Wie viel wiegt eine menschliche Seele? 21 Gramm, wenn man einer Legende Glauben schenkt. In seinem Artikel über das vermeintliche Gewicht der Seele ging Robert dieser ebenso faszinierenden wie fragwürdigen Vorstellung nach. Dabei bemerkte er, dass die Legende über das Gewicht der Seele in der Schwarzen Szene überraschenderweise nicht aufgegriffen wird. Seine Vermutung: „Vielleicht hassen Goths einfach Mathematik. Nichts tötet die Romantik schneller als eine Dezimalstelle.“
Dieser Satz hat mich sowohl als Mathematikprofessor als auch als Mitglied der Szene herausgefordert. Ist Mathematik tatsächlich der natürliche Feind schwarzer Romantik? Im Kommentarbereich des Artikels entstand eine Idee: Wir sollten einmal genauer hinschauen, wie viel Mathematik eigentlich in der Schwarzen Szene steckt!
In der Geschichte des Okkulten haben Menschen immer wieder geheime Botschaften in Zahlen erkannt oder geometrischen Figuren magische Kräfte zugeschrieben. Viele dieser Symbole werden auch in der Schwarzen Szene aufgegriffen. Okkulte Mathematik begegnet uns auf Plattencovern, in Songtexten, auf Schmuckstücken und in der Literatur.
Mathematik ist nicht nur ein Werkzeug, mit dem wir die Welt berechnen und vermessen können. Sie beschäftigt sich auch mit Dingen, die unsere Vorstellungskraft herausfordern und unser Gefühl für Ästhetik ansprechen: mit der Unendlichkeit, mit überraschenden Mustern und verborgenen Strukturen, mit Formen von faszinierender Schönheit. Und genau darin liegt eine Verbindung zur Schwarzen Szene, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so offensichtlich ist.
Begeben wir uns also auf eine kleine Spurensuche zwischen Zahlenmystik, Geometrie, Musik, dunkler Romantik und Okkultismus.
Geometrie des Dunklen: Das Pentagramm
Kaum ein geometrisches Symbol ist so eng mit Okkultismus und Magie verbunden wie das Pentagramm, der fünfzackige Stern. Seine Geschichte reicht bis in die Antike zurück. Schon die Pythagoreer, eine antike Gemeinschaft um den griechischen Philosophen und Mathematiker Pythagoras, verwendeten es als Erkennungszeichen. Im Laufe der Jahrhunderte erhielt es ganz unterschiedliche Bedeutungen, vom Schutzsymbol bis zum Zeichen des Satanismus. Besonders bekannt wurde das umgekehrte Pentagramm durch Anton Szandor LaVey, der 1966 die Church of Satan gründete und das Sigil of Baphomet zu ihrem Erkennungszeichen machte. Mehr über die wechselvolle Symbolgeschichte findet ihr in Roberts Beitrag über das Pentagramm.
Doch das Pentagramm ist nicht nur ein geheimnisvolles Symbol, sondern auch eine geometrische Figur von besonderer Schönheit. Es entsteht, wenn man die fünf Eckpunkte eines regelmäßigen Fünfecks durch Diagonalen miteinander verbindet. Seine ausgeprägte Symmetrie und die harmonischen Proportionen, in denen auch der Goldene Schnitt steckt, machen es ästhetisch reizvoll. Besonders faszinierend ist seine Selbstähnlichkeit: Im Inneren des Sterns entsteht ein kleineres Fünfeck, in das sich wiederum ein Pentagramm zeichnen lässt. Diesen Vorgang kann man theoretisch unendlich oft wiederholen. So steckt in diesem kleinen Symbol sogar ein Stück Unendlichkeit.
In der Schwarzen Szene begegnet uns das Pentagramm auf T-Shirts, als Schmuckanhänger, Tattoo oder in der Musik. Die Band Tiamat widmete ihm in ihrem Album Prey (2003) sogar einen den Song The Pentagram, in dem das gleichnamige Gedicht des berühmten Okkultisten Aleister Crowley vertont wurde. Besonders prominent ist das Symbol auch auf Plattencovern der benachbarten Heavy-Metal- und Black-Metal-Szene vertreten, etwa bei Venoms Black Metal (1982) oder Slayers Show No Mercy (1983). Auch in Filmen spielt das Pentagramm immer wieder eine Rolle. Ein eindrucksvolles Beispiel ist Fritz Langs Metropolis (1927), eine Dystopie über eine von Technik und sozialer Ungleichheit geprägte Gesellschaft. Im Labor des Erfinders Rotwang, in dem er einen künstlichen Menschen erschaffen hat, prangt ein großes umgekehrtes Pentagramm als Symbol für die dämonische Verbindung von Wissenschaft, Magie und zerstörerischer Industrialisierung. Mit diesem Film hat sich übrigens auch Robert in einem eigenen Beitrag beschäftigt.
Natürlich ist das Pentagramm nicht der einzige Stern, der in der düsteren Symbolwelt eine Rolle spielt. Auch das Hexagramm, der sechszackige Stern, und das Heptagramm mit seinen sieben Zacken begegnen uns in der Szene. Ein Hexagramm ist beispielsweise auf der Platte Die Propheten von Das Ich (1991) abgebildet. Ein besonders schönes Beispiel für ein Heptagramm liefert Robert Eggers’ Nosferatu (2024): Im geheimnisvollen Siegel des Grafen Orlok findet sich ein siebenstrahliger Stern, umgeben von einem Ouroboros, einer Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt und seit der Antike als Symbol für Ewigkeit und den ewigen Kreislauf gilt. Damit führt uns die Geometrie der Sterne unmittelbar zu einem weiteren mathematischen Thema, das wie kaum ein anderes die menschliche Vorstellungskraft herausfordert: der Unendlichkeit.
Für immer und ewig: Die Unendlichkeit
Die Vorstellung der Unendlichkeit fasziniert Menschen seit Jahrtausenden. In der Mathematik ist die Unendlichkeit längst mehr als eine philosophische Idee: Mathematiker*innen beschäftigen sich mit unendlich großen Zahlenmengen, unendlichen Zahlenfolgen und sogar mit unterschiedlich großen Unendlichkeiten. Das vertraute Symbol ∞, die liegende Acht, wurde 1655 vom englischen Mathematiker John Wallis als mathematisches Zeichen eingeführt. Während die Unendlichkeit in der Mathematik mit Mitteln der Logik untersucht wird, steht sie in religiösen und mystischen Traditionen häufig für Ewigkeit, Unsterblichkeit und die Überwindung des Todes.
Gerade diese Vorstellungen sind in der Schwarzen Szene allgegenwärtig. Die Sehnsucht nach ewiger Liebe, die Vergänglichkeit des Lebens und die Hoffnung, dass etwas über den Tod hinaus Bestand hat, gehören zu ihren wiederkehrenden Motiven. Das spiegelt sich auch in der Musik wider: L’âme Immortelle besingen in Unendlich die Unendlichkeit, Rue Oberkampf greifen in Eternity das Motiv der Ewigkeit auf, während Blutengel mit Keine Ewigkeit bereits im Titel einen Gegenpol setzen. Auch MONO INC. beschäftigen sich in Angels Never Die mit der Vorstellung der Unsterblichkeit. Und selbst der Bandname L’âme Immortelle bedeutet schließlich nichts anderes als „die unsterbliche Seele“.
Auch jenseits der Musik ist das Unendlichkeitssymbol in der Schwarzen Szene präsent, etwa als Schmuckstück oder Tattoo. Ein besonders schönes Beispiel liefert ASP, der sich das Zeichen ∞ tätowieren ließ und darüber in seinem Blogbeitrag Unendlich fremd berichtet. Das Leviathankreuz, das man häufig in der Szene findet, enthält ebenso eine liegende Acht. Anton Szandor LaVey hat es in seiner Satanischen Bibel zur Illustration der neun satanischen Grundsätze verwendet. Ursprünglich ist es allerdings ein alchemistisches Symbol für schwarzen Schwefel (sulfur nigrum).
Leviathan ist das biblische Seeungeheuer, das im Alten Testament Chaos und Unordnung repräsentiert. In der Church of Satan wird Leviathan mit dem Element Wasser verbunden und symbolisiert die Tiefen des menschlichen Unbewussten und verborgene Emotionen. Doch Leviathan ist natürlich nicht das einzige unheimliche Wesen, das uns in der Bibel begegnet. Im Neuen Testament lauert ein weiteres, nicht minder furchteinflößendes Geschöpf, und dieses hat sogar eine ganz besondere Zahl.
Die Zahl des Tieres: 666
Kaum eine Zahl dürfte in der Schwarzen Szene so beliebt sein wie die 666. In der Offenbarung des Johannes (13,18) wird sie als die „Zahl des Tieres“ bezeichnet. Später wurde die Zahl zu einem wichtigen Symbol satanistischer und okkulter Strömungen. Auch der berühmte Okkultist Aleister Crowley bezeichnete sich selbst als „The Great Beast 666“. Wer tiefer in die Geschichte der Zahl eintauchen möchte, findet in Roberts Beitrag über die 666 weitere Hintergründe.
Auch mathematisch hat die 666 einige Besonderheiten zu bieten. Es lassen sich einige Rechenspielchen mit dieser Zahl durchführen: So ist beispielsweise 6 + 6 + 6 + 6³ + 6³ + 6³ = 666, und die 666 ist die Summe aller natürlichen Zahlen von 1 bis 36. Außerdem ist 666 gleich der Summe der Quadrate der ersten sieben Primzahlen: 2² + 3² + 5² + 7² + 11² + 13² + 17² = 666. Solche Eigenschaften sind mathematisch interessant, aber natürlich kein Hinweis auf mystische Energien.
In der Schwarzen Szene ist die 666 längst zu einem festen Bestandteil der Ästhetik geworden. Sie begegnet uns auf T-Shirts, Schmuckstücken und Plattencovern, aber auch auf so manchem gruftigen Autokennzeichen. Musikalisch findet sie sich beispielsweise bei Centhron im Song 666 oder bei Agonoize, die im Jahr 2009 sogar ein Album mit dem bemerkenswerten Titel Hexakosioihexekontahexa veröffentlichten – dem griechischen Zahlwort für 666. Auch jenseits der Schwarzen Szene ist die Zahl in der Musik prominent vertreten, etwa bei Iron Maidens The Number of the Beast. Die 666 ist damit ein schönes Beispiel dafür, wie eine ursprünglich religiöse Zahl über Jahrhunderte hinweg zu einem kulturellen Symbol geworden ist, das gleichermaßen provoziert und fasziniert.
Die Zahl 666 ist bei weitem nicht die einzige Zahl, die uns in der Szene begegnet. In Subway to Sallys Song Sieben wird eine düstere-obsessive Fixierung auf diese Zahl thematisiert. In Welle:Erdballs Song 23 wird auf die von Adam Weisshaupt gegründeten Illuminaten Bezug genommen. Der Song wird sogar durch eine kleine Rechnung eingeleitet: “Commodore 64, ist das richtig? – Ja, 64. – Und wenn man das durch zwei teilt? – Das ist 32. – Und wenn man das umdreht? – Dann ist das… DREIUNDZWANZIG”. Wenn das nicht gelebte Mathematik in der Szene ist! Es wird bei Gruftis aber nicht nur gerechnet, sondern auch – mathematisch basaler – gezählt.
Eins, zwei, drei: Zählen bis zum Morgengrauen
Eins, zwei, drei – eigentlich ist Zählen eine der einfachsten mathematischen Tätigkeiten überhaupt. Schon kleine Kinder lernen es, lange bevor sie in der Schule mit komplizierteren Rechnungen konfrontiert werden. Durch Zählen kann die Anzahl von Objekten in einer Menge bestimmt werden. Zählen kann aber auch Rhythmus erzeugen, Bewegungen strukturieren und Wiederholungen organisieren. Das wusste bereits die Band Kraftwerk, die 1981 in ihrem Album Computerwelt mit dem Stück Nummern Zahlen in verschiedenen Sprachen zu einem elektronischen Klangteppich verwob. Kraftwerk beeinflussten damit auch die Entwicklung elektronischer Musikrichtungen, die später in der Schwarzen Szene eine wichtige Rolle spielen sollten, insbesondere EBM und Industrial.
Auch dort wird fleißig gezählt. Im EBM-Klassiker Headhunter (1988) von Front 242 (!) strukturieren die Zahlen von eins bis vier die einzelnen Schritte einer Menschenjagd. Noisuf-X treiben es mit Count to 7 immerhin bis zur Sieben, während Agonoize in 1,2,3 nicht ganz so weit kommen. Gerade die repetitiven Beats von EBM und Industrial zeigen dabei, wie eng Musik, Bewegung und mathematische Regelmäßigkeiten miteinander verbunden sind. Besonders schön passt das Zählen natürlich auch zum traditionellen Gruftitanz: Im Song Einheitsschritt von Kontrast heißt es „Drei Schritte vor und drei zurück“. Wer sich beim Tanzen verzählt, kommt aus dem Rhythmus.
Aber auch abseits der Tanzfläche hat das Zählen eine überraschend düstere Seite. In manchen europäischen Volksüberlieferungen lassen sich Vampire und andere Wiedergänger nämlich dadurch aufhalten, dass man ihnen kleine Gegenstände wie beispielsweise Erbsen ins Grab streut. Die Untoten müssen diese erst einmal zählen, bevor sie ihr Grab verlassen können. Darüber hinaus ist der wohl bekannteste Vampir mit einer Leidenschaft für Zählen Graf Zahl aus der Sesamstraße. Keine Figur aus dem Kinderfernsehen ist gruftiger als Graf Zahl!
Mathematik und Emotionen: Faszination ohne Leistungsdruck
Mathematik begegnet uns in der Schwarzen Szene also an erstaunlich vielen Stellen. Und manchmal wird sie sogar zum Ausdruck tiefster Gefühle. Besonders eindrucksvoll zeigt das Klangstabil mit ihrem Album Math & Emotion (2008). Im Song Math & Emotion – The Square Root of One werden arithmetische Operationen wie Addition und Subtraktion zu Metaphern für zwischenmenschliche Beziehungen.
Leider hat Mathematik nicht bei allen einen guten Ruf. Viele verbinden mit ihr vor allem unangenehme Erinnerungen an die Schulzeit: komplizierte Formeln, Prüfungsangst und das Gefühl, etwas einfach nicht zu verstehen. Lindemann und Haftbefehl bringen diese Abneigung in ihrem Song Mathematik (2018) ziemlich direkt zum Ausdruck. Doch die Mathematik, die wir in der Schule kennengelernt haben, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einer viel größeren Welt. Wenn es nicht mehr um Klausuren, Noten und Leistungsdruck geht, eröffnet sich ein ganz anderer Zugang: Mathematik kann uns mit ihrer Ästhetik begeistern, mit überraschenden Mustern und Zusammenhängen verblüffen und unsere Vorstellungskraft an ihre Grenzen bringen. Wenn man sich dafür öffnet, dann kann man mathematischen Symbolen und Zahlen auch in der Schwarzen Szene mit Neugier begegnen und viele neue und faszinierende Zusammenhänge entdecken.
Jetzt würde ich gerne von euch wissen: Wo ist euch Mathematik in der Schwarzen Szene begegnet? Kennt ihr weitere Songs, Bands, Plattencover, Filme oder Bücher, in denen Zahlen und mathematische Ideen eine Rolle spielen? Oder tragt ihr vielleicht selbst ein mathematisches Symbol als Schmuckstück oder Tattoo? Ich bin gespannt auf eure Entdeckungen in den Kommentaren. Vielleicht ist die Schwarze Szene ja noch viel mathematischer, als wir bislang annahmen…
Wollt ihr Christian Spannagel live erleben? Bis Ende des Jahres finden noch einige Vorträge in Heidelberg, Karlsruhe und Hanau statt. Jetzt noch die Teilnahme über seine Homepage sichern!



Vielen Dank für die Erläuterungen zu den Symbolen und die mathematischen Zusammenhänge. Erstaunlich was sich alles dahinter verbirgt.
Ich habe eine silberne Halskette mit der liegenden Acht als Anhänger. Dem Symbol der Unendlichkeit. Außerdem einen großen Leviathan Anhänger an einem Gürtel.
Vielen Dank! 😊 Das sind ja gleich zwei schöne Beispiele dafür, wie mathematische Symbole ihren Weg in die Schwarze Szene finden. Besonders schön finde ich, dass die liegende Acht auch im Leviathan-Kreuz wieder auftaucht. Da trägst du die Unendlichkeit gewissermaßen gleich doppelt mit dir herum! 🖤♾️