Im September 2009 lag hier die fünfte Ausgabe des Crawling Tunes Magazine auf dem Tisch – dunkel-bunt, mit einem Interview mit Mick Mercer und einer DVD voller Musik, von der man heute kaum glauben mag, dass sie jemand aus eigener Tasche finanziert hat, wir haben damals darüber berichtet. Es sollte die letzte bleiben. Vor ein paar Tagen meldete sich der Herausgeber Tyves Oben bei mir: Crawling Tunes wäre 20 geworden, und er wollte seinen Rückblick dort teilen, wo er sich mit dem Heft immer gut aufgehoben gefühlt hat. Den Text hat er selbst geschrieben – und zwar mit einer gewissen Distanz zu sich selbst: Er erzählt über sich in der dritten Person und zitiert sich dabei gleich selbst. Wer also „meint Tyves“ liest, darf sich dabei gern den Herausgeber vorstellen, der sich selbst über die Schulter schaut. Ich habe den Text so belassen, wie er ihn geschickt hat.
„Wo siehst du das Magazin in fünf Jahren?“ – „In jedem Zeitungskiosk!“
Das antwortete Tyves Oben seinerzeit in einem Interview. Vor 20 Jahren erblickte das deutschsprachige Crawling Tunes Magazine das Licht der Welt. Die Geschichte begann allerdings nicht mit dem Plan, ein Magazin zu gründen. Sie begann mit einer Platte.
Im Mai 2006 erschien The Silent Flame von Place4Tears. Ein Album, über das berichtet werden sollte. Nur wollte damals offenbar niemand darüber berichten — „jedenfalls nicht, ohne dass vorher ein paar Händchen voll Schotter über den Tisch wanderten.“ Die Reaktion darauf war denkbar unkompliziert: „Alsoooo … startete ich mein eigenes Magazin.“
Crawling Tunes war geboren.
Der Name war dabei beinahe so schnell gefunden wie die Idee. Er bezog sich auf jene ruhige, melancholische und etwas schleppende Seite des Darkwave der 80er, die damals besonders geliebt wurde. Die ersten 100 Exemplare erschienen professionell gedruckt im A4-Format. Kein zusammenkopiertes Fanzine, sondern ein richtiges Magazin — obwohl das Budget dafür eigentlich kaum vorhanden war.
No Budget. – Aber durchaus Anspruch.
Das Geld für die ersten Hefte stammte aus den mageren Restbeständen meines Kontos, so Tyves. Eine feste Finanzierung gab es nicht. Bezahlte Werbung gab es in der ersten Ausgabe ebenfalls nicht. Denn Crawling Tunes war ohnehin Werbung — für die Musik und die Künstler, die darin vorgestellt wurden.
Als die ersten 100 Exemplare schließlich ankamen, war die Reaktion weniger Existenzangst als vielmehr ein ziemlich breites Grinsen: „Ich war schon ein bisschen stolz. Wow, ich hatte tatsächlich mein eigenes Magazin geschaffen!“
Die Bands kauften Exemplare und verkauften sie weiter an ihre Fans. Hefte wurden bei Veranstaltungen verkauft und bestellt. Ein großer Vertriebsapparat war nicht notwendig. Das Magazin begann sich selbst zu verbreiten.
Und damit begann etwas, das ursprünglich gar nicht geplant gewesen war.
Nach Ausgabe 1 meldeten sich weitere Bands. Gleichzeitig wurden selbst Bands angeschrieben, die beispielsweise über MySpace entdeckt worden waren und musikalisch ins Magazin passten. Die einzige Voraussetzung war, dass mir die Musik oder Kunst gefiel.
Und ziemlich schnell wurde aus der ursprünglichen Idee ein echtes Medium. Selbst in den damaligen X-tra Stores (wer erinnert sich?) und im Demonic Arts in Leeds, UK lagen die Magazine aus.
Das Ironische daran: Place4Tears, der ursprüngliche Grund für die Gründung von Crawling Tunes, fand plötzlich auch in anderen Magazinen statt. Das Problem, das zur Gründung geführt hatte, war damit auf ziemlich elegante Weise gelöst.
Vom No Budget zum Low Budget
Crawling Tunes wuchs von Ausgabe zu Ausgabe.
Alle Hefte erschienen als „High glossy paper printed magazine“ im A4-Format. Schon dieser Satz klang damals erheblich besser als „Fanzine”. Die ersten vier Ausgaben wurden aus Kostengründen in Graustufen produziert. Ausgabe 5 erschien schließlich komplett in Farbe. Ab Ausgabe 3 lag dem Magazin jeweils eine professionell gepresste CD-Compilation bei.
Aus der Crawling Tunes Vol. 3 Compilation wurde, dank dem mit ins Boot gestiegenen Jörg Tochtenhagen, sogar eine eigenständige Veröffentlichung auf DVD. Sie enthielt zusätzlich die ersten vier Ausgaben des Magazins als PDF sowie rund fünf Stunden Audio- und Videomaterial mit Schmankerln aus der damaligen Gothic-Szene. Restbestände gibt es wohl heute immernoch auf Amazon. Die Auflage wuchs ebenfalls. Aus den anfangs 100 Exemplaren wurden schließlich 1.000. „Auch heute noch bin ich meinen guten Freund Jörg für seine offene und experimentierfreudige Art sehr dankbar. Ohne ihn hätte Nummer 5 nicht diese schöne Form bekommen.“
Von No Budget zu Low Budget. Die Produktionskosten konnten wieder hereingeholt werden. Verdient wurde am Crawling Tunes letztlich nichts.
„Bei Ausgabe 5 kam der Einsatz wohl auch komplett wieder rein. Da alle anderen Ausgaben ebenfalls ausverkauft waren, bin ich letztlich bei null rausgekommen. Und das war damals vollkommen okay.“
Mehr als ein Magazin
Was sich allerdings nicht in Auflagenzahlen messen lässt, war die Community, die rund um Crawling Tunes entstand.
DJs und Veranstalter bestellten Hefte, um sie bei Veranstaltungen ihren Gästen anzubieten. Bands machten Werbung für das Magazin. Leserinnen und Leser schickten Fotos von sich mit dem Heft. Wundervoll!
Alle unterstützten einander. Das Magazin wurde damit zu einem Netzwerk.
Und natürlich gab es auch Geschichten, die 20 Jahre später noch funktionieren.
„Ich fragte eine damalige Lieblingsband von mir für ein Interview an. Die Antwort war sinngemäß: „Gerne — wenn ich dafür auf dem Titelblatt erscheine.““
Meine Antwort darauf war: „Die Titelblätter von Crawling Tunes sind ausschließlich Künstlern vorbehalten — Malern, Fotografen und anderen bildenden Künstlern.“ „Davon bin ich nicht abgewichen. Also gab es eben kein Interview.“, meint Tyves dennoch ein wenig stolz. „Auch als kleines unabhängiges Magazin hatte ich meine Prinzipien und es schien mir unfair anderen Bands und Musikern gegenüber diese nun, sei es auch nur ausnahmsweise, für nichtig erklären zu wollen.“
„In jedem Zeitungskiosk!“
Dass das Magazin tatsächlich wuchs, war schon damals offensichtlich.
In einem Interview eines Online-Magazins wurde die Frage gestellt: „Wo siehst du das Magazin in fünf Jahren?“ Die Antwort: „In jedem Zeitungskiosk!“
Ganz bis dorthin kam Crawling Tunes dann doch nicht. Aber der Weg von 100 professionell gedruckten Exemplaren bis zu 1.000 farbigen Exemplaren war, für einen Einzelkämpfer bis Nummer 4, durchaus bemerkenswert. Und die Spuren der letzten Ausgabe reichen sogar über ihr eigentliches Erscheinen hinaus.
Crawling Tunes #5 erschien im September 2008 und wird heute noch im Literatur- und Szenemagazin-Archiv von Spontis geführt — dort ausdrücklich als „Magazin für Liebhaber der subkulturellen Musik und Kunst“. Die Ausgabe umfasste neben zahlreichen musikalischen Beiträgen auch einen umfangreichen Kunstteil. (Spontis)
Auch in anderen damaligen Medien hinterließ Crawling Tunes Spuren. Reviews, Interviews und Erwähnungen finden sich unter anderem in Unscene Magazine, Devolution Magazine, GothicParadise.de, Gothtronic, Gothic Magazin, im NEGAtief Magazin, oder auch immernoch auf einigen Bandwebpages. Besonders schön ist rückblickend eine Einschätzung vom mehrfachen Szenebuchautor Mick Mercer, der Crawling Tunes mehrfach besprach und über den Herausgeber schrieb: „He’s definitely on the artists’ side. A trouper.“ Das trifft die damalige Idee ziemlich gut.
Einige der Titel die damals auf den Crawling Tunes Samplern ihren Platz fanden können heute noch nachgehört werden, denn Tyves hat zumindest von den Titeln die er finden konnte die Compilations als Playlists wieder ins Leben zurück geholt.
Und dann kam die Nummer 6
Ganz vorbei war es nach Nummer 5 nämlich noch nicht. Eine halbe Nummer 6 existiert bis heute. Das grobe Layout war bereits vorhanden, Material gesammelt. Unter anderem gab es ein Interview mit The Beauty of Gemina, das bis jetzt nicht veröffentlicht wurde.
„Für Nummer 6 war erstmals auch eine Mitschreiberin vorgesehen, deren eigenen, erfrischend humorvollen Schreibstil ich besonders schätzte.„, sagt Tyves.
Dann wurde die Realität stärker als der Enthusiasmus. Finanziell war es persönlich schwierig. Gesundheitlich ebenfalls. 16 Stunden am Tag an einem Magazin zu arbeiten, ist auf Dauer keine tragfähige Arbeitsweise und hinterläßt merkliche Spuren — selbst dann nicht, wenn man das Projekt liebt.
Crawling Tunes endete deshalb nicht mit einem großen Schlussstrich.
Es war eher eine Mischung aus: „So kann ich nicht weitermachen.“ und „Eigentlich möchte ich überhaupt nicht aufhören.“
20 Jahre später
Die Welt, in der Crawling Tunes entstand, existiert so nicht mehr.
2006 bedeutete Vernetzung noch CDs, Briefe, Pakete, Magazine, Veranstaltungen, Foren und MySpace. Musik wurde verschickt. Hefte wurden verschickt. Man wartete auf Antworten.
Heute genügt ein Link.
Ein Song kann innerhalb von Sekunden weltweit veröffentlicht werden. Streaming, Bandcamp und Social Media machen es möglich, Musiker, Künstler und Hörer rund um den Globus unmittelbar miteinander zu verbinden.
Keine Frage, die technischen Möglichkeiten sind heute ungleich größer. Der eigentliche Mechanismus ist trotzdem derselbe geblieben. Damals bedeutete Support einen DJ, der ein paar Hefte zu seiner Veranstaltung mitnahm. Eine Band, die ihre Fans auf das Magazin aufmerksam machte. Ein Leser, der ein Foto von sich mit dem Heft schickte. Jemand, der einem anderen sagte: „Hör dir diese Band mal an. Vielleicht ist das was für dich.“
Heute heißt das vielleicht Stream, Share, Story, Playlist, Kommentar oder Bandcamp-Kauf.
Die Werkzeuge haben sich verändert. Der Gedanke dahinter nicht.
„Und persönlich liegt für mich darin das eigentliche Vermächtnis des Crawling Tunes Magazines. Es begann mit einer Platte, über die niemand schreiben wollte. Daraus wurde ein Magazin. Aus dem Magazin wurde eine Community. Und die Verbindung zu Musik und Kunst ist nie wirklich verschwunden.“
Was macht der Gründer denn heute so?
Das Magazin gibt es längst nicht mehr. Die Arbeit mit Musikern und Künstlern allerdings schon. Heute entstehen statt Magazinseiten Artworks, Cover, Layouts, Bücher und visuelle Konzepte.
Tyves macht noch immer unter dem Namen Scarless Arms Musik und veröffentlicht Bücher. Ende August erschien mit „Recycling — Words and Remnants“ bereits das vierte Buch in seinem Repertoire.
Daneben arbeitet er weiterhin als freischaffender Grafikdesigner. Zu seinen jüngsten Arbeiten gehört das Artwork für das neue Album von The Spiritual Bat, „Theatre of Dust“. Mit der Band verbindet ihn eine Freundschaft, die bis zur ersten Ausgabe von Crawling Tunes zurückreicht.
Auch das Artwork für „Echoes we keep“ von De/Vision Redux stammt von Tyves. Und damit schließt sich der Kreis auf eine ziemlich schöne Weise. Damals wurden Musiker und Künstler im Crawling Tunes Magazine sichtbar.
20 Jahre später ist Crawling Tunes Geschichte, oder besser gehört zur internationalen Underground-Szenegeschichte.
Aber die Idee, Musik und Kunst sichtbar zu machen, Menschen miteinander zu verbinden und gute Arbeit gegenseitig zu unterstützen, ist erstaunlich lebendig geblieben.
Tyves Oben — www.tyvesoben.com


