Carrie steht auf einer Bühne. Krone auf dem Kopf, Rosen im Arm, ein zartrosa Ballkleid. Dann kippt ein Eimer, und für eine Sekunde ist es totenstill in der Turnhalle. Blut tropft vom Ballkleid, die Krone sitzt schief – einige makabre Einstellungen später steht sie mit weit aufgerissenen Augen vor der brennenden Turnhalle. Wer diese Bilder gesehen hatte, musste seinen Freunden davon erzählen. Ein paar Tage später kannte ihn der halbe Schulhof und jeder wollte eine Kopie haben. Heute reicht dafür ein Clip auf dem Handy. Ob das Bild trotz der Allverfügbarkeit so hängen bleibt, wird sich jetzt zeigen. Mike Flanagan hat „Carrie“ als neue Serie für Amazon Prime Video verfilmt, diesmal mit Handykamera im Publikum.
Des Satans jüngste Tochter? Von wegen.
Vor 50 Jahren, im November 1976, kam Brian De Palmas „Carrie“ in die amerikanischen Kinos. Deutschland durfte ab dem 22. April 1977 mitzittern, unter dem herrlich reißerischen Verleihtitel „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“. Ein Satanstochter ist Carrie nicht, sie ist die Tochter einer Frau, die überall den Satan – also das Böse – sieht. Carrie White ist, bei aller Telekinese, vor allem eins: die Schutzheilige aller, die auf dem Schulhof „Sonderlinge“ waren. Ausgerechnet ein Mädchen namens White wurde zur Ikone der Außenseiter. Dass das kein Zufall ist, sondern beinahe zwangsläufig, darum soll es hier gehen.
Ich selbst bin Carrie zum ersten Mal 1987 begegnet, als die ARD den Film erstmals im Fernsehen zeigte, natürlich in einer geschnittenen Fassung. Ich war 13, und irgendwo zwischen Faszination, Sensationslust und wohligem Grusel war die Neugier auf die ungeschnittene Fassung geweckt, die man sich dann zeitnah auf VHS „besorgte“. Geprägt hat mich dabei nicht nur die Figur der Mutter mit ihrem Kreuz-und-Kammer-Glauben, sondern vor allem das Gefühl, als Außenseiter – der ich ja auch war – mit übernatürlichen Kräften Rache üben zu können. Nicht, dass ich es getan hätte. Die Fantasie reichte dafür völlig aus.
Aus dem Papierkorb in die Popkultur
Dass es Carrie überhaupt gibt, verdanken wir einem Mülleimer. Stephen King, damals Englischlehrer im Wohnwagen und mit wenig Geld, warf die ersten Seiten seines Romans weg, weil er mit seiner Heldin nichts anfangen konnte. Seine Frau Tabitha fischte sie wieder heraus und sagte ihm, er solle weiterschreiben. 1974 erschien „Carrie“ als Kings erster Roman. Der Roman ist ungewöhnlich gebaut. Zeitungsartikel, Untersuchungsberichte und Zeugenaussagen wechseln sich mit der Handlung ab. Wir wissen von Anfang an, dass es schiefgeht. Die Spannung liegt nicht im Ob, sondern im Wie, und in der unangenehmen Frage, wer eigentlich schuld ist.
Zwei Jahre später machte Brian De Palma daraus den Film, der King und seinen Roman berühmt machte. Es war die erste Kinoverfilmung eines King-Werkes überhaupt. Gekostet hat sie rund 1,8 Millionen Dollar, eingespielt hat sie gut 33 Millionen.
Rund um den Dreh ranken sich Anekdoten, die man auf jeder Nerd-Party zum Besten geben könnte. Schon das Casting war eine Geschichte für sich: De Palma und George Lucas hielten ihre Vorsprechen gemeinsam ab. Lucas suchte eine Prinzessin Leia, De Palma ein Mädchen, das man niemals zur Prinzessin wählen würde. Schauspielerin Sissy Spacek wusste, wie man diese Rolle bekommt. Sie erschien mit Vaseline im Haar, ungewaschenem Gesicht und einem Matrosenkleid, das ihre Mutter ihr in der siebten Klasse hatte schneidern lassen. Ungepflegt, aus der Zeit gefallen, absichtlich unpassend – Spacek hatte verstanden, dass man Carrie nicht spielt, man trägt sie.
Auch das berühmte Schweineblut war weniger tierisch als gedacht: Karo-Sirup mit Lebensmittelfarbe, der sich laut Spacek anfühlte, als lege sich eine warme Decke über sie. Damit die Blutspritzer in jeder Einstellung zusammenpassten, schlief sie mehrere Nächte in dem verklebten Kleid. Und die Hand, die am Ende aus dem Grab schießt, ist tatsächlich ihre eigene: Spacek ließ sich unter Steinen und Schotter vergraben und lehnte ein Double ab. Gedreht wurde die Szene rückwärts, damit sie traumhaft wirkt – ein Schlussschock, den das Genre seitdem unermüdlich kopiert.
Das Ergebnis: Spacek und Piper Laurie, die die Mutter spielte, wurden beide für den Oscar nominiert. Für einen Horrorfilm über Menstruation, Mobbing und Mord war das 1977 eine kleine Sensation. Für mich hätten sie ihn auch verdient, aber Horrorfilme mit Oscar? Undenkbar.
Die Schutzheilige der Schulhof-Gruftis
Carrie ist das schwarze Schaf in einer Herde aus Föhnfrisuren. Sie trägt die falschen Kleider, sagt die falschen Sätze, und sie weiß nicht, was mit ihrem eigenen Körper passiert. Als in der Gemeinschaftsdusche ihre erste Periode einsetzt, hält sie es für eine tödliche Verletzung. Die Mitschülerinnen bewerfen sie mit Tampons und rufen: „Stopf es rein!“ Willkommen in der Hölle, die man auch Pubertät nennt.
Wer in den 80ern oder 90ern mit toupierten Haaren und schwarzem Kajal über den Schulhof ging, kennt Carries Blick. Den Blick nach unten, damit keiner merkt, dass man da ist. Und das Gelächter, wenn sie es doch merken. Der Film schenkt uns den Triumph der Gequälten, und er nimmt ihn uns im selben Moment wieder weg. Carrie tötet nicht nur die Täter, sondern auch die, die nur zugesehen haben, und die, die es gut mit ihr meinten. Die Turnhalle brennt, und mit ihr jede einfache Moral.
Vielleicht berührt Carrie gerade deshalb so viele, die selbst einmal am Rand standen. Nicht, weil wir Turnhallen anzünden wollten, sondern weil sie zeigt, was Mobbing anrichten kann. Wir haben uns damals unsere eigene Telekinese gesucht: Musik, Kleidung, eine Szene. Carrie hatte keine Szene. Sie hatte nur einen Eimer Blut über dem Kopf. Für mich ist Carrie Identifikationsfigur und Warnung zugleich. Als gemobbter Außenseiter war sie damals jemand, mit dem man sich identifizieren konnte, eine, die endlich zurückschlägt. Gleichzeitig ist sie eine Warnung. Rache will man schon, aber vielleicht doch nicht ganz so flammend.
Kreuz, Kammer, Katastrophe
Das eigentliche Monster in „Carrie“ trägt kein Ballkleid, sondern einen schwarzen Umhang. Piper Laurie spielt Margaret White als Predigerin im eigenen Wohnzimmer, irgendwo zwischen Gebetskreis und Geisterbahn. Für sie ist die Periode der Tochter ein Beweis der Sünde. Brüste sind „schmutzige Kissen“, Jungs sind der Teufel, und wer nicht betet, kommt in die Kammer. Diese Kammer unter der Treppe ist eine der unheimlichsten Kulissen der Filmgeschichte. Darin hängt ein heiliger Sebastian, von Pfeilen durchbohrt, mit glühenden Augen. Carrie wird dort eingesperrt, um zu beten. Am Ende stirbt Margaret selbst in der Pose dieses Märtyrers, als Carrie Küchenmesser durch den Raum fliegen lässt.
Und hier wird es für uns spannend, denn wir haben ein kompliziertes Verhältnis zu diesen Bildern. Kaum eine Szene liebt sakrale Ästhetik so sehr wie die Schwarze: Kreuze am Hals, Kerzen auf dem Altar im Wohnzimmer, Rosenkränze als Schmuck, Friedhöfe als Ausflugsziel. Sissy Spacek hat übrigens ihre Garderobe beim Dreh mit religiöser Ikonografie dekoriert und eine bebilderte Bibel studiert, um sich in Carrie hineinzufinden. Für mich stand die Szene immer gegen die Religion. Wir mochten ihre Ästhetik, nicht aber den Sinn dahinter. Kreuz und Rosenkranz wurden deshalb zum modischen Accessoire, nicht als bewusste Provokation, sondern als verstörendes Statement. Und die Gruselgeschichten, die die Kirche über Jahrhunderte genährt hatte, von Satan, Hölle und ewigem Verderben, waren unser Elixier der Abgrenzung. Sie machten uns keine Angst. Sie faszinierten uns.
Rosa trifft Rot
In Stephen Kings Roman ist Carries Ballkleid rot. Im Film ist es zartrosa, beinahe pfirsichfarben. Die Kostümbildnerin hatte De Palma darauf hingewiesen, dass man das Blut auf einem roten Kleid kaum sehen würde. Also bekam Carrie ein Kleid in der Farbe von Unschuld und Zuckerguss. Eine filmerische Entscheidung hat hier die Symbolik verstärkt
Diese kleine Kostümentscheidung erklärt den ganzen Film. „Carrie“ lebt von der Schere zwischen Märchen und Massaker. Erst zeigt De Palma den Abschlussball als Traum: Zeitlupe, kreisende Kamera, Glitzer, Pino Donaggios schmachtende Musik. Wir könnten minutenlang glauben, dass alles gut wird, aber wir wussten ja bereits, dass es nicht so war. Dann kippt der Eimer, der Ton verstummt, das Bild teilt sich in Splitscreens, und Carries weit aufgerissene Augen sehen nur noch Lachen.
Genau diese Spannung ist der Szene so vertraut, dass man sie fast für ein eigenes Stilmittel halten könnte. Spitze und Kunstblut, Schleier und Schädel, Brautkleid und Friedhof: Das Schöne wird erst durch den Schatten interessant. Die Gothic-Kultur hat dieses Prinzip nicht erfunden, aber sie hat es zur Lebensform gemacht. Carrie auf der Bühne ist das unfreiwillige Fotoshooting dazu: Prom Queen of Darkness, gekrönt und getauft im selben Augenblick.
Kein Wunder, dass das Motiv bis heute überall auftaucht, als Halloween-Kostüm, auf Postern, in Musikvideos und auf jeder zweiten Themenparty mit Bowle in Rot. Carrie hat eine ganze Generation beeinflusst, mal mehr, mal weniger.
Früher lachte die Turnhalle, heute lacht das Internet
Der Satz, der Carrie verfolgt, stammt von ihrer Mutter: „Sie werden alle über dich lachen.“ 1976 hatte dieses Lachen eine Grenze. Es reichte bis zur Turnhallenwand, bis zum Ende des Schuljahres, bis zur nächsten Kleinstadt. Wer Glück hatte, zog weg und fing neu an. Manchmal reichte aber auch ein Schulwechsel, in den 80ern ein adäquates Mittel, Konflikte zu umschiffen.
Heute hat das Lachen kein Ende mehr. Ein Video aus der Umkleide ist in Minuten auf allen Handys, ein Screenshot ist für immer, und das Publikum ist nicht mehr die Abschlussklasse, sondern die ganze Welt. Ist Carrie damit aktueller als 1976?
Genau diese Frage stellt Mike Flanagan mit seiner neuen Miniserie, die seit dem 7. Oktober 2026 mit allen acht Folgen bei Prime Video läuft. Flanagan, der Mann hinter „Spuk in Hill House“ und „Doctor Sleep“, verlegt die Geschichte in die Gegenwart. Carrie, gespielt von Summer H. Howell, gerät in einen viralen Mobbing-Skandal und in die alltägliche Grausamkeit der Social-Media-Zeit. Samantha Sloyan, Flanagans Stammschauspielerin, übernimmt die Rolle von Margaret, Matthew Lillard spielt den Schulleiter. Flanagan selbst sagt, De Palma habe den Roman vor 50 Jahren so treu und schön verfilmt, dass ihm nur ein Weg geblieben sei: aus den Zutaten von Carrie etwas Neues zu bauen.
Eine mutige Entscheidung, aber auch eine notwendige, denn noch eine Neuauflage oder Fortsetzung hätten wir nicht gebraucht. Die Remakes haben es versucht: „Carrie 2 – Die Rache“ 1999, ein Fernsehfilm 2002, das Kino-Remake mit Chloë Grace Moretz 2013. Sie alle haben das Blut nachgekippt und dabei vergessen, dass der Schrecken nie im Eimer lag, sondern in den Gesichtern derer, die lachten.
Bleibt die Frage, wie die Turnhalle von heute aussieht. Sie ist größer, lauter und hat nie Feierabend. Hass ist dort populärer als Liebe, und Häme verbreitet sich schneller als jede Nettigkeit. Aber sie hat etwas, das Carries Turnhalle nicht hatte: Notausgänge. Für viele von uns war das Netz der Ort, an dem die Komischen endlich andere Komische gefunden haben, in Foren und Communitys, in denen niemand über schwarze Fingernägel lachte. Wir können uns Refugien schaffen, in denen wir uns zurückziehen können, Außenseiter können Gegenbewegungen initiieren und sie gemeinsam auflehnen. Das schaffen allerdings die wenigsten. Was mit denen ist, die nicht mehr fliehen können, bleibt offen.
Ob die Serie darauf eine Antwort hat, weiß ich noch nicht. Ich habe sie bewusst noch nicht angeschaut und gehe den Weg des Unvoreingenommenen. Zweifel habe ich trotzdem: Das Original war damals eine Bombe, die lauter an die Fensterläden der „heilen Welt“ gehämmert hat als jedes Remake danach. Aber ich lasse mich gern überraschen.
Jetzt seid ihr dran: Wann habt ihr den Film zum ersten Mal gesehen, und was hat er mit euch gemacht? Und wer die neue Serie schon geschaut hat: Inferno oder Lagerfeuer? Schreibt es in die Kommentare. Wir lachen nicht. Versprochen.



Stimmt, diesen Film gab es auch einmal.
Ich könnte jetzt gar nicht mehr sagen, wann ich den das erste Mal gesehen habe.
1977 war es auf jeden Fall nicht, kein Kino hätte mir mit 11 Jahren dafür den Zutritt gestattet. 😄
Das dürfte dann eher Anfang der 80er Jahre gewesen sein, als die ersten Videotheken bei uns ihre Pforten geöffnet haben. Dann gab es konspirative Treffen, wenn irgendwo Eltern, die im Besitz eines Videorekorders waren, das Haus für längere Zeit verließen.
Dann liefen solche Streifen wie „Tanz der Teufel“, „Alien“, „Der weiße Hai“, „Shining“ oder eben auch „Carrie“.😉
Ich war damals ein großer Fan von Stephen King und Clive Barker. Unsere Gemeinde-Bücherei war in dieser Hinsicht gut sortiert.
Wahrscheinlich waren die Angestellten dort reichlich genervt von meiner Nachfragerei, wenn etwas Neues in der Pipeline war
Sorry dafür noch einmal rückwirkend! 🤣
Um auf den Punkt zu kommen, üblicherweise hatte ich schon lange bevor die Filme heraus kamen, meine eigenen Bilder davon im Kopf. Offen gestanden gab es sehr wenig Verfilmungen, die mich „mitgenommen“ haben. „The Shining“ war definitiv eine davon, ebenso wie „Christine“. Auch „Carrie“ gehörte auf jeden Fall zu den besseren Streifen für mich.
Ich habe den Film nicht mehr in dieser Ausführlichkeit vor Augen, wie Robert. Aber ich erinnere mich noch daran, dass ich mit Carrie mitgefiebert habe und mich gefreut habe, dass am Schluss die Quittung kam. Ich habe dann dabei auch nicht differenziert, dass da ja auch „Unschuldige“ dabei gewesen sein könnten.
Das ist wohl meinen Faible für die Looser, die Abgehängten, die Underdogs, das was in der Dunkelheit lebt, geschuldet.
Denen galten immer meine Sympathien, nicht den edlen, strahlenden Helden.
Gerade King hat ein sehr gutes Händchen für diese Charaktere.
Und eine gewisse Portion Morbidität hat dabei auch nicht geschadet. 😉
Was nun die Serie betrifft, die werde ich ignorieren. Mir geht dieser Trend zu Remakes und das „Aufblähen“ von eigentlich überschubarem Material zu Serien gewaltig auf den Keks. Wer das Buch „Der Hobbit“ und den Dreiteiler dazu kennt, der kann sich vorstellen, was ich meine. Die Filme waren handwerklich perfekt gemacht und hatten eine gute Atmosphäre, waren aber eben irgendwie NICHT das Buch für mich. 🤷🏻
Wo ist nur die Kreativität geblieben, etwas völlig Neues zu schaffen?
Hehe, Filmsessions im Wohnzimmer. Man hat mich damals nicht in Zombie rein gelassen, also hat kurz danach ein Freund damals den Film ausgeliehen als der in die Videotheken kam und wir haben bei ihm mit Freunden und Freundinnen den Film angeschaut (und andere Filme).
Ja stimmt, Neuverfilmungen mag ich auch nicht. Nur selten ist die Neufassung besser als das Original. Gerade diese amerikanischen Fassungen französischer Filme ist ein Graus. Wenn einem die Ideen ausgehen, dann sollte man es lassen.
Ich kann mich noch erinnern, dass der Film damals nebenher im TV lief als ich was anderes gemacht habe. Irgend wie wollte der Film am Anfang nicht zünden. Aber mit der Zeit war immer mehr Action und dann das Finale. Da habe ich dann von meinem Tun abgelassen und geguckt. Ich bin bei Filmen immer auf Seiten der Underdogs, der ausgestoßenen, den kleinen Leuten. Ich ertappe mich immer wieder, wie ich den Kriminellen in Krimis mehr Beachtung schenke als den Bullen. Don’t talk to the police… Und im Falle der Carrie, wenn man schon gemobbt wird, dann brennt ihr Motherfucker… Yeah…