicht hineinwollten. Auch in der Hinsicht empfand ich das Buch übrigens sehr aufschlussreich.

Das sich Eldritch gegenüber unserer Subkultur gern mal wie ein kleines bockiges Kind verhielt, obwohl er scheinbar auch nie ein Problem damit hatte von dieser finanziert zu werden ist natürlich ein anderes Thema. In der Hinsicht verhielten sich andere Künstler da schon irgendwie schlauer, indem sie einfach das machten was sie zuvor auch taten. Unabhängig davon ob die Grufties das nun gut fanden oder nicht. So musste ich beim lesen durchaus schmunzeln, als die Stelle beschrieben wurde in der Bauhaus bei einem ihrer Konzerte aus technischen Gründen „Bela Lugosi´s dead“ einfach mal als Opener brachten und damit eine Horde Grufties mit ratlosen Gesichtern zurückließen. Wie es im Buch (aus dem Gedächtnis zitiert) beschrieben stand: Bauhaus waren halt Bauhaus und eben nicht die glorifizierten Godfathers of Goth, zu denen man sie erhoben hatte. Und ähnliches gilt bei fairer Betrachtung eben auch für Eldritch und die Sisters of Mercy. ;)

Tanz(fleder)maus
Tanz(fleder)maus (@caroele74)
Antwort an  Graphiel
Vor 1 Monat

Jetzt steh ich auf dem Schlauch: warum waren viele ratlos, als „Bela Lugosi“ am Anfang des Konzerts gespielt wurde – und warum hat das Bauhaus „entlarvt“? Viele Bands nutzen ja gerne Songs mit langen Intros als Einstieg für ihre Konzerte, um dann erstmal nach und nach in Ruhe auf die Bühne zu stapfen und die Leute langsam einzustimmen, daher hätte mich das nun nicht gewundert…

Letzte Bearbeitung Vor 1 Monat von Tanzfledermaus
Graphiel
Graphiel (@guest_60435)
Antwort an  Tanz(fleder)maus
Vor 1 Monat

Das besagte Konzert fand während der ersten Bauhaus Reunion statt, also zu einer Zeit als sie in der Szene quasi schon sowas wie einen Kultstatus besaßen. Die Fans gingen wohl davon aus, dass Bauhaus als die Godfather des Goth schlechthin ihren gruftigsten Track als Höhepunkt auspacken würden. Immerhin wird Bela Lugosi´s dead ja bis heute quasi als der Prototyp des Gothrock schlechthin bezeichnet. Das Problem daran war eben nur, dass Bauhaus eben nicht die Gothicband war zu der sie die Musikpresse und halt auch die Anhängerschaft erhoben hatten, sondern eben Bauhaus. Eine Band aus dem Bereich Postpunk und sonst nichts. Selbst Pete Murphy meinte in einem Interview (auch im Buch nachzulesen), dass der Song „Bela Lugoi´s dead“ nie einen tiefliegenden Sinn hatte. Er war für Bauhaus lediglich ein Blödelsong, der sich toll anhörte, aber ohne tiefere Bedeutung für die Band blieb. Daher war es für Bauhaus auch kein Problem ihn zu Beginn des Konzertes zu spielen, weil er gut in Murphys ohnehin geplanten langen Einzug auf die Bühne passte. Die Grufties, welche bei diesem Konzert bereits in hoher Zahl beiwohnten waren darauf aber ganz und gar nicht vorbereitet und hatten wohl etwas ganz anderes erwartet. ;)

H@R!
H@R! (@guest_60436)
Vor 1 Monat

Soft Cell. New Romantics. Blitz-Kids. Ohne sie hätte es sicherlich keine Waver-Bewegung in Deutschland in dieser Form gegeben und damit im Anschluss auch nicht das, was sich dann zum „Gothic“ entwickelt hat. Mich hat die Prä-Waver-Ära von 1980 bis 1984 mit ihrer Musik und ihren Outfits damals in jedem Fall maßgeblich beeinflusst. Visage, Culture Club, Duran Duran, usw.
Deshalb: Zwei Daumen hoch für Soft Cell! 

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