Im Meer der Musikgenres treibt beinahe monatlich eine neue Strömung an die Oberfläche. Auf manche möchte man sich ein wenig einlassen, an den meisten paddelt man achselzuckend vorbei. „Dungeon Synth“ hat mich schon mit seinem Namen abgeholt. Was dahintersteckt, hat mich dann regelrecht in den Kerker gezogen, um bei der Bezeichnung des Genres zu bleiben.
Den Anstoß gab ein Beitrag von ARTE Tracks. Da beschreiben sie das Genre als „Musik, die mit flächigen Keyboardklängen versunkene Ruinen, finstere Wälder und Drachen heraufbeschwört. Daraus entstehen weltweit kleine Klanguniversen voller Abenteuer.“ Die Nähe zu Dungeons & Dragons liegt für ARTE auf der Hand: Musik und Spiel wollen beide dasselbe, nämlich in eine andere Welt eintauchen, gemeinsam Geschichten erzählen und ein wenig Magie erleben. Ja, das triggert jeden Grufti. Diese Musik liegt wie Nebel über Pen-&-Paper-Runden, wenn sich eine Heldengruppe mit Kerzen, Räucherstäbchen und Würfelbecher in die Tiefe eines Verlieses wagt.
So selbstverständlich diese Verbindung heute wirkt, die Musik ist ursprünglich gar nicht am Spieltisch entstanden. Sie kommt aus einer ganz anderen, deutlich lauteren Ecke und erzählt damit eine durchaus faszinierende Geschichte.
Aus dem Verlies des Black Metal
Die Wurzeln liegen dort, wo man sie bei so viel Kerkerromantik vermuten würde: im norwegischen Black Metal der frühen Neunziger. Zwischen Blastbeats und Gekeife fanden sich auf vielen Alben kurze Synthesizer-Intros und Zwischenspiele, Atempausen vor dem nächsten Sturm. Einer machte daraus ein ganzes Werk. Håvard Ellefsen verließ Emperor, nannte sich Mortiis und veröffentlichte ab 1993 Alben wie „Født til å Herske“, die nur aus Keyboardflächen bestanden. Sie klangen minimalistisch, mittelalterlich und bewusst schlicht produziert. Er selbst nannte das damals „dark dungeon music“. Dazu trat er mit Koboldprothesen auf, was der Sache eine gewisse Glaubwürdigkeit verlieh. Projekte wie Wongraven, Depressive Silence oder Fenriz‘ Neptune Towers bewegten sich in ähnlichen Gewölben. Danach wurde es für ein gutes Jahrzehnt still, fast so, als hätte jemand die Falltür zugeschlagen.
2011 öffnete sie sich wieder. Ein Enthusiast unter dem Pseudonym Andrew Werdna startete das Dungeon Synth Blog. Er kartografierte dort die verstreuten Aufnahmen der Neunziger und gab ihnen den Namen, der dann zum Namen des Genre werden sollte. Schon das Pseudonym ist ein Insiderwitz: „Werdna“ ist „Andrew“ rückwärts gelesen und zugleich der Name des finsteren Magiers aus der Computerrollenspielreihe „Wizardry“. Seine Definition des Genres hätte für dieses Magazin nicht besser ausfallen können: „the sound of the ancient crypt“, also der Klang der uralten Gruft. Gruftis, ihr wisst, was zu tun ist.
Der Franzose Erang veröffentlichte 2012 bewusst Musik unter dem neuen Etikett. Ein YouTube-Kanal namens „The Dungeon Synth Archives“ sammelte alte Schätze. Auf Bandcamp und Kassette entstand eine weltweite Szene von Heimarbeitern am Keyboard. Für diese Musik braucht man kaum mehr als einen Synthesizer, ein bisschen Hall und eine eigene Fantasiewelt. Genau diese Zugänglichkeit macht ihren Charme aus.
Musik mit Würfeln
Irgendwann haben auch die Rollenspieler diesen Sound entdeckt, und es passte erstaunlich gut zu ihnen. Als erste eindeutige Überschneidung gilt das Album „Chapter I – Strahd’s Possession“ von Corvus Neblus. Es erschien 1999 auf Kassette und ist vom D&D-Setting Ravenloft inspiriert. Endlose, unaufdringliche Klangflächen ohne Gesang sind genau das, was eine Spielleitung im Hintergrund braucht: Atmosphäre, die nicht vom Geschehen ablenkt.
ARTE lässt Menschen zu Wort kommen, die zeigen, wie weit sich die Kreise um das Genre inzwischen ziehen. Da sind die Rollenspieler von Quest. Sie verkaufen nicht nur Würfel und Regelwerke, sondern erschaffen mit Abenteuerbüchern, einer eigenen Spielwelt und Streams wie „Met & Mystery“ selbst die Geschichten, zu denen Dungeon Synth den Soundtrack liefert.
Aus dem französischen Rennes kommt die Musikerin Lila Starless, die aber sich ohne Rollenspielhintergrund von der Musik berührt fühlt. llustratorin Marta Ibáñez Jiménez erinnert daran, dass Dungeon Synth nie nur Musik war. Kassettencover, verwunschene Burgen und Karten gehören untrennbar zum Erlebnis.
Und dann ist da der Inhaber von All the Problems In This World in Berlin-Kreuzberg. Seit 2021 führt er dort im Alleingang einen Laden, in dem sich Rollenspiele aus Kleinverlagen, Comics, Künstlerbücher und Fantasy-Musik ein Regal teilen. Er importiert Ware von Dutzenden unabhängiger Verlage aus aller Welt, darunter auch Kassetten jener Labels, die Musik und Spiel längst zu einem Paket verschnürt haben. Wer verstehen will, wie eng diese Welten zusammengewachsen sind, sollte dort einmal vorbeischauen.
Flucht nach innen
Dass Fantasy gerade wieder Konjunktur hat, muss man niemandem erklären, der in den letzten Jahren Nachrichten gelesen hat. Weltflucht ist keine Schwäche mehr, eher eine Überlebenstechnik. Erang nannte sein Album „Tome Zero“ von 2025 einen Versuch, mit einem Zeitalter ohne Magie umzugehen. Der Fotograf Peter Beste hat die Szene zwei Jahre lang in acht Ländern begleitet. Sein Bildband „Dungeon Synth“ ist Anfang Oktober erschienen. Er beschreibt das Genre als Einstellung von Menschen, die sich bewusst von der modernen Beschleunigung abwenden, hin zu Ruinen, Wäldern und Selbstgemachtem, eben allem, was die mittlerweile ziemlich kaputte Welt in den Hintergrund drängt.
Ein weiterer Reiz der Rollenspielrunde: In Zeiten, in denen soziale Interaktion meist durch ein Display gefiltert wird, sitzt man hier stundenlang mit echten Menschen an einem Tisch, erfindet gemeinsam Geschichten und schaut sich dabei in die Augen. Eine kleine australische Studie der James Cook University fand bei D&D-Spielern über acht Wochen sinkende Werte für Stress und Depression. Okay, zugegeben, mit 25 Teilnehmenden ist das eher ein Hinweis als ein Beweis, aber ein schöner.
Und ihr?
Ich gebe zu, dass ich gerade „Født til å Herske“ laufen habe, während ich diese Zeilen schreibe – ich habe es einfach vergessen, wieder auszumachen, und bei 53 Minuten Laufzeit, hat es auch fast ganz gereicht. Es funktioniert erschreckend gut, auch ohne Drachen vor der Tür. Wie sieht es aus: Spielt jemand von Euch Pen-&-Paper-Rund Rollenspiele, vielleicht sogar mit passender Musik? Oder ist Dungeon Synth für euch nur Fahrstuhlmusik für Verliese?



Da ich ja ein Liebhaber des Dark Ambient bin, sollte es fast selbstverständlich sein, dass ich auch Dungeon Synth hören müsste. Ist es aber nicht. Ich sehe da ziemlich große Unterschiede. Dungeon Synth ist in meinen Augen bzw. Ohren eher konzeptions- und zielloses Synthie-Geklimper. Da baut sich für mich keine Atmosphäre auf. Man könnte auch sagen, Black Metaller versuchen auf Teufel komm raus und mangels technischer (elektronischer) Möglichkeiten Dark Ambient zu machen. Und so klingt das dann auch.
Ich habe auch ein paar Alben von Mortiis, alleine schon der Cold Meat Industry-Nostalgie wegen. 😉 Aber richtig gepackt hat mich das nie. Zu nennen ist da noch Vinterriket, die es im Zusammenspiel mit Northaunt fast gut hinbekommen haben eine Brücke zwischen beiden Soundstilen zu schlagen. Ansonsten klimpert das irgendwie recht belanglos dahin. Aber ich bin auch kein Rollenspieler und funktioniert auch deshalb vielleicht nicht bei mir. Wer weiß… 😉
offenbar zieht Musik rund um Games noch weitere Kreise, auch dieser Artikel ist von heute, was für ein Zufall:
https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2026/10/orchester-inspektor-kai-wellenbrock-interview-deutsches-symphonie-orchester-dso.html