Ein persönlicher Jahresrückblick: First and Last and Always

Heute geht das Jahr zu Ende und kaum jemandem scheint aufgefallen zu sein, das wir ein neues Jahrzehnt einläuten. Was waren das noch für Zeiten als die 70er endeten und die 80er begannen. Atomkraft, Abrüstung und die Umwelt – aus der Studentenbewegung wächst eine Partei, die Grünen gründen sich. Nachdem Punk Ende der 70er die Welt der Musik auf den Kopf stellte, ist die Bewegung 1980 fast überall angekommen und formt während der Zeit des Dekadenwechsels unzählige neue Musikrichtungen. Auch der Kommerz ist auf den Zug aufgesprungen und macht aus der NDW ein Zugpferd für deutschsprachige Musik. New Romantics, Grufties, Waver, alle werden zu dieser Zeit geboren. Auch der Homecomputer ist auf dem Siegeszug, ein C64 steht in vielen Kinderzimmern – BTX beginnt mit der Vernetzung der Gesellschaft, die Welt wird immer schneller. An Zauberwürfeln rätselt die Welt, Tschernobyl explodiert während Mutter Beimer in der Lindenstraße die heile Welt spielt.

10 Jahre später enden die 80er in mit einem spektakulären und großartigen Abschluss: Die Mauer fällt und steht nicht wieder auf. Was zusammengehört kommt zusammen, was nie passte, passt immer noch nicht. Die Gesellschaft verliert zunächst ihre Konsistenz, Neonazis gewinnen neue Mitglieder. Ausländerfeindlichkeit, Rassismus Rechtsextremismus beherrschen die Schlagzeilen während die Musik in der Belanglosigkeit zu ersticken droht. Die Loveparade suggeriert Liebe und Frieden während begeisterte Raver ihren Spaß haben. Doch auch die Kreativität explodiert, der ehemalige Osten holt nach, die Gothic-Szene, die eigentlich schon am Boden lag, wird defibrilliert. Die Welt scheint kleiner, die brennenden Ölquelle des Golfkrieges rauchen auf jedem Bildschirm, als Jugoslawien zerfällt, ist der Krieg nebenan. Die D-Mark bekommt ein neues Gesicht, Prinzessin Diana stirbt und Monika Lewinsky saugt unter dem Tisch des Präsidenten.

Als sich auch diese Dekade dem Ende neigt, ist alles lauter und gewaltiger als jemals zuvor, doch die Angst vor der Millenium-Bug scheint zu verpuffen wie die Feiern die das Jahrhundert beenden. Man fühlt sich erhaben und privilegiert das neue Jahrtausend zu begrüßen, doch am nächsten Morgen fragt man sich, was passiert ist. Das Internet gewinnt rasant an Bedeutung, die Welt vernetzt sich und schrumpft. Als das World Trade Center zum Ground Zero wird bekommt Terror wieder eine neue Bedeutung, auch das Klima spielt scheinbar verrückt als ein Tsunami Thailands Küste niederwalzt. Ein Deutscher wird Papst, ein schwarzer Präsident und die D-Mark ist Geschichte. Musik? Urheberrechte, MP3 und Napster in aller Munde – keine Zeit mehr für klangliche Revolutionen. Retrowellen überall, das, was man kennt, wird neu gemischt und schon wieder angezogen.

Und jetzt?

Ende 2008 eröffne ich Spontis und erkenne, das es noch Menschen gibt, die das interessiert was ich zunächst sporadisch und später regelmäßig zum Besten gebe. Einige die 2010 aus dem Schatten des Lesers heraustraten um zu kommentieren haben mich beeindruckt, andere verstört, begeistert oder beglückt. Ich bedanke mich bei Euch für ein tolles Jahr. Eure Kommentare, Eure Besuche und Eure Bereitschaft mitzugestalten hat diesen Blog so spannend gemacht.

Auch im neuen Jahrzehnt, das mit 2011 beginnt, möchte ich weiter meiner Passion folgen und über das schreiben, was mir durch den Kopf geht. In den letzten zwei Jahren haben sich über diesen Blog hinaus einige Bekanntschaften etabliert, die ich weiter festigen möchte. 2011 möchte ich mein erstes Projekt ins Leben rufen, zu dem mich eine sehr liebe Mitbloggerin inspiriert und animiert hat. Ich werde wieder zum WGT nach Leipzig fahren und auch öfter mal wieder nach Berlin, in das gerettete Archiv der Jugendkulturen. Auch Künstler, die 2011 die Bühne betreten, dürfen mit meiner Anwesenheit rechnen. Ich würde mich freuen, einige von Euch 2011 persönlich kennenzulernen, einige grobe Ideen dazu müssen noch zusammengebaut werden.

Die Sonne ist bereits untergegangen, doch morgen geht sie wieder auf. Ich wünsche euch einen guten Rutsch in das neue Jahrzehnt und das Jahr 2011!

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Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Schatten
Schatten (@guest_11426)
Vor 10 Jahre

Auch dir ein frohes Neues Jahr Robert!
Hm man sagt ja, dass sich die ganzen Sachen so alle 20 Jahre wiederholen… ob das bedeutet, dass die 90er ne Renaissance erleben?! Hoffentlich nicht o.O
Btw, das Bild sieht gut aus^^

orphi
orphi (@orphi)
Editor
Vor 10 Jahre

Wenn man die ganzen großen Ereignisse in einem Artikel zusammengefasst sieht und die ganzen kleinen, persönlichen Ereignisse hinzuzählt, dann spürt man das Alter. Seltsam, aber auch irgendwie beeindruckend. Vielen Dank für den kleinen – eigentlich großen – Rückblick. Ich freue mich ebenfalls auf ein neues Spontis-Jahr und ein Treffen in 2011 wäre prima – vielleicht könnte man ja auch den angerissenen Kinoabend umsetzten. Ich verspreche auch, dass ich nur draußen unter freiem Himmel rauche – wenn überhaupt ;-)

Einen guten Rutsch ins neue Jahrzehnt! Mal sehen, was uns so erwartet…

tobi
tobi (@guest_11433)
Vor 10 Jahre

jupp, interessant das so komprimiert und im schnelldurchlauf nochmal revue passieren zu lassen – args ich bin alt!

Guldhan
Guldhan (@guldhan)
Vor 10 Jahre

Auf die Zukunft. Wie launisch sie auch immer sein mag.

stoffel
stoffel (@stoffel)
Vor 10 Jahre

Wie Guldhan sehr passend schrieb: „Auf die Zukunft“ :) Ich danke Dir für ein interessantes, inspirierendes, lustiges und nachdenkliches 2010 in Deinem virtuellen Arbeitszimmer ;)

Gib auf jeden Fall Bescheid wenn Du Berlin beehrst *liebschau*

Rosa Chalybeia
Rosa Chalybeia (@rosa-chalybeia)
Vor 10 Jahre

Ich hoffe Du, und freilich auch alle anderen Leser und Mit-Kommentatoren sind gut ins neue Jahr gekommen. Bei uns wars so unspektakulär wie schon lang nicht mehr, nachdem wir den ursprünglichen Plan, Zapfendorf zu beehren zur Sylvesterparty, aus Gründen der allgemeinen Befindlichkeit wieder weggeschoben haben, gabs Sofa und DVD – und ich bin dann sogar weggepennt und hab Mitternacht verschlafen. Soviel zum Thema „ich werd alt“ *lach*

Auch ich freue mich auf viele neue tolle Beiträge von Dir, und auf jeden Fall auf weitere Treffen.

von Karnstein
von Karnstein (@karnstein)
Vor 10 Jahre

Hach, schön geschrieben, sehr gefühlvoll :)
Achja, ein erfolgreiches neues Jahr wünsche ich dir übrigens, lieber Robert ^^
Wirklich krass aber, dass das mit dem neuen Jahrzehnt wirklich so unbemerkt an der Menschheit vorbei gezogen ist – an mir auch, volles Rohr… Ich hatte vorher ja erst zwei Jahrzehntwechsel mitbekommen und beim ersten war ich noch zu klein um das so richtig zu realisieren – der letzte kam mir nur wegen der Millenium-Bug-Panikmache und den von nun an deutlich anderen Jahreszahlen irgendwie relevant vor.
Kulturelle Veränderungen und Umstürze kann man vorher ja kaum abwägen (als Siebenjähriger hatte ich keinen Schimmer warum die Menschen sich so über den Fall dieser Mauer gefreut haben), von daher muss das die 2010er Jahre (oder wie auch immer) ja noch nichts heißen…
Abwarten und Rotwein trinken – vielleicht werden sie ja nicht ganz so [einerseits] belanglos und [andererseits] von kaum wahrgenommenen und allgemein verdrängten (da fernen) Katastrophen geprägt, wie die letzten.

Guldhan
Guldhan (@guldhan)
Vor 10 Jahre

„Die Zukunft ist nicht lau­nisch, son­dern die Men­schen die sie machen“

In der Tat, dem muss ich Recht geben.

Dann auf die Zukunft. Wie launische deren Schmiede auch immer sein mögem.

Schatten
Schatten (@guest_11620)
Vor 10 Jahre

Gerade gefunden, passend zum Thema der sich wiederholenden Jahrzehnte https://cheezburger.com/4308410368
:D

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