Der 16. März 2026 war ein bewölkter Tag im süditalienischen Capaccio Paestum. Ich habe diesen Ort noch nie besucht. Ich stelle mir Süditalien vor, Sonne über dem Mittelmeer, Stille. Ein schöner Ort für eine Frau, die durch ihren Mut, zu sein, wie sie war, unzählige andere inspiriert hat – konsequent, jenseits von Erwartungen und Schubladen. Doch an diesem Tag hing eine schwere Wolkendecke über dem Ort, kein Sonnenstrahl, der sich durchkämpfte, kein strahlendes Blau über dem Tyrrhenischen Meer. Vierzehn Grad am Morgen, neunzehn am Mittag – mild genug, um draußen zu stehen und die kühle Luft zu atmen. Irgendwo hinter den Wolken die griechischen Tempel von Paestum, dreitausend Jahre alt und schweigend. Gegen Abend schloss sich die Wolkendecke noch fester, und in der Nacht kam dann der Regen mit Böen aus Nordost, als hätte die Luft das, was sie den ganzen Tag zurückgehalten hatte, endlich losgelassen.
An diesem Tag starb Bettina Köster, Mitbegründerin von Mania D und Malaria! im Alter von 66 Jahren, wie ihre frühere Bandkollegin Gudrun Gut der Deutschen Presse-Agentur bestätigte.
Berlin, Ende der Siebziger. Die Welt hat Risse.
Bettina Köster wurde am 15. Juni 1959 in Herford geboren. Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre verbrachte sie prägende Jahre in Berlin, wo sie an der Hochschule der Künste studierte und in der Clubszene rund um das SO36 und den Dschungel aktiv war. Das Westberlin jener Zeit war ein Ausnahmezustand: eingemauert, subventioniert, voller junger Menschen, die dem Militärdienst entkamen und lieber Lärm machten. Es war der ideale Nährboden für etwas Neues, Zähes, Unbequemes.
Köster eröffnete zusammen mit Gudrun Gut 1979 in der Schöneberger Goltzstraße das Eisengrau. Die Ladenwohnung wurde zu einem Avantgarde-Treffpunkt, der Bands wie Die Tödliche Doris oder Einstürzende Neubauten hervorbrachte. Wer das nicht erlebt hat – und ich war nicht dabei, ich bin jünger als diese Szene – kann es sich kaum vorstellen. Aus einer Ladenwohnung heraus entstand etwas, das bis heute nachwirkt. Ab 1980 publizierte Eisengrau Musikwerke von Underground-Bands in kleiner Auflage auf Kassetten, wodurch es zum Musikmedium wurde. Auf einem dieser frühen Kassetten-Releases erschien 1980 in einer Auflage von zwölf Exemplaren ein Kassettenalbum mit 1979 entstandenen Aufnahmen von Köster, Blixa Bargeld, N. U. Unruh und Susanne Hörbiger – auf dem Cover und in der Tracklist ein Titel: Einstürzende Neubauten. Zwölf Exemplare. Die Geburtsurkunde einer Legende.
Mania D – Drei Frauen und die weibliche Seite des Punk
Im Mai 1979 startete Köster mit Karin Luner, Beate Bartel, Eva Gössling und Gudrun Gut das All-Girl-Bandprojekt Mania D. Für mich als Grufti, der damals noch nicht auf der Welt war oder zu klein, um das zu begreifen, sind Mania D. Mythologie. Pure, rohe Mythologie. Frauen, die nicht fragten, ob sie dürfen – die einfach machten.
„Im Jahr 1981 rief der britische Radio-DJ John Peel vier Tage vor der Hochzeit von Lady Diana Spencer und Prince Charles die Berlinerinnen von Mania D zu „Queens of Noise“ aus. Die Band gab es da schon nicht mehr.“ (taz.de) Das ist ein Detail, das mich jedes Mal trifft: Gefeiert in dem Moment, in dem man schon wieder woanders ist. Typisch für diese Szene. Typisch für Bettina Köster.
Malaria! – Unterkühlte Schönheit, die brennt
„Im Januar 1981 hatten Bettina Köster und Gudrun Gut Malaria! gegründet. Mit Manon Duursma (Nina Hagen Band), Christine Hahn (The Static / Glenn Branca) and Susanne Kuhnke (Die Haut) wurden Malaria! zum Quintett und sollten Aura und Klang des Westberliner „Geniale Dilettanten“-Mythos maßgeblich prägen.“ taz.de – Nachruf zu Bettina Köster
Ich war jung und schwarz gekleidet, als ich „Kaltes klares Wasser“ das erste Mal hörte, allerdings erst Jahre nachdem es erschienen war. Es hat mich angehalten. Diese Stimme, die Textur dieses Songs – er klingt wie eine Waschung und wie ein Verhör gleichzeitig. Etwas Rituelles, etwas Kaltes und dabei körperlich. Der Song ist ein Dauerbrenner des kühlen Genres Postpunk und es ist auch die Signatur, mit der die Westberliner Band Malaria! Zumeist assoziiert wird.
Und dann war da noch „You, You“ – für mich mindestens genauso prägend. Melodischer und melancholischer, aber mit derselben Qualität: Man hört ihn und wird danach die Gänsehaut nicht mehr los.
Die Kritikerstimmen bestätigten immer, was ich ohnehin fühlte. Die Musikerin Anne Clark gestand Kösters Stimme mehr Bandbreite als der von Marianne Faithfull zu: „Sie beherrscht wie nur wenige Sängerinnen nicht nur die Lässigkeit, sondern auch die Leidenschaft und das Drama: Die Schichten von Kösters Gesang könnten auch von drei oder vier verschiedenen Sängerinnen stammen!“ (Wikipedia) Das ist kein Kompliment, das man leichtfertig macht. Anne Clark weiß, wovon sie spricht.
Malaria! tourte mit Siouxsie and the Banshees und The Birthday Party in Europa und den USA. 1982 gestaltete die Band den Eröffnungsabend der documenta 7 in Kassel. Ich muss mir das kurz sacken lassen: DIE documenta. Den Eröffnungsabend. Das sagt alles darüber, wie ernst diese Frauen genommen wurden – nicht im Nachhinein, sondern damals, in Echtzeit.
New York, Stille, Neuanfänge
„Im Jahr darauf zog Bettina Köster nach New York. 1984 lösten sich Malaria! auf. Die Bandmitglieder hatten sich zerstritten. Köster und Gut kommunizierten jahrelang nur über Anwälte miteinander.“ (Tagesspiegel) Auch das ist ein Teil der Geschichte, den ich wichtig finde – dass Dinge zerbrechen können, auch zwischen Menschen, die gemeinsam etwas Großes geschaffen haben.
In den USA schlug sich Köster mit diversen Jobs durch, Musik war für sie zunächst nur noch ein Hobby. Diese Jahre kenne ich ehrlich gesagt kaum – sie interessierten mich als Grufti weniger, ich war damals in anderen Welten unterwegs. Aber sie gehören zu ihr, und ich finde es wichtig, sie zu erwähnen: Köster lebte bis 2001 in New York, arbeitete dort als Filmautorin und Produzentin und komponierte Filmmusiken. 1997 entstand die Musik zu Peppermills, der ein Jahr später auf der Berlinale mit dem Teddy Award ausgezeichnet wurde. Eine Frau, die in der Musik Avantgarde war, blieb es auch im Film. Das hätte mich nicht überraschen sollen.
Als 2021 eine Buch- und Ausstellungs-Hommage an die Bands Mania D., Malaria! und Matador unter dem Titel „M_Dokumente“ erschien, kam es zur Versöhnung zwischen den Bandmitgliedern, die im Silent Green wieder gemeinsam auf der Bühne standen. Ich finde es schön, dass es diesen Moment noch gab.
Ein Abschied
„Hiermit geben wir bekannt, dass die deutsche Musikerin Bettina Köster am 16. März 2026 in Capaccio Paestum, Italien, verstorben ist“, heißt es in einer Pressemitteilung von Freunden und Weggefährten. „Die Trauerfeier fand im privaten Rahmen statt.“ (Rolling Stone) Gudrun Gut sagte: „Ich war sehr froh, dass ich mit Freunden noch bei ihr sein konnte.“ (T-online) Das klingt nach Frieden. Ich hoffe, es war so.
Bettina Köster war eine wichtige Person der frühen Queer-Bewegung und war nicht-binär. Auch das war sie: eine Frau, die sich keine Schublade genehmigen ließ, die schon in den frühen Achtzigern lebte, was andere Jahrzehnte später als Erkenntnis feierten. Siegessäule schrieb dazu:
Bettina Köster war in West-Berlin der 80er-Jahre der Inbegriff der coolen Lesbe, die Rock ’n‘ Roll und Unabhängigkeit verkörperte.
Ich habe den Spontis-Artikel, den ich anlässlich ihres Auftritts auf dem Wave-Gotik-Treffen 2010 über sie schrieb, heute wieder gelesen. Ich fragte damals: „Was darf man erwarten? Eine schrullige ältere Dame mit Mundharmonika?“ Ich schäme mich ein bisschen für diese Formulierung. Man durfte immer alles erwarten von Bettina Köster, nur keine Langeweile. Und überhaupt, was bilde ich mir überhaupt ein, über sie zu schreiben?
Ich war nicht dabei. Das ist das Bittere, wenn man zu spät geboren wird oder zu spät ankommt – man entdeckt etwas, das schon Geschichte ist, und muss sich damit abfinden, dass man nur noch Nachlese betreiben kann. Als ich Anfang der Neunziger anfing, schwarz zu tragen und in Plattenläden zu wühlen, stieß ich irgendwann auf Malaria!, so wie man auf ein verwittertes Grabmal stößt, das man nicht erwartet hatte: plötzlich, unvermittelt, und mit dem sofortigen Gefühl, dass hier etwas begraben liegt, das größer war als alles, was man in den Regalen daneben fand. Dieser Sound – kalt, rituell, mit dieser schwebenden Spannung zwischen Tanz und Drohung – passte so perfekt in meine schwarze Welt, dass ich zunächst nicht glauben mochte, dass er aus einer anderen Dekade stammte. Malaria! klangen nicht wie etwas Vergangenes. Sie klangen wie etwas, das immer da gewesen war und auf mich gewartet hatte. Und gleichzeitig nagte da diese leise Trauer, dieses Wissen: Du warst nicht dabei. Du hast das SO36 nicht erlebt, nicht diesen Raum, nicht diese Luft, nicht den Moment, in dem aus einer Ladenwohnung in Schöneberg etwas entstand, das die Welt ein kleines bisschen verschoben hat. Ich konnte nur staunen – und die Platten laufen lassen.
„Kaltes klares Wasser“ wird weiterlaufen. Auf Dancefloors zwischen Anchorage und Sydney, in Clubs zwischen Düsseldorf und Leipzig. Und jedes Mal, wenn diese Stimme einsetzt, wird sie noch einmal da sein.
Ruhe in Frieden, Bettina Köster. 16. Juni 1959 – 16. März 2026.
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.



Was für ein schöner, nachdenklicher und ja fast poetisch melancholischer Nachruf. Danke Robert.