Es gibt Nachrichten, die man nicht erwartet. Und dann gibt es Nachrichten, die man nicht erwartet und die trotzdem im exakt richtigen Moment eintreffen. Am Abend des 31. Oktober, kurz nach zehn, als draußen die letzten verkleideten Kinder ihre Zuckerbeute nach Hause schleppten und drinnen die Kerzen flackerten, meldete sich das Kontaktformular von Spontis. Absenderin: Shan Dark. Betreff: knock knock.
Sie komme sich vor wie ein Geist aus der Vergangenheit, schrieb sie, der sich ausgerechnet in der Samhain-Nacht in mein Postfach verirrt. Zufall, versicherte sie. Ich glaube ihr das sogar. Aber manchmal hat der Zufall eben ein gutes Gespür für Dramaturgie.
Wer schon länger dabei ist, kennt den Namen. Shan Dark ist die selbsternannte Planetenkönigin des schwarzen Planeten, eines Blogs, der sich seit vielen Jahren mit Friedhöfen, Horrorfilmen, Reisezielen und allem Skurrilen beschäftigt, was die dunkle Seite des Lebens so hergibt. Und sie war, zusammen mit ihrem musikalischen Komplizen M.Synthetic, für eine Party verantwortlich, die mir über Jahre hinweg mehrere lange Autofahrten nach Wiesbaden wert war: die Elektronische Nacht. Nach fast zehn Jahren Pause kehrt sie zurück, unter neuem Namen. Doch bevor ich dazu komme, muss ich ein wenig ausholen.
Von Planeten und Blogs
Das Kennenlernen fiel in eine Zeit, in der Blogs noch Orte waren, an denen man sich traf. Man kommentierte sich gegenseitig, verlinkte, stritt, schrieb gemeinsam. Der Gothic Friday des Jahres 2011 war so ein Ort: Jeden Monat schrieben Leserinnen und Leser zu einem neuen Thema, und der schwarze Planet umkreiste Spontis dabei in stabiler Umlaufbahn. Aus Kommentaren wurden Gespräche auf dem WGT, aus Gesprächen ein Besuch in Mainz und schließlich so etwas wie eine kleine Fernfreundschaft zwischen Niederrhein und Rhein-Main.
Im Herbst 2011 las ich dann auf ihrem Blog von einer Party in Wiesbaden und war, offen gesagt, zunächst verwirrt. Die Elektronische Nacht? Elektronische Musik ist ein weites Feld, und nicht alles, was blinkt und piept, ist schwarz. Also fragte ich nach, und zwar beim Mann hinter den Plattentellern. Das Interview mit M.Synthetic erschien im September 2011 und lieferte die Antwort gleich mit: Hier wollte jemand nicht die 295. Wiederholung derselben Clubklassiker auflegen, sondern B-Seiten, vergessene Albumtracks und Perlen, die nie das Licht einer Tanzfläche erblickt hatten. Knicklichter mussten draußen bleiben. Das Ziel formulierte er so schön, dass ich es mir bis heute gemerkt habe: Die Gäste sollten düster beseelt nach Hause schweben.
Grabsteine, Nebel und eine Nacht voller Unbekannter
Am 8. Oktober 2011 standen wir dann zum ersten Mal im Kontext in Wiesbaden. Selbstgebaute Grabsteine vor dem DJ-Pult, eine Leinwand mit flimmernden Bildern, Spinnweben bis in die letzte Ecke. Ich kannte vielleicht eine Handvoll der Stücke, die an diesem Abend liefen, und habe trotzdem selten so ausgelassen getanzt. Augen zu, Kopf frei, und hinterher das dringende Bedürfnis, zu wissen, was da eigentlich gerade lief. Für mich ist das bis heute die beste Definition einer guten Party.
Es blieb nicht bei einem Besuch. Für die dritte Ausgabe im Mai 2012 nahmen wir die zwei Stunden Anreise erneut in Kauf, für vier Euro Eintritt und eine Atmosphäre, die man nirgends kaufen konnte. Orphi hat die Reise damals in einem Bericht festgehalten, der mehr über Rollkoffer, Autobahnraststätten und meine angeblich durchgeplante Beamtenseele verrät, als mir lieb ist. Dass ich an jenem Abend den Zauberstab gegen Werkzeug tauschen und die streikende Nebelmaschine wiederbeleben musste, gehört ebenfalls zu den Anekdoten, die sich hartnäckig halten. Ohne Nebel ist eine Gruftiparty eben keine.

Zur vierten Nacht im März 2013 kam eine Neuerung, die bis heute das Herzstück des Konzepts ist: die düster-atmosphärische Stunde zum Auftakt, eine Art Wellnessbehandlung für schwarze Seelen, bevor es tanzbarer wurde. Dazu ein kleiner Basar mit Tonträgern aus einem Grufti-Nachlass, dessen Erlös einer Katzenhilfe zugutekam. Wer so etwas veranstaltet, macht das nicht für Geld. Das hatte mir M.Synthetic schon im ersten Interview gesagt: Idealismus und Investition liegen bei so einer Party sehr nah beieinander.
2017 fand die bislang letzte Elektronische Nacht statt. Dann wurde es still auf dem Planeten.
Ein Klassentreffen mit Lücken
Seitdem haben sich Shan Dark und ich aus den Augen verloren, wie man das eben tut, wenn das Leben laut wird und die Blogs leiser. Ein kurzes Hallo beim Konzert von Anja Huwe am diesjährigen Pfingstwochenende in Leipzig, dann wieder Funkstille. Bis zu jener Halloween-Nachricht.
Dass sie und Michael nach fast einem Jahrzehnt wieder gemeinsam eine Party auf die Beine stellen, fühlt sich ein bisschen an wie die Einladung zu einem Klassentreffen. Man freut sich, man ist neugierig, wer noch kommt. Und man weiß zugleich, dass einige Plätze leer bleiben werden.
Zwei Menschen, die ich auf der Elektronischen Nacht kennengelernt habe, sind nicht mehr da. Thorleif, den ich 2011 im Kontext zum ersten Mal in drei Dimensionen statt als Internetgesicht vor mir hatte, fehlt schon länger. Und Dennis ist in diesem Herbst gestorben. Shan Dark schrieb mir, er sei in der düster-atmosphärischen Stunde stets der Erste gewesen, der die Tanzfläche betrat. Ihr erster Tänzer. Ich habe diesen Satz seitdem mehrmals gelesen, und er rührt mich jedes Mal. Weil er so wenig braucht, um einen Menschen zu beschreiben, und dabei so viel sagt.
Vielleicht ist das die stille Wahrheit über Partys wie diese: Sie sind Orte, an denen Erinnerungen entstehen, die uns überdauern. Ein bisschen Traurigkeit schadet in diesen Zeiten nicht, habe ich Shan Dark geantwortet. Ich meinte das ernst. Eine Szene, die ihre Toten nicht vergisst, lebt auf eine ganz eigene Weise weiter.
Aus der Nacht wird eine Synthfonie
Am Samstag, dem 14. November 2026, kehrt die Elektronische Nacht zurück, und zwar dorthin, wo sie zu Hause war: ins Kontext in Wiesbaden, Welfenstraße 1 b, heute auch als Habesha-Bistro bekannt. Nur der Name ist neu. Aus der Elektronischen Nacht wird Die dunkle Synthfonie, und M.Synthetic trägt fortan den Titel des Synthfoniemeisters. Shan Dark kümmert sich um Organisation und Promotion, als Gast steht Herr Bug an den Reglern, der unter anderem von der Electronic Nightmare bekannt ist.
In den vergangenen Jahren hat sich in M.Synthetics Musiklabor offenbar einiges angesammelt, das nach draußen will. Versprochen wird ein Bogen von Old School Electro über Gothic Wave, EBM, Industrial, New Wave und Postpunk bis zu Synth Wave, dazu Experimentelles und Gewagtes, überwiegend elektronisch, aber nicht ausschließlich. Die düster-atmosphärische Stunde von 22 bis 23 Uhr bleibt erhalten, danach wird es kraftvoller. Ein Abend, so die Veranstalter, um Neues kennenzulernen und Vergessenes wiederzuentdecken. Das klingt verdächtig nach dem, was mich 2011 so begeistert hat.
Der Eintritt kostet 9 Euro. Das „Kontext“ liegt rund zehn Minuten zu Fuß vom Wiesbadener Hauptbahnhof entfernt, Hotels gibt es in der Nähe. Wer zusagen möchte, findet die Party auch als Veranstaltung bei Facebook. Auf dem Flyer wacht übrigens Barbara Steele, die Königin des italienischen Gruselkinos, über das Geschehen. Besser hätte man die Stimmung kaum ankündigen können.
Ein guter Ruf in schlechten Kreisen
Wer im Rhein-Main-Gebiet lebt oder sich eine Anreise vorstellen kann, dem lege ich diesen Abend ausdrücklich ans schwarze Herz. Nicht, weil hier eine große Veranstaltung mit großen Namen wartet, sondern weil hier zwei Menschen mit Leidenschaft etwas tun, das in Zeiten von Clubsterben und Einheitsprogramm selten geworden ist. Sie richten einen Raum für Musik ein, die man nicht überall hört, und für Menschen, die man nicht überall trifft. Michael und Shan Dark haben, wie sie selbst sagen, einen guten Ruf in schlechten Kreisen zu verlieren. Ich bin sicher, dass sie ihn verteidigen werden.
Und vielleicht ist es dann wieder so wie damals: Man schwebt düster beseelt nach Hause, mit ein paar neuen Lieblingsstücken im Ohr. Und vielleicht zeigen sich auf dem schwarzen Planeten wieder neue Lebenszeichen.


