Formel Goth: Wehmut, Knochen und ein bisschen Pop

Reden wir über die Länge von Musikstücken. Mittlerweile scheinen sie ja immer kürzer zu werden, um dem Zeitgeist Rechnung zu tragen. Bis 1990 wurden Songs immer länger, sagt eine schlaue Webseite. Ausufernde Stücke, Konzeptalben mit opulenten Intros, minutenlange Maxi-Versionen, die Hits bis zum Exzess ausdehnten. Seitdem wird es wieder stetig kürzer. Zuletzt dauern Musikstücke, die vor allem durch TikTok oder Shorts bekannt werden, nur noch 2 Minuten. Mich erinnert das an die Hits der 60er-Jahre, die dauerten im Schnitt angeblich 2:30 min – früher war das wohl dem Medium Schallplatte geschuldet, heute der Aufmerksamkeitsspanne. Ich stelle das mal jetzt völlig wertfrei in den Raum. In dieser Formel Goth sehen wir ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Welcher Typ seid ihr? 2 Minuten komprimierte Energie? Müssen 3 Minuten reichen, um alles rüberzubringen, oder sind 4 Minuten das Minimum für einen guten Song? Das könnt ihr euch ja mal während „Watching Me Fall“ von The Cure überlegen.

Rue Oberkampf – Darkness

Wer bei Rue Oberkampf an treibende Beats zwischen EBM, Techno und Darkwave denkt, tanzt bei „Darkness“ erst einmal ins Leere. Das Münchner Duo um Julia de Jouy und Oliver Maier, Ende 2016 noch als DJ-Trio gestartet, zeigt sich hier von einer ganz neuen, sphärischen Seite: akustische Gitarre (gespielt von Gastmusiker Josip Tijan), Weite statt Clubnebel – und irgendwie habe ich dabei ständig Heilung im Hinterkopf.

Der Song beschließt das Album „Wehmut“, das am 15. Oktober bei Young and Cold Records erschienen ist und für das sich die Band vom Bayerischen Wald, dem Goldsteig und einer Prise Post-Metal inspirieren ließ. Das Video von Jojo und Daniel Kilgus versprüht eine angenehme Schwere, die nicht aufgesetzt wirkt. Tanzbar im gewohnten Sinne ist das nicht unbedingt, dafür deutlich abwechslungsreicher. Für mich eine schöne Entwicklung – die Tanzfläche darf auch mal Pause machen.

Mouth Ulcers – Lady Rust

Ein bisschen Bauhaus-Attitüde, ein bisschen Old School und das Ganze schön flott: Mouth Ulcers kommen aus London und haben sich erst 2025 gegründet. Zak Watson (Gesang, Gitarre), Josephine Rose (Gitarre, Gesang), Jamie-Lee Culver (Bass) und David Zbirka (Schlagzeug) nennen das, was sie machen, „Musik, zu der Vampire tanzen“ – das lasse ich mal so stehen. Nach der EP „Silent Pictures“ im Juli steht mit „You’re Not In Heaven“ schon das erste Album in den Startlöchern, „Lady Rust“ ist ein Vorgeschmack darauf.

Das Setting des Videos, das Sänger Zak Watson selbst gedreht hat, gefällt mir ausgesprochen gut, der Sound sitzt, und auch atmosphärisch kommt die Band richtig gut rüber. Einziger Haken: Nach knapp 2:50 ist schon wieder Schluss. Diese neue Videokurzform, die sich gerade überall breitmacht, mag ich einfach nicht. Da hätte ich gern noch ein paar Minuten länger zugeschaut.

Heilung – Læknisgaldr

Heilung sind gerade das Phänomen der Szene. Vielleicht ist die ja auf der Suche nach einem würdigen Nachfolger für Dead Can Dance über das Trio aus Kai Uwe Faust, Christopher Juul und Maria Franz gestolpert, das sich selbst als „amplified history“ aus dem frühmittelalterlichen Nordeuropa versteht. „Læknisgaldr“ ist die erste Single aus dem kommenden Album „Sagas“, aufgenommen während einer Reise in die Länder der Sagas, als die Band an der Musik für das Videospiel „Senua’s Saga: Hellblade II“ gearbeitet hat. Und ja, da klappern echte menschliche Knochen.

Das Video, gedreht in Norwegen und Island, ist ein optisches Meisterwerk mit einer ganz besonderen, dystopischen Stimmung, wenn man erst mal über die „Vikings“-Optik hinweggesehen hat. Im Augenblick scheinen sich ja alle von Heilung eine Scheibe abschneiden zu wollen (siehe oben). Schön finde ich, dass sie sich ganze sechs Minuten Zeit lassen und damit das Schnelllebige angenehm unterbrechen. Find ich alles spannend.

Boy Harsher – Hard Beat

Boy Harsher unterbrechen den Reigen aus rituellen Klängen und Old-School-Goth mit ihrem poppig gewordenen Sound. Jae Matthews und Augustus Muller wurden ursprünglich in die Darkwave-Schublade gesteckt, jetzt scheinen sie sich einem breiteren Publikum öffnen zu wollen. Dazu passt, dass ihr neues Album „Get Mean“, das am 18. September erschienen ist, ihr erstes bei einem Major-Label ist: Atlantic. Ganz nebenbei haben sich die beiden Anfang 2024 auch privat getrennt, die Band gibt es trotzdem weiter.

Die einst herrlich kratzigen Einflüsse sind für einen „catchy“ Sound nach hinten gerückt. Das selbstgedrehte Video erinnert mit Autobahn, Beinschiene und seltsamen Gestalten an „Crash“ – falls jemand den Film von David Cronenberg aus den 90ern noch kennt. Ich kann mich mit dem neuen Stil der Band allerdings nicht mehr so richtig identifizieren.

 

Robert

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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2 Kommentare
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Phoenix
Phoenix(@phoenix75)
Vor 3 Stunden

Ich bin ein Liebhaber langer Stücke, was im Dark Ambient Bereich ja keine Seltenheit ist. Die Musik/der Sound braucht Raum und Zeit sich zu entfalten. Es ist was, was man nicht mal schnell zwischendurch hört, sondern wo man eintaucht, sich treiben lässt, das Kopfkino anwirft und bei jedem Hören neue kleine Details entdeckt. Heilung trifft das ganz gut mit ihren Songs. Man ist ja nicht auf der Flucht. Man nimmt sich Zeit, um eine Atmosphäre aufzubauen. Das ist für mich die wahre Kunst in der Musik.
Klar, manchmal ist nach 2, 3 Minuten alles gesagt. Gerade bei lauten brachialen Stücken im Industrial/Power Electronics Bereich. Das ist auch gut so. Und trotzdem höre ich sowas nicht in Eile und nebenbei. Viele haben verlernt, sich auf Musik einzulassen, skipen schnell weiter und behandeln Musik wie ein billiges Konsumprodukt. Wer eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hat ist selber schuld. Dem würde ich aber auch unterstellen, den Künstlern nicht genügend Aufmerksamkeit zu widmen und ihre Arbeit zu würdigen. Gerade deswegen wird aus physischen Tonträgern immer mehr nur eine billige digitale Datei, die man herunterlädt und löscht, wenn man sich „müde“ gehört hat. Sie nimmt keinen Platz weg und ist nach 2, 3-maligen hören in Vergessenheit geraten. Oder man streamt auf diversen Plattformen.
Ich werde mich damit nie anfreunden können.

Black Alice
Black Alice(@blackalice)
Vor 2 Stunden

Eine schöne abwechslungsreiche Mischung. Danke.

Heilung erfreut sich bei einem breiten Publikum großer Aufmerksamkeit. Ihre Liveauftritte sind auch ein Phänomen.
Boy Harsher habe ich schon immer als sehr Mainstream nah empfunden und ich glaube, die haben schon immer auch Mainstreampublikum gehabt, bzw sie wurden auch in Mainstream-Clubs gespielt. Wenn sie sich mehr in diese Richtung bewegen, kann ich es ihnen nicht übel nehmen. Jeder braucht/will Knete. Dann werden sie für mich uninteressant, so wie damals Unheilig.

Das mit der Länge der Songs ist schon so ein verrücktes Ding. Früher (70er bis 2000er) gab es, wenn ein Song erfolgreich war und in die Charts kam, drei Versionen. Einmal die LP Version mit der ursprünglichen Länge, dann ein Radio-Edit mit 3,5 Minuten, weil das die Standardlänge für Radioplay war und dann ein Club-Edit wo manche Stellen verlängert wurden und noch Intro und Outro zum mixen hinzugefügt wurde und somit im Schnitt 5 bis 6 Minuten lang war.

Heute muss ein Song innerhalb 15 Sekunden alles erzählen, weil das die maximale Aufmerksamkeitsspanne auf TikTok ist. In diesen ersten 15 Sekunden muss man zum Refrain kommen, Intro, Strophe und Refrain. Da ist alles gesagt, sodass ein Song nicht länger als 2 bis 2,5 Minuten lang sein muss und eher nervt, weil man weiter wischen will. In Clubs wird bei Club-Edits heute oft nur der 8 oder 16 Beats lange Break als Übergang und der gleich lange Drop gespielt, was dann eh nur zwei Minuten Länge bedeutet. Ich hab keine Ahnung wie die das machen, aber da hat man sich auf ein Lied eingetanzt und schon kommt ein anderes… Ist doch Scheiße. Von Intro zu Intro zu mixen und so ein Song 4 Minuten durchzuspielen gilt heute als langweilig.

Den Göttinnen sei Dank ist das aber nur im Mainstream so die Regel und abseits des Mainstream meist eher nicht. Uff… was bin ich froh darum.

Letzte Bearbeitung Vor 2 Stunden von Black Alice

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