13 März

Gothic - Die Geschichte eines Wortes (2)

Kategorie: Schwarze Szene — Jahrgang 2010

Gothic - Nomen est OmenNomen est Omen! Das Wort Gothic steckt vol­ler Über­ra­schun­gen, im letz­ten Arti­kel habe ich zusam­men­ge­tra­gen, wel­che musi­ka­li­sche Bedeu­tung das Wort hat und wie es von einem rein musi­ka­li­schen Genre zu einer Bezeich­nung für Men­schen kam. Jetzt beginnt der span­nende Teil des Wor­tes Gothic, den was in den spä­ten 70ern begann reicht chro­no­lo­gisch nun viel wei­ter zurück und das Wort erschließt sich nun Bereich der Lite­ra­tur, fil­mi­schen Kunst, Lyrik und Architektur.

Das Sioux­sie & The Bans­hees, Joy Divi­sion, Bau­haus, The Cure und die Sis­ters of Mercy den Begriff Gothic nicht erfun­den haben dürfte auf der Hand lie­gen, auch in musi­ka­li­scher Hin­sicht fand die­ses Wort schon ver­ein­zelt Ver­wen­dung, so ver­öf­fent­lich­ten The Doors 1967 ihr gleich­na­mi­ges Debüt, das John Stick­ney dann Four Doors to the Future: Gothic Rock is their Thing beti­telte1 und damit auf die düs­ter dunkle Stim­mung anspielte, die auf dem Album erzeugt wurde. Es wun­dert daher nicht, das Ein­gangs erwähnte Gothic-Größen The Doors immer wie­der als ihre Inspirations-Quelle nennen.

Doch was hat Gothic mit Düs­ter, Dun­kel und Geheim­nis­voll zu tun? Im zwei­ten Teil mei­ner Artikel-Reihe Die Geschichte eines Wor­tes beschäf­tige ich mich mit den illus­tren Goten, der Goti­schen Archi­tek­tur und den Gothic-Novels, die nicht nur den Term Gothic gemein­sam haben. In einem drit­ten Teil ziehe ich mein abschlie­ßen­des Fazit.

Die Goten

Die Goten, ein ost­ger­ma­ni­sches Volk mit skan­di­na­vi­schen Wur­zeln machte sich im 3. Jahr­hun­dert auf, Europa in Angst und Schre­cken zu ver­setz­ten. Im Jahre 238 über­schrit­ten sie erst­mals die Donau und über­fie­len römi­sche Pro­vin­zen, ihr archai­sches Auf­tre­ten ver­brei­tete bei den kul­ti­vier­ten Römern Angst und Schre­cken. Viel­leicht fiel hier der Grund­stein für die Asso­zia­tion mit Dun­kel und Bru­tal, denn so müs­sen die Goten den Römern vor­ge­kom­men sein. Im Mit­tel­al­ter nut­zen die spä­ter eben­falls besieg­ten Spa­nier die Goten als Legi­ti­ma­tion, die einst besiegte Län­de­reien zurück­zu­er­obern (Recon­quista), die Schwe­den mach­ten es ein paar Jahre spä­ter ähnlich.

Da sich nie­mand der dama­li­gen Zeit wirk­lich mit dem Volk der Goten beschäf­tigte, wird das dunkle, mys­ti­sche und Uner­klär­bare in den Köp­fen hän­gen geblie­ben sein. Man beachte das Bild auf der rech­ten Seite, das mit sei­nem Titel Inva­sion of the Goths into the Roman Empire die visu­elle Umset­zung des­sen ist, wor­auf diese Erklä­rung beruht. Die letz­ten Län­der, die die Goten auf dem Gebiet des Impe­rium Roma­num ein­ge­nom­men hatte, gin­gen 711 unter. Was zurück­bleibt sind Legen­den und Sagen, die letzt­end­lich auch Nähr­bo­den für spä­tere Kul­tu­ren waren.

Gotische Architektur

Kirche von VendomeWoher der Zusam­men­hang zwi­schen der Archi­tek­tur und dem ursprüng­lich skan­di­na­vi­schen Volk liegt ist unbe­kannt und lässt sich nur ver­mu­ten. Die Goten waren berühmt für ihre aus­ge­dehn­ten Wan­de­run­gen durch Europa, konn­ten aber zu kei­ner Zeit nen­nens­wer­ten kul­tu­rel­len und vor allem archi­tek­to­ni­schen Ein­fluss gel­tend machen. Dazu war schlicht und ergrei­fend keine Zeit. Eine mög­lich Erklä­rung sind ita­lie­ni­sche Huma­nis­ten der Renais­sance, die „den Begriff gotisch als Syn­onym für bar­ba­risch ver­stan­den2 und so „alles was an Kunst zu ihrer Zeit nörd­lich der Alpen her­vor­ge­bracht wurde und von dort her zu ihnen kam, […] in die­sem Sinne für sich (als) gotisch2 erach­te­ten. 1140 waren es die Fran­zo­sen, die erste goti­sche Bau­werke errichteten.

Sie kenn­zeich­ne­ten sich durch Spitz­bö­gen, Orna­mente und Figu­ren die auch als Stil­ele­mente in einer Viel­zahl von lite­ra­ri­schen und fil­mi­schen Wer­ken Ver­wen­dung fan­den, die sich mit dem Phan­tas­ti­schen und Über­na­tür­li­chen beschäf­ti­gen. Eine Ver­bin­dung zur heu­ti­gen Vor­stel­lung von Gothic ist nahe­lie­gend, da ein­zelne Ele­mente aus der goti­schen Archi­tek­tur sich in einer Viel­zahl von For­men in der Szene wie­der­fin­den (Schmuck, Make-Up). Musi­ker und Bands nut­zen ihre Mög­lich­kei­ten in Form von Inhalt und Auf­tre­ten um diese Ver­bin­dung zu fes­ti­gen und ver­wen­de­ten goti­sche Bau­werke auf eine Viel­zahl von Plat­ten­co­vern und Musikvideos.

Gothic Novels

The Castle of OtrantoEin ganz ande­ren Ein­fluss auf die Bedeu­tung des Wor­tes haben die Gothic-Novels, bei denen es sich grob gesagt um roman­ti­sche Gru­sel­ge­schich­ten han­delt, die ab dem 18. Jahr­hun­dert vor allem von bri­ti­schen Schrift­stel­lern geschrie­ben wur­den. Das Schloss von Otranto von Hor­ace Wal­pole gilt als ers­ter Ver­tre­ter und ist gleich­zei­tig als Begrün­der des Genre beschrie­ben. Es folg­ten zahl­rei­che Auto­ren, die diese Art der Geschichte für sich auf­grif­fen: Mary Shel­ley (Fran­ken­stein), Bram Sto­ker (Dra­cula), She­ridan LeFanu (Car­milla) und letzt­end­lich auch H.P. Love­craft mit zahl­rei­chen sei­ner Werke.  In den Gothic Novels wer­den neben den düster-romantischen Tex­ten auch Ele­mente für die spä­tere Szene gelegt. So spielt der Fried­hof und die Motive von Grä­bern, Gruf­ten und Grab­stei­nen eine wich­tig Rolle. „...das Inter­esse an allem Alten, Dunk­len, Uner­klär­li­chen war stark; man begann in den Win­keln der Welt und des Bewusst­seins zu stö­bern, die das Licht der Auf­klä­rung nicht hatte erhel­len kön­nen. Es formte sich eine Strö­mung in der Dich­tung, die man die Gra­veyard School” nannte, und in der Tat krei­sen diese Werke pri­mär um die Motive von Grab, Gruft und Urne […], um mit ver­gleichs­weise wenig Auf­wand exis­ten­ti­elle Gefühle her­vor­zu­ru­fen.3

Hier ent­ste­hen auch die ers­ten direk­ten Ver­bin­dun­gen zum musi­ka­li­schen Genre Gothic, denn letzt­end­lich sich es die Musi­ker und Bands die diese The­ma­tik musi­ka­lisch auf­grei­fen und in ihren Tex­ten und Lie­dern ver­ar­bei­ten.  „Das eng­li­sche Gothic […] stand damals für Schauer und Düster-Melancholisches. Die sei­ner­zeit neu auf­kom­men­den Hor­ror­ro­man hie­ßen Gothic Novel. Es gab auch schon Melan­cho­li­ker, die auf Fried­hö­fen dich­te­ten (Tho­mas Gray) und in Bein­häu­sern her­um­sa­ßen, es ent­stan­den Youngs Night Thougts oder Nova­lis Hym­nen der Nacht.„4 Spä­ter war es dann die Szene selbst, die über The­ma­tik der Lie­der wie­der Inter­esse für eben diese Auto­ren zeig­ten und der Lite­ra­tur zu einem neuen Stel­len­wert verhalfen.

(Bild­quel­len: Inva­sion of the Goths — Wiki­pe­dia | coverbrowser.com)
  1. Four Doors to the Future: Gothic Rock is Their Thing, John Stick­ney, Wil­liams Col­lege News 1967 []
  2. Inter­net­seite Fachwerk.de: Goti­sche Archi­tek­tur vom 12. bis 16. Jahr­hun­dert [] []
  3. Aus dem Wikipedia-Artikel: Schau­er­li­te­ra­tur zur Geschichte der Werke []
  4. Daniela Tan­de­cki: Nacht­sai­ten der Musik. Grau­zo­nen und Braunzo­nen in der schwar­zen Musik­szene, Kon­rad Ade­nauer Stif­tung, 2000, S.5 []

10 Kommentare

  1. Der Arti­kel ist wirk­lich sehr inter­es­sant. Die reine Asso­zia­tion mit der Musik oder dem Klei­dungs­stil gibt es ja ohne­hin nur bei uns, da in eng­lisch­spra­chi­gen Län­dern „gothic“ ja ganz nor­mal den goti­schen Stil bezeich­net. Daher finde ich es schön, dass die Ursprünge hier auch ein­mal aus­führ­lich erläu­tert wer­den. Gerade die goti­sche Archi­tek­tur ist ja in vie­len der berühm­tes­ten Bau­ten zu finden.

  2. @Andi:
    Mehr noch, im eng­li­schen Sprach­raum ist das Adjek­tiv „gothic” nach wie vor stark mit der in der Roman­tik ent­stan­de­nen Gothic-Kunst (vor allem eben der Lite­ra­tur) ver­knüpft. Die Bedeu­tung scheint zumin­dest geläu­fig genug, als dass viele Men­schen erst daran den­ken, bevor irgend­wel­che Aso­zia­tio­nen zur moder­nen Sub­kul­tur auftauchen.

    Man wird also im Rah­men der Szene immer wie­der über das Phä­no­men stol­pern, dass diese meist als „Goth” bezeich­net wird, und dass man z.B. über die his­to­ri­sie­rende Samt­lap­pen­frak­tion (der ich selbst mich auch zuge­hö­rig fühle) sagt, sie ori­en­tiere sich mehr am „ori­gi­na­len vik­to­ria­ni­schen Gothic” — man nimmt also oft eine Unter­schei­dung vor zwi­schen „Goth” und „Gothic”, was ich selbst etwas über­trie­ben und geküns­telt finde.

  3. Also wäh­rend mei­ner Aus­bil­dung ist uns das auch so ver­mit­telt wor­den, dass der Urspung des Wor­tes „Gotik” in der Archi­tek­tur eigent­lich eine Belei­di­gung war, da diese neue Bau­kunst vor allem den Ita­lie­nern nicht geheuer war. Die Gotik war dort ja prak­tisch das genaue Gegen­teil von dem, was man in Ita­lien (und auch woan­ders) jahr­hun­der­te­lang zele­brierte.
    Anstelle der mas­si­ven, klein­fenst­ri­gen, roma­ni­schen Bau­ten, wur­den die goti­schen Gebäude immer höher und grö­ßer und schie­nen kaum mehr aus Wän­den zu beste­hen, weil man es durch die Spitz­bö­gen schaffte, sämt­li­che Gebäu­de­las­ten über Stre­ben in den Boden zu lei­ten und man des­we­gen keine mas­si­ven Wände mehr brauchte. Dazu kamen dann noch die, für Außen­ste­hende, sehr erschre­ckend wir­ken­den Orna­mente.
    Die Gotik hat sich in Ita­lien (mei­ner Mei­nung nach) kaum nen­nens­wert durch­ge­setzt, son­dern dort fing man rela­tiv zei­tig mit der Renais­sance an, wo man (auch ein biss­chen als Gegen­be­we­gung) ver­suchte, sich auf die alten Werte zu beru­fen. Zu dem Zeit­punkt wur­den bei uns die wohl beein­dru­ckends­ten Bau­werke der Gotik geschaf­fen.
    Das wollte ich eigent­lich nur los­wer­den :D Ich hör jetzt auf, bevor das in einem Kunst­ge­schichts­re­fe­rat aus­ar­tet :-P

  4. @Andi: Ja, die eng­li­sche Ver­sion des gothic ist wie­der anders als unsere — Karn­stein hat das ja anschau­lich aus­ge­führt. Man ist, so meine Erfah­run­gen, umgangs­sprach­lich eigent­lich nur von Goth, der Ter­mi­nus Gothic wird sel­ten verwendet.

    @Karnstein: Samt­lap­pen­frak­tion :D His­to­risch anmu­ten­den Goths wur­den im Zuge eine Dis­kus­sion Vic­to­ri­ans and Eliza­be­thans genannt. Aber in Eng­land selbst sieht man das nicht so eng.

    @Ricarda: Stimmt, die­sen Ein­druck habe ich auch. Die Ita­lie­ner fan­den den Bau­stil „bar­ba­risch” und fan­den wohl das alles nörd­lich der Alpen schreck­lich aus­ge­se­hen hat. Aber die sta­tisch Gründe für Goti­sche bau­ten sind wirk­lich inter­es­sant. Haben auch die damals regio­nal unter­schied­lich ver­füg­ba­ren Mate­ria­lien eine Rolle gespielt?

  5. Die damals ver­füg­ba­ren Mate­ria­lien haben wohl in allen Epo­chen (bis auf den Barock) eine ent­schei­dende Rolle gespielt und regio­nale Zweige der jewei­li­gen Epo­che geprägt. Der Dom in Köln (auch wenn er erst 19irgendwas fer­tig­ge­stellt wurde) ist aus Ober­kirch­ner Sand­stein, die­ser Stein wir mit dem Alter immer fes­ter. Unsere goti­schen Gebäude hier sind aus Grün­sand­stein. Die­ser zer­fällt im Alter (das ist aber eine andere, tra­gi­sche Geschichte) die Bau­ten in Ita­lien sind größ­ten­teils aus Mar­mor und in der Deut­schen Son­der­go­tik (einem rein deut­schen Zweig der Epo­che) ver­wen­dete man Form­zie­gel, die man, wie bei Lego ein­fach überein­an­der sta­peln musste.
    Ja der sta­ti­sche Hin­ter­grund ist eigent­lich der ent­schei­dende und hat das Bild der Gotik maß­geb­lich geprägt. Rund­bö­gen lei­ten die Last nach rechts und links wei­ter und erfor­dern des­we­gen je nach Größe und Anzahl der Bögen mehr oder weni­ger mas­sive dicke Wände, wes­we­gen roma­ni­sche Bau­ten immer einen sehr klo­bi­gen Ein­druck ver­mit­teln. Spitz­bö­gen lei­ten die Las­ten senk­recht nach unten, man braucht also eigent­lich ledig­lich Stre­ben, die dick genug sind, diese Las­ten nach unten zu tra­gen. Alles was zwi­schen den Bögen befind­lich ist, kann man frei gestal­ten und in der Gotik hat man diese Flä­chen dann für Glas­fens­ter ver­wen­det. Die­ser Höhen­drang hatte aber auch noch einen ande­ren sozia­len Effekt auf die Men­schen. Diese haben Zuhause meist in klei­nen, beeng­ten Räu­men gelebt. Betra­ten sie dann eine goti­sche Kir­che (die ja meist aus die­sem einen, rie­si­gen Raum besteht), dann müs­sen sie über­wäl­tigt und bei­nahe erschla­gen gewe­sen von die­sem Raum­er­leb­nis. Das hat prak­tisch die Ehr­furcht vor Gott und der Kir­che wei­ter bestärkt, denn sie kamen sich vor wie im Para­dies. Alles war groß offen und mit bun­tem Licht durch­strömt.
    So Kunst­ge­schicht­li­che und archi­tek­to­ni­sche Epo­chen haben die Men­schen in allen Lebens­la­gen beein­flusst. Sie haben aus­ge­drückt, wie die Leute zu dem Zeit­punkt dach­ten und auch haben sie das Den­ken beein­flusst. Das ist das span­nende an Geschichte. Man kann kein Ereig­nis iso­liert betrach­ten son­dern kann immer den Zusam­men­hang her­stel­len und dann kann man sich super in das Den­ken der Men­schen von damals hineinversetzen.

  6. @Ricarda:
    Genau so habe ich das auch mal gelernt, ja. Man emp­fand vor allem (aber nicht nur) den Bau­stil des hohen und spä­ten Mit­tel­al­ters als plump und „bar­ba­risch”, und für sowas ver­wen­dete man eben sehr oft die Namen von ger­ma­ni­schen Völ­kern (und macht man ja auch heute noch gerne).

    Plötz­lich gab es also ein „Mit­tel­al­ter”, das zwi­schen der ver­ehr­ten Antike und der Moderne stand (wo man wie­der antike Vor­bil­der ver­wen­dete), und das war „bar­ba­risch”, „teu­to­nisch” oder „gotisch”.

    Übri­gens wurde mir gerade in einem englisch-sprachigen Forum vor­ge­wor­fen, ich würde immer Gothic und Goth durch­ein­an­der­wer­den, die bei­den Dinge hät­ten rein gar­nichts mit­ein­an­der zu tun.
    Ich habe jetzt ein­fach mal gefragt, ob Mar­tin Hen­net, Sioux­sie und Ian Ast­bury den Begriff dann also ein­fach frei erfun­den hät­ten, ohne sich auf tra­di­tio­nelle Gothic-Kunst zu bezie­hen — die Atmo­sphäre bei bei­den „Gothic„s ist dann wohl nur zufäl­lig so ähnlich. An den Moti­ven in Bau­haus’ „Bela Lugosi’s dead”, Cures „A Forest” und Sioux­sies „Can­dy­man” habe ich dann mal ver­sucht zu ver­deut­li­chen, wie gothic Goth eigent­lich ist.
    Aber ich habe das Gefühl, da werde ich letzt­lich auf Gra­nit beißen…

  7. Ich muss sagen, dass ich bis­lang noch nie etwas davon gehört habe, dass diese bei­den Begriffe ver­schie­den genutzt wer­den bzw mit ver­schie­de­nen Bedeu­tun­gen behaf­tet sind.
    Aller­dings ist mir die Gothic-Szene außer­halb Deutsch­lands sowieso ein biss­chen suspekt.

  8. @Ricarda: Vie­len Dank für dei­nen aus­führ­li­chen Kom­men­tar. Pas­sen­der­weise habe ich gerade in der ZDF Reihe „Super­bau­ten” (bescheu­er­ter Titel) einen Repor­tage über den Köl­ner Dom ver­folgt, der ja eine bewegte Geschichte hat. Ich weiß aber nicht, ob die Bau­ten von damals unbe­dingt auf die Men­schen die­ser Zeit schlie­ßen las­sen, ich denke, das oft­mals sol­che „Prunk­bau­ten” auf dem Rücken der Men­schen die­ser Zeit erbaut wur­den und erst durch spä­tere Gene­ra­tio­nen ent­spre­chend gewür­digt wur­den. Aber gut, viel­leicht haben das die Men­schen damals wirk­lich anders gesehen.

    Die inter­na­tio­nale Gothic-Szene ist in der Tat von Land zu Land ver­schie­den und wird immer wie­der anders inter­pre­tiert. Die ame­ri­ka­ni­sche unter­schei­det sich grund­le­gend von der bri­ti­schen und schon recht von der deut­schen, die aber einige Able­ger in Ita­lien, Frank­reich und Spa­nien getrie­ben hat, dort aber auch wie­der anders inter­pre­tiert wird.

    @Karnstein: Wenn Gothic die Erde wäre, dann bist du mit dei­ner Ver­mu­tung nahe dem Kern. Es wird undurch­sich­tig, flie­ßend und schwer zu begrei­fen. Meine Ver­mu­tung läuft eher dahin­ge­hend, das es nicht die Künst­ler sel­ber waren, son­dern die Presse die die visu­el­len Ein­drü­cke zusam­men­zähl­ten. Der Ver­wen­dung des Wor­tes ist dann im beid­sei­ti­gen Ein­ver­neh­men erfolgt und schon Anfang der 80er ver­stärk­ten neue Bands die­ses Bild in dem sie es auf­grif­fen und weiterführten.

  9. Dass die Wür­di­gung erst spä­ter erfolgte, ist sogar recht sicher. Die meis­ten Epo­chen wur­den erst rück­wir­kend zu sol­chen erklärt. Man erkennt eine Epo­che meist erst dann wenn sie abge­schlos­sen ist und etwas Neues begon­nen hat.
    Zumal man als Bau­meis­ter der Roma­nik und Gotik sein fer­ti­ges Bau­werk nie gese­hen hat, da der Bau von Kir­chen zB län­ger als ein Men­schen­le­ben dau­erte und somit sowieso immer meh­rere Gene­ra­tio­nen in den Bau invol­viert waren.
    Ich glaube schon, dass man von der Archi­tek­tur auf das Leben und Den­ken von damals schlie­ßen konnte. Denn die Leute damals haben ja nicht nur die Archi­tek­tur und Kunst geprägt, son­dern sich auch von ihr beein­flus­sen las­sen. Viele archi­tek­to­ni­sche Stil­mit­tel sind ein­zig und allein zur Beein­flus­sung ihrer Betrach­ter da gewe­sen. Meist soll­ten Macht und Über­le­gen­heit sym­bo­li­sie­ren. Heut­zu­tage hat Archi­tek­tur mei­ner Ein­schät­zung nach eher den prak­ti­schen und funk­tio­nel­len Cha­rak­ter, wobei es natür­lich viel Vir­tuo­ses gibt, mit dem ich mich aller­dings nicht anfreun­den kann.
    Auch wenn mich jeder Archi­tekt jetzt sicher köp­fen wird, fand ich, dass allein der Bau­haus­stil (mit dem ich per­sön­lich wirk­lich auf Kriegs­fuß stehe) unser künst­le­ri­scher Unter­gang war. Aber das ist sicher auch wie­der Geschmack­sa­che. Zu irgend­was wird sicher auch Bau­haus gut gewe­sen sein ;)

  10. Robert: Ohne jeden Zwei­fel wird es vor allem die Presse gewe­sen sein, da gebe ich dir völ­lig recht. Ich finde aber, dass sie das sehr tref­fend getan hat.
    Ich glaube nicht, dass irgend­ei­ner der klas­si­schen Gothic-Künstler sich je groß hin­ge­setzt hat mit dem Ziel „ich will jetzt Gothic schrei­ben”, aber getan haben sie es den­noch — gewollt oder unge­wollt, bewusst oder nicht bewusst. Und mit den Musi­kern in der New Wave war es wohl ein­fach ebenso.

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