Eigentlich wollte ich an dieser Stelle nur ein neues Musikprojekt vorstellen: Den Tribute-Sampler „Cancer is an Asshole“. 40 Bands, ein Ziel – den Kampf gegen den Krebs zu unterstützen. Doch als ich anfing, mich mit dem Hintergrund dieses Samplers zu beschäftigen, merkte ich schnell, dass hinter den 40 Tracks viel mehr steckt als nur eine Benefiz-Idee. Es ist die Geschichte von Olaf „Kolli“ Kollmeyer.
Ich selbst habe Kolli erst spät kennengelernt, in der Cantine Bielefeld. Er hieß mich mit einer Selbstverständlichkeit willkommen, die in unserer Szene nicht immer alltäglich ist. Als Kolli am 7. Januar 2025 verstarb, hinterließ er eine Lücke, die weit über die Tanzflächen von Bielefeld hinausreicht. Da ich seine Geschichte nicht alleine erzählen kann, habe ich die Menschen gefragt, die ihn am besten kannten: Seine „Schwarze Familie“.
Ein wandelndes Lexikon mit „Borg-Modus“
Wer war DJ Kolli, dem nun 40 Bands die letzte Ehre erweisen? Fragt man seine Wegbegleiter, scheint Olaf „Kolli“ Kollmeyer schon immer da gewesen zu sein. Er war das wandelnde Musiklexikon der Bielefelder Szene. Michael H. erinnert sich: „Er wusste selbst, wer 1985 auf der B-Seite einer Platte den Bass gespielt hatte.“ Wer ein Lied von ihm wollte, bekam nicht nur den Track, sondern oft gleich alle verfügbaren Versionen und Remixe dazu – Leidenschaft kannte für ihn keine halben Sachen.
Dieses fundierte Musikwissen spiegelte sich in seinen DJ-Sets wider, die sich konsequent jeder Schublade entzogen. Kollis Sound war ein Spiegelbild der schwarzen Szene in ihrer ganzen Breite: Von krachigem Post-Punk und schrägem Underground-Zeug über Deutsch-Punk bis hin zu den Klassikern und sogar einem Hauch Metal war alles dabei. Ein typischer Abend mit ihm am Mischpult konnte von düsteren Electro-Perlen wie „Dark Allies“ von Light Asylum (einem seiner Standard-Tracks) bis hin zu unzähligen Versionen von „Assimilate“ führen.
Dabei war er eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, bekannt für seinen trockenen Humor und eine herrliche Sturheit. Legendär bleibt sein „Borg-Modus“: Wenn Kolli nach einer Partynacht im Movie oder der Cantine beschloss, dass der Abend noch nicht zu Ende war, gab es kein Entrinnen. Dann wurden aus einer kurzen Heimfahrt zweistündige nächtliche Touren durch die Region, in denen er seinen Freunden stolz sein Revier zeigte.
Wenn die Szene zusammenrückt: Der Kampf gegen die Geißel
Im August 2024 änderte sich alles, als Kolli die Diagnose Krebs erhielt. Doch was folgte, war kein stiller Rückzug, sondern ein beeindruckendes Zeugnis von Offenheit und Gemeinschaft. Kolli teilte seinen Weg auf Facebook, erzählte von Operationen und der Hoffnung auf Genesung. Was ihn in dieser Zeit am meisten trug, war die Gewissheit, eben doch nicht der Außenseiter zu sein, als der er sich manchmal fühlte. Sandra erinnert sich: „Kolli hatte oft die Befürchtung, dass er seinen Freunden egal sei. Die vielen Besuche im Krankenhaus und zu Hause haben ihm gezeigt, wie falsch er damit lag.“ Sein engster Freund Andi wich ihm dabei bis zum letzten Atemzug nicht von der Seite.
Als Kolli am 7. Januar 2025 den Kampf verlor, löste dies eine Welle der Anteilnahme aus, die weit über die Grenzen von Bielefeld hinausreichte. Auf seiner Trauerfeier geschah das, was die schwarze Szene im Kern ausmacht. Bettina beschreibt diesen Moment als ein tiefes Gefühl der Verbundenheit:
„In mir wurden an diesem Tag so viele Emotionen frei, die mich fast überfluteten, aber trotz allem, so unendlich gut taten. Ich musste lächeln, Tränchen liefen, ich hatte Gänsehaut, spürte Traurigkeit, aber dennoch eine innerliche Glückseligkeit. Wenn auch aus sehr traurigem Anlass, habe ich mich sehr gefreut, Menschen wiederzutreffen, die ich teilweise seit Jahren nicht gesehen habe. Konnte ich mich bei The Cure – A Fragile Thing noch gerade so zurückhalten, war es spätestens bei IKON – In Trust I Return vorbei und es flossen die Tränen. Was folgte, war der schwere, einsame Gang zur Begräbnisstätte.
Einsam? Mitnichten! Unfassbar, wie viele schöne und schwarz gekleidete Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen gekommen waren, um Abschied zu nehmen. Und da war es plötzlich wieder das Gefühl, das ich persönlich, schon verloren glaubte. Das Gefühl, das die schwarze Szene einst ausmachte. Der friedliche Zusammenhalt und die Verbundenheit auch ohne Worte. Ihr wart plötzlich alle so nah, nicht nur die, die ich kannte, sondern auch die, die ich zum ersten Mal gesehen habe. Es war einfach nur schön.“
Das zu lesen hat mich damals wirklich berührt und es berührt mich auch heute noch tief. Das ist für mich eine wahrhaftige Szene, das ist das, was für mich Szene in ihrer eigentlichen Bedeutung ausmacht. Nicht nur ein mehr oder weniger loses Konstrukt teils völlig unterschiedlicher Gestalten, die sich zumeist nicht einmal kennen, sondern etwas Lokales, Greifbares.

Cancer is an Asshole: Ein musikalisches Erbe für den guten Zweck
Dass dieser Geist des Zusammenhalts keine Eintagsfliege war, beweist das Projekt, das Michael H. kurz nach Kollis Tod ins Leben rief. Gemeinsam mit seiner Frau Gina verwandelte er die Trauer in Taten. Aus der Idee, Kolli die letzte Ehre zu erweisen, wuchs die Tribute-Compilation „Cancer is an Asshole“.
Die Resonanz war überwältigend: Insgesamt 40 Künstler schlossen sich dem Projekt an, darunter Szene-Größen wie No More, The Invincible Limits, Reptyle oder Then Comes Silence. Viele sagten sofort zu, andere schrieben sogar neue Songs oder kehrten extra für diesen Sampler aus der Versenkung zurück. Es ist ein Projekt, das zeigt, wie viel Kolli der Szene bedeutete – auch wenn er selbst das zu Lebzeiten oft nicht glauben konnte. Wie Michael H. es treffend formuliert: „Vielleicht sieht er ja jetzt da oben: Verdammte Axt… war wohl falsch gedacht.“
Der Sampler ist seit Oktober über Bandcamp als digitaler Download erhältlich. Die Erlöse fließen – wie bei allen Veröffentlichungen der Reihe Helping Hands – vollständig an einen guten Zweck, in diesem Fall an die deutsche Krebshilfe.
Ein Fazit zur rechten Zeit
Diese Geschichte hat mich persönlich sehr bewegt. Mein Dank gilt Michael, Gina, Chrissi, Sandra, Bettina und all den Menschen, die ihre Erinnerungen geteilt haben. Es ist eine Geschichte, die perfekt in diese Jahreszeit passt. Während die Schneeflocken fallen und die Welt eiskalt erscheint, ist das eine wärmende, wahrhaftige und schwarze Antwort auf die Themen Nächstenliebe und Zusammenhalt.
Es ist keine eisige Nacht, sondern ein loderndes Signal gegen die Ohnmacht. Zum Abschluss dieses Nachrufs möchte ich Kolli danken – und mit den Worten schließen, die seinen letzten Weg begleiteten und die nun durch diese Musik weiterklingen:
„Deine Gabe war es, Menschen zu vereinen.“ Danke dafür, lieber Kolli.
Seit den frühen 2000ern Teil der schwarzen Szene – Zu Anfang eher im metallischen Umfeld, seit seinem Revival fest im Post-Punk, Deathrock, sowie verschiedenen Wave-Spielarten unterwegs. Interessiert sich sehr für die Szenegeschichte und deren Entwicklungen und versucht den Spirit der 80er in Ehren zu halten. Sieht sich ein wenig als Mittler der Generationen: Fest verwurzelt im traditionellen Goth, doch interessiert genug um die Türen nach draußen offen zu halten. - Nicht alles, was schwarz ist, ist Gothic und nicht alles was Gothic ist, ist nur ein Musikstil.



@Robert
Kurze Frage: Kann es sein, dass dir da ein kleiner Fehler bei der Autorenschaft unterlaufen ist? Fände es ehrlich gesagt schon schön als Zulieferer und Mitautor des Themas zumindest mit erwähnt zu werden. ;)
Ja, stimmt. Ist irgendwie durcheinandergewirbelt. Habe das korrigiert. :-)
Alles gut, will die Loorbeeren auch echt nicht für mich alleine haben. Ohne deine Hilfe wäre der Nachruf auch nicht möglich geworden.
Vielen Dank nochmal für deine Unterstützung 😀
Was für ein großartiger Nachruf. Bringt mir Pipi inne Augen. Danke
Ohne deines und das Engagement der anderen Leute aus Kollis Umgebung wäre das Thema vielleicht auch an mir vorbei gegangen.
Das hat mich daran aber auch so begeistert: Partys, Musik, Konzerte, Festivals, schwarze Romantik und was sonst noch so zu unserer Subkultur dazu gehört bieten einen fundamentalen Boden und eine wichtige Kulisse, die ich gar nicht klein reden möchte. Aber letzten Endes sind es doch immer noch die Menschen darin die eine Szene zu einer Szene machen, finde ich. Auch wenn man das als Szenegänger selbst vielleicht als gar nicht so wichtig bedeutsam mag.
Und Kolli war der Einzige, der mich ungestraft Tanni nennen durfte :-) Seine Art und Liebe vermisse ich sehr. Endlose Diskurse über Musik, eine schnelle Kippe von mir und seine Herzlichkeit…