Das Unheilig Comeback ist da: Im März 2026 kehrt Der Graf mit seiner Band aus der selbstgewählten Versenkung zurück. Zehn Jahre nach dem letzten Konzert, nach einer zweijährigen Abschiedstournee, nach dem feierlichen Versprechen, dass es „definitiv keinen Rücktritt vom Rücktritt“ geben werde, ist er wieder da. Das neue Album heißt „Liebe Glaube Monster“, und in einem ausführlichen Interview mit der Zeit nutzt der Graf die Gelegenheit, um mit der Gothic-Szene abzurechnen, aus der er einst kam. Was er dabei sagt, hat mich aufgeregt. Nicht wegen der Rückkehr an sich, die sei ihm gegönnt. Sondern wegen der Art und Weise, wie er die Geschichte seiner eigenen Vergangenheit umschreibt.
Von der Szene zum Schlager: Die Geschichte vor dem Unheilig Comeback
Für alle, die die Geschichte nicht kennen oder auffrischen wollen: Unheilig wurde 1999 von Bernd Heinrich Graf, besser bekannt als „Der Graf“, in Aachen gegründet. Die ersten Alben „Phosphor“ (2001), „Das 2. Gebot“ (2003) und „Zelluloid“ (2004) fanden ihre Hörerschaft vor allem in der schwarzen Szene. Die Band spielte auf dem Wave-Gotik-Treffen, dem Zillo Open Air und dem Doomsday Festival, tourte mit Project Pitchfork und Terminal Choice. „Sage Ja!“ wurde zum Underground-Klassiker. Stücke wie „Maschine“ und „Schutzengel“ liefen in den Szene-Clubs, der Graf mit seinen weißen Kontaktlinsen und den schwarz lackierten Fingernägeln passte ins Bild. Die Fans durften nach den Konzerten noch mit ihm plaudern, die Ticketpreise lagen bei rund 20 Euro. Es war familiär, es war nah, es war das, was viele an der Szene schätzen.
Mit „Moderne Zeiten“ (2006) und „Puppenspiel“ (2008) begann eine schleichende Veränderung. Die Texte wurden zugänglicher, die Melodien glatter, die Musik poppiger. Schon damals fielen die Kontaktlinsen und der schwarze Nagellack weg, was der Graf später pragmatisch begründete: Die Linsen hätten wehgetan und das morgendliche Lackieren im Hotelzimmer sei ihm zu blöd geworden. Mag sein. Aber es war auch ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich hier jemand aus der Ästhetik seiner Herkunft löste.
Und dann kam 2010. „Große Freiheit“ explodierte. Über zwei Millionen verkaufte Einheiten, 23 Wochen auf Platz 1 der deutschen Albumcharts, damit Herbert Grönemeyers Rekord gebrochen. „Geboren um zu leben“ wurde zum meistgespielten Lied auf Beerdigungen in Deutschland. Der Graf trat bei Carmen Nebel auf, bei Florian Silbereisen, beim Bundesvision Song Contest. Im Big-Brother-Container, bei GZSZ, bei RTL2-Werbespots. Autogrammstunden in Elektromärkten. Interviews mit der BILD-Zeitung über seine Unterwäsche. Eine Haiti-Spendenaktion, begleitet von „Geboren um zu leben“. Der offizielle Fanclub löste sich auf.
Was folgte, war das, was ich 2011 auf Spontis als „beispiellosen Marketingfeldzug“ beschrieben habe: Popularität um jeden Preis. Die Verkaufszahlen stiegen, die Ticketpreise verdoppelten sich, und der Graf präsentierte sich zu jeder Gelegenheit, ohne auszuwählen, ob es passend war oder nicht. Danach kamen „Lichter der Stadt“ (2012) und „Gipfelstürmer“ (2014), die den eingeschlagenen Kurs konsequent fortführten.
Was der Graf heute sagt
In seinem Interview mit der Zeit vom 11. März 2026 spricht der Graf über seinen Abschied, über Corona, über einen Gesundheitsschreck und über den Moment unter einer Palme, als ihm die ersten neuen Texte einfielen. Das ist alles nachvollziehbar und menschlich. Er spricht über den Kieferbruch beim ersten Comeback-Konzert in Leipzig, über den Muskelfaserriss danach, über sein Team, das er wieder zusammengeholt hat. Auch das: sympathisch.
Doch dann kommt er auf die Gothic-Szene zu sprechen. Und da wird es für mich schwierig. Er sagt:
„Für mich stehen da überall Menschen. Ob die Gothic sind, ob die Schlager sind oder Metal oder Rock. Ich finde, wir dürfen nicht anfangen, Musik zu zensieren in dem Sinne, dass wir sagen: Diese Musik darf nur von speziellen Menschen gehört werden und von anderen Menschen nicht.“
Und weiter: „Alle reden doch gerade so viel über die Freiheit der Kunst. Und gleichzeitig hörst du, wie die Leute sagen: Ich möchte nicht, dass meine Musik hier oder da aufgeführt wird.“
Er deutet die Reaktion der Szene als Zensur. Als ob jemand ihm verboten hätte, seine Musik zu machen. Als ob engstirnige Gothics ihm den Mund verbieten wollten. „So ein Denken führt nur zu Zensur“, sagt er. „Wir wollen doch auch nicht, dass die Politik uns sagt, was wir hören dürfen und was nicht.“
Zensur? Wirklich?
Halten wir kurz inne und sortieren, was hier passiert. Niemand hat dem Grafen jemals verboten, seine Musik zu machen. Niemand hat ihn daran gehindert, bei Carmen Nebel oder Florian Silbereisen aufzutreten. Niemand hat seine Platten aus den Regalen genommen oder seine Konzerte verhindert. Im Gegenteil: Er hat über fünf Millionen Tonträger verkauft und gehört zu den erfolgreichsten deutschen Musikern der letzten Jahrzehnte. Wenn das Zensur ist, dann möchte ich auch gerne so zensiert werden.
Was tatsächlich passiert ist: Fans der ersten Stunde haben aufgehört, seine Musik zu hören. Sie haben sich abgewandt. Sie haben gesagt: Das ist nicht mehr das, was wir einmal an dieser Band mochten. Das ist ihr gutes Recht. Das ist keine Zensur, das ist eine Entscheidung. Und es ist eine Entscheidung, die viele Fans sehr bewusst und oft auch schmerzhaft getroffen haben. Wer die Kommentare unter meinem damaligen Artikel liest, sieht Menschen, die sich als Unheilig-Fans outen und gleichzeitig beschreiben, wie bitter die Enttäuschung war. Fans, die bei Konzerten mit tausend Besuchern die intimste Atmosphäre erlebt hatten und die dann zusehen mussten, wie ihr Erlebnis zur Massenware wurde.
Als And One die Tour mit Unheilig abbrach
Wie tief der Graben zwischen Unheiligs Kommerzialisierung und der Szene wirklich war, zeigte sich 2011, als die EBM-Band And One drei gemeinsame Konzerte mit Unheilig spielte und dann die Tour abbrach. Frontmann Steve Naghavi beschrieb in einem erstaunlich offenen Statement, wie er beim ersten Konzert durch einen Schlitz im Zaun ins Publikum blickte und erkannte, dass von der schwarzen Szene fast nichts mehr übrig war. Beim dritten Konzert betrat ein Moderator die Bühne und bedankte sich im Namen von Unheilig bei VW für ein Sponsoring – ein kommerzielles Bla Bla, wie Naghavi es nannte. Ihm wurde klar, dass er genau dort angekommen war, wovor seine eigenen Fans ihn gewarnt hatten. Und er zog die Konsequenz, die Tour abzubrechen.
Naghavis Fazit war bemerkenswert: „Fans sind in solchen Zeiten wie wahre Freunde, die nicht scheuen davor, einem mal ordentlich die Meinung zu geigen!“
Hier liegt der fundamentale Unterschied zum Grafen: Naghavi verstand die Kritik als Freundschaftsdienst. Der Graf deutet sie als Zensur.
Es war nie nur der Auftritt bei Carmen Nebel
Der Graf stellt es so dar, als hätten engstirnige Gothics ihm übel genommen, dass er im Schlagerfernsehen auftrat. Das ist eine Vereinfachung, die der Komplexität der Debatte nicht gerecht wird.
Ja, der Auftritt bei Carmen Nebel war ein Aufreger. Aber er war ein Symptom, nicht die Ursache. Was die Fans störte, war nicht ein einzelner Fernsehauftritt, sondern die Gesamtheit der Vermarktung. Es war Big Brother. Es war GZSZ. Es waren die RTL2-Werbespots. Es war die BILD-Zeitung. Es war die Haiti-Spendenaktion, die Eisbrecher-Sänger Alex Wesselsky als „zynisch und menschenverachtend“ und als „RTL-Marketing auf der untersten Schiene“ bezeichnete. Es war die Tatsache, dass keine Gelegenheit ausgelassen wurde, das Produkt Unheilig zu vermarkten, koste es, was es wolle.
Und es war die musikalische Entwicklung. Die Texte wurden seichter, die Melodien beliebiger, die Inhalte austauschbarer. Was einst Emotion war, wurde Kalkül. Was als persönlicher Ausdruck begann, wurde Ware. 2012 duettierte der Graf auf „Lichter der Stadt“ mit Xavier Naidoo, und für viele war das der Punkt, an dem auch musikalisch das letzte Band zur Herkunft gekappt war.
Der Vergleich, der den Unterschied zeigt
Es gibt einen Vergleich, der das Problem des Grafen auf den Punkt bringt. 2023 traten Lord of the Lost beim Eurovision Song Contest an und mussten sich mit ganz ähnlichen Kommerz-Vorwürfen aus der schwarzen Szene herumschlagen. Sänger Chris Harms reagierte darauf mit einem ehrlichen Statement: „Wir sind schon LANGE voll Kommerz. Weil wir mit unserer Musik inzwischen Geld verdienen.“ Er bat nicht um Mitleid, er spielte nicht das Opfer, und vor allem: Er hatte seine Musik nicht für den Mainstream verändert.
Lord of the Lost klangen nach dem ESC genauso wie davor. Der Vorwurf war derselbe, aber die Ausgangslage war eine völlig andere. Ich habe 2023 auf Spontis dazu geschrieben, dass man einem Musiker den kommerziellen Erfolg gönnen darf und dass die Szene aufpassen muss, nicht reflexhaft jeden Erfolg als Verrat zu brandmarken.
Aber genau hier liegt der Punkt: Bei Lord of the Lost war es tatsächlich nur der Vorwurf des Kommerz. Bei Unheilig war es mehr. Es war das Gefühl, dass die gesamte Identität der Band für den Erfolg geopfert wurde. Die Kontaktlinsen, der Nagellack, die Club-Atmosphäre, die textliche Tiefe, die musikalische Eigenständigkeit. Alles weg, Stück für Stück, ersetzt durch eine massentaugliche Mischung aus Bescheidenheit und Mysterium, die zu jeder Gelegenheit vermarktet wurde.
Dieses Muster ist übrigens kein Einzelfall. 2013 traf es die Pagan-Folk-Band Faun, die nach einem Wechsel zu Universal und einem Auftritt bei Carmen Nebel von den Fans ebenfalls „Unheilig gesprochen“ wurde. Frontmann Oliver Pade versuchte damals, den Major-Label-Wechsel mit höheren Zielen zu begründen. Der Vergleich mit Unheilig war nicht zufällig, er war das Muster.
Die eigentliche Frage
Kommen wir zur Kernfrage: Ist das, was dem Grafen widerfahren ist, Zensur? Oder ist es eine Auseinanderentwicklung, bei der sich ein Künstler in eine Richtung bewegt hat, die seine ursprüngliche Hörerschaft nicht mehr mittragen konnte?
Ich denke, die Antwort ist eindeutig. Es ist keine Zensur. Es ist das normalste Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Wer sich von seiner Herkunft löst, muss damit rechnen, dass die Herkunft sich von ihm löst. Wer seine ästhetischen und musikalischen Wurzeln kappt, darf sich nicht wundern, wenn der Baum nicht mehr an derselben Stelle steht. Wer „Musik für alle Menschen“ machen will, wie der Graf es formuliert, der wird feststellen, dass „alle“ eben nicht „alle auf einmal“ bedeutet.
Der Graf hat jedes Recht, seine Musik zu machen, wie er will. Er hat jedes Recht, bei Carmen Nebel aufzutreten, bei Florian Silbereisen, beim Big-Brother-Container und wo auch immer. Aber er hat kein Recht darauf, dass alle, die ihn auf diesem Weg verloren haben, das als Zeichen ihrer Engstirnigkeit betrachten. Die Szene hat ihn nicht zensiert. Sie hat sich verabschiedet. Das ist ein Unterschied.
Und es gibt noch einen Aspekt, der mich stört. Wenn der Graf sagt, er wolle auch gerne wieder beim Wave-Gotik-Treffen spielen, dann klingt das nach Versöhnung, aber es fühlt sich an wie Rosinenpickerei. Man kann nicht die Szene, die einen großgezogen hat, als engstirnig bezeichnen und gleichzeitig ihre größte Bühne für sich beanspruchen wollen. Man kann nicht die Fans der ersten Stunde „Gothic-Zensoren“ nennen und gleichzeitig ihre Veranstaltungen als Validierung der eigenen Vielseitigkeit nutzen.
Authentizität kann man nicht abstreifen und wieder anziehen
Was mich persönlich am meisten beschäftigt, ist die Frage der Authentizität. Wenn der Graf für ein neues, breiteres Publikum einfach so sein früheres Ich abstreift, wenn die Kontaktlinsen, der Nagellack, die düstere Ästhetik, die tiefsinnigeren Texte plötzlich als überflüssiger Ballast dargestellt werden, dann stellt das rückwirkend alles in Frage, was vorher war. Waren die Emotionen der frühen Stücke echt oder waren sie Kalkül? War das Mysterium des Grafen Ausdruck einer Haltung oder war es ein Marketinginstrument, das ausgedient hat, sobald sich ein profitableres Instrument fand?
Die Fans, die sich verraten fühlen, fühlen sich nicht verraten, weil der Graf erfolgreich ist. Sie fühlen sich verraten, weil seine Verwandlung ihre eigenen Erinnerungen entwertet. Wenn „Sage Ja!“ und „Schutzengel“ von demselben Menschen stammen, der später ein Duett mit Xavier Naidoo aufnimmt und im Big-Brother-Container auftritt, dann wirken die frühen Stücke rückwirkend weniger ehrlich. Das ist kein Neid, das ist Ernüchterung.
„Liebe Glaube Monster“: Was das Unheilig Comeback musikalisch verspricht
Von „Liebe Glaube Monster“ hört man laut der Zeit „dramatisch instrumentierte Pop-Rock-Stücke“, die in ihrer „Überproduziertheit“ gelegentlich an Rammstein erinnern, und „sehnende Balladen“, in denen der Graf von „Liebe, Glück und Ängsten“ kündet. Ich bin gespannt, ob da noch etwas von der alten Substanz durchschimmert, aber ich bin auch skeptisch. Wer sich zehn Jahre lang unter Palmen im Urlaub entspannt hat, dem fällt es vielleicht schwer, die Monster zu beschreiben, die dem Rest von uns das Leben schwer machen. Immerhin scheint der Sonic Seducer wieder ein Stück „schwarze DNA“ im neuen Album zu erkennen. Jeder darf Unheilig für sich entdecken und Songs aus allen Alben auf seine Playlist setzen – es ist zu keinem Punkt falsch oder „verboten“ gewesen.
Und ja, der Graf hat das Recht zurückzukommen. Und ja, das Album wird vermutlich erfolgreich sein. Aber die schwarze Szene hat ebenso das Recht, das zur Kenntnis zu nehmen und weiterzugehen. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne den Vorwurf der Zensur. Einfach nur mit dem Wissen, dass sich zwei Wege getrennt haben und dass das kein Verbrechen ist, sondern das Leben. Das Unheilig Comeback mag kommerziell ein Erfolg werden – die Brücke zur schwarzen Szene baut man damit nicht.
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.


