„Dystopie frisst Empathie“ – ein Abend mit Goethes Erben in Rüsselsheim

Eine Begegnung, ein Konzert, ein Text. René und ich kennen uns schon ewig – oder zumindest fühlt es sich so an. Irgendwann Anfang der 2000er haben wir uns im KUZ in Mainz kennengelernt, waren zusammen auf dem Mera Luna, und dann… nichts mehr. Das Leben geht weiter, man verliert sich aus den Augen. Achtzehn, neunzehn Jahre lang kein Wort. Bis letztes Jahr Facebook uns wieder zusammenwürfelte. Plötzlich war er einfach wieder da, und es fühlte sich seltsam selbstverständlich an, als wäre da keine große Lücke gewesen. Als ich dann sah, dass er beim Goethes-Erben-Konzert ihrer Tour „Dystopie frisst Empathie“ in Rüsselsheim gewesen war, ließ mich der Gedanke nicht los: René schreibt Bücher, René hat eine Stimme – warum nicht einen Bericht? Er zögerte. Er sei kein Konzertrezensent, meinte er. Aber ich ließ nicht locker. Was dabei herauskam, ist keine klassische Konzertkritik. Es ist etwas Persönlicheres, Ehrlicheres – der Blick eines Menschen, der selbst Teil dieser Welt war und es, wie sich zeigt, irgendwie immer noch ist.

Das Ende – Ein Abend mit Goethes Erben

Na, wie war das Konzert?”, fragt mein Freund Marc und ergänzt: „Hast du vielleicht Lust, eine Kritik zu verfassen, du bist doch Schreiberling?

Ja nun, das Konzert war ergreifend, ein wahrer düsterer Rausch ohne Hoffnung. Aber ich schreibe Bücher, ich schreibe Geschichten und ab und an mal ein Gedicht. Es gibt immer etwas Märchenhaftes, Fantastisches zu entdecken, aber eine Konzertkritik?

Da bin ich der falsche Ansprechpartner, ich habe keine Ahnung von Beleuchtung, von Tontechnik schon gar nicht und ich habe mich in den letzten Jahren auch nicht so sehr mit Oswald und seiner Musik beschäftigt. Damals, vor 30 Jahren, als junger “Grufti” aber sehr wohl. Und das hallt immer noch ein bisschen nach. Der letzte Auftritt, den ich sah, war Anfang der 2000er auf dem Mera Luna. Damals noch mit Mindy Kumbalek und einem Gaststar auf der Bühne, den man allein schon daran erkannte, dass plötzlich ein Notenständer mit seinem Text auf die Bühne gebracht wurde.
Ihr ahnt es bereits, kein geringerer als Peter Heppner begleitete Oswald Henke bei seinem wohl traumhaftesten Stück “Glasgarten”.

Ein Vierteljahrhundert ist seitdem vergangen, Konzertbesuche sind selten, wenn aber, dann ausgewählt.

Nur 15 Minuten mit dem Auto bis ins Rüsselsheimer “Rind”, natürlich war die Karte direkt vorbestellt. Einmal noch Goethes Erben auf der Bühne sehen. Doch das alte Problem, was zieh ich an? Mit Patchouli oder ohne?

Ich bestell mir extra ein neues Oberteil, geschnürt, in einem fröhlichen Schwarz. In die alten Sachen passe ich längst nicht mehr rein. Ich entscheide mich gegen Patchouli. Selbst wenn ich den Club nicht kennen würde, erkennt man die Grufti Schar schon von weitem und ich fühle mich direkt heimisch. Der Altersdurchschnitt liegt wohl etwas oberhalb meiner eigenen 47 Jahre, bei fast 40 Jahren Bandgeschichte kein Wunder. Baucheinziehen erscheint unnötig, wir sind alle keine 20 mehr.

Ich atme aus und schau mich um, kaum ein junges Gesicht zu sehen. Abgesehen von den beiden jungen Herren von Unfarben, die ihren Job als Vorband recht ordentlich auf die Bühne bringen und bei einem Stück auch von Oswald unterstützt werden. Oswald, ja, tatsächlich hab ich ihn zuletzt genau hier gesehen, im November 2023 stand er bei einem Mila Mar Konzert gut gelaunt am Merchandise Stand, um der lieben Anke Hachfeld unter die Arme zu greifen. Man kennt sich, man hilft sich.

Ich selbst freue mich darauf, ein weiteres bekanntes Gesicht auf der Bühne wiederzusehen. Benni Cellini, seinerseits Gründungsmitglied der Band “Letzte Instanz” bis zu ihrem Abschied im vergangenen Jahr.

Und dann geht es auch schon los, auf einem projizierten Spiegel erscheint Oswalds Gesicht zum gleichnamigen Stück. Ich bin sofort dabei, ja, das scheint ein guter Abend zu werden. Als drittes Stück schon Zinnsoldaten, ich kann den Text verblüffenderweise immer noch leise mitsingen, gefolgt von Iphigenie. Das ganze Publikum erscheint fast beschwingt, was umso obskurer wirkt, angesichts des Textes. Wenn der Naidoo das wüsste.

Mit “Vermisster Traum“ wird es dann melancholisch, ich erwische mich dabei, wie ich mich selbst zurück träum in die eigene Jugend.

Oswald spielt sein Musiktheater von Lied zu Lied immer intensiver, einem Derwisch gleich fegt er mit wahnsinnigen Augen über die Bühne, würde man ihn nicht kennen und er nicht seine kleinen Bemerkungen in seiner ihm ganz eigenen Art in den Pausen machen, man könnte sich fast fürchten. Aber eben auch nur fast. Die Stücke werden düsterer, werden härter. Als dann eine Art Werkbank auf die Bühne gehievt und in bester Industrial Manier im exakten Rhythmus auf Metall und Blech gedroschen wird und die schweren Ketten rasseln, da fühlt es sich für mich mehr wie die eigene Schlachtbank an. Metropolis lässt grüßen.

Die Assistenten verkommen derweil zu gesichtslosen weißen Gespenstern, wie aus einem Seuchenschutzprogramm entflohen. Einer dem anderen gleich, vielleicht auch eine der anderen, es sind androgyne Gespenster, welche die Stimmung nur noch unwirklicher erscheinen lassen. Spätestens als “Das Ende” mit einer mir vorher unbekannten Brachialität übers Publikum hereinbricht, das Stück, das heute aktueller denn je erscheint, da ist endgültig Schluss mit Romantik. Das ist nicht mal Brachialromantik, von der Benni noch so viel erzählen könnte. Nein, das ist kein Zuschauerraum mehr, das ist ein Schützengraben, in den uns Oswald gestoßen hat. Nur dort sind wir sicher, über uns aber bricht das ganze Grauen hinweg, schreit er sich die Wut heraus.

Gefolgt von einem leichten Durchatmen mit dem Nick Cave Cover “Sitz der Gnade“ (Mercy Seat), welches mich nochmal mitwippen lässt.
Ein wenig Leichtigkeit wäre schön, vielleicht “Rot Blau Violett Grün Gelb”, vielleicht “Glasgarten”. Aber nein, Oswald quält uns weiter, wir haben es auch nicht anders verdient. Die KI zeigt uns, wie wenig man Bildern noch vertrauen darf und verwandelt mal eben die erste Reihe in Putin, Trump und Co.

Was bleibt, ist Ernüchterung, ist Schmerz, Schmerz in den Gedanken sowie in den Gehörgängen. Es ist der Spiegel vom Anfang, der uns vorgehalten wird. Es gibt keine Hoffnung, keine Erlösung. Eden hat ausgedient, das Tor für den Glasgarten bleibt uns verschlossen.
(René Rödiger, 13.3.2026)

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1998 in die Szene eingestiegen. Die folgenden Jahre habe ich intensiv Veranstaltungen und Konzerte besucht. 2017 habe ich eine Familie gegründet - keine Musik, keine Veranstaltungen, keine Konzerte, keine Festivals, keine eigenen Gedanken. Jetzt kehre ich endlich wieder zurück vor die Bühne.

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Kommentare

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Maren
Maren(@maren)
Vor 2 Tagen

Danke für diesen spannenden Konzertbericht. „Goethes Erben“ sind nicht unbedingt meine Lieblingsband, aber ich bin schon beeindruckt, welch morbide Bilder Oswald Henke mit seinen Texten hervorrufen kann. Das apokalyptische Grauen aus „Das Ende“ live vorgetragen zu bekommen, ist sicher ein intensives Erlebnis. Das kommt in dem Bericht gut zum Ausdruck.

Letzte Bearbeitung Vor 2 Tagen von Maren
Fantôme Noir
Fantôme Noir (@guest_67953)
Vor 2 Tagen

Bei dem Konzert war ich mit meinem Weibchen – zunächst eher unwillig (die letzten beiden Auftritte der Erben, wo sie mich hingeschleift hat, waren nicht so meins), dann aber durchaus angetan.

Am Ende war es ein würdiges (voraussichtlich) letztes Konzert von Goethes Erben für uns. Danke für den Bericht darüber!

Durante
Durante(@durante)
Vor 1 Tag

Wow… äußerst eindrücklich beschrieben und ein Genuß zu lesen – Dankeschön!
Leider hab ich die Erben noch nie live gesehen (geplant war es schon mal, aber nunja, „life said no“ :-/ ), vielleicht schaffe ich es ja noch irgendwann mal…

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