Flitterwochen auf den Färöer-Inseln – Einer bizarr-romantischen Hochzeitsreise

Pferdeskulptur Soervágsvatn

In dichtem Schneegestöber raste die Kutsche mit uns in halsbrecherischer Fahrt die steile Bergstraße hinunter der nahen Hafenstadt zu, in welcher der dänische Schoner sich zum Auslaufen bereit machte. Es dunkelte schon, und in den flackernden Lichtern der schwankenden Laternen am Kutschbock konnte man durch das wirre Treiben der Schneeflocken nur schemenhaft noch die Straße erkennen. Die Pferde kannten die Route wohl schon von vielen Touren, anders war es nicht zu erklären, warum wir noch auf der Straße und nicht schon längst den steilen Abhang in das sichere Verderben hinuntergestürzt waren. Doch es half nichts; die Eile musste sein: Das Schiff durfte nicht ohne uns abfahren. Der Kapitän hatte uns mitteilen lassen, dass er nicht auf uns warten würde…

Aber Halt! Auch wenn meine Gedanken von der überstürzten Abreise aus unserem Flitterwochendomizil im Nachhinein Bilder aus Schauerromanen der späten viktorianischen Zeit in meinem Kopf projizieren, so fand die abendliche Schussfahrt zum ablegenden Schiff nicht im ausgehenden 19. Jahrhundert statt, sondern im Februar 2018. Und anstelle einer Kutsche war es mein Auto, welches ich durch einen leichten Schneefall unter unangenehmem Zeitdruck eine abschüssige glatte Bergstraße dem Hafen entgegenlenken musste. Diese Tour de Force war aber nicht der einzige Schreck, den wir bei unserem Aufenthalt auf den Färöern erlebten – und zum Glück gab es viel mehr schöne oder beeindruckende Erlebnisse in unseren Flitterwochen.

Die nur wenigen Schrecknisse sind uns heute zur liebgewonnenen, weil besonderen, Erinnerung geworden. Aber jetzt mal ganz zurück auf Anfang: Nachdem wir im Februar 2018 auf den Färöern unsere Flitterwochen verbrachten und unserem Freundeskreis via sozialer Medien einige Eindrücke unserer Reise zukommen ließen, fragte Robert von Spontis uns, ob wir nicht einen kleinen Bericht für die WGT- Print-Ausgabe des Spontis schreiben könnten. Wir sagten zu, aber wie es mal so geht, hatten wir nicht die Muße oder Zeit den Bericht rechtzeitig zu schreiben. Daher nun mit einem Jahr Verspätung und damit fast pünktlich zu unserem ersten Hochzeitstag ein paar Zeilen zu unseren schwarzen Flitterwochen.

Warum Färöer?

Flitterwochen auf den Färöern? – Diese ungläubige Frage wurde uns öfter gestellt, ebenso wie „Wo liegt denn das?“ (etwa zwischen Schottland, Südnorwegen und Island, am südwestlichen Rand des Europäischen Nordmeeres) oder wenn die Lage der Inseln geklärt war: „Aber ist das denn nicht kalt und nass – erst recht im Februar?“ (ja, ist es). Meistens hörten wir aber: „Wieso ausgerechnet die Färöer?“.

Ehepaar Klammer auf der Brücke
Das frische gebackene Ehepaar kurz nach der Hochzeit. Ob sie hier wussten, was sie im Nordatlantik erwartete?

Die Färöer sind eine die kleine Gruppe von 18 vulkanischen Felseninseln im Nordatlantik, nicht unbedingt die klassische Wahl für ein Flitterwochendomizil. Jeannette und ich mögen die nordeuropäischen Länder (nicht ausschließlich): Unser erster gemeinsamer Kurzurlaub führte uns damals Anfang November nach Island zum Iceland Airwaves Festival und wir wollen auf jeden Fall noch öfter nach Island oder auch mal nach Nordnorwegen. Als wir in Nürnberg vor einem Konzert der färöischen Sängerin Eivör überlegten, wohin wir unsere Hochzeitsreise machen könnten, wurden aus Gedanken wie „Island“, „einsame Insel“, „Eivör“ recht schnell der Beschluss: „Färöer“! Das erschien uns auch „gruftig genug“: „Normale“ Pärchen flittern gerne an weißen Traumstränden bei warmen Temperaturen und wir flittern eben dort, wo der Sand vulkanisch schwarz ist und uns kaltnasser Wind um die Ohren pfeift.

Zuvor feierten wir aber noch unsere Hochzeit in viktorianischer Kleidung, mit Kutschfahrt und Fotosession auf dem Henkersteg, gutem Essen, lieben Freunden und einigen Verwandten in einer kleinen Nürnberger Bar. Wir ließen uns dort humanistisch trauen, unser Hochzeitslied war „Just like Heaven“ von The Cure, den Hochzeitstanz tanzten wir zu „Rains of Castamere“, ein befreundeter DJ legte schöne schwarze Musik zum Tanzen auf und Box and the Twins, liebe Freunde von uns, gaben ein schönes Konzert. Zum Abschluss dann die Hochzeitstorte mit einer passenden Tortenfigur (Jack Skellington und Sally) und am Tag danach noch das Verabschieden von weiter angereisten Freunden, Sachen packen und Geschenke verstauen.

Am nächsten Morgen ging es auf die Reise: Mit dem Auto bei klirrender Kälte von Nürnberg aus 1200 Kilometer bis an die Nordspitze Dänemarks und nach einer Übernachtung in Skagen und einem Spaziergang in Skallingen, wo sich Skagerrak und Kattegat mal küssen und mal kabbeln (also eine maritime Beziehung in einer Art führen, wie man es auch von jedem anständigen und unanständigen Pärchen kennt) ging es weiter zum dänischen Fährhafen Hirtshals. Dort fuhren wir am Nachmittag auf die Fähre. Wegen der Reparatur eines Motorschadens mit mehrstündiger Wartezeit wegen Lieferung und Einbau eines Ersatzteils, konnte die Fähre erst am späten Abend endlich in See stechen.

Überfahrt – Flitterwochenambiente auf dem Nordatlantik

Färöer - Nordatlantik - Autofaehre Norrona (6)

Da der Preisunterschied zwischen den Kabinenklassen nicht beträchtlich war und wir uns auf den Flitterwochen nicht lumpen lassen wollten, hatten wir die teuerste Kabinenklasse gebucht. Statt der innenliegenden Kabinen ohne Fenster oder den unteren Kabinen mit Bullaugen hatten wir Kabinen weiter oben, die normalgroße Fenster mit entsprechend guter Sicht nach draußen hatten. Dies war auch daher eine gute Wahl, da die Gänge bei den günstigeren Kabinen auch von trinkfreudigen Mitreisenden frequentiert wurden und die Störung unseres Flitterwochenambientes durch alkoholgeschwängerte Wikingerabkömmlinge vermieden werden sollte. Dass wir ein kleines Bad mit Toilette und Dusche im Zimmer hatten, war für uns auch eine Annehmlichkeit, die wir nicht missen wollten.

Alles in allem hatte die Atlantikfähre eher den Charakter eines Kreuzfahrtschiffes, mit mehreren Restaurants in verschiedenen Preisklassen und es sollten wohl auch Sauna und Fitnessstudio an Bord sein. Doch statt solche sportiven Angebote zu nutzen, ließen wir uns lieber an Deck den kalten Wind des Nordatlantiks um die Ohren wehen. Trotzdem uns der Wind recht stark vorkam, gab es fast keinen Wellengang und nur nachts spürte man ein leichtes Rollen und Stampfen des Schiffes. Die frisch gebackene Ehefrau schlief wie ein Stein, nur der Gatte lag wach und zog sich zweimal an, um sich an Deck davon zu überzeugen, dass nicht inzwischen ein Sturm das Schiff in seiner Gewalt hatte. Aber es war nichts: Scharfer kalter Wind, aber fast kein Wellengang. Dann lag man eben wach mit den Gedanken daran, wie stark man im Bett die Bewegung des Schiffes empfindet, während man an Deck meint, das Schiff liege ruhig wie ein Stein. Wie müssen erst die Nächte sein, wenn man in einen wirklichen Sturm gerät? 1

Ankunft – Hauptstadt Tórshavn und die Färöer

Nach 1200 Kilometern und 37-stündiger Fahrt durch Nordsee und Nordatlantik erreichten wir am frühen Morgen den Hafen der färöischen Hauptstadt Tórshavn. Wir fuhren von Bord und steuerten flugs unser Hotel an, welches an einem Berghang oberhalb Tórshavns lag und einen schönen Blick auf die Bucht mit Hauptstadt und Hafen und die vorgelagerte Insel Nólsoy bot. Der vom nordischen Gott Thor abgeleitete Name der Hauptstadt und das dazu passende Stadtwappen mit Thors Hammer Mjölnir machten deutlich, in welchem Kulturkreis man sich hier bewegt.

Der Färingersaga zufolge ließ sich zur Zeit des norwegischen Wikingerherrschers Harald Schönhaar etwa im 9. Jahrhundert die erste Gruppe Wikinger auf den Färöern nieder. Trotz der Christianisierung im frühen 11. Jahrhundert blieben die alten Mythen und Legenden bis in die heutige Zeit lebendig. Die Orte, an denen angeblich das geheime Volk, das „Huldufólk“ lebt oder zusammenkommt, werden heute noch aus Respekt vor Tradition und Kultur oder – je nach Sichtweise – aus Glauben oder Aberglauben besonders berücksichtigt. So heißt es, dass einige Färinger an besonderen Orten etwas Milch hinstellen, um sich die Gunst dieser färöischen Elfenwesen zu sichern. Bei Bauarbeiten würden ebenfalls diese magischen Orte berücksichtigt, dann werden Straßen um bestimmte Felsen herumgebaut oder Bauvorhaben abgebrochen oder umgeplant, damit man sich nicht den Zorn des Huldufólk zuzöge.

Da wir mit unserem Auto auf den Färöern waren, waren wir auch unabhängig von den öffentlichen Verkehrsmitteln, die wohl gut und günstig sein sollten, aber natürlich nicht immer zu den Zeiten und den Orten verkehrten, die uns genehm waren. Die Mitnahme des Autos auf der Fähre war außerdem billiger als das Ausleihen eines Mietwagens für zehn Tage. Da fast alle der bewohnten färöischen Inseln über das gut ausgebaute Straßennetz mit Brücken und Unterseetunnel verbunden sind, konnten wir recht einfach mit dem Auto viel von den Färöern erfahren: Den nördlichsten, südlichsten, westlichsten und östlichsten Punkt, die steilste Küste und den höchsten Berg, alles was man laut Touristenführer „gesehen haben sollte“ und auch alles andere, was uns spontan als einladend oder interessant erschien.

Der höchste Berg auf Färöer und die schwarze Bucht

Färöer - Eine malerische Bucht
Nachdem wir unseren Ankunftstag im Hotel verbrachten, entschieden wir uns, als erste Tour die Besteigung des Slættaratindur, des höchsten Berges der Färöer, in Angriff zu nehmen. Wir sind zwar nicht gänzlich unsportlich, aber auch keine erfahrenen Bergwanderer. Dem Reiseführer konnte man aber entnehmen, dass man die 880 Meter zum Gipfel recht einfach erwandern könnte und keine Ausrüstung benötigt würde. Zudem sollte der Aufstieg auf einem Parkplatz an der den Berg entlangführenden Passstraße beginnen. Fazit für uns: Ein sicher anstrengendes, aber auch recht einfach zu erreichendes Ziel, welches mit einer tollen Aussicht belohnt werden würde.

Das Wetter spielte ebenfalls mit: Sonne und Wolken. Aber diesbezüglich hatten wir in den Flitterwochen sowieso immenses Glück: Wir hatten überdurchschnittlich viel gutes Wetter. Was sich aber als Problem herausstellte, war der Umstand, dass der Reiseführer für die normale Touristensaison geschrieben wurde. Nachdem wir auf dem Weg die Passstraße hinauf schon einiges an Schnee hatten, wurde es auf dem Anstieg zum Gipfel immer problematischer. Der Berg hatte vielleicht nur einen Anstieg von etwa 35°, aber die uns den Weg versperrenden, zum Teil vereisten Schneefelder, konnten wir nicht überqueren:

An manchen Stelle war es blankes Eis, an anderen Stellen zwar nur Schnee, aber darunter oftmals Felsen und Steine mit Spalten oder Geröll, was einen sicheren Tritt verhinderte und ein Abrutschen oder Umknicken sehr wahrscheinlich machte. Und wir hatten sicher nicht vor, uns in den Flitterwochen langwierige Verletzungen zuzuziehen. Nach einigen hundert Metern gaben wir dann auf. Immer mehr und großräumigere Schneefelder zwangen uns zu immer weitläufigeren Umwegen und weiter oben wurde nun auch der Anstieg steiler. Den im Reiseführer angepriesenen einfachen Aufstieg wollten wir dann irgendwann erneut versuchen, in der Hoffnung, dass es uns zu einer anderen Jahreszeit irgendwann mal wieder hierher verschlagen würde.

Wir erklommen aber nicht nur die Berge, sondern stiegen auch hinab in schöne Täler und Buchten. Bei Saksun auf der Hauptinsel gibt es einen der wenigen Strände der Färöer. Früher war dort ein schmaler Fjord, aber im 16. Jahrhundert wurde bei einem schwerem Sturm so viel Sand in den Fjord gespült, dass man heutzutage nur noch bei Hochwasser mit dem Schiff bis an das Ende des ehemaligen Fjords fahren kann.

Ansonsten ist der frühere Fjord nun eine kleine Bucht mit einem dahinter verlaufenden schmalen Tal, auf dessen Grund man auf schwarzem Sand bis direkt an die Küste laufen kann. Wir zogen wieder einmal die Mütze tiefer ins Gesicht und stapften unter den neugierigen Augen von ein paar Schafen das Tal entlang. Nach etwa einer Stunde erreichten wir pünktlich zum Sonnenuntergang die Brandungswellen des Nordatlantiks am schwarzen Sandstrand von Saksun.

Die Legende von Kópakonan, der Robben-Frau

Auf der Fahrt zu den nördlichen Inseln wurde uns wieder bewusst, wie skurril die Lage vieler Inseln doch ist. Gebirge mitten im Ozean, deren Spitzen aus dem Wasser ragen. Brücken zwischen den Inseln wie Brücken zwischen den Gipfeln von Bergketten und Menschen, die sich in diesen unwirtlichen Regionen niederlassen, also auf von Salzwasser umspülten Berggipfeln. Getoppt wird es wohl nur noch durch Personen, die ausgerechnet ihren Honeymoon an solchen Orten verbringen. Wobei wir in unseren 10 Tagen Aufenthalt doch wirklich auf ein anderes Touristenpärchen stießen. Und dann gleich zweimal an unterschiedlichen Orten. Aber die Färöer sind klein.

Mit einer Fähre fuhren wir auf die Insel Kalsoy, um der Statue der Kópakonan (Robbenfrau) im Dorf Mikladalur einen Besuch abzustatten. Ähnlich der Kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen, die als Denkmal für die von Hans Christian Andersen verbreitete Geschichte erschaffen wurde und die als Vorlage für die in der heutigen Popkultur eher bekannte Arielle diente, ist die Geschichte der Kópakonan viel düsterer:

Den Legenden nach sind Selkies Menschen, die den Tod im Meer suchten. Die sich so ertränkten Menschen leben im Meer in der Gestalt von Robben weiter, die einmal im Jahr an Land kommen, dort ihre Robbenhaut ablegen und in ihrer früheren Menschengestalt eine Nacht lang singen und spielen.

Bei Miklandur soll ein Fischer die Robbenhaut einer wunderschönen Robbenfrau an sich gebracht und versteckt haben, damit sie ihm dienen musste. Er zwang sie dazu, seine Frau zu werden und sie musste ihm Kinder gebären. Nach vielen Jahren fand die Frau ihre vom Fischer versteckte Haut und konnte fliehen. Einige Zeit später wollten die Fischer von Mikladalur mal wieder auf Robbenjagd gehen.

Dem Fischer erschien in der Nacht davor die Gestalt der Robbenfrau und diese warnte ihn: Sie beschrieb ihm das Aussehen ihres geliebten Robbenmannes und ihrer Robbenkinder und er solle sie verschonen und nicht töten. Doch der Fischer ignorierte die Warnung und am Tag darauf töteten er und die anderen Fischer von Mikladalur alle Robben, die sie finden konnten. Als der Fischer mit seinem Anteil des Fangs das Abendessen zubereitet hatte, stürmte die Robbenfrau in Gestalt eines furchtbaren Trolls in das Haus und schrie ihn an: Er habe den Kopf ihres Mannes und die Hände ihrer Kinder auf seinem Tisch liegen und nicht auf ihre Worte gehört.

Aus Rache sollten immer wieder Fischer aus Miklandur im Meer ertrinken und von den Felsen stürzen, bis die Zahl der Getöteten so groß sei, dass sie händehaltend die Insel Kalsoy umringen könnten. Danach verschwand sie unter Blitz und Donner. Immer wenn hernach ein Fischer ertrank oder bei der Vogeljagd von den Klippen fiel, ging man davon aus, dass die Kette an Toten um Mikladalur noch nicht groß genug ist.

Tag- und Nachtleben in Tórshavn auf den Färöer

Neben unseren langen Touren über die Inseln der Färöer verbrachten wir auch Tage mit längerem Schlafen und anschließendem Spaziergang in die Stadt hinunter. Vom Hotel aus konnten wir bequem zu Fuß den Berghang hinunter nach Tórshavn spazieren.

Zu Fuß ist Tórshavn schnell erkundet, denn sie ist eine der kleinsten Hauptstädte der Welt. Mit einer Population von etwa 20.000 Färingern wohnt fast die Hälfte der färöischen Bevölkerung dort. Wir schlenderten an den kleinen aber feinen Geschäften und Cafés entlang, hörten uns im städtischen Musikgeschäft durch isländische und färöische Produktionen durch und stöberten in den Geschäften der lokalen Wollprodukte. Am Ende unseres Bummels gelangten wir in das Regierungsviertel Tinganes.

Unter dem Begriff „Regierungsviertel“ stellt man sich gemein hin etwas anderes vor als das, was man hier vorfindet: Bei den Regierungsgebäuden handelt es sich um einfach gehaltene alte Stein- und Holzhäuser, von denen einige schon im 14. Jahrhundert gebaut wurden. Der Amtssitz des Ministerpräsidenten befindet sich in einem ehemaligen Lagerhaus aus dem 18. Jahrhundert. Schon die Wikinger haben ihre Versammlungen an diesem Ort abgehalten. Trotz des Alters ist das auf einer kleinen Landzunge ruhende Tinganes-Viertel aber sehr schmuck anzusehen. Beim Wandeln durch die kleinen Gässchen fanden wir immer auch kleine, hübsch geschmückte Privathäuschen, in denen man auch gerne wohnen würde, abgeschieden von all dem Stress unserer hektischen kontinentalen Welt. Aber realistisch betrachtet bedeutete dies auch ein Verzicht auf viele andere Dinge, die wir schmerzlich vermissen würden: Kino, Konzerte, Festivals: Kurzum die kulturelle Vielfalt des Kontinents.

An einem Samstag wollten wir uns das Nachtleben von Tórshavn ansehen. Uns war klar, dass wir hier keinen schwarzen Club erwarten konnten, aber vielleicht etwas Alternatives? Wir erkundigten uns via Reiseführer, im Internet und bei Hotelangestellten und gingen dann am späten Abend los. In den örtlichen Irish Pub wollten wir nicht, da dieser eben aussah wie die üblichen Irish Pubs daheim. Das Sirkus wurde im Reiseführer als alternative Bar beschrieben und es sah auch von außen interessant aus: In einem alten Haus am Hafen gelegen, sehr schmal aber dafür 3 Stockwerke hoch.

Die Einrichtung des Sirkus war skurril-originell-alternativ-schräg: Diverse Retro-Tapeten an den Wänden und unterschiedlichste Möbel vom Stile der 50er Jahre bis maximal 80er Jahre wild durcheinandergewürfelt, dabei nur wenig elektrisches Licht, aber überall Kerzen und Teelichter. Gemütlicher schummriger Retro/Shabby-Chic. Aber es war praktisch leer. An der Bar im Erdgeschoss standen zwei glatzköpfige und bärtige Gäste vielleicht Mitte 30 mit ihrem Bier. In den beiden oberen Stockwerken: Niemand. Da die Musik uns zwar gänzlich unbekannt war, aber als Mischung aus Indie-Rock und Alternative durchaus nicht abschreckend, beschlossen wir, noch etwas zu trinken und weiter zu warten. Als nach einer halben Stunde immer noch alles leer war (bis auf zwei weitere Gäste unten an der Bar), entschlossen wir uns zum ultimativen Schritt: Der Besuch einer Mainstream-Schicki-Micki-Disco ein paar Straßen weiter.

Wir waren neugierig, wie voll es dort wäre und ob Musik und Publikum irgendwie anders sind, als man es von Deutschland her kennt. So tapperten wir 500 Meter weiter und standen gegen 2 Uhr vor einem schwarzen Kubus von Gebäude, der sowohl das Kino beherbergte, als auch die Disco „Luux“.

Der große Vorraum war leer und zwei Frauen standen unbeschäftigt an der Garderobe. Wir gaben unsere Jacken, Mützen, Handschuhe etc. in deren Obhut und gingen eine Treppe zum Tanzboden hinauf: Ein großer quadratischer Raum, ein Bar, ein erhöhtes DJ-Pult, Stehtische an den Seiten und eine vielleicht 10 x 10 Meter große Tanzfläche, darüber eine Discokugel. Wir waren abgesehen von DJ und Barfrau die einzigen anderen Menschen in dem Raum. An einem Samstag um 2 Uhr. Hatte eine Epidemie ohne unser Wissen auf den Färöern gewütet? Sind alle jungen Leute ausgewandert?

Beim Verlassen fragte ich an der Garderobe nach dem Feierverhalten der färöischen Jugend und erhielt erhellende Einsichten: Wegen der hohen Alkoholpreise und des geringen Einkommens vieler Jugendlicher, ist es üblich, dass man sich zuerst privat bei Freunden trifft, dort etwa bis 1 Uhr trinkt und redet und Musik hört. Von etwa 2 Uhr bis 4 Uhr sind die Leute dann beim Tanzen oder in den Bars. Davor und danach ist in den Lokalitäten nicht viel los. Nach dem etwa zweistündigen Tanzvergnügen träfe man sich dann vor dem ortsansässigen Imbissladen. Dort würde dann ein Zuhause ausgewählt, zu dem alle noch feierwütigen Anwesenden gingen. Hier kennt man sich schließlich. Und wie zum Beleg der vorgenannten Auskunft kamen dann gegen 2 Uhr die ersten Gäste an.

Wir beschlossen, noch etwas zu essen und dann einen letzten Blick in das Sirkus zu werfen: Überraschung! Das Sirkus war inzwischen gut gefüllt. Jeannette schob sich an die Bar, holte sich einen Gin Tonic und mir ein Okkara Porter und wir drängten uns in das oberste Stockwerk. Dort fanden wir noch Sitzplätze, nippten an unseren Getränken und schauten uns die Leute an: Von Overdressed mit Anzug und Krawatte, vom jungen Hipster bis zum Typ „Geschäftsmann/-frau-hat-sich-noch-nicht-umgezogen“, über Stinoklamotten, Hip-Hop-Lookalike mit Jogginghose und Basecap, punkig und alternativ mit Lederjacke und gefärbten Haaren, Glatzen mit und ohne lange Bärte, Holzfellerhemdfetischisten… es war ein sehr große Vielfalt an Stilen und Typen, die man auf Grund des vielfältigeren und spezialisierteren Weggeh-Angebotes in größeren Städten anderer Länder so wohl nicht oder nur selten zu sehen bekommt.

Da es also interessant und gemütlich war und die Musik zwar größtenteils immer noch unbekannt, aber weiterhin zum Verweilen einlud, blieben wir noch etwas und waren dann wohl gegen 4 Uhr wieder zurück im Hotel.

Unfreiwillige Eispartie zur alten Radarstation

Färöer - Zweiter Ausflug nach VargaAn einem unserer Ausflüge auf die Insel Varga fuhren wir über das Hochland der Hauptinsel. Die Strecke war kürzer als die Route an der Küste, die zwar auch landschaftlich schön ist, aber die wir zu dem Zeitpunkt schon öfter befahren hatten. War es auf Küstenhöhe immer um die +3 °C (und damit Dank des Golfstromes deutlich wärmer als in Deutschland, wo es zu dem Zeitpunkt -10 °C hatte), war es auf der Hochebene deutlich kälter. Nach nur kurzer Fahrtzeit fuhren wir durch Schneegebiet und an einigen schattigen Stellen waren die Straßen und Kurven vereist. Unser Blick wurde während der Fahrt auf eine alte NATO-Radarstation gelenkt, die heute noch als Wetterstation geführt wird.

Eine kleine Straße führte den Berg hinauf und unser Reiseführer pries die Aussicht, die man von dort hätte. Da die Straße auf der Sonnenseite lag und gut befahrbar erschien, entschieden wir uns dazu, die Auffahrt zu wagen. Leider erwies sich die zunehmende Kälte in größerer Höhe als kontraproduktiv, denn nach einiger Zeit waren erst nur die Straßenränder immer mehr von Schnee und Eis gesäumt, dann war nur in der Mitte der Fahrbahn eine schmale Spur schneefrei bis wir schlussendlich auf einer ansteigenden schmalen Straße auf einer Schneedecke fuhren. Wir hatten für die Flitterwochen keine winterlichen Bergtouren geplant und dementsprechend keine Schneeketten dabei. Und eigentlich wollten wir ja „nur“ auf die Nachbarinsel fahren, bis uns unsere Neugier vom rechten Weg abbrachte.

Färöer - Vereiste Strasse
Diese vereiste Straße führte die Klammers zur abseits gelegenen Radarstation im Schnee

Und da fuhren wir nun, links hinter einer hoffentlich stabilen Leitplanke der steile Abhang, rechts eine etwa 2 Meter hohe Schneemauer gefolgt vom aufsteigenden Berg, über uns ein inzwischen wolkenverhangener Himmel und unter uns die feste und bedrohlich glitzernde Schnee- und Eisdecke als Fahrbahn. Immer vorwärts die schmale schnurgerade Straße hinauf, bloß nicht anhalten und immer die Hoffnung, möglichst bald oben zu sein und dort Platz zum Wenden zu haben. Flankiert wurde die Situation von beklommenen Gesprächen über Sinn und Unsinn dieser spontanen Bergtour, über menschliche Neugier als Mausefalle, die Haltbarkeit von Leitplanken und die damit zusammenhängende Bedeutung von größeren Strecken Rost an selbigen. Und natürlich Sturheit als Auslöser für entweder großartige Momente und Erlebnisse oder als der Weg zur Kandidatenkür des Darwin-Awards.

Wie dem auch sei, unsere Gedanken wurden unterbrochen, als der Wagen langsamer wurde und Jeannette mir mit einer Mischung aus Beklemmung und Verärgerung zu verstehen gab, dass ich doch um Himmels Willen jetzt nicht langsamer werden sollte. Das dumme daran war nur, dass es nicht an mir lag. Die Räder drehten durch und ich versuchte zumindest die Geschwindigkeit soweit zu reduzieren, dass die Reifen wieder fassen würden. Aber vergebliche Liebesmüh: Der Wagen wurde langsamer und langsamer, kam zum Stillstand und fing dann an, rückwärts zu rutschten. Das war dann so ungefähr der Augenblick, als uns dass Herz in die Hose rutschte, da wir nicht ahnen konnte, wie schnell und weit die Rutschpartie gehen würde, ob unser hübscher Wagen von der Leitplanke auf der ganze Länge zerschrammt werden würde oder wir schlimmstenfalls das Haltevermögen der Leitplanke negativ testen müssten. Aber Glück gehabt: Nach etwa dreißig Metern brav in der Spur bleibendem Rückwärtsgerutsche kam der Wagen zum Stillstand. Also nix mit Schaden, Reparatur oder weißem Tod im Nordatlantik. So mussten wir also nur noch auf der wirklich eisglatten Straße – selbst Stehen und Gehen war sehr abenteuerlich – langsam bis zu einer Ausbuchtung zurückfahren, den Wagen auf mitgebrachten Decken wenden, zurückfahren und unser eigentliches Ziel auf der Nachbarinsel anfahren.

Ein paar Tage später kamen wir aber nochmal zurück, stellten den Wagen weiter unten ab und gingen die vereiste Straße zu Fuß hoch. Dies wurde dann bei einem Sonne-und-Schnee-Mix mit einer epischen Aussicht über die färöischen Inseln belohnt.

Geschichten von Várga

Die Insel Várga erreichten wir über den mit rund 5 Kilometern zweitlängsten färöischen Tunnel. Wir empfanden das Gefühl, immer als etwas besonderes, dass man vom Hochland oder der Küstenstraße aus kommend erst in einen Berg hinein und darin immer weiter hinunter fuhr, bis man den Sund zwischen den Inseln Streymoy und Vágar unterquerte und damit am tiefsten Punkt rund 100 Meter Atlantik über sich hatte.

Aus dem Tunnel kommend ging es rasch wieder bergan und man konnte die schöne Aussicht genießen, bis man in ein weites Tal mit der ersten kleineren Ortschaft Sandavágur einfuhr. Von dort sind wir am Rande der Klippen entlanggewandert, bis zu einer drohend aufgerichteten Felsnadel, den „Trøllkonufingur“ (Trollweibsfinger) oder auch „Hexenfinger“.

Hexenfinger FäröerWeiter die Küstenstraße entlang kamen wir an den See Leitisvatn. Dieser ist der größte See der Färöer und ergießt sich im Süden über den Wasserfall Bøsdalafossur in den Nordatlantik. Eine Wanderung den See entlang unternahmen wir ein paar Tage später, als wir erneut auf die Insel Várga fuhren. Wir gingen den klaren See entlang und einen Berghang hinauf, an dessen Ende Warnschilder vor den steilen ungesicherten Klippen von Trælanípan warnten. Der Legende zufolge hatten dort einst die Wikinger alte und kranke und damit arbeitsuntaugliche Sklaven ins Meer gestürzt. Wir vermuteten, dass diese den Göttern geopfert wurden, konnten aber für unsere Annahme keine Belege finden. Aber wenn man die Sklaven töten wollte, warum dann erst umständlich mehrere Stunden Wanderung auf sich nehmen und dann noch die Felsen hinauf gehen? Aber wie das bei Legenden so ist: Eine Spur Wahrheit kann darin liegen, aber was wirklich geschah, kann doch sehr abweichen. Dass ein Sturz von diesen lotrecht abfallenden Klippen unbedingt letale Folgen nach sich zöge, war zumindest eindeutig.

Wieder zurück am See mussten wir nur noch etwa 30 Minuten über Felsen an einer kleinen Ruine vorbei gehen oder eher von Fels zu Fels springen, um dann den Wasserfall zu erreichen. Pünktlich zu Sonnenuntergang standen wir an einem etwa 15 Meter breiten, von großen Steinen durchzogenen, flachen Bachbett, durch das Wasser des Sees auf eine Länge von vielleicht hundert Metern floss, bevor es in der Tiefe bzw. im Nordatlantik verschwand.

Auf der ersten Tour durch Várga fuhren wir jedoch noch am See und dem einige Kilometer dahinter kommenden färöischen Flughafen vorbei, weiter zu der malerischen Ortschaft Bøur. Von dort hatten wir einen tollen Ausblick auf die Holme und Klippen Tindhólmur, Drangarnir und Gáshólmur. Die abweisenden schroffen Felsen sind ein beliebtes Motiv auf Fotos und Gemälden und zieren auch den färöischen 200-Kronen-Geldschein. Von Bøur aus gerieten wir mit Auto in eine kleine Blockade durch auf der Straße vor sich hintrottenden schottischen Hochlandrindern (die mit den großen Hörnern und zotteligem Fell). Als sich die Tiere gemächlich auf ihren grünen Berghang zurückzogen, fuhren wir weiter und erreichten einen schmalen Tunnel, der die Einfahrt in Tal und Ortschaft Gásadalur bildete.

Vor dem Tunnelbau 2006 führte nur ein schmaler Pfad über den Berg und bildete die einzige Möglichkeit, die Ortschaft zu erreichen. Der Bergpass ist heute noch zugänglich und kann erwandert werden, allerdings gilt die Strecke als schwierig und nicht ungefährlich, da sie teilweise nah an der umwehten und brüchigen Bergkante entlangführt. Vor dem Straßen- und Tunnelbau musste sich laut Berichten der Postbote bei starkem Wind kriechend den Weg entlangbewegen und ein „Totenstein“ erinnert daran, dass man auch die Leichen früher zum Bestatten diesen Weg entlangtragen musste.

Sollten wir mal wieder die Färöer besuchen kommen und das Wetter ist nicht so kalt und windig, wollen wir den Weg selber entlangwandern und hoffen von der Magie des Ortes in Beschlag genommen zu werden, denn gerade an dieser Stelle soll es von Vertretern des mythischen „geheimen Volkes“ nur so wimmeln. Da der Ort hoch über dem Meer lag und das Tal zum Meer hin nur eine steile Klippe und keinen Zugang zu selbigem besaß, galt die Ortschaft lange Zeit als eine der isoliertesten Europas. Laut Reiseführer waren einige Bewohner vom Tunnelbau nicht begeistert, da sie um ihre Ruhe und Abgeschiedenheit fürchteten und montierten nach Fertigstellung am Tunnel ein Tor mit Vorhängeschloss, damit nur sie ganz privat entscheiden könnten, wer zu ihnen kommt. Dieses Treiben wurde von den Behörden aber schnell untersagt, so dass Reisende nun auch durch den von der EU mitfinanzierten Tunnel fahren können.

Kleiner Fehler mit erschreckenden Folgen

So schön die Zeit auch war, auch diese neigte sich dem Ende entgegen. Für die letzten beiden Nächte hatten wir im Hotel noch in die Hochzeitssuite umgebucht. Bei unserer Buchung hatten wir aus Kostengründen (die Färöer sind schon teuer genug) ein normales Zimmer gebucht, aber als wir dann in der Hochzeitssuite waren, stellten wir fest, dass wir das zusätzliche Geld doch noch auf den Tisch hätten legen sollen. Ein Whirlpool mit Fenster ins Schlafzimmer… dann hätten wir jeden Abend mit Musik, Wein und Kerzenschein dort verbracht. Aber die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.

So wollten wir am Donnerstagabend noch in Tórshavn Essen gehen, danach ein letztes Mal den Whirlpool genießen und für den Freitag war Auschecken und ein entspanntes Warten auf die abendliche Abfahrt der Fähre angesagt, tagsüber eventuell noch eine kleine Tour zu einer der anderen Inseln.

Aber es entwickelte sich gänzlich anders: Während wir romantisch im urigen Restaurant saßen und unsere Vorspeise beendet hatten, klingelte das Telefon. Unbekannte Nummer. Ich wollte nicht rangehen und mich nicht durch einen mutmaßlichen Werbeanruf stören lassen. Aber auf Jeannettes Nachfrage hin sah ich mir die Nummer genauer an: Eine färöische Nummer. Das Hotel vielleicht? Ist etwas passiert mit unseren Sachen? Wir schauten überrascht und ich wählte die Nummer. Ein Offizier der Fähre war am Telefon. Wir ständen auf seiner Liste, aber wir wären noch nicht an Bord bzw. das Auto noch nicht registriert, ob wir beschlossen hätten, länger zu bleiben? Ich wusste ja, dass wir keinen für uns üblichen Abfahrtstag (Samstag) hatten, sondern wegen der langen Seefahrt einen Tag früher, also Freitag los mussten. Und es war ja erst Donnerstagabend.

Jedoch: ich hatte mich verrechnet oder versehen, einmal einen falschen Tag notiert und dann immer vom falschen Datum ausgegangen. Wir sahen den ganzen Tag ja schon die Fähre im Hafen liegen, aber wegen der Tagesgäste und des Warenverkehrs fanden wir es nicht ungewöhnlich, dass die Fähre länger in Tórshavn liegen würde. Während mir diese Gedanken durch den Kopf jagten (paradoxerweise fühlte ich mich gleichzeitig wie paralysiert) machte mich der Offizier eindringlich darauf aufmerksam, dass die Fähre in 36 Minuten ablegen würde und nicht auf verspätete Gäste warten könne.

Entgegen meiner eigenen Befürchtungen es nicht zu schaffen, sagte ich ihm unsere rechtzeitige Ankunft zu und dass wir sofort aufbrechen und er keinesfalls ohne uns abfahren solle. Mit der erneuten Warnung, dass man nicht warten werde, beendeten wir das Telefonat. Im Telegrammstil berichtete ich Jeannette. Sie wurde leichenblass. Wir mussten Montag wieder arbeiten, wir hatten nur mit Mühe und Not für zwei Wochen unsere Kinder unterbringen können, ein längerer Aufenthalt würde unser Konto absolut überstrapazieren, die zwangsweise zu nehmenden weiteren Urlaubstage hätten von den Sommerurlaubstagen mit den Kindern genommen werden müssen, aber der Sommerurlaub mit den Kindern war ja auch schon gebucht, eine spontane Rückreise mit Flugzeug nach Kopenhagen und Zug nach Nürnberg hätte bedeutet, dass das Auto und ein Teil des Gepäcks später irgendwie und mit weiterem Verlust an Zeit und Geld geholt werden müssten – soweit zu den später von Freunden und Bekannten oft spontan geäußertem Ausruf: „Toll, länger Urlaub!“.

Als gerade die Hauptspeise hereingetragen wurde erklärten wir im Stakkato unsere missliche Lage, zahlten die Zeche und rannten zum Auto. Und hier kommen wir zum Anfang der Geschichte:

Mit weit mehr als der erlaubten Geschwindigkeit rasten wir von Tórshavn aus die Bergstraße zum Hotel hoch. Jeannette fing an zu verzweifeln und lamentierte hysterisch, dass wir es niemals schaffen können. Glück für uns, dass wir ganz faul mit dem Auto ins Restaurant gefahren waren, ursprünglich wollten wir die etwa 40 Minuten Fußweg den Berg hinunter nehmen. Angekommen im Hotel rannte Jeannette ins Zimmer und warf all unser Hab und Gut in Taschen und Koffer, während ich erneut und kurz angebunden an der Rezeption die Lage schilderte und die Rechnung für uns fertiggemacht wurde. Schweißgebadet warfen wir alle Sachen in Kofferraum und Rückbank und düsten den Berg hinunter, nun jedoch bei einsetzendem Schneefall und daher ob der widrigen Straßenverhältnisse und unangepassten Fahrweise mit sehr flauem Gefühl im Bauch. Aber wir kamen unbeschadet in Tórshavn an. Zwei Minuten vor der offiziellen Fährabfahrt rasten wir auf das Hafengelände und auf das noch geöffnete Bugtor der Fähre zu.

Ein Einweiser hatte uns schon erwartet und beruhigte mein bis zum Halse pochendes Herz und mein heulendes Eheweib: Wir schafften es. Knapp. Extrem knapp. Und meine frisch angetraute Gattin konnte mir sogar meinen Lapsus mit dem falsch notierten Abfahrtstermin verzeihen. Nur schade um das schöne Essen.

Färöer - Hafen bei Nacht

Ende gut, alles gut

Nach der katastrophal hektischen Abreise wollten wir die Rückfahrt auf der Fähre nun erst recht möglichst entspannt und angenehm gestalten. Steuerbordseitig (für alle nautisch Unbescholtenen: das ist rechts in Fahrtrichtung) hatte die Fähre drei Hot-Tubs an Deck. Steuerbordseitig hieß, dass bei der Rückfahrt von den Färöern Richtung Dänemark die Blickrichtung nach Süd-Südwest geht: Also Blick zum Sonnenuntergang. Wir googelten den richtigen Zeitpunkt und buchten uns an der Bar eine Stunde im Hot Tub. Gegen Abend standen wir dann mit Bademantel und Wollmütze an Deck, stiegen in unseren mit sehr warmen Meerwasser gefüllten Hot Tub und tranken Baileys, Wein, Cola-Rum (und sonstige geistige Getränke). Und weil wir das Ding für uns alleine hatten und danach auch niemand auf der Liste stand, buchten wir noch zwei Stunden dazu, bis uns fast Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen wuchsen, kuschelten im warmen Wasser, schauten uns den Sonnenuntergang über dem Nordatlantik an und sprachen dann über die Flitterwochen und Gott und die Welt, bis unsere Zungen und Lider schwer wurden. Und um Tolkien zu zitieren: Am Ende ist alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.

Einzelnachweise
  1. Laut Wikipedia trieb das Schiff 2007 nach dem Aufprall einer zwölf Meter hohen Welle für mehrere Minuten mit abgeschalteten Maschinen manövrierunfähig im Sturm. Dabei gab es durch den Abriss eines Stabilisators einen Riss im Rumpf unterhalb der Wasserlinie. Das Schiff hatte zeitweilig bis zu 40° Schlagseite. 80 Autos wurden beschädigt und mehrere Personen wurden verletzt, jedoch niemand schwer.[]