Polen: Der jüdische Friedhof in Breslau (1856)

In Breslau (poln. Wrocław) gibt es heute kaum noch Friedhöfe, auf denen Gräber aus der Zeit vor 1945 sichtbar sind. Im Zuge der polnischen Besiedlung Schlesiens nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Vertreibung der deutschen Bevölkerung wurden die meisten Grabsteine mit deutschen Inschriften entfernt oder zerstört. Eine Ausnahme ist der jüdische Friedhof in der ul. Ślężna (bis 1945 Lohestraße). Die ersten Begräbnisse fanden hier im Jahr 1856 statt. Bei der Eröffnung der Nekropole im 19. Jahrhundert wurden auch ältere Grabsteine in die Anlage integriert, darunter zahlreiche aus dem Mittelalter, der Älteste aus dem Jahr 1203. Diese alten Steine waren zwischenzeitlich im Straßenbau oder für die Stadtmauer verwendet worden, später wiederentdeckt und in die Lohestraße verbracht, wo sie zumeist in die Friedhofsmauer eingelassen wurden. Das letzte Begräbnis auf dem Friedhof datiert auf das Jahr 1942. Bis dahin waren fast alle Juden Breslaus geflohen oder in die Vernichtungslager der Nazis deportiert und ermordet worden. Die Gräber blieben indes unangetastet – sowohl von den Nazis als auch später von polnischen Nationalisten. Einige Schäden erlitt die Anlage allerdings im Frühjahr 1945 während der Belagerung der Stadt durch die Rote Armee. Die Front verlief zeitweise quer über das Friedhofsgelände. Die Einschläge von Granatsplittern und anderen Geschossen sind bis heute auf vielen Steinen zu sehen. Heute ist das Gelände eine Oase der Ruhe im Lärm der Großstadt und Heimat für zahlreiche Vögel und andere Tiere. Die dicht mit Bäumen und Sträuchern bewachsene Anlage ist als Museum der Friedhofskunst dem Breslauer Stadtmuseums angegliedert und kann täglich von 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr besichtigt werden, in der dunklen Jahreszeit bis zum Sonnenuntergang.

Zu den prominentesten unter den Bestatteten gehört Ferdinand La Salle, der als Vordenker der Sozialdemokratie in Deutschland gilt. Er starb im Alter von 39 Jahren bei einem Duell in Genf. Bemerkenswert ist auch das Grab des deutschen Schachmeisters Arnold Schottländer, das ein Schachbrett und ein Pferdekopf ziert. Viele der Gräber sind nicht nur mit Namen und Geburts- und Todesdaten versehen, sondern auch mit kurzen Texten der Hinterbliebenen. An eine junge Frau namens Toni, die 1903 im Alter von nur 23 Jahren verstarb, wird mit den Worten erinnert: „Eine Rose gebrochen ehe der Sturm sie entblättert.“ Auch wenn die Stürme, die das jüdische Leben in Breslau heimsuchen sollten, damals noch nicht absehbar waren, eine geradezu prophetische Inschrift.

(c) Christian Wojtysiak