Hirnkost Verlag Insolvenz: Wenn der Punk gegen den Algorithmus verliert und die literarische Vielfalt im Schredder landet

Seit über zwei Jahrzehnten steht der Berliner Hirnkost Verlag für „engagierte Literatur“. Entstanden als Ableger des Archiv der Jugendkulturen e.V. und geprägt durch den Publizisten Klaus Farin, ist die Hirnkost Verlag Insolvenz nun bittere Realität. Während der Gründer in die Privatinsolvenz geht, regt sich unter den Mitarbeitern Widerstand gegen das endgültige Aus.

Ein Lebenswerk vor dem Aus

Es ist ein emotionales Eingeständnis, mit dem sich Klaus Farin an die Öffentlichkeit wendet: „Ich habe versagt; es tut mir sehr leid.“ Nach 22 Jahren ehrenamtlicher Leitung des Hirnkost Verlags steht das Projekt vor dem Nichts. Die Gesellschafterversammlung beschloss die Anmeldung der Insolvenz zum Jahresende 2025.

Trotz einer massiven Solidaritätswelle im Vorjahr und drastischen Sparmaßnahmen – darunter der Abbau von drei der fünf Stellen – reichte das Weihnachtsgeschäft nicht aus, um den Betrieb zu retten. Besonders bitter: Während ein Titel über die Punk-Kultur glänzend läuft, fehlt dem Verlag jetzt das Kapital, um die notwendige Neuauflage zu finanzieren.

Hirnkost war nie ein Verlag für den Massengeschmack. Mit Themen wie Klimakrise, Flucht, Subkulturen und anspruchsvoller Science-Fiction besetzte Farin Nischen, die im Mainstream oft ignoriert werden. Doch genau diese inhaltliche Konsequenz wurde zum wirtschaftlichen Verhängnis.

Farin kritisiert in seinem Abschiedsbrief nicht nur sich selbst („zu viele wichtige, aber schlecht verkäufliche Titel“), sondern auch eine Politik, die „andere Prioritäten“ setze, als die kulturelle Vielfalt zu schützen. Die wirtschaftliche Lage unabhängiger Verlage hat sich durch die Marktmacht großer Ketten auf dem Buchmarkt (Stichwort: Marktmacht großer Ketten) massiv verschärft.

Die „letzte Angestellte“ kämpft weiter

Doch während der Gründer resigniert, gibt es einen Funken Hoffnung aus der Belegschaft. Melanie, die letzte verbliebene Angestellte, und ein Kreis von Freunden wollen den Verlag nicht kampflos aufgeben. Ihr Ziel: Die Rettung der rund 30 Paletten mit Büchern vor dem Schredder und ein möglicher Neustart als Genossenschaft.

„Ein Neustart setzt viel ehrenamtliches Engagement voraus“, heißt es aus dem Team. Es ist der Versuch, Hirnkost in eine Form zu überführen, die weniger von Marktzwängen und mehr von kollektiver Überzeugung getragen wird. Auch die Stiftung Respekt! unterstützt das Vorhaben weiterhin.

Hirnkost Verlag Insolvenz - Aktuelle Bücher

Hintergrund: Stirbt das Buch – oder nur die Vielfalt?

Die Hirnkost Verlag Insolvenz ist kein Einzelschicksal. Sie ist das Symptom einer tiefgreifenden Strukturkrise des deutschen Buchmarktes. Während die Umsatzzahlen der Branche insgesamt stabil zu sein scheinen, findet hinter den Kulissen eine gefährliche Auslese statt.

Die Schere zwischen Konzernen und Independent-Verlagen

Die Zahlen, die Klaus Farin in seinem Abschiedsbrief nennt, decken sich mit den Beobachtungen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: Nur etwa zwei Prozent der Verlage – die großen Konzerne wie Penguin Random House oder Holtzbrinck – kontrollieren fast zwei Drittel des Marktumsatzes.

Für kleine, unabhängige Verlage wird das Überleben zur mathematischen Unmöglichkeit. Die Kosten für Papier, Druck und Logistik sind seit 2021 massiv gestiegen. Da Independent-Verlage keine riesigen Auflagen produzieren, können sie diese Kosten kaum abfedern, ohne die Buchpreise in Regionen zu heben, die kein Leser mehr zahlt.

Es wird gelesen, aber anders

Das Paradoxon hinter dem Verlagssterben lässt sich kaum mit dem Klischee erklären, dass die Menschen heutzutage einfach nicht mehr lesen würden. Tatsächlich erweist sich der deutsche Buchmarkt mit einem jährlichen Gesamtumsatz von knapp 10 Milliarden Euro laut den Marktdaten des Börsenvereins als erstaunlich stabil. Die Krise von Verlagen wie Hirnkost rührt vielmehr aus einer radikalen Verschiebung der Lesegewohnheiten und Verkaufswege her. Während soziale Netzwerke durch den BookTok-Effekt laut Media Control jährlich mittlerweile über 25 Millionen Buchverkäufe generieren, fließen diese Umsätze fast ausschließlich in hochgradig eskapistische Genres wie New Adult oder Romantasy.

Engagierte Literatur, politische Sachbücher oder anspruchsvolle Science-Fiction verlieren dabei massiv an Sichtbarkeit, da sie in den viralen Algorithmen kaum stattfinden. Dies führt zu einer gefährlichen Gleichschaltung, die auch in der Studie zur verlegerischen Vielfalt der Bundesregierung thematisiert wird: Wo früher die kuratierte Auswahl kleinerer Buchhandlungen Vielfalt sicherte, dominiert heute ein durchkonfektioniertes Angebot, das auf schnelle, massentaugliche Trends setzt und unabhängigen Stimmen wie der von Hirnkost zunehmend den wirtschaftlichen Boden entzieht.

Das Sterben der Buchhandlungen

Wer heute noch glaubt, dass wir beim samstäglichen Innenstadt-Bummel zufällig über visionäre Literatur stolpern, irrt gewaltig. Überhaupt geht doch kaum noch jemand bummeln. Der Trend weg vom stöberfreundlichen Kiez-Buchladen hin zum stumpfen Klick-Reflex bei Amazon oder den Webshops der Branchen-Riesen wie Thalia hat das literarische Ökosystem komplett entkernt. Während der Online-Handel laut Branchenberichten seinen massiven Anteil am Gesamtumsatz zementiert, stirbt die klassische Buchhandlung als Ort der Überraschung. Wenn Thalia mal wieder einen Konkurrenten schluckt oder die nächste inhabergeführte Buchhandlung dichtmacht, stirbt vor allem die Kuratierung – also der Buchhändler, der sein Sortiment noch selbst liest und auswählt. In den verbliebenen Konsum-Tempeln regiert stattdessen der Stapel-Wahnsinn: Da wird prominent platziert, was ohnehin schon jeder kennt, während Nischentitel konsequent in die Unsichtbarkeit verbannt werden. Ein Verlag wie Hirnkost, der unbequeme Themen statt massentauglichem Inhalt liefert, bekommt in dieser Welt nicht mal mehr einen Platz im untersten Regal.

Es ist die Kapitulation des Handels vor dem Algorithmus, eine fortschreitende Konzentration im Buchhandel, die am Ende nur noch das übrig lässt, was sich ohne jede Beratung von selbst verkauft. Wer nicht massentauglich genug für den Bestseller-Stapel ist, existiert für den Gelegenheitsleser schlicht nicht mehr – ein systematischer Exitus der Vielfalt, bei dem die Individualität für die Logistik-Effizienz geopfert wird.

Letzter Ausstieg vor der kulturellen Monotonie

Am Ende stellt sich eine verdammt unbequeme Frage: Wollen wir eigentlich eine Welt, in der Bücher nur noch als ästhetische Requisiten für TikTok-Videos taugen, während der Inhalt so glattgebügelt ist wie ein Werbespot für Weichspüler? Die Hirnkost Verlag Insolvenz ist nicht bloß das tragische Scheitern eines Mannes oder eines engagierten Teams; sie ist das Resultat einer Bequemlichkeits-Logik, die Relevanz für den schnellen Klick-Fix opfert. Wenn wir weiterhin zulassen, dass Algorithmen und Logistik-Riesen darüber entscheiden, was auf unseren Nachttischen landet, brauchen wir uns über den literarischen Einheitsbrei nicht zu wundern.

Der Fall Hirnkost hält uns eiskalt den Spiegel vor: Wer Vielfalt will, muss sie sich leisten wollen – und zwar bevor der Schredder die letzten Reste unserer Subkultur zerhäckselt. Es liegt an uns, ob wir den Konzernen das Feld kampflos überlassen oder ob wir denen den Rücken stärken, die noch den Mut zum politischen Risiko und zum unbequemen Gedanken haben. Packt Euch an die eigene Nase, schaut in Eure Regale und fragt Euch ehrlich: Ist da noch Platz für Ecken und Kanten, oder steht da nur noch das, was der Mainstream Euch vorgekaut hat? Die 30 Paletten mit Büchern in Berlin warten nicht ewig auf ein Wunder. Wer jetzt nicht handelt, darf sich später nicht beschweren, wenn die literarische Landschaft so aufregend ist wie eine Packung Knäckebrot.

Setz ein Zeichen gegen das Verlagssterben:
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Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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