Wir schreiben das Jahr 2026. Was vor fast einem Jahrhundert als kühne, düstere Dystopie auf Zelluloid gebannt wurde, ist heute unsere Gegenwart. Metropolis 2026, wenn man so möchte. Fritz Langs Meisterwerk von 1927 ist nicht nur ein Meilenstein der Filmgeschichte, sondern die ästhetische Urzelle für alles, was wir heute unter düsterem Futurismus und industrieller Melancholie verstehen. Schauen wir uns das monumentale Erbe der UFA-Studios an und ziehen die Parallelen zu unserer Gegenwart. Warum ist die Vision der „falschen Maria“ heute, im Zeitalter von Deepfakes und KI, bedrohlicher denn je? Und wie prägt diese visuelle Fantasie des deutschen Expressionismus bis heute die visuelle Vorstellung von Science-Fiction? Tauchen wir ein in eine Welt, in der „das Herz der Mittler zwischen Maschine und Mensch sein muss„.
Ein Monument aus Stahl und Schatten: Die Geburt der Megalopolis
Wenn man im heutigen Jahr 2026 in die Bilder von Fritz Langs Meisterwerk eintaucht, erkennt man sofort, warum dieser Film das visuelle Gedächtnis der Menschheit geprägt hat. Metropolis war bei seinem Erscheinen im Januar 1927 ein technologisches Wagnis, das die UFA-Studios in Babelsberg an den Rand des Ruins trieb. Das lag an Fritz Langs Perfektionismus und Aufwand, der die Kosten auf rund 6 Millionen Reichsmark trieb (ca. 25 Millionen Euro).
In einer Zeit, in der das Kino gerade erst das Laufen lernte, entwarf Lang eine vertikale Stadt der extremen Kontraste: Oben residieren die „Denker“ in schönen Gärten und einem Leben im Überfluss, während tief im Untergrund die anonymen Massen im unerbittlichen Rhythmus der Herz-Maschine vegetieren. Diese visuelle Trennung von Licht und Abgrund ist nicht nur eine soziale Parabel, sondern auch die Geburtsstunde einer Ästhetik, die bis heute die dunkle Romantik und den Industrial-Stil beeinflusst.
Die Produktion von Metropolis war ein logistisches Mammutprojekt, das für die damalige Zeit außergewöhnliche Maßstäbe setzte. Über einen Zeitraum von 310 Tagen koordinierte Fritz Lang tausende Komparsen in den Babelsberger Studios, um seine Vision technisch und personell umzusetzen. Ohne digitale Hilfe erschuf Kameramann Eugen Schüfftan mit seinem Spiegel-Verfahren monumentale Kulissen, in denen der Mensch wie ein unbedeutendes Rädchen wirkte. Lang, der zutiefst von seinem ersten Anblick der New Yorker Skyline beeindruckt war, wollte allerdings keine wissenschaftliche Prognose über die Zukunft abgeben, sondern eine Warnung aussprechen.
Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein.
Er mahnte, dass technisches Planen (das Hirn) und die praktische Ausführung (die Hände) nur dann stabil funktionieren können, wenn sie durch menschliche Empathie und soziale Verantwortung (das Herz) verbunden sind. Ohne diese moralische Brücke bleibt der Fortschritt kalt und führt zu einer gefährlichen Entfremdung zwischen den Entscheidern und denen, die die Arbeit leisten. In unserer heutigen Welt des Jahres 2026 wirkt diese Idee aktueller denn je.
2026: Wenn die Vision zur Realität verschmilzt
Blickt man heute auf unsere technologische Landschaft, wirken die Parallelen zu Langs Vision fast schon unheimlich. Die auffälligste Entsprechung finden wir in der Entwicklung der humanoiden Robotik und der Künstlichen Intelligenz. Was 1927 als blecherner Maschinenmensch Maria begann, findet heute seine Fortsetzung in Projekten wie dem Tesla Optimus, dessen fließende Bewegungen das mechanische Ebenbild der Maria in die industrielle Realität übersetzen. Doch die eigentliche Prophezeiung von Metropolis 2026 liegt in der Manipulation durch das Künstliche. Die „falsche Maria“ war der erste Deepfake der Filmgeschichte – eine synthetische Identität, geschaffen, um Massen zu verführen und sozialen Unfrieden zu stiften. In einer Ära, in der generierte Stimmen und Gesichter kaum noch von der Realität zu unterscheiden sind, wirkt Langs Warnung vor der Täuschung wie ein aktueller Kommentar zur Medienkompetenz unserer Zeit.
Auch architektonisch und infrastrukturell leben wir längst in der Welt von gestern. Die vernetzte Megastadt, in der Bildtelefone und komplexe Verkehrssysteme den Takt angeben, ist durch Mobilfunknetzwerke und omnipräsente Videokonferenzen zur Normalität geworden. Moderne Megaprojekte wie The Line in Saudi-Arabien spiegeln zudem exakt jene vertikale Logik wider, die Lang bereits vor knapp einem Jahrhundert etablierte: Eine Schichtung von Lebensräumen, die Mobilität und Wohnen auf mehreren Ebenen übereinanderstapelt und dabei die alten Fragen nach sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Verantwortung neu aufwirft.
Das schwarze Erbe: Gothic-Ästhetik und Popkultur
Das Erbe von Metropolis hat sich wie ein unverkennbares visuelles Markenzeichen in die moderne Popkultur eingebrannt und definiert bis heute, wie wir uns die Zukunft bildlich vorstellen. Besonders deutlich wird dieser Einfluss in der Ästhetik wegweisender Science-Fiction-Klassiker wie Ridley Scotts „Blade Runner“, dessen monumentale, von Neonlicht und Schatten geprägte Stadtschluchten direkt auf die Architekturvisionen von Fritz Lang zurückgehen. Auch in der weit entfernten Galaxis von „Star Wars“ ist das Vermächtnis allgegenwärtig, da George Lucas das Design des Protokolldroiden C-3PO als bewusste Hommage an den Maschinenmenschen Maria entwerfen ließ.
In der Musikwelt dient der Film seit Jahrzehnten als unerschöpfliche Inspirationsquelle für aufwendige Inszenierungen. Die Band Queen setzte dem Werk im Musikvideo zu „Radio Ga Ga“ ein Denkmal, indem sie Originalaufnahmen aus dem Film verwendete und die Bandmitglieder in die Kulissen von 1927 montierte.
Auch Pop-Ikonen wie Madonna in „Express Yourself“ oder Whitney Houston griffen die unterkühlte, mechanische Ästhetik der Roboter-Maria immer wieder auf, um Themen wie Macht und menschliche Entfremdung zu visualisieren. Diese beständige Präsenz in Filmen, Musikvideos und dem modernen Design zeigt, dass die Bildsprache von 1927 auch im Jahr 2026 noch immer die ultimative Schablone für unsere Vorstellung von der Zukunft ist. Selbst „Supermann“ lebt und arbeitet in Metropolis. Nicht zufällig, denn vermutlich haben die Schöpfer des Superhelden in den 30er-Jahren eben diesen Film gesehen.
Hinter den Kulissen verbergen sich zudem Trivia-Fakten, die den Mythos weiter nähren. Dass wir heute so explizit über das Jahr 2026 sprechen, verdanken wir vor allem der Original-Romanvorlage von Thea von Harbou, in der dieses Datum als Fixpunkt der Handlung gesetzt wurde. Im Film selbst findet sich keine explizite Darstellung des Jahres. Vermutlich wollte Lang eine gewisse Universalität wahren.
Dass wir den Film in seiner heutigen Fassung überhaupt sehen konnten, grenzt an ein Wunder. Jahrzehntelang galt der Film als verstümmelt, weil man sich nach einem desaströsen Kinostart damals entschloss, den Film radikal zu kürzen. Das weggeschnittene Material galt seitdem als verschollen. Erst 2008 tauchte in einem Archiv in Buenos Aires eine fast vollständige Kopie auf. Diese Entdeckung erlaubt es uns heute, das Werk in seiner ursprünglichen, düsteren Gänze zu würdigen.
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.



„Besonders deutlich wird dieser Einfluss in der Ästhetik wegweisender Science-Fiction-Klassiker wie Ridley Scotts „Blade Runner“, dessen monumentale, von Neonlicht und Schatten geprägte Stadtschluchten direkt auf die Architekturvisionen von Fritz Lang zurückgehen.“
Zu finden auch in Star Wars (Coruscant) oder in Judge Dredd. Erstaunlich finde ich, daß sich Lang wohl keine Weiterentwicklung der Flugzeuge vorstellen konnte.Dicken Dank Robert für Deinen prima Artikel zu diesem grandiosen Film!
Der Film war seiner Zeit weit voraus und seine Botschaft ist auch noch heute aktuell.
Charlie Chaplin ging mit seinem Film „Moderne Zeiten“ ein paar Jahre später in eine ähnliche Richtung.
An den Film mußte ich auch denken :-).
Naja, The Line ist inzwischen Geschichte. Das Projekt scheint gestorben zu sein. Aber man muss nicht ins Heute schauen. In den 50ern entstand auch die Idee der Wohnmaschine, ein großes Haus wo alles drin ist was man braucht, Einkauf, Ärzte, Schule, Freizeit. Man hatte die Vision, dass es bald keine Dörfer mehr geben würde, nur noch ein großer Wohnblock. In Ceaușescus Rumänien hat man versucht diese alte Vision sogar umzusetzen. Das war die Zeit als man die riesigen Wohnbauten erfunden hat, um möglichst viele Menschen möglichst kostengünstig unterzubringen. Fritz Langs Vision gab es dann in einem Viertel von Hong Kong-Kwan Loong, wo es ein Quartier gab (das ist heute abgerissen), wo in engsten Verhältnissen die Leute in kleinsten Wohneinheiten gehaust haben. Teils schliefen sie in Käfigen die vor dem Fenster gehängt wurden. Es war eng, stickig, dunkel und kaum ein Europäer traute sich da rein. Das hatte durchaus Blade-Runner Format, aber noch enger und stickiger, düsterer.
Dann gab es auch die Idee der Gartenstadt, das Gegenteil dieser Wohnmaschinen. Heute vermeidet man eine zu dichte Besiedelung und versucht gute Kompromisse einzugehen. Diese Visionen findet man aber noch in China, mit seinen riesigen Wohntürmen, die die Kontrolle des Volkes erleichtern.
Interessant an Fritz Langs Vision ist der dichte Verkehr. Damit hatte er tatsächlich Recht. Damals war das Auto ein Luxusgut. Man ahnte noch gar nicht wie sich das entwickeln würde. Es gab ja auch noch keine Autobahnen. In Deutschland waren es meist mittelalterliche alte Städte, mit engen Straßen und Gassen. Fürs Auto nicht gerade ideal. Fritz Langs Vision kann man Stuttgart gleich setzen, das nach dem Krieg nur fürs Auto eingerichtet und der Mensch dabei vergessen wurde.
Fritz Lang war in Teilen durchaus ein Visionär, auch wenn es ihm gar nicht darum ging. Allerdings, mit der Kernaussage des Filmes schlagen wir uns auch heute noch herum.
Expressionistische Filme habe ich vor Ewigkeiten mit meinem Vater zusammen angeschaut. Mich hat die düstere Ästhetik in diesen Filmen damals sofort angesprochen. Leider gab es von „Metropolis“ zum diesem Zeitpunkt nur die aus Fragmenten zusammengestückelte Fassung. Den Einfluss auf andere dystopische Sci-Fi Filme fand ich auch in „Flucht ins 23. Jahrhundert“ wieder. Maschinenmensch Maria als Prototyp der künstlichen Frau im Film finde ich grandios. Die Tanzszene ist herausragend, weil da die Blicke der geblendeten männlichen Betrachter eingefangen werden. Die Idee der künstlichen Frau taucht schon bei E. T.A. Hoffmann in Gestalt der Puppe Olimpia im „Sandmann“ auf, in „Metropolis“ verfallen ihr jedoch gleich Scharen. Die künstliche Frau/ Roboterfrau taucht ja danach auch in verschiedenen Erzählungen wieder auf („The perfect Woman“, (Robert Sheckley)). Ganz gefährlich auch die weibliche KI VIKI in I Robot. Da ist nur Hirn vorhanden und das Herz fehlt vollständig.
Langs Maschinenmensch Maria, geschaffen um Massen zu manipulieren, wirkt in unterschiedlichen Manifestationen. Tatsächlich gibt es ja heutzutage Menschen die eine Beziehung mit einem KI-Avatar führen.
Vielen Dank Robert für den tollen Artikel zu diesem filmischen Meisterwerk, das in mancher Hinsicht noch an Aktualität gewonnen hat.